Panorama Sur, Internationale Plattform für Darstellende Kunst, Vierte Ausgabe

Autorenwerkstatt, Workshops, Vortragsreihe und Aufführungen vom 15. Juli bis 2. August 2013 in Buenos Aires

Bereits zum vierten Mal findet Panorama Sur in Buenos Aires statt. Nach drei erfolgreichen Ausgaben hat sich die internationale Arbeitsplattform für darstellende Kunst in Südamerika etabliert und erweitert mit jeder Edition ihren Radius. Die temporäre Akademie wurde 2010 von der Siemens Stiftung und THE – Asociación para el Teatro Latinoamericano ins Leben gerufen und wird seit 2012 durch eine Exzellenzinitiative des Goethe-Instituts ergänzt, die unter anderem ein Stipendienprogramm für Autoren lateinamerikanischen Ländern enthält. Die diesjährige Ausgabe wird, wie auch im letzten Jahr, durch den Complejo Teatral de Buenos Aires-Teatro San Martín unterstützt. Außerdem beteiligen sich die Institutionen Iberescena und Centro de Experimentación del Teatro Argentino de La Plata (TACEC).

Ziel dieses internationalen Forums ist es, den Dialog zwischen Künstlern aus lateinamerikanischen Ländern mit ihren strukturell sehr unterschiedlichen Kulturszenen zu intensivieren und die Vernetzung mit dem internationalen Theatergeschehen voranzutreiben. Im direkten persönlichen Austausch mit der Kulturszene vor Ort können die Teilnehmer des Autorenseminars von Alejandro Tantanian und Cynthia Edul über drei Wochen hinweg an geplanten Projekten arbeiten, neue Ideen entwickeln und nachhaltige Arbeitskontakte aufbauen. Das Stipendienprogramm ermöglicht den Teilnehmern, ihre erworbenen Kenntnisse und Erfahrungen anschließend als Multiplikatoren in die Kulturszenen ihrer Heimatländer einzubringen.

Das Programm 2013 bietet unter anderem eine dreiwöchige, intensive Autorenwerkstatt, internationale Workshops, eine Vortragsreihe und drei argentinische Uraufführungen: Zwei Vorstellungen der kolumbianischen Theatergruppe Mapa Teatro (Discurso de un hombre decente und Testigo de las ruinas) sowie The croquis reloaded der spanischen Künstlerin Cuqui Jerez.

Seit der ersten Ausgabe nimmt Panorama Sur die Wirklichkeit jenseits der Repräsentation in den Blick. Die aktuelle Ausgabe setzt sich zum Ziel, über das zu reflektieren, was wir normalerweise “theatralen Raum” nennen und dessen Verankerung in der Gesellschaft. Im Zentrum des Programms steht dieses Jahr das kolumbianische Künstlerlabor Mapa Teatro, das in phantastischem Dokumentartheater und Videoinstallationen lokale und globale Probleme aus einer transdisziplinären Perspektive heraus konfrontiert.

Das Vorstellungsprogramm eröffnet Mapa Teatro im Teatro Argentino (TACEC) in La Plata mit dem Stück Discurso de un hombre decente. Danach wird im Teatro San Martín in Buenos Aires Testigo de las ruinas, ein weiteres Stück von Mapa Teatro zu sehen sein. Gleichzeitig präsentiert die spanische Konzeptkünstlerin Cuqui Jerez, deren Arbeiten zwischen den Grenzen der Gattungen Theater, Tanz und Visual Arts entstehen, ihre bekannte Performance The croquis reloaded im Espacio Callejón in Buenos Aires.

Besonders innovativ ist dieses Jahr die Präsentation der Arbeiten junger argentinischer Künstler, die sich mit den Themen beschäftigen, die Panorama Sur von Beginn an promoviert. So bietet Panorama Sur 2013 die Uraufführung des argentinischen Stücks Yo te vi caer von Santiago Loza unter der Regie und Bühnenkonzeption von Maricel Alvarez, gespielt von Diana Szeinblum und Santiago Loza im Teatro Argentino (TACEC) in La Plata.

Im Rahmen der öffentlichen Vortragsreihe werden sich unter dem Motto “Beyond Representation” Christiane Jatahy (Brasilien), Mariana Percovich (Uruguay), Santiago Loza (Argentinien), Mapa Teatro (Kolumbien) und Cuqui Jerez (Spanien) mit neuen künstlerischen Praktiken auseinandersetzen. Die Workshops von Mapa Teatro, Cuqui Jerez und Christiane Jatahy erforschen die Grenzen zwischen Theater, Tanz und Visual Arts.

Ein weiterer Höhepunkt ist die Veranstaltung Aproximaciones a Distancia, eine Vorschau des neuen Stücks von Matías Umpierrez Distancia im Malba – Fundación Costantini. Diese Arbeit entstand im Rahmen der Autorenwerkstatt Panorama Sur 2012 und wird im September 2013 uraufgeführt. Es ist eine Kopruduktion von El Cultural San Martín und dem Goethe-Institut, mit der Unterstützung von Panorama Sur und der Französischen Botschaft in Argentinien. Die Teilnehmer der Autorenwerkstatt werden außerdem die Film-Installation des Spielfilms Un viajero atrapado en un proyectil von Luigi Voglino sehen können.

Eine weitere Besonderheit der Ausgabe Panorama Sur 2013 ist die Einbindung der virtuellen Auslegung des Produktionsablaufs der gesamten Plattform. Der in Chile ansässige, mexikanische Autor Fernando Ocampo, Teilnehmer und Stipendiat der Panorama Sur-Autorenwerkstatt 2012, begleitet die diesjährige Ausgabe als Social Media Korrespondent und wird über die Veranstaltungen und das Randgeschehen im Internet berichten.

Panorama Sur konsolidiert durch dieses Programm, über die Förderung der Vernetzung mit dem internationalen Theatergeschehen hinaus, sein Ziel, den innerlateinamerikanischen Dialog zu stärken, hatte man doch festgestellt, dass der Blick nach Europa in Lateinamerika stark ausgeprägt ist, während das Geschehen in den Nachbarländern kaum zur Kenntnis genommen wird. Panorama Sur leistet in diesem Sinne einen wichtigen Beitrag zur Vernetzung der Kulturszenen innerhalb Lateinamerikas.

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“Der Gorilla” der Jodorowskys

Gastspiel aus Frankreich im Teatro Sarmiento

Von Susanne Franz

Vom 6. bis 30. Juni wird im Teatro Sarmiento (Sarmiento 2715, Buenos Aires) in spanischer Sprache die französische Produktion “El gorila” von Alejandro und Brontis Jodorowsky gezeigt. Das von Vater Alejandro inszenierte und von Sohn Brontis gespielte Werk basiert auf Franz Kafkas “Ein Bericht für eine Akademie” über die Menschwerdung des Affen Rotpeter. Der chilenisch-französische Kultregisseur Alejandro Jodorowsky geht in dem 2009 in Brüssel uraufgeführten Stück noch über Kafkas satirische Kritik am Assimilierungsprozess des Affen hinaus. Für den in Mexiko geborenen Brontis Jodorowsky ist es die dritte gemeinsame Theaterarbeit mit seinem Vater. Vorstellungen sind mittwochs bis samstags um 21 Uhr, sonntags um 20 Uhr. Der Eintritt kostet 60, mittwochs 40 Pesos.

Im Leopoldo Lugones-Saal des San Martín-Theaters läuft vom 12. bis 14. Juni begleitend der Filmzyklus “Jodorowsky x 3”. Auf dem Programm steht u.a. der Kultfilm “El topo” von 1970, in dem Brontis Jodorowsky als Sechsjähriger sein Debüt als Schauspieler gab.

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Kreisende Körper

Das “Ballet Contemporáneo” des Teatro San Martín überzeugt auf der ganzen Linie

Von Jana Münkel


Drei sehr unterschiedliche, aber allesamt sehenswerte Stücke junger Choreographen des “Ballet Contemporáneo” hatten am 18. Mai im Teatro San Martín Premiere. Juan Onofri Barbato hat in diesem Jahr den “Premio Creativo Argentino” gewonnen. Der 1983 in Río Negro geborene aufstrebende Choreograph präsentiert sein 25-minütiges Stück “Los trompos” und stellt eindringliche Fragen zu seiner Choreographie: “Was bedeutet es für einen Körper, eine einzige motorische Geste jahrelang zu üben? Was geschieht mit dem Bewegungsapparat, wenn er bis an die Grenze der Funktionstüchtigkeit gebracht wird? Ist es möglich, gegensätzliche physische Abläufe zu vereinigen?”

Es geht tatsächlich vor allem um die Präsenz und die Wahrnehmung des Körpers und seiner Grenzen im Raum. Die Musik von Nicolás Varchausky wirkt industriell, fast mechanisch, und erlaubt, die Aufmerksamkeit auf die Körper an sich zu lenken. Während des gesamten Stückes ist ein “trompo”, also ein Kreisel, anwesend – mal in der synchronen Drehbewegung der Gruppe, mal in jener einzelner Tänzer. Dies erzeugt eine ungekannte Dynamik, die bis zur Erschöpfung der Tänzer ausgereizt wird.

Als Zuschauer wird man mit der Unmöglichkeit konfrontiert, alles zugleich wahrzunehmen. Man muss eine Auswahl treffen, kann immer nur einzelne Bewegungen erhaschen. Als sich gegen Ende eine Solotänzerin aus der Gruppe löst, scheint sie sich zu jedem einzelnen Ton der Musik zu bewegen. Eine packende und gelungene Choreographie.

Das Werk “Ínfima constante” der in Argentinien und Brasilien ausgebildeten Anabella Tuliano setzt mehr auf das Spiel mit Stimmungen und Erzählelementen. Beeindruckend ist der erste, sehr artistische Teil. Leichtrosa gekleidete Tänzerinnen sitzen auf den ausgestreckten Füßen der auf dem Rücken liegenden Tänzer. Vor einer Kulisse aus unzähligen Lichtern schweben sie elfengleich hin und her wie nachts im Winde wehende Blumen. Ein Meisterwerk der Körperbeherrschung. Die folgenden Teile der Choreographie werden leider dominiert von sehr opulenter Musik, die die Aufmerksamkeit erobert und so wenig Raum für das Wahrnehmen der Tänzerinnen und Tänzer lässt.

Das Bühnenbild von Analía González’ “Después del sol” erinnert mit den ungleichmäßig verteilten Stühlen entfernt an das berühmte “Café Müller” von Pina Bausch. Auch die überaus synchronen und sich wiederholenden, stampfenden Gruppenchoreographien können durchaus mit der Kompagnie aus Wuppertal verglichen werden. Sitzen, Fallen, Liegen, Hocken, das sind die Hauptelemente des Stücks. Wichtig sind zugleich Zweierkonstellationen, die zu der Klaviermusik von Ludovico Einaudi und Khaled Mouzanar Gänsehautpotenzial haben. Die Verbundenheit zweier Menschen, die nicht ohne einander können, aber auch nicht miteinander, wird sehr eindrucksvoll in unterschiedlichen Variationen und von verschiedenen Paaren dargestellt. Dabei kippt der Tanz nie ins Klischeehafte ab. Fallenlassen und Wiederaufstehen, Annäherung und Trennung und ein grundsätzliches Ausgeliefertsein an den anderen werden angedeutet und bekommen langen und emotionalen Applaus. Erwähnenswert sind auch die von Julieta Harca und Aliana Kuriss Dick entworfenen Kostüme. Die bunten Kleider der Tänzerinnen sind auffällig, jedoch nicht aufdringlich und passen so wunderbar zu dieser Choreographie.

Dieses neue Programm des “Ballet Contemporáneo” sollten sich Tanzkenner und Tanzneulinge keinesfalls entgehen lassen.

Vorstellungen sind donnerstags um 14.30 Uhr, freitags und samstags um 20.30 Uhr und sonntags um 19 Uhr im Teatro San Martín, Av. Corrientes 1530, Buenos Aires. Am 6. Juni gibt es keine Vorstellung; die letzte Aufführung ist am 9. Juni. Infos hier.

Fotos von oben nach unten:

Blütengleiche Artistik – ein Kraftakt.

Bunte Zweisamkeit in González’ Choreographie.
(Fotos: Alicia Rojo)

“Ovationen! Und 15 Minuten Applaus!“

“El crítico” im Teatro San Martín thematisiert die Hassliebe zwischen Autor und Kritiker

Von Jana Münkel

“Wenn Künstler und Kritiker in einen Dialog treten, dann wird dieser kämpferische Dialog selbst zum Theaterstück”, schreibt der spanische Dramatiker Juan Mayorga. Der 1965 geborene Madrider hat genau diese Begegnung zu einem spannenden Kammerspiel verarbeitet. Dass Mayorga Doktor der Philosophie und Absolvent eines Mathematikstudiums ist, passt in gewisser Weise: Das Stück, aus einem einzigen langen Dialog bestehend, ist ausgeklügelt und spitzt sich mit fast mathematischer Genauigkeit zu, lässt Gedankenspiele einfließen, bis es zu einem überraschenden Ende führt.

Ein Theaterkritiker (sehr authentisch mit seinem unaufgeregten Spiel: Horacio Peña) kommt nach einem viel beklatschten Premierenabend nach Hause und will gerade in gewohnter Manier mit ruhiger Musik seine Kritik verfassen, als es an der Haustür klingelt. Davor steht kein anderer als der Autor des Theaterstücks selbst (Pompeyo Audivert). Konsterniert ob dieser unüblichen Begegnung, versucht der Kritiker, den ungebetenen Gast hinauszuschmeißen. Der Autor jedoch zieht es vor, herauszufinden, was der Kritiker denn so zu schreiben gedenkt und währenddessen einen Wein nach dem anderen zu öffnen. “Ovationen! Und 15 Minuten Applaus!”, wiederholt der “kritikallergische” Dramatiker immer wieder, wie um sich vor einem Verriss zu schützen. Als der Journalist ihm seinen Griffel überlässt, um ihn seine Kritik selbst schreiben zu lassen, ist er allerdings ratlos… Auch kritisieren will gelernt sein. Um Mitternacht wird das Telefon klingeln, bis dahin muss der Artikel geschrieben sein.

Mit viel Witz, wahren Worten und einem schönen Zweierspiel entwickelt sich ein ebenso unterhaltsamer wie tiefsinniger Abend im kleinen Cunill Cabanellas-Saal des Teatro San Martín. Wie auf einem Sezierbrett werden große Theatergefühle, die Authentizität des geschriebenen Stücks und auch das Publikum thematisiert und untersucht. Das schon von Shakespeare so geliebte “Theater im Theater” (mit simuliertem Boxkampf!) ist ebenso inbegriffen wie ein Geheimnis um die große Liebe des Kritikers, über die der Dramatiker mehr zu wissen scheint. Und als am Ende das Telefon klingelt, ist doch alles anders als erwartet. Ein bisschen Bauchpinselei für das anwesende, kritische San Martín-Publikum darf natürlich auch nicht fehlen, denn “Im Kino ist der Zuschauer nichts – im Theater ist er König!”

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Kritik kann manchmal wehtun. Pompeyo Audivert (u.) und Horacio Peña in “El crítico”.
(Foto: Carlos Furman)

Theater mal anders

Strindbergs “Pascua” im Teatro Sarmiento

Von Susanne Franz

In Sachen Gastspiele war und ist im “Complejo Teatral de Buenos Aires” (CTBA) gerade einiges los: voriges Wochenende gab es zwei Gratis-Auftritte des US-Ensembles “Doug Varone & Dancers” im Teatro San Martín, gestern und vorgestern brillierte dort die spanische “Compañía Nacional de Teatro Clásico” mit Calderón de la Barcas “La vida es sueño” (letzte Vorstellung: heute), und seit Freitag, dem 19.4., wird im Teatro Sarmiento (Av. Sarmiento 2715) die eigenartige schwedisch-argentinische Koproduktion “Pascua” präsentiert (letzte Vorstellungen: heute und morgen). Das Werk des schwedischen Dramatikers August Strindberg (1849-1912) erarbeitete der argentinische Regisseur Luciano Suardi in Schweden mit dem Stockholmer “alias TEATERN”, einer Gruppe, die aus lateinamerikanischen und spanischen Exilanten der zweiten Generation besteht.

“Pascua” ist in vielerlei Hinsicht ein “anderes Theatererlebnis”. Zunächst stellen sich die Akteure kurz vor und erzählen ihre ungewöhnliche Biografie – wie die entzückende Darstellerin der “Eleonora” Naida Ragimova, die “einen biologischen Vater aus Kuba, einen neuen Papi aus Chile und eine Mutter aus Aserbaidschan” hat. Maria Böhm kann nur Schwedisch, aber das macht nichts, sie ist “nur” die Cellistin. Im Anschluss trägt sie gekonnt zum märchenhaften Klima der Inszenierung bei.

Gezeigt wird das Drama einer Familie, die in ständiger Angst lebt, dass Schuldeneintreiber ihnen auch noch die letzten Möbel wegnehmen. Der Vater sitzt wegen Veruntreuung im Gefängnis, und sie fühlen sich von der Gesellschaft ausgeschlossen.

Man muss ein paar Gänge zurückschalten, die Inszenierung ist nicht an die schnelllebige heutige Zeit angepasst. Es wird gesponnen, fabuliert, weit ausgeholt. Man kann nachvollziehen, wie nach einem langen dunklen Winter die ersten Sonnenstrahlen das ganze Leben verändern – und wie sich auch die Geschicke der Familie dann doch noch zum Guten wenden können. Einziger Wermutstropfen ist das sehr unterschiedliche Niveau der Schauspielleistungen.

Informationen hier.

US-Tanz in der Welt – auch in Argentinien

Gastspiel von Doug Varone and Dancers im Martín Coronado-Saal des San Martín-Theaters

Von Susanne Franz


Das US-Kulturministerium will mit seinem Programm “DanceMotion USAsm” den US-amerikanischen modernen Tanz in der ganzen Welt bekannt machen. Wie besser als mit Gastspielen, die auch noch gratis sind? Also wurden vier Tanzensembles von Februar bis Mai 2013 auf Tour geschickt: “Spectrum Dance Theater” stellt sein Können in Bangladesch, Nepal und Sri Lanka unter Beweis, “Hubbard Street Dance Chicago” tanzt in Algerien, Marokko und Spanien, “Illstyle & Peace Productions” treten in Weißrussland, Russland und der Ukraine auf, und “Doug Varone and Dancers” sind in Argentinien, Paraguay und Peru unterwegs.

In Buenos Aires kann man im Rahmen der Gastspielsaison 2013 des San Martín-Theaters am 19. und 20. April jeweils um 20 Uhr im Martín Coronado-Saal (Av. Corrientes 1530) bei freiem Eintritt drei Choreographien von Doug Varone und seinen Tänzern erleben. Karten (2 pro Person) gibt es zwei Stunden vor Vorstellungsbeginn. Weitere Informationen hier.

Schwedisch-argentinisches Theaterprojekt “Pascua”

Strindbergs “Pascua” im Teatro Sarmiento in Buenos Aires

Von Susanne Franz

In der zweiten Aprilhälfte wird im Teatro Sarmiento (Av. Sarmiento 2715, neben dem Zoo von Buenos Aires) “Pascua” von August Strindberg aufgeführt, eine schwedisch-argentinische Theaterproduktion unter der Regie des argentinischen Regisseurs Luciano Suardi. Im Rahmen der Feierlichkeiten zum 100. Todestag Strindbergs erarbeitete Suardi das Stück mit einer zweisprachigen Schauspielertruppe aus lateinamerikanischen und spanischen Exilanten der zweiten Generation in Schweden. Am 22. März wurde das Stück in Stockholm im “alias TEATERN” uraufgeführt. In Buenos Aires wird das Werk in der Adaption und Übersetzung von Anna Maria Padilla gezeigt. Die Gemeinschaftsproduktion des schwedischen “alias TEATERN” und des “Complejo Teatral de Buenos Aires” läuft vom 19. bis 28. April einschließlich donnerstags bis samstags um 21 Uhr, sonntags um 20 Uhr. Der Eintritt kostet 60 Pesos. Weitere Informationen hier.

Jenseits von Zeit und Raum

José María Muscaris “Póstumos” – Staraufgebot im Teatro Regio

Von Susanne Franz


Max Berliner hat weiße, buschige Augenbrauen, einen weißen Schnäuzer und ein verschmitztes Lächeln, er ist dünn und wirkt zerbrechlich. Doch der große alte Mann des jiddischen Theaters von Buenos Aires tanzt noch immer geschmeidig und singt mit samtener Stimme, er wolle doch gar nicht viel – nur “ein bisschen Glück und ein bisschen Glücklichsein”. Außerdem macht er den Damen unermüdlich recht deutliche, anzügliche Angebote. Berliner ist einer aus dem neunköpfigen Ensemble von “Póstumos”, das zur Zeit im Teatro Regio, das zum Theaterhaus “Complejo Teatral de Buenos Aires” gehört, aufgeführt wird und welches neben den “normalen” San Martín-Theatergängern auch ein ganz anderes Publikum anlockt – nämlich eines, das einen oder mehrere der Stars, mit denen das Stück besetzt ist, verehrt oder einst verehrte und das sich vielleicht noch einmal in diese goldenen Theaterzeiten zurückversetzen möchte, als Edda Díaz, Hilda Bernard, Nelly Prince, Erika Wallner, Gogó Rojo. Luisa Albinoni, Tito Mendoza, Ricardo Bauleo und Berliner die Theaterplakate schmückten und für Furore sorgten.

Mit Charme, Charisma, Persönlichkeit und Talent verzaubern diese großartigen Mimen auch heute noch das Publikum und nehmen dabei sich selbst und ihr Alter auf die Schippe. “Zusammen sind wir doch so alt wie Methusalem”, sagt Hilda Bernard (geb. 1920) zu Max Berliner (geb. 1919). Die Satire geht jedoch niemals so weit, dass die Würde der Schauspielveteranen angetastet würde, und auch bei melancholischen Szenen sind sie absolut souverän. Immer wieder bekommt der eine oder die andere spontanen Applaus für eine besonders gelungene Leistung.

José María Muscari hat “Póstumos” erdacht. Der junge Dramaturg, Regisseur und Schauspieler, der genauso im Off-Theater zu Hause ist wie im Fernsehen breite Massen mobilisiert, wurde vom Tod des eigenen Vaters und den Träumen, die für diesen unerfüllt geblieben waren, zu dem Stück angeregt. Er sprach die Schauspieler an und fragte sie, welchen Traum sie sich gerne noch erfüllen würden, und so entstand “Póstumos” auch aus den Gesprächen mit seinen Stars. Erika Wallners “Romeo und Julia”-Einlage gehört neben Luisa Albinonis Debüt als Rockstar ebenso zu den “letzten Wünschen” wie das Bar Mitzwa, das Max Berliner als Junge nicht feiern konnte und nun nachholt.

Es steht noch ein weiterer Mann auf der Bühne, Pablo Rinaldi, der weitgehend stumm agiert und wechselnde Rollen als Conferencier, Requisitenträger oder Stütze seiner Co-Stars einnimmt. Die ordnende Präsenz Rinaldis, das Licht (von Eli Sirlin) und das Bühnenbild (Jorge Ferrari), das aus weißen, durchbrochenen Lamellen besteht, tragen zu einer unwirklichen Atmosphäre bei – es ist, als seien die Schauspieler, die fast immer alle gemeinsam auf der Bühne sind, in einer Art Raum zwischen Leben und Tod, wobei sie zugleich entrückt und unglaublich lebendig wirken. Auch die originellen Kostüme von Renata Schussheim unterstützen den übernatürlichen Effekt von “Póstumos”.

Hilda Bernard würde sich wünschen, dass die jungen Leute von heute mehr mit den Alten redeten. Denn diese könnten ihnen zeigen, wie man liebt. Bei einem der Jungen – Muscari – ist das gar nicht nötig. Er rückt diese alten Stars, die noch immer das Scheinwerferlicht suchen, in ein liebevolles Licht und gibt ihnen einen Rahmen, in dem sie ihr Talent noch einmal so richtig beweisen können. Das Publikum ist hoch erfreut, es spendet stehenden Applaus, und es gibt so gut wie keinen, der beim Hinausgehen nicht glücklich aussieht.

“Póstumos” wird donnerstags bis samstags um 20.30 Uhr und sonntags um 19.30 Uhr im Teatro Regio, Córdoba 6056. Buenos Aires, gezeigt. Der Eintritt kostet 60 bzw. 40 Pesos und am Donnerstag, dem Publikumstag, 35 Pesos. Man kann die Karten auch im telefonischen Vorverkauf unter der Gratisnummer 0800-333-5254 erwerben.

Weitere Informationen auf der Webseite des Complejo Teatral de Buenos Aires.

Foto:
Ensemble und Dramaturg/Regisseur von “Póstumos”: oben (v.l.n.r.) Tito Mendoza, Ricardo Bauleo, José María Muscari, Max Berliner und Pablo Rinaldi, unten (v.l.n.r.) Edda Díaz, Erika Wallner, Hilda Bernard, Gogó Rojo, Nelly Prince und Luisa Albinoni.
(Foto: Carlos Furman)

Emotionale Zeitreise

“Las Multitudes” von Federico León im Centro Cultural San Martín

Von Susanne Franz


Es ist ein Theatererlebnis der besonderen Art. In seinem jüngsten Werk “Las Multitudes”, das momentan im Saal A/B des Centro Cultural San Martín (Sarmiento 1551, Buenos Aires) gezeigt wird, arbeitet der junge argentinische Theater- und Kinoregisseur Federico León mit 120 Schauspielern, mit Kindern, Jugendlichen, jungen Erwachsenen, älteren und alten Menschen. Er schrieb das Werk, nachdem er vor zwei Jahren probeweise an einem Wochenende mit einer Gruppe von 100 Schauspielern zusammengekommen war, damit er sich die Wirkung einer solchen Masse vorstellen konnte.

In “Las Multitudes” bewegen sich die Menschen meistens im Schutz ihrer Altersgruppe, eine Ausnahme bilden die Familien mit Kindern, die aber keine größere Bedeutung im Stück haben. León sagt: “Sie sind nicht direkt in das Drama der Liebe involviert”, wie die anderen, die die “Hauptrollen” spielen: Die beiden Gruppen der jugendlichen Männer und Mädchen, die das Potenzial für die Zukunft, Idealismus, Sehnsucht und die Suche nach Liebe verkörpern, und die beiden Gruppen der alten Männer und Frauen, die Lebenserfahrung, Weisheit und Verzeihen symbolisieren, die aber auch auf eine berührende Weise “Kindsköpfe” sind. Die jungen Erwachsenen sind bereits gespalten: Während die jungen Männer sich noch für die jüngeren Mädchen interessieren, bauen die jungen Frauen mit ihnen schon an der Zukunft, der Familie. Hier herrscht noch eine Sehnsucht zurück in die Unberührtheit, während zugleich Zwänge, die die unerbittliche Zeit vorschreibt, nach vorne drängen.

Das Stück weist sehr sparsame Dialoge auf und verwendet bewusst eine einfache Sprache, die Akteure intonieren verhalten, wie in einem Traum. Mehr als Worte sind in dem Werk die Bewegungsströme der verschiedenen Gruppen von Bedeutung, die Art, wie die Akteure über die dunkle, fast völlig leere, riesige Bühne laufen, gehen, rennen, tanzen oder schreiten. Die sehr sparsame, indirekte Beleuchtung – teils durch Spots, teils durch Taschenlampen, die die Schauspieler tragen -, hebt nur selten Gesichter aus der Masse hervor, eher zeichnet sie geheimnisvolle Muster auf die helle Kleidung der Mitwirkenden oder setzt da Akzente, wo sie gänzlich “ausgeschaltet” wird.

Ein machtvollerer Faktor als das Wort ist auch die Musik (Federico León arbeitete in “Las Multitudes” erstmals mit einem Musiker, Diego Vainer, zusammen). Vom intensiven Raunen einer Gruppe Frauen nach einem Tanz über eine geheimnisvolle Melodie, die die alten Frauen den jungen weitergeben, bis zu einem melancholischen Duo mit Gitarre und Mundharmonika und sogar einem echten Rockkonzert ist die Musik der stärkste emotionale Träger des Werkes.

Zu Beginn ist die Menschenmenge in “Las Multitudes” heterogen, die einzelnen Gruppen sind untereinander zerstritten oder suchen einander, sind aber immer zur falschen Zeit am falschen Ort. Erst im Laufe des Stückes kommen die Menschen zusammen, fechten ihre Zwistigkeiten aus oder lösen sich schon mal aus ihrer Gruppe, um einem anderen Einzelnen allein zu begegnen.

Parallel dazu wird das Publikum, das als anonyme Masse der Schauspielergruppe gegenübersteht, zusehends in das Geschehen hineingezogen und schließlich zu einem Teil der Geschichte. Diese magische Kommunikation wird mit den scheinbar einfachsten Mitteln erreicht – kein Pathos trennt den “vortragenden” Schauspieler vom Zuschauer, der Humor ist nie manipulativ, sondern eher Situationskomik, mit der sich jeder identifizieren kann. Die Zuschauer können sich in dem Werk, das für jedes Alter geeignet ist, selbst wiederfinden, z.B. in einer der Altersgruppen, oder sie können sich zurückerinnern, oder sich die Zukunft vorstellen, oder alles gleichzeitig. Jeder fügt im Stillen seine eigene Geschichte, sein eigenes Potenzial, dem Werk hinzu.

“Las Multitudes” ist in gewisser Weise eine Zeitreise: Ein Trip durch ein (oder in ein) Raum-Zeit-Kontinuum, in dem die Zeit stehenzubleiben scheint, weil alle Zeiten gleichzeitig nebeneinander existieren, und in dem die Bewegungen der vielen Menschen im Raum auch deshalb eine so starke Wirkung haben, weil hier eigentlich gar keine Bewegung stattfinden dürfte.

In diesem paradoxen Universum gibt es so etwas wie einen Fixstern: Einen besonderen Schauspieler, der sowohl die Menge auf der Bühne als auch das Publikum steuert: Julián (gespielt von dem hervorragenden Schauspieler Julián Zucker) ist ein Kind auf der Schwelle zum Jugendlichenalter, der einzige, der als “isoliertes” Individuum auftritt. Die Figur Julián wurde von dem Werk selbst geboren, Federico León hatte sie zunächst nicht vorgesehen. “Julián ist derjenige, der das alles träumt, der, der die Fäden zieht”, sagt León über diesen kleinen Magier, der die “Multitudes” erklingen lässt wie ein Dirigent, der ein Orchester leitet.

Das sehr empfehlenswerte Werk kann man noch am heutigen Samstag, 8.12., am Sonntag, dem 9.12., am Donnerstag, dem 13.12., am Freitag, dem 14.12., und am Samstag, dem 15.12., jeweils um 21 Uhr sehen. Der Eintritt kostet 50 Pesos, donnerstags ermäßigt 30 Pesos. Für gebrechliche oder anderweitig behinderte Menschen ist extra vorne eine Reihe Stühle aufgestellt.

Foto:
Miteinander oder gegeneinander? Eine Szene aus “Las Multitudes”.
(Foto: Sebastián Arpesella)

Das Stück:
Federico Leóns jüngstes Theaterwerk “Las Multitudes” feierte Ende Juli 2012 im experimentellen Werkstatt-Theater TACEC in La Plata, Hauptstadt der Provinz Buenos Aires, seine Weltpremiere. Ende September wurde das Werk im Rahmen des internationalen Theaterfestivals “Foreign Affairs” in Berlin gefeiert; neben einigen Argentiniern aus dem Stamm-Ensemble machten dabei auch zahlreiche deutsche Schauspieler mit.

CTBA-Spielzeit “a la Gruyère”

2013 im Complejo Teatral de Buenos Aires: volles Programm und Umbauarbeiten

Von Susanne Franz


“Unsere kommende Theaterspielzeit wird ein wenig wie ein Gruyère-Käse sein”, sagte Alberto Ligaluppi, der Direktor des Complejo Teatral de Buenos Aires, am Dienstagmittag bei der Pressekonferenz zur Ankündigung der Saison 2013 im CTBA, zu dem neben den Sälen des Teatro San Martín und dem Teatro Alvear auf der Theatermeile Corrientes auch das Teatro Regio in Palermo, das Teatro de la Ribera in La Boca und das Teatro Sarmiento neben dem Zoo von Buenos Aires gehören. Im letzteren fand die Veranstaltung statt, in deren Rahmen auch die Minister der Stadtregierung Hernán Lombardi (Kultur und Tourismus) und Daniel Chain (Öffentliche Bauten und Stadtentwicklung) sowie die Vorsitzende der Freunde und Förderer des Teatro San Martín, Eva Soldati, zu Wort kamen.

Ligaluppi bezog sich mit seiner Käsemetapher auf die umfangreichen Umbauarbeiten, die im Jahr 2013 im San Martín-Theater vorgenommen werden. Um die Genüsse herum müsse man in der kommenden Saison wohl manchem Schlagloch ausweichen. Der Theaterbetrieb werde aber nicht unterbrochen, betonte Ligaluppi. Mitte 2014 sollen die Renovierungsarbeiten beendet sein, “und dann wird gefeiert!”, sagte Daniel Chain, der mit seinem Team schon für die Erneuerung des Teatro Colón und der “Usina de las Artes” verantwortlich zeichnete.

Auch Eva Soldati kündigte zwei wichtige Projekte für das kommende Jahr an. Der Verein der Freunde und Förderer werde den Kostümfundus des Theaters in neuem Glanz erstrahlen lassen und ihn digitalisieren, so dass die Verantwortlichen künftiger Produktionen sich mit einem Mausklick einen Überblick darüber verschaffen können, was im Haus zur Verfügung steht. Auch andere Theater der Stadt könnten davon profitieren, so Soldati.

Geplant ist auch die Einrichtung einer Schule, an der Handwerksberufe im Theaterbereich erlernt werden können. An dieser “Escuela de Artes y Oficios Teatrales” sollen laut Soldati die im Verschwinden begriffenen Berufe und Künste erhalten und an kommende Generationen weitergegeben werden.

Alle dankten Banco Ciudad, dem Hauptsponsor des Theaterkomplexes, ohne den es unmöglich sei, neue Projekte anzugehen, und ohne den die laufende Spielzeit 2012 kein so großer Erfolg hätte werden können, sagte Ligaluppi. “Wir hatten in diesem Jahr eine Auslastung von 70 Prozent”, so der Direktor, “und wir haben die Anzahl der jungen Zuschauer verdoppelt.” Das war eines der Ziele gewesen, die Ligaluppi für 2012 anvisiert hatte. 2013 soll in dieser Hinsicht noch mehr getan werden: “Wir richten eine Art Last-Minute-Verkauf für junge Leute ein”, sagte Ligaluppi. Die übriggebliebenen Karten sollen kurz vor Vorstellungsbeginn für einen geringen Betrag erworben werden können. Die Eintrittspreise sollen 2013 im Übrigen auch nicht mehr als um 10% verteuert werden, so dass der CTBA bei gleichbleibend hoher Qualität des Angebots weiter günstig sein wird.

“Buenos Aires ist eine Stadt der Theaterbesessenen”, hatte Kulturminister Lombardi gleich zu Beginn der Pressekonferenz gesagt. “Man kann also eigentlich gar nichts Besseres tun, als ins Theater zu investieren!” Er selbst freue sich schon sehr auf die Spielzeit 2013, die bereits im Januar startet – ebenfalls eine Neuerung, die all diejenigen Porteños glücklich machen wird, die im Sommer zu Hause bleiben, und auch die vielen Touristen aus dem Landesinneren Argentiniens, aus Lateinamerika und der Welt, für die Buenos Aires ein attraktives Reiseziel ist.

Das CTBA-Programm 2013 umfasst Theater, Tanz, Musik, Kino, Fotografie, Puppenspiel, Kursangebote, Workshops und Vortragsreihen sowie das Crossover-Programm “Rituales de Pasaje”. Zu den Leckerbissen aus dem deutschsprachigen Raum gehört eine umfassende Retrospektive des deutschen Filmemachers Werner Schroeter (1945-2010), die mit der Unterstützung des Goethe-Instituts Buenos Aires im Lugones-Saal des San Martín-Theaters gezeigt werden wird. Im August wird Heiner Goebbels‘ Musiktheater “Black on White” durch das Frankfurter “Ensemble Modern” aufgeführt, für das der 1952 geborene deutsche Komponist und Theaterregisseur das Werk geschrieben hat.

Im November 2013 kann man im Rahmen des von Martín Bauer koordinierten 13. Zyklus Zeitgenössischer Musik Konzerte des KNM – Kammerensemble Neue Musik aus Berlin und der Münchner Violinistin Caroline Widmann erleben; in “Quaderno di Strada” wirkt der österreichische Bass-Bariton Otto Katzameier mit, und bei der Oper “Prometeo” hat der Schweizer Baldur Brönnimann die musikalische Leitung inne.

Infos und Programm auf der Webseite des CTBA.

Foto:
(v.l.) Eva Soldati, Hernán Lombardi, Daniel Chain, Alberto Ligaluppi.
(Foto: Alicia Rojo)

Von Hoffen und Scheitern

“Cuentos y Desencuent(r)os”, neues Stück der Elterngruppe der Pestalozzi-Schule

Von Susanne Franz

Die Bühne gleicht einem Laufsteg – wenn auch einem ebenerdigen -, an dessen beiden Seiten die Zuschauer platziert werden. Am Kopfende sind ein paar Stühle reserviert, hier nehmen zu Beginn des Werkes “Cuentos y Desencuent(r)os”, dem neuen Stück der Elterngruppe der Pestalozzi-Schule, die Darsteller Platz. Sie verkörpern dort eingangs eine zusammengewürfelte Zuschauerschar, die sich ein Theaterstück anschaut – wobei ein jeder sich “in einem anderen Film” zu befinden scheint. Eine Stunde später endet das Werk der vor sechs Jahren gegründeten Laiengruppe an derselben Stelle: das Werk ist auch eine Reflektion über das Theater selbst, die Grenzen zwischen Publikum und Akteuren werden fließend.

“Cuentos y Desencuent(r)os” besteht aus fünf szenischen Dialogen und einem Monolog. Einige der kurzen “Stücke im Stück” sind abgeschlossen, wie der satirische Sketch “Disturbios en la fábrica” von Harold Pinter oder die poetisch-tragische Liebesgeschichte “Coincidencias”, eine Adaptation von Adriana Miranda (Regisseurin und Gründungsleiterin der Gruppe), die auf einer Kurzgeschichte von Stefano Benni basiert. Andere werden in mehreren kurzen Fortsetzungen vorgeführt, wie das witzig-dramatische “Chat” (geschrieben von Adriana Miranda und Juan Lange) und “Él dijo” (Adaptation von Miranda einer Erzählung von Fontanarrosa), das in einem Café spielt, welches geschickt als Bühne für zwei weitere Sketche eingesetzt wird. Am anderen Ende des “Bühnen-Laufstegs” spielen sich die eher intimen Szenen ab, die Akteure aus “Chat” z.B. werden hier jeder “im stillen Kämmerlein” gezeigt, während der Sketch fulminant im Café endet.

Menschliche Bande, insbesondere Liebesbeziehungen, Hoffen und Scheitern stehen im Vordergrund der bittersüßen Geschichten, sogar dort, wo es vordergründig “nur” um Maschinenteile geht, oder ein Mann über den Inhalt der Handtasche seiner Frau philosophiert.

“Cuentos y Desencuent(r)os” ist unterhaltsam, poetisch, komisch, manchmal ein wenig traurig – ein ausgewogenes, gelungenes Stück, das die Zuschauer mit viel Applaus belohnen. Das Werk ist eine echte Gemeinschaftsproduktion, in der die Akteure (Diego Alonso Timonel, María Aman, Gustavo Bobbio, Norberto Geller, María Reina, Marina Segal und Andrea Vicenzi) nicht nur spielen, sondern auch Texte schreiben, Pressearbeit machen, das Bühnenbild und die Kostüme gestalten oder für Tontechnik und Beleuchtung verantwortlich sind.

Auch die Sekundaria-Schüler helfen tatkräftig bei der Organisation, denn wie immer kommt der Erlös aus dem Stück dem solidarischen Projekt PAS zugute, für das die Schüler der oberen Klassen das ganze Jahr arbeiten.

Am Freitag, dem 30.11., um 21 Uhr, ist die letzte Vorstellung von “Cuentos y Desencuent(r)os”, in der Pestalozzi-Schule, Freire 1882, Belgrano, Buenos Aires. Eintritt 35 Pesos.

Fotos von oben nach unten:

Verführung oder nicht? Szene aus “Una tarde de domingo” von Roberto Arlt, mit María Aman und Gustavo Bobbio.

Im Café: Szene aus “Chat”, mit Andrea Vicenzi (rechts), den Kellnerinnen aus “Él dijo” María Reina und Marina Segal, und vorne Gustavo Bobbio aus “Una tarde de domingo”.

(Fotos: Marcelo Rigotti)