Die Linie im Fokus

Sehenswerte Ausstellung “About Line” im Espacio Kamm

Von K.M.

about_lineDer Kunstraum Espacio Kamm führt im Juli mit der Ausstellung “About Line” im wahrsten Sinne des Wortes seine kuratorische Linie fort mit einem Linienprojekt, das Teil einer Ausstellungsreihe ist, die 2014 mit “About Wall” begann.

An zehn in Buenos Aires lebende Künstler ging die Einladung, sich mit einer/ihrer Linie mit dem konkreten Ausstellungsraum auseinander zu setzen. Das Resultat ist eine überzeugende, spannende und aufschlussreiche Schau über die Auffassung der Linie heute, die sich autonom in allen Genres behauptet. Wird die Linie vor allem als Hauptmerkmal des Genres Zeichnung verstanden, sehen wir im Espacio Kamm keine einzige klassische Zeichnung. Woraus besteht die Linie also? Aus Luft wie bei Gaspar Acebo, der aus einem Fensterschatten eine papierene Luftskulptur baut, aus Licht wie bei Julián León Camargo, dessen mit Neonfarbe bemalte Trockenbauwand Raumlinien reflektiert, oder aus Garn, mit dem Bruno Gruppalli alle drei Ausstellungsräume zart verbindet.

Die Linie ist also die Idee, eine konzeptuelle Auffassung, die sich in fast jedem Material manifestieren kann. Bei Marcolina Dipierro sucht sich die Linie einen (scheinbaren) Weg durchs Fenster, bei Andrés Sobrino gilt die Linie pur: Zwei gelbe Linien ergeben ein minimalistisches X. Eine interessante Ecksituation aus zwei Regalmöbeln verbindet Guido Ignatti, das einzige Foto der Schau von Bruno Dubner zeigt ein Fachwerkhaus in Palermo: wie ein linearer Knotenpunkt leitet es über zur Linienintervention von Kirsten Mosel, die den Durchgang markiert gemeinsam mit der von Kabeln gehaltenen Skulptur von Sofia Durrieu. Nicht nur alphabetisch, auch räumlich setzt Carola Zech mit dreien ihrer Module einen grandiosen Endpunkt im hinteren Ausstellungsraum. Chapeau!

In dieser Ausstellung passiert etwas, das im besten Sinne für eine Gruppenausstellung gilt: es passiert mehr als die Addition von zehn Linienarbeiten, es gibt nicht nur Dialoge und schöne Sichtachsen, es entsteht ein Vorschlag für eine Sprache in einer Welt, in der Mut und Konsequenz Voraussetzungen für die Lösung von Problemen sind. Sehenswert!

“About Line”, Werke von Gaspar Acebo, Bruno Dubner, Marcolina Dipierro, Sofía Durrieu, Bruno Gruppalli, Guido Ignatti, Julián León Camargo, Kirsten Mosel, Andrés Sobrino, Carola Zech. Espacio Kamm, Mario Bravo 1136, Palermo, Buenos Aires, Do-Fr 16-20 Uhr und nach Voranmeldung, Tel.: 011-15-6151-1704. 3.7.-31.7.

Salomonische Spiegel

Gabriel Salomón zeigt bis zum 11. Juli “Espejos II” bei Rubbers Internacional

Von Susanne Franz

salomon“Spieglein, Spieglein an der Wand – Wer ist die Schönste im ganzen Land?”, fragt im Grimm’schen Märchen die böse Königin, und als der unbestechliche Spiegel ihre Stieftochter Schneewittchen nennt, kennt ihr Zorn keine Grenzen. Die Macht der “Spieglein an der Wand” macht sich auch der argentinische Künstler Gabriel Salomón in seiner Ausstellung “Espejos II” in der Galerie “Rubbers Internacional” zunutze: Er baut in seine Werke konvex gewölbte Spiegel verschiedener Größen als Elemente ein, ebenso wie er mit Farben abstrakte Muster malt und Hölzer oder Metallstreben verwendet, um Flächen abzugrenzen. Die nach außen gewölbten Spiegel bilden die Umgebung verkleinert ab, vergrößern so den Blickwinkel und machen kaum einsehbare Bereiche sichtbar.

Gabriel Salomón hält uns, den Betrachtern, den Spiegel vor. Er zwingt uns – wenn auch mit Respekt und mit Humor – zum Nachdenken über verschiedene Fragen. Was sehen wir in der Kunst? Eigentlich doch immer „nur“ uns selbst? Können wir überhaupt etwas anderes sehen? Was ist Kunst? Und was ist Kunst wert? Letztere Frage kommt auf, wenn wir im Eingangsbereich der Galerie ein Schild bemerken, das besagt, dass alle Werke dasselbe kosten, egal, wie groß sie sind.

Die Ausstellung zeigt uns aber auch, dass es auf einige Fragen keine Antwort gibt. Woher kommt Kreativität? Was macht einen Künstler aus? Warum schafft einer Werke von solcher Schönheit und der andere ist “nur” Empfänger seiner Kunst? Wie wenige andere sucht Salomón Antworten auf diese Fragen, und er macht den Betrachter seiner Kunst immer auch zu einem Teil seiner Suche, denn im Moment des “Hineinschauens” in seine Bilder werden wir für einen Moment zu einem Teil seines Werkes.

Noch bis zum 11. Juli kann man bei “Rubbers” Salomóns Werke der letzten fünf Jahre sehen. Ebenso lange ist es her, dass er zum letzten Mal in Argentinien ausgestellt hat. Wohl hatte er im vergangenen Jahr in Hamburg eine Ausstellung – in Deutschland wird schon seit vielen Jahren seine Kunst sehr geschätzt.

Rubbers Internacional, Av. Alvear 1595, Buenos Aires (Mo-Fr 11-20, Sa 11-13 Uhr): Gabriel Salomón, “Espejos II”, Werke 2010-2015. 11.6.-11.7.

Foto:
Gabriel Salomón in einem seiner Werke.

La Noche de la Filosofía

El Cultural San Martín será escenario de diferentes actividades destinadas a favorecer el intercambio del pensamiento

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Desde las 19 horas del sábado, 27 de junio, hasta las 7 horas del domingo 28, se llevará a cabo la “Noche de la Filosofía” en el Cultural San Martín, Sarmiento 1551, Buenos Aires.

Organiza el Ministerio de Cultura de la Ciudad Autónoma de Buenos Aires en colaboración con la Embajada de Alemania y la Embajada de Francia en Argentina. Con el apoyo del Fondo de Cultura Franco-Alemán, el Servicio Alemán de Intercambio Académico (DAAD), el Goethe-Institut, la Alliance Française y el Institut Français.

La entrada es libre y gratuita hasta agotar la capacidad de las salas. Los eventos tienen traducción simultánea. Para algunas de las conferencias deberán retirarse entradas, que estarán disponibles desde las 17 horas del mismo 27 de junio en la boletería del Cultural San Martín.

Iniciada en París en 2010, la “Noche de la Filosofía” es un encuentro que ya hizo escala en Londres, Nueva York, Atenas, Berlín y Rabat. En 2015, llega a Buenos Aires. El evento propone un diálogo maratónico entre pensadores de diversas áreas y los habitantes de la ciudad: durante doce horas, el Cultural San Martín será escenario de diferentes actividades destinadas a favorecer el intercambio del pensamiento y la reflexión sobre temas diversos en el campo de las Humanidades.

Así, veinticuatro ­pensadores argentinos, siete franceses y otros siete alemanes se darán cita en una noche que busca acercarse a la fi­losofía no solo desde la palabra sino también desde la música, la performance, el cine y la gastronomía. De Alemania estarán presentes Ottmar Ette, Benjamin Lahusen, María Laura Böhm, Julia Weitbrecht, Susanne Klengel, Encarnación Gutiérrez Rodríguez y Joaquín Medina Warmburg.

Además, se proyectarán las películas “Hannah Arendt”, de Margarethe von Trotta, y “Noticias de la Antigüedad Ideológica”, de Alexander Kluge.

Ver programación completa de las ponencias.

Filme statt Bomben

Anlässlich des 70. Geburtstags des Filmemachers Rainer Werner Fassbinder zeigt der Berliner Martin-Gropius-Bau die Ausstellung “Fassbinder – JETZT”

Von Nicole Büsing und Heiko Klaas

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Auch 33 Jahre nach seinem Tod 1982 ist Rainer Werner Fassbinder immer noch aktuell. Die Faszination und Strahlkraft von Person und Werk haben bis heute nicht nachgelassen. Und: So einer wie er, der frei nach dem Motto “Ich werfe keine Bomben, ich mache Filme” den Finger in die offenen Wunden der deutschen Geschichte und Gegenwart legt, der sein Publikum verstört, ja quält, um es gleich im nächsten Moment wieder grandios zu unterhalten, der fehlt in der heutigen, oft bloß noch auf Konsens, Quote und Marktgängigkeit ausgerichteten deutschen Kino- und Fernsehlandschaft.

Zu dieser Erkenntnis gelangt man bereits kurz nach dem Betreten der Ausstellung “Fassbinder – JETZT” im Berliner Martin-Gropius-Bau. Eine Videowand mit neun kurzen, aber prägnanten Ausschnitten aus Interviews und Talkshows stellt dem Ausstellungsbesucher den Menschen Fassbinder in all seiner Intensität, Freiheitsliebe, Selbststilisierung und Kompromisslosigkeit vor.

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Die vom Deutschen Filmmuseum in Frankfurt entwickelte Schau war dort bereits 2013 zu sehen. In Berlin, wo es jetzt anlässlich des 70. Geburtstags von Fassbinder am 31. Mai gezeigt wird, steht dem Projekt jedoch in den neun Räumen des Gropius-Baus doppelt so viel Fläche zur Verfügung wie zuvor Frankfurt. Gelegenheit also für die Macher der Schau, ein breites Spektrum an Exponaten zu zeigen. So ist ein ganzer Ausstellungsraum den aufwendigen Kreationen der Kostümbildnerin Barbara Baum gewidmet. Hanna Schygullas Silberlamé-Kleid aus dem Film “Lili Marleen” darf da ebensowenig fehlen wie der braune Wollanzug des einarmigen Franz Biberkopf aus “Berlin Alexanderplatz” oder die körperbetonten Matrosenuniformen aus “Querelle”.

fassbinder4Einen weiteren, allerdings nicht unbedeutenden Nebenschauplatz eröffnet die Schau mit Werken von zeitgenössischen Künstlern wie Olaf Metzel, Jeff Wall, Rirkrit Tiravanija oder Ming Wong. Fassbinders stark stilisierte Art der Blickführung, sein Umgang mit Licht, Kostümen und Verfremdungseffekten liefert bis heute auch bildenden Künstler wichtige Impulse für eigene Arbeiten. Der in Singapur geborene Berliner Videokünstler Ming Wong etwa mimt in seiner Videoparodie “Lerne Deutsch mit Petra von Kant” eine der vielen überspannten Frauenfiguren aus einem der frühen Fassbinder-Melodramen.

Im Mittelpunkt der Berliner Schau steht allerdings die Person Fassbinder selbst, der deutsche Filmemacher, der wohl am radikalsten die Machtverhältnisse in Zweierbeziehungen, Familien, der kapitalistischen Wirtschaftsordnung und dem Staat seziert hat. Auratische Objekte wie seine schwarze Lederjacke, eine Sitzlandschaft, sein Flipperautomat oder seine Schreibmaschine befriedigen natürlich einen gewissen Voyeurismus. Daneben gibt es aber auch die Gelegenheit, inhaltlich tief einzusteigen: Filmausschnitte, Drehbücher, Briefe, der komplizierte Drehplan für “Berlin Alexanderplatz”, aber auch eine Audiostation mit Fassbinders Stimme beim Diktat machen nachvollziehbar, wie es dem permanent für seine Sache brennenden Filmemacher gelungen ist, in nur 16 produktiven Jahren 44 Filme zu realisieren, deren ästhetische und gesellschaftskritische Sprengkraft bis heute spürbar ist.

  • Ausstellung: Fassbinder – JETZT
  • Ort: Martin-Gropius-Bau, Berlin
  • Zeit: 6. Mai bis 23. August 2015. Mi-Mo 10-19 Uhr. Di geschlossen. An den Feiertagen geöffnet
  • Katalog: Hrsg. Deutsches Filminstitut, 304 S., zahlreiche Abb., 25 Euro
  • Internet: Webseite des Martin-Gropius-Baus, Webseite der Ausstellung

Fotos von oben nach unten:
Rainer Werner Fassbinder, 1970.
(Dt. Filminstitut/Gauhe)

Fassbinders Lederjacke und sein Trikot des FC Bayern München 1974.
(Klaas)

Fassbinders Flipper.
(Klaas)

Fest der jungen Kulturszene

8. “Ciudad Emergente”-Festival im Centro Cultural Recoleta

Von Meike Lohmann

cerati11Ein Festival im Winter? Aber klar! Vom 17. bis zum 21. Juni nimmt das “Ciudad Emergente”-Festival das Centro Cultural Recoleta in Beschlag. Fünf Tage lang dreht sich dann alles um Musik und Tanz, aber auch Stand-up Comedy, Kino und Mode. Bereits zum achten Mal versammeln sich Akteure aus der jungen Kulturszene Argentiniens, um die neusten Trends und Projekte vorzustellen.

Die Rockband Los Nokreo Experimento konnte sich in einem nationalen Musikwettbewerb durchsetzen und wird das Festival am Mittwoch eröffnen. Daneben erwarten die Besucher auch Bands wie Avant Press oder Sr. Chinarro. Für Fans elektronischer Musik legen ab 21 Uhr lokale DJ-Größen auf. Als Vorbereitung auf eine wilde Partynacht kann man sich vorher in der angeschlossenen “PeLOOKeria” von professionellen Friseuren nach den neusten Make-up- und Frisurentrends umstylen lassen. Aber Vorsicht, die ausgefallenen Styles sind nur was für Mutige!

Zum Abchluss des Festivals wird es ein großes Konzert zu Ehren des im September letzten Jahres verstorbenen Musikers Gustavo Cerati (Foto) geben. Mit seiner Band Soda Stereo, aber auch als Solosänger, prägte er die Musikszene der letzten Jahrzehnte.

Damit nicht nur die Erwachsenen auf ihre Kosten kommen, wird es in diesem Jahr auch für die kleinen Besucher ein buntes Programm zum Mitmachen und Entdecken geben. Der Eintritt zu allen Veranstaltungen ist frei. Informationen hier.

Deutsch-argentinische Wahlverwandtschaften

Filmreihe REVOLVER Buenos Aires vom 11. bis 21. Juni im Lugones-Saal

revolver_jesusAuf Einladung des Goethe-Instituts Buenos Aires lassen sich die deutsche Filmzeitschrift Revolver und das Programmkino Leopoldo Lugones (Av. Corrientes 1530) auf einen filmischen Austausch ein, der deutsche und argentinische Filme der letzten 30 Jahre in Dialog zueinander stellt. Zehn Filmpaare mit unveröffentlichten bzw. wenig bekannten Filmen aus beiden Ländern geben den Blick frei auf Spannungen und Konflikte zwischen Modernität und Filmgedächtnis, auf narrative und visuelle Konstanten, die über länderspezifische historische oder kulturelle Gegebenheiten hinausgehen. Der deutsche Filmemacher und Kurator Franz Müller wird die Filmreihe persönlich eröffnen und den Dialog mit den argentinischen Regisseuren aufnehmen. Der Eintritt kostet 25 Pesos.

Die Filmreihe “REVOLVER Buenos Aires. Deutsch-argentinische Film-Wahlverwandtschaften” präsentiert eine Auswahl von Filmen, die untereinander einen scharfsinnigen und gleichzeitig spielerischen Dialog aufnehmen, sich zum Teil widersprechen, zum Teil fortsetzen, die sich gegenseitig ins Wort fallen oder einen gemeinsamen Kanon singen. Das Programm besteht aus Filmen, die ab den 90er Jahren produziert wurden, eine Zeit wichtiger Veränderungen in beiden Ländern.

In Argentinien entstand ein neues, von den wiedergewonnenen Freiheiten nach der Rückkehr der Demokratie inspiriertes Kino, aber auch eine junge Generation von Filmemachern, die in neugegründeten Filmhochschulen einen radikalen Wechsel in der Auffassung und Produktionsform anstrebten. In Deutschland wurde der Tod Rainer Werner Fassbinders gemeinhin mit dem Ende des Neuen Deutschen Films gleichgesetzt. Das Privatfernsehen setzte sich durch und Autorenfilmer hatten immer größere Schwierigkeiten, ihre Filme zu finanzieren: triviale Komödien waren auf dem Vormarsch.

Es waren also neue Utopien gefragt, in Argentinien die eines neuen und freieren Kinos; in Deutschland eine Alternative zu einem Kino der (Fernseh-)Großproduktionen. Ein Kino im Aufbruch trifft also auf ein Kino, das sich in einer herben Krise befand. Wie entwickelten sich in der Folge die beiden Kinematographien? Welche ästhetischen, politischen und sozialen Kräfte enstanden daraus?

Diese und andere Fragen erörtert die Filmreihe, die von Hannes Brühwiler und Franz Müller (von der deutschen Filmzeitschrift Revolver) zusammen mit Luciano Monteagudo (Kurator des Programmkinos Leopoldo Lugones) und Inge Stache (Kuratorin der Filmarbeit des Goethe-Instituts) zusammengestellt wurde. Franz Müller wird die Reihe persönlich vorstellen und den Dialog mit den argentinischen Filmemachern eröffnen. Eine Reihe von Gesprächen mit argentinischen Filmschaffenden ergänzt die Vorführungen.

Programm

  • Donnerstag, 11. Juni
    revolver_fangoFango – Argentinien 2012. 105 Min. Regie: José Celestino Campusano. Mit Nadia Batista, Oscar Génova, Claudio Miño.
    Brujo und Indio sind zwei Heavy Metal-Musiker aus einem Vorort von Buenos Aires, die eine Trash-Tango-Band gründen wollen. Während sie dafür weitere Musiker suchen, braut sich um sie herum eine Atmosphäre zusammen, in der sich Lieblosigkeit und Tod, Messer und hausgemachte Waffen vermischen.
    Jesus Christus Erlöser – Deutschland 2008. 84 Min. Regie: Peter Geyer.
    Am 20. November 1971 möchte Klaus Kinski die “erregendste Geschichte der Menschheit” erzählen – das Leben von Jesus Christus. Doch er kommt nicht dazu. Das Bühnenprogramm des skandalumwitterten Schauspielers wird durch Zwischenrufe unterbrochen – von einem Publikum, das sich keine Predigt anhören, sondern diskutieren will. Wir sehen das Ringen eines Schauspielers um seinen Text und das grandiose Scheitern einer literarischen Weltverbesserungsmaßnahme.
  • Freitag, 12. Juni
    La vida por Perón – Argentinien 2004. 87 Min. Regie: Sergio Bellotti. Mit Belén Blanco, Cristina Banegas, Esteban Lamothe.
    Am Todestag von Juan Domingo Perón erfährt der Soldat Alfredo Álvarez, dass sein Vater gestorben ist. Während der Totenwache des Vaters, Don Pedro Ignacio Álvarez, werden Alfredo und seine Familie zu Gefangenen einer linksperonistischen Organisation, die als Teil eines verrückten Versuchs die Macht zu ergreifen plant, die Leiche zu benutzen, um damit die Leiche des General Perón zu ersetzen.
    Sie haben Knut – Deutschland 2003. 107 Min. Regie: Stefan Krohmer. Mit Hans-Jochen Wagner, Alexandra Neldel.
    Das Bild der BRD Anfang der 80er Jahre, das Stefan Krohmer in diesem tragisch-komischen Film zeichnet, könnte nicht authentischer sein. Eine Gruppe engagierter Pazifisten in selbstgestrickten Pullovern mit einer klaren politischen Haltung, die weder Zweifel noch Widersprüche dulden, treffen in einer Tiroler Skihütte unerwartet auf Ingo und Nadja, die gerade versuchen, ihre eingefahrene Beziehung wiederzubeleben.
  • Samstag, 13. Juni
    Fantasma – Argentinien/Frankreich/Holland 2006. 63 Min. Regie: Lisandro Alonso. Mit Argentino Vargas, Misael Saavedra, Carlos Landini.
    Der 56-jährige Argentino Vargas kommt nach Buenos Aires. Er steht in der Eingangshalle des Theaters San Martín und wartet, bis ihn jemand zur Vorstellung eines Films im 10. Stock des Hauses begleitet, in dem er die Hauptrolle spielt.
    Winter Adé – Deutschland 1987/1988. 115 Min. Regie: Helke Misselwitz.
    Ein Jahr vor dem Zusammenbruch der DDR begibt sich die Regisseurin Helke Misselwitz auf eine Reise durchs Land und befragt Frauen verschiedenster Altersklassen und gesellschaftlicher Herkunft zu deren Lebenssituation. Sie trifft ihre Protagonistinnen in alltäglichen Situationen und zu besonderen Anlässen. Selbstverständlich und offen sprechen die Frauen über ihr Leben in der DDR, über ihre Sorgen, ihren Alltag und die Hoffnung auf eine menschliche Zukunft.
  • Sonntag, 14. Juni
    Balnearios – Argentinien 2002. 80 Min. Regie: Mariano Llinás. Mit den Stimmen von Verónica Llinás, Mario Mactas, Alejandro Zucco.
    Enzyklopädie der Sitten und Gebräuche der argentinischen Strandorte. Versunkene Städte, Strandwächter, ein Hotel, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts gebaut wurde, Seejungfern, Waffelverkäufer, Dämme, Meerestiere und Sandburgen treffen sich in einem abwechslungsreichen und verblüffenden Film.
    Leben BRD – Deutschland, 1990. 83 Min. Regie: Harun Farocki.
    Wo man auch hinschaut, scheinen die Personen Darsteller ihrer selbst zu sein. Ein Film über das Theater des Lebens ausgehend von Trainingskursen jeglicher Art. Menschenkörper agieren wie Maschinen oder schließen sich an Maschinen an, während Puppen und Gestelle anstelle von Menschen proben. Ob Autoschlüssel, Waschmaschinen, Hebammen, Fahrschüler oder Versicherungsvetreter, beim Militär oder bei Rollenlernspielen, bei allen ist die unendliche Anstrengung zu spüren, sich auf den Notfall der “Wirklichkeit” vorzubereiten.
  • Montag, 15. Juni
    Bolivia – Argentinien/Holland 2001. 75 Min. Regie: Israel Adrián Caetano. Mit Freddy Flores, Rosa Sánchez, Oscar Bertea.
    Freddy ist ein bolivianischer Einwanderer, der in Buenos Aires lebt. Bei seiner neuen Arbeit als Grillkoch in einer Bar in Sán Cristóbal lernt er Rosa, eine paraguayische Einwanderin, kennen. Beide erleben auf verschiedene Art und Weise die Fremdenfeindlichkeit der Einwohner von Buenos Aires.
    Der Wald vor lauter Bäumen – Deutschland 2003. 81 Min. Regie: Maren Ade. Mit Eva Löbau, Tina Schaffner, Thorsten Rehm.
    Die Junglehrerin Melanie Pröschle aus der schwäbischen Provinz tritt nach dem Referendariat ihre erste Stelle an einer Karlsruher Realschule an. Voller Tatendrang zieht sie in die neue Stadt, doch es ist schwieriger als erwartet, das Vertrauen der Schüler und Lehrerkollegen zu erobern oder neue Freunde zu gewinnen.
  • Dienstag, 16. Juni
    La niña santa – Argentinien/Italien/Holland/Spanien 2004. 106 Min. Regie: Lucrecia Martel. Mit Mercedes Morán, Carlos Belloso, Alejandro Urdapilleta, María Alche.
    Amalia lebt mit ihrer Mutter Helena und ihrem Onkel Freddy in dem Thermalbad-Hotel Termas, das ihrer Familie gehört. Mitten in einer Menschenmenge berührt sie ein Mann sexuell von hinten. Später im Hotel entdeckt sie, dass dieser Mann Dr. Jano ist, ein angesehener Halsnasenohrenarzt. Amalia kündigt ihrer Freundin Josefina an, dass sie jetzt eine Mission hat: Einen einsamen Mann zu retten.
    Totem – Deutschland 2011. 86 Min. Regie: Jessica Krummacher. Mit Marina Frenk, Natja Brunckhorst, Benno Ifland.
    In einer Stadt im Ruhrgebiet beginnt die junge Fiona als Haushaltshilfe bei der Familie Bauer zu arbeiten. Vater, Mutter, Tochter, Sohn leben für sich, Kommunikation untereinander findet nicht statt. Fiona soll aufräumen, die Kinder versorgen und das Haus sauber halten. Aber irgendetwas stimmt nicht mit ihr. Langsam gerät etwas aus den Fugen und ein leiser Horror schleicht sich ein. Warum beginnt Frau Bauer plötzlich zu weinen? Was macht Fiona mitten in der Nacht mit dem Baby auf der Landstraße? Totem ist ein alltäglicher Horrorfilm, den eine Art Störgeräusch durchzieht, das keiner hört, Schatten, die keiner sieht. Nur das Kino.
  • Mittwoch, 17. Juni
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    Tan de repente – Argentinien/Holland 2002. 90 Min. Regie: Diego Lerman. Mit Carla Crespo, Verónica Hassan, Tatiana Saphir.
    Marcia ist ein junges, dickliches Mädchen, das Damenwäsche verkauft und ein graues und routinemäßiges Leben in Buenos Aires führt. Mao und Lenin sind zwei Punkmädchen, die auf Marcia treffen und ihr unbedingt ihre Liebe zeigen wollen. Von diesem Augenblick an unternehmen die drei Frauen eine unerwartete Reise zu einem unbekannten Ort.
    Mein Stern – Österreich/Deutschland 2001. 62 Min. Regie: Valeska Grisebach. Mit Nicole Gläser, Christopher Schöps.
    Eine Liebesgeschichte. Ein Junge und ein Mädchen. Sie stürzen sich in das Abenteuer des Zusammenlebens. Nicole ist fünfzehn und von der Vorahnung erfüllt, dass in ihrem Leben bald etwas passieren wird. Nun lernt sie den gleichaltrigen Christopher kennen, einen der Helden vom Hinterhof. Sie werden ein Paar. Es trifft sich gut, dass Nicoles Mutter vertretungsweise Nachtschichten übernommen hat. Nach dem Vorbild der Erwachsenen versuchen sie, ihre Bilder von der Liebe zu verwirklichen. Aber das ist alles nicht so einfach.
  • Donnerstag, 18. Juni
    Tierra de los padres – Argentinien 2011. 100 Min. Regie: Nicolás Prividera. Mit Felix Bruzzone, José Campusano, Lucía Cedrón.
    Zwei Versionen der Geschichte, die der Gewinner und die der Verlierer, die an einem konkreten und gleichzeitig symbolischen Ort konfrontiert werden: in Recoleta, dem ältesten und bürgerlichsten Friedhof von Buenos Aires.
    The Halfmoon Files – Deutschland 2007. 97 Min. Regie: Philip Scheffner.
    The Halfmoon Files ist eine audiovisuelle Recherche zur Verflechtung von Politik, Kolonialismus, Wissenschaft und Medien – ausgehend von Bild- und Tondokumenten indischer und nordafrikanischer Kriegsgefangener aus dem «Halbmondlager» bei Berlin zur Zeit des Ersten Weltkriegs. Ein Film über Lücken, Auslassungen und die Konstruktion von Geschichte. Ein Film dessen Protagonisten meist nicht sichtbar sind – deren Anwesenheit jedoch spürbar wird. Anders gesagt: eine Geistergeschichte.
  • Freitag, 19. Juni
    Rapado – Argentinien/Holland 1992. 75 Min. Regie: Martín Rejtman. Mit Ezequiel Cavia, Damián Dreizik, Mirta Busnelli.
    Ein Teenager beginnt sein Leben zu ändern, nachdem ihm sein Motorrad, Geld und Turnschuhe gestohlen wurden. Von diesem Augenblick an rasiert er sich den Kopf kahl und wird von der Idee besessen, ein ähnliches Motorrad zu stehlen. Seine Versuche diesen Diebstahl auszuführen, führen ihn zu Begegnungen, die in verschiedene Richtungen gehen und sich auf unerwartete und verwickelte Art und Weise verflechten.
    Alle Zeit der Welt – Deutschland 1998. 93 Min. Regie: Matl Findel. Mit José van der Schoot, Ivana Broukova, Ruth Vaughn, Matthew Burton, Jockel Tschiersch.
    Matthew braucht eine Frau und Lilith sucht einen Sponsoren für ihre Ein-Frau-Expedition in die mongolische Wüste. Zu dieser unpassenden Kombination stoßen der unheilbar kranke Anton, die Künstlerin Toost und Radka, die versucht, sich in Deutschland eine Existenz aufzubauen. Die fünf Handlungsstränge berühren sich, kreuzen einander und für Augenblicke entsteht im Chaos des Alltags so etwas wie eine Welt der Harmonie.
  • Sonntag, 21. Juni
    Viola – Argentinien/USA 2012. 65 Min. Regie: Matías Piñeiro. Mit María Villar, Agustina Muñoz, Elisa Carricajo.
    Cecilia ist täglich damit beschäftigt, Shakespeares Komödie Die zwölfte Nacht einzuüben, während Viola ihre Tage damit verbringt, raubkopierte Filme mit dem Fahrrad auszuteilen. Zwischen verschiedenen Theorien des Begehrens, zwischen Träumen, Versen und Fiktionen in einer Welt von Shakespeare-Frauen, finden die Rätsel zwar keine Lösung, aber die Liebe geht unaufhaltsam um.
    Die Freunde der Freunde – Deutschland 2002. 89 Min. Regie: Dominik Graf. Nach Motiven aus The friends of the friends, von Henry James, 1896. Mit Matthias Schweighöfer, Sabine Timoteo, Florian Stetter, Jessica Schwarz.
    Gregor ist Gymnasiast in und glaubt an die Liebe. Als er Billie kennenlernt, verliebt er sich sofort und weiß, dass sie die Person ist, nach der er gesucht hat. Gleichzeitig entdeckt er, dass sein bester Freund, Arthur, in irgendeiner Form mit Billie verbunden ist. Aus der Angst heraus, dass die beiden füreinander bestimmt sein könnten, versucht er mit allen Mitteln, ein Treffen zwischen den beiden zu verhindern.

Gespräche

  • 11.6., 19.30 Uhr: Gespräch über Fango + Jesus Christus Erlöser. Mit Franz Müller und José Campusano. Moderation: Cecilia Barrionuevo.
  • 12.6., 19.30 Uhr: Gespräch über La vida por Perón + Sie haben Knut. Mit Nicolás Prividera und Franz Müller. Moderation: Diego Brodersen.
  • 13.6., 19.30 Uhr: Gespräch über Fantasma + Winter Adé. Mit Lisandro Alonso und Franz Müller. Moderation: Luciano Monteagudo.
  • 14.6., 19.30 Uhr: Gespräch über Balnearios + Leben BRD. Mit Mariano Llinás und Franz Müller. Moderation: Luciano Monteagudo.
  • 18.6., 19.30 Uhr: Gespräch über Tierra de los padres + The Halfmoon Files. Mit Nicolás Prividera und Horario Bernades.

Ein Statement mit RADIANT

Kurzinterview mit der deutschen Künstlerin Kirsten Mosel, die an der 24. Kunstmesse arteBA teilnimmt

Von Susanne Franz

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Frage: Liebe Frau Mosel, Sie leben als deutsche Künstlerin seit fünf Jahren in Buenos Aires. Jetzt nehmen Sie erstmals an der Kunstmesse arteBA teil. Sind Sie aufgeregt?

Kirsten Mosel: Ehrlich gesagt: Ja. In den Vorjahren hatte ich die großartige Möglichkeit, an den VIP-Programmen der Messe teilzunehmen und mich gut vernetzen zu können, aber eine eigene Teilnahme ist noch einmal etwas ganz anderes – noch dazu, weil wir in diesem Jahr an der neuen Sektion Special Projects teilnehmen – und mit unserem Stand ein Statement für drei Positionen innerhalb der zeitgenössischen Malerei abgeben.

Frage; Mit dem Zürcher Galeristen Ivo Kamm, der Sie neben anderen Künstlern auf arteBA präsentiert, und Ihrem kolumbianischen Künstlerkollegen Julián León Camargo betreiben Sie seit zwei Jahren auch eine Galerie in Buenos Aires, den Espacio Kamm in der Mario Bravo. Wie sind Ihre bisherigen Erfahrungen?

Kirsten Mosel: Extrem und überraschend gut! Wir zeigen ja dort auch Projekte, die speziell für unseren Ausstellungsraum konzipiert und realisiert werden und sind positiv überrascht über die Resonanz aus der Kunstszene. Intensiv wahrgenommen wird unsere Veranstaltungsreihe “Conversatorios”, wo wir mit dem Künstler und einem Kunstkritiker mit dem Publikum in der Ausstellung über die Fragen reden, die uns die künstlerische Arbeit stellt.

Frage: Können Messebesucher den Espacio Kamm während der Messe, also vom 4. bis 7. Juni, besuchen? Die Stadt Buenos Aires bietet ja Führungen in verschiedenen Galerien an.

Kirsten Mosel: Ja, wir zeigen zur Zeit die Malerei-Installation “Sala de Secado” von Mariana López, wir öffnen während der Messe mittwochs bis samstags 16-20 Uhr.

Frage: Das Werk, das Sie auf arteBA präsentieren, war schon auf der «Bienal del Fin del Mundo» zu sehen. Es ist ja ganz schön groß! Das müsste dann am besten ein Museum kaufen, nicht wahr?

Kirsten Mosel: Das wäre natürlich großartig! Ich bin sehr stolz, die Arbeit RADIANT, die in Deutschland “geboren” wurde und in Berlin und danach auf der Biennale in Chile gezeigt wurde, jetzt hier in Argentinien auf arteBA realisieren zu können.

Viel Glück und Erfolg für Sie und Ihre Kollegen auf arteBA!

Weitere Infos über Kirsten Mosel, arteBA und Espacio Kamm.

Foto:
Kirsten Mosel vor ihrer Arbeit RADIANT, die sie auf arteBA präsentiert.

Neue Sachlichkeit im Sammler-Paradies

24. Kunstmesse arteBA 2015 wurde am Mittwochabend eröffnet, läuft bis Sonntag

Von Susanne Franz

Pablo AccinelliIn einem sachlichen Kleid kommt sie in diesem Jahr daher – und es steht ihr gut: Am Mittwochabend wurde im Blauen und Grünen Pavillon des Messegeländes La Rural an der Plaza Italia in Buenos Aires die wichtigste Verkaufsmesse zeitgenössischer Kunst Lateinamerikas, arteBA, eröffnet. Im Rahmen der 24. Ausgabe der renommierten Messe zeigen 81 Galerien aus Lateinamerika, den USA und Europa Werke von über 450 Künstlern.

Wichtige etablierte Messe-Sektionen werden weitergeführt. So bietet U-Turn-Projects, von Mercedes-Benz gesponsert, auch in diesem Jahr unter der Federführung von Jacopo Crivelli Visconti eine erlesene Auswahl an Galerien (darunter Max Mayer aus Düsseldorf und Campagne Première aus Berlin). Das Barrio Joven (das “Junge Viertel” von Chandon) ist wieder aufstrebenden Künstlern und Galerien gewidmet.

Neu ist die Messe-Sektion “Special Projects” (Sponsor: Patio Bullrich), eine besonders spannende Herausforderung für die Sinne. Hier findet man u.a. die Berliner Galerien König und PSM und die Schweizer Galerie Ivo Kamm mit ihrem internationalen Künstlerteam Elena Dahn (Argentinien), Julián León Camargo (Kolumbien) und Kirsten Mosel (Deutschland).

In der Sektion “Dixit” feiert die Literatur Hochzeit mit der Kunst – beim Verlag für künstlerische Recyclingbücher Eloisa Cartonera. Auch der Bereich “Isla de Ediciones” ist der Literatur gewidmet, mit speziellem Augenmerk auf Bücher über Kunst.

Die Fotografie genießt einen hohen Stellenwert auf arteBA 2015, viele Galerien haben renommierte Fotografen im Programm. Eine ganze Sektion, “Photobooth Citi”, ist ihr gewidmet. Nahe dieses Bereichs befindet sich auch ein sehr schöner und interessanter Stand von Jorge Mara – La Ruche (die auch im Zentralbereich einen großen Stand haben), der ganz der Bauhaus-Epoche von Grete Stern und Horacio Coppola gewidmet ist.

Mit dem traditionellen Durchschneiden des blau-weißen Bandes wurde am Mittwochabend der Startschuss für die Messe gegeben. Tausende Gäste tummelten sich – Champagnerglas in der Hand – auf den Gängen zwischen den Messeständen. arteBA-Präsident Alec Oxenford, die Direktorin des Museo Nacional de Bellas Artes Marcela Cardillo, der Direktor des Kulturinstituts der Provinz Buenos Aires Jorge Telerman und der städtische Kulturminister Hernán Lombardi waren unter den Würdenträgern, die die offizielle Eröffnung vornahmen. Andere wichtige Gäste waren etwas früher gekommen, um die Messe bei weniger Besucherandrang ansehen zu können, darunter auch der deutsche Botschafter Bernhard Graf von Waldersee, die österreichische Botschafterin Karin Proidl und die Kulturministerin der Nation Teresa Parodi. Auch Stars aus dem Kulturbetrieb wie Sängerin Nacha Guevara oder Schauspieler Mike Amigorena gaben sich die Ehre.

Auch erste Käufe wurden bereits getätigt: So kaufte Citi für die Sammlung des Museums für Lateinamerikanische Kunst Malba bei der Galerie Document Art eine Installation von 1980 der Künstlerin Graciela Gutiérrez Marx. Der Gastgeber, die Messeorganisation La Rural. kaufte für die eigene Sammlung fünf Werke der argentinischen Künstler Juan B Q. (bei Nora Fisch), Gabriel Chaile (bei Zavaleta Lab), Máximo Pedraza (bei Miau Miau), Marcela Sinclair (bei Mite) und José Luis Landet (bei Document Art).

Ein Besuch der Messe, die bis Sonntag, 7. Juni, täglich von 14 bis 21 Uhr geöffnet ist, ist sehr zu empfehlen. Diejenigen, die frühere Editionen von arteBA kennen, werden überrascht sein von der durchgehend hohen Qualität der Messe: Es wird deutlich, dass unabhängige, hoch qualifizierte Kuratoren aus aller Welt – darunter auch der Deutsche Hans-Michael Herzog – diesmal die exzellente Auswahl getroffen haben. Wie schon erwähnt, herrscht Sachlichkeit, der Ton ist international, kaum eine Spur mehr vom – wenn auch sympathischen – Latino-Chaos.

Wer aber jetzt meint, die Messe könnte ebenso in New York oder Hongkong angesiedelt sein, den holt das Museo Nacional de Bellas Artes in die argentinische Realität zurück: Das Museum der Schönen Künste hat nämlich eine Wunschliste aufgestellt mit Werken, die es gerne hätte, sich aber nicht leisten kann. Könnte doch sein, dass ein reicher Mäzen Lust hat, sie dem Museum zu kaufen. Das gibt es bestimmt sonst nirgends auf der Welt!

24. Kunstmesse arteBA. Blauer und Grüner Pavillon des Messegeländes La Rural, Plaza Italia, Buenos Aires. Täglich 14-21 Uhr. Eintritt: 120 Pesos, Rentner und Studenten (mit Ausweis): 60 Pesos, zwei Messetage: 190 Pesos. 4.6.-7.6. Infos auf der Webseite der Messe.

Foto:
Werk von Pablo Accinelli im Bereich des Versicherers Zürich.

An ihm kam so gut wie keiner vorbei

Sichtweisen auf Picasso in den Hamburger Deichtorhallen

Von Nicole Büsing und Heiko Klaas

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Nicht überall, wo Picasso draufsteht, ist auch Picasso drin. Zumindest wer nach Originalen des spanischen Malgenies sucht, wird in der Ausstellung “Picasso in der Kunst der Gegenwart”, mit der die Hamburger Deichtorhallen jetzt nach rund anderthalbjähriger Bauzeit ihre frisch renovierte Nordhalle wiedereröffnen, nicht fündig werden. Über 200 Werke von rund 90 internationalen Künstlern versammelt die facettenreiche Schau, in der Picasso bejubelt, verehrt, kopiert, ironisiert, seziert und zur Strecke gebracht wird. „Es ist die komplexeste Ausstellung in der 25-jährigen Geschichte der Deichtorhallen“, schwärmt Intendant Dirk Luckow.

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“Die Ausstellung zeigt die Einflüsse des Weltstars Picasso auf zeitgenössische Künstler in den unterschiedlichsten Formen von der malerischen und der klischeehaften Aneignung bis zu monumentalen Guernica-Interpretationen von sechs bekannten Künstlern”, so Luckow. Offensichtlich schöpften die Künstler aus der Begegnung mit Picasso Kraft. Nicht Ohnmacht befalle sie, sondern er scheine sie noch anzustacheln. Ob Brassaïs fotografische Erkundungen im Pariser Atelier, Martin Kippenbergers ironische Selbstporträts eines Malerstars in Unterhose oder Roy Lichtensteins gemalte Atelierszene “Reflections on ‚The Artist’s Studio‘”, in der er sich auf eine Serie von Atelierbildern der 1920er Jahre bezieht. Die Zeitgenossen Picassos in den 1930er Jahren, aber auch Künstler von heute arbeiten sich am Genius Picasso ab, zum Beispiel indem sie seinen kubistischen Stil affirmativ kopieren wie etwa der New Yorker Maler George Condo oder ihn ins Medium Fotografie übersetzen wie der Londoner John Stezaker in seinen Gesichter deformierenden Fotocollagen.

Offenbar löst die Über-Präsenz Picassos bei vielen Künstlern den Impuls aus, sich mit ihm zu messen. Vor allem das 1937 entstandene Monumentalgemälde “Guernica” wird immer wieder zum Anlass genommen, darauf zu reagieren. Der Berliner Thomas Zipp etwa malte eine düstere, ganz menschenleere Version des anklagenden Friedensgemäldes. Und der New Yorker Robert Longo hat eigens für die Hamburger Ausstellung eine Kohlezeichnung mit dem Titel “Guernica Redacted (After Picasso, Guernica, 1937)” in den Abmessungen des Originals angefertigt. Was auf den ersten Blick vertraut wirkt, ist jedoch das Ergebnis radikaler Eingriffe. Longo hat die Vorlage zunächst vollkommen dekonstruiert. Danach hat er einzelne Figuren wieder in das Bild eingefügt, andere aber durch schwarze Leerstellen ersetzt, um so die Bildaussage noch stärker zu fokussieren.

Sando Miller: "Irving Penn / Pablo Picasso, Cannes, France (1957Ein anderes Schlüsselwerk, an dem sich viele Künstler der Schau abarbeiten, ist “Les Demoiselles d’Avignon” von 1907, Picassos erstes kubistisches Bild, das nach Vorlagen von Rubens und El Greco entstanden ist. Ganz direkt und profan bezieht sich der 2010 verstorbene Sigmar Polke darauf. Polke zeigt sechs, nur mit Dessous und High Heels bekleidete junge Prostituierte. Der Brite Patrick Caulfield wiederum erwies dem Bild eine Hommage, indem er die von Picasso gemalte Szene in Rückenansicht darstellt, so, als hätte ein Betrachter Picasso beim Malen beobachtet.

In Hamburg zu sehen ist auch ein Picasso-Kostüm, das der schalkhafte italienische Künstler Maurizio Cattelan in Anlehnung an Maskottchen, wie sie in Disneyland und anderen Freizeitparks herumlaufen, entworfen hat. Cattelan ließ einen Schauspieler auf dem Bürgersteig vor dem New Yorker Museum of Modern Art in diesem Kostüm auftreten. Dieser gab Autogramme und ließ sich mit den Besuchern fotografieren. Gänzlich respektlos dann die Annäherung des 1934 geborenen New Yorker Malers Peter Saul. Dieser treibt Picassos Methode der kubistischen Formzerlegung von bevorzugt weiblichen Gesichtern derart auf die Spitze, dass nur noch eine hässliche, sabbernde Fratze im Stil des US-Satiremagazins Mad übrig bleibt. Insgesamt eine sehr sehenswerte Schau, die jedoch noch fokussierter ausgefallen wäre, wenn sie auf die streckenweise dann doch ermüdende enzyklopädische Vollständigkeit verzichtet hätte.

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Info:

  • Ausstellung: Picasso in der Kunst der Gegenwart
  • Ort: Deichtorhallen Hamburg. Halle für aktuelle Kunst
  • Zeit: 1. April bis 10. Juli 2015
  • Katalog: Snoeck Verlag, 408 S., zahlreiche Abb., in dt. und engl. Sprache, 48 Euro
  • Internet

Fotos von oben nach unten:

Maurizio Cattelan, “Untitled (Picasso)”, 2000.
(Klaas)

Marcin Maciejowski, “Picassos Boy”.
(Maciejowski)

Sandro Miller, “Irving Penn / Pablo Picasso, Cannes, France (1957)”, 2014.
(Miller)

Chéri Samba, “Quel avenir pour notre art?” (What Future for Our Art?), 1997.
(Samba)

24. Kunstmesse arteBA 2015 findet Anfang Juni statt

81 Galerien aus 18 Ländern, darunter aus Deutschland und der Schweiz

Von Susanne Franz

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Sie findet dieses Jahr nicht im Mai und erstmals ohne den ewigen Hauptsponsor – den krisengeschüttelten Ölkonzern Petrobras – statt: Am Dienstagmittag wurde im Malba im Rahmen einer Pressekonferenz die 24. Ausgabe der Kunstmesse arteBA vorgestellt. Vom 4. bis zum 7. Juni geht die renommierteste Verkaufsmesse zeitgenössischer Kunst Lateinamerikas über die Bühne, für Sponsoren, Sammler und VIP-Gäste findet schon am 3. Juni ein “Pre-Opening” statt. Gleich geblieben ist der Veranstaltungsort: der Blaue und Grüne Pavillon des Messegeländes La Rural an der Plaza Italia in Buenos Aires.

Bei der Ankündigung vor etwa 300 Gästen hob arteBA-Präsident Alec Oxenford den Schwerpunkt der Messe auf argentinische und lateinamerikanische Kunst hervor. Besonders freue er sich über eine Rekordbeteiligung an Galerien an der diesjährigen Messe. Darüber hinaus hätten noch nie zuvor so viele Museen angekündigt, Werke für ihren Museumsschatz auf der Messe kaufen zu wollen.

arteBA-Geschäftsführerin Julia Converti gab im Anschluss einen Überblick über die verschiedenen Sektionen der Messe und die Begleitprogramme, darunter die Vortragsreihe “Open Forum”, die wieder bei freiem Eintritt stattfinden wird.
81 Galerien aus 18 Ländern, u.a. auch aus Deutschland und der Schweiz, präsentieren auf dieser 24. Ausgabe die Werke von rund 450 Künstlern. Mitmachen wird in diesem Jahr großgeschrieben, das zeigt sich u.a. am großen Angebot an Workshops und Performances. Mit der Performance-Biennale “BP.15”, die am gleichen Tag wie arteBA zu Ende geht, sind zahlreiche gemeinsame Veranstaltungen geplant.

Auch außerhalb des Messegeländes wird sich arteBA bemerkbar machen: In Zusammenarbeit mit der Stadt Buenos Aires werden Rundgänge durch Galerien in verschiedenen Stadtvierteln angeboten. So wird ein Synergie-Effekt erzielt und den Besuchern aus anderen Ländern wird ermöglicht, über die Messe hinaus in das Kunstleben der Hauptstadt einzutauchen.

Die Messe ist täglich von 14 bis 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet dieses Jahr 120 Pesos, Rentner und Studenten (mit Ausweis) zahlen den ermäßigten Preis von 60 Pesos. Zwei Messetage kosten 190 Pesos. Den Katalog kann man für 150 Pesos erwerben. Weitere Informationen erhält man auf der Webseite der Messe.

Große Gefühle unterm Regenschirm

Theaterstück “El amor bajo la lluvia” unterstützte Organisation Ada

Von Meike Michelmann gen. Lohmann

El amor bajo la lluvia
Was hat der Regen nur an sich, dass er so sehr zum Küssen verführt. “Titanic”, “Wie ein einziger Tag”, “Frühstück bei Tiffany” – fast kein großer Liebesfilm kommt ohne eine wildromantische Kussszene im strömenden Regen aus. Dieses Phänomen hat der Regisseur Marcelo Rosa jetzt in seinem Theaterstück “El amor bajo la lluvia – una comedia (no) romántica” verarbeitet. Am 12. Februar feierte das rasante Liebes-Potpourri, in dem es vom ersten Kennenlernen, dem Finden der großen Liebe bis zur verzweifelten Langzeitbeziehung alles zu bestaunen gibt, seine Premiere.

Wild, schnell und leidenschaftlich singen, schauspielern und lieben sich die beiden Hauptdarsteller – Ángeles Díaz Colodrero und Martín Mazalán – in die Herzen der Zuschauer. Trotz vier verschiedener Kurzgeschichten und mehrerer Szenenwechsel sieht das Drehbuch von Marcelo Rosa weder Pausen noch Umkleiden vor. Die Bühne ist die Garderobe, und so bleiben die beiden Darsteller immer in Sichtweite und die Spannung bricht nie ab.

Neben dem verzweifelten Warten darauf, dass ER endlich bei Whatsapp antwortet oder IHREN Liebesgeständnissen bei Facebook, spiegelt wohl auch das die Maximen der modernen Liebe wider – alles auf einmal, möglichst schnell und ohne Unterbrechung. Die beiden Liebenden knöpfen ungeschickt ihre Hemden und Röcke auf und singen gleichzeitig so großartig zusammen (und manchmal auch gegeneinander), als hätten sie ihren Lebtag nichts anderes gemacht. Die Live-Band – gut versteckt hinter einem durchsichtigen Vorhang – gibt währenddessen alles, um die Facetten der Liebe mal mit harten, mal mit schüchternen Klängen zu unterstützen.

Neben dem klassischen Kennenlernen auf Partys oder an Bushaltestellen zeigt sich, dass die Liebe manchmal auch ein Spiel auf Leben und Tod sein kann, gerade dann, wenn einer der Beteiligten im Auftrag des Teufels unterwegs ist. Ein Trost für alle Romantiker, trotz der Ankündingung, es sei eine “nicht romantische Komödie”, meldet sich die Romantik an der ein oder anderen Stelle doch lautstark zu Wort.

Nicht nur auf der Bühne, sondern auch im realen Leben hat das Theaterensemble viel für die Liebe übrig. Am Dienstagabend bewiesen sie das bei einer außerplanmäßigen Vorstellung ihres Stückes. Am Eingang erwartete die Gäste diesmal keine Kasse, sondern ein großer, leerer Tisch, den es mit Spielzeug, Kinderkleidung und Malzeug zu füllen galt. Diese Vorstellung hatten die Künstler der Organisation “Amigos del Alma” (Ada) gewidmet, die seit 2003 gegen jegliche Form von Gewalt gegen Kinder und Frauen kämpft. Anstatt den regulären Eintritt zu bezahlen, war das Publikum gebeten worden, dringend benötigte Sachspenden für die Arbeit mit betroffenen Kindern mitzubringen.

“Wir kämpfen jeden Tag dafür, dass die Nachrichten von Morgen nicht mehr von Gewalt, sondern von Liebe bestimmt werden. Mit kleinen Schritten nähern wir uns unserem Ziel, und der heutige Abend ist einer davon”, sagte eine der Verantwortlichen von Ada nach der Vorstellung.

Beim Verlassen des Theaters konnten sich alle vom Erfolg des Abends überzeugen: ein prall gefüllter Tisch und eine noch vollere Spendenbox. Wer sich selber von der Magie des Liebesregens überzeugen möchte: das Stück läuft regulär jeden Freitag um 21 Uhr im Teatro Gargantúa in Palermo.

Die Organisation Amigos del Alma freut sich auch weiterhin über freiwillige Helfer und Spenden.

Foto:
Wo es Liebe regnet, wünscht sich keiner einen Schirm.