Kleine kulturelle Explosion

4. Festival “Ciudad Emergente” im Centro Cultural Recoleta

Von Charlotte Dötig

Die Leute schoben sich durch die Gänge, in den Ausstellungsräumen tummelten sie sich vor den Bildern und bewunderten mit großen Augen die Mode. Das Festival “Ciudad Emergente” im Centro Cultural Recoleta war eine kleine kulturelle Explosion, angefeuert von der Musik argentinischer Rockbands und spanischer Bekanntheiten, wie “Love of Lesbians”. Bis zur letzten Minuten am Montagabend pilgerten hauptsächlich Jugendliche zu dem Spektakel, und nicht mal die Kälte konnte sie davon abhalten, bis zum Einbruch der Nacht auf der Terrasse zu stehen und zum Beat der Taktstöcke und zur Melodie geträllerter Liebeserklärungen zu tanzen.

Nur vereinzelt zogen sich Einige in die Leseecken zurück, eher schaute man sich Filme an oder ließ sich von der visuellen Darstellung Elektronischer Musik in eine andere, fantastische Welt tragen. Stundenlang konnte man so da sitzen, sich träumerisch von den Bildern, die rhythmisch voneinander abgehoben waren, der Realität entziehen. Wer sich lieber aktiv am Geschehen beteiligen wollte, konnte sich auf einer der riesigen Außenwände mit Sprühfarbe verewigen. Die meisten bewunderten jedoch nur staunend die Sprühkunst und verzichteten darauf, auch nur zu versuchen, ein konkurrenzfähiges oder nur annähernd so gutes Abstrakt an die Wand zu bringen, mit dem man sich neben den anderen hätte sehen lassen können.

Es war ein Ausflug in die abwechslungsreiche Welt der Künste, bei dem man sehen konnte, auf welch unterschiedliche und doch gekonnte Weise sich vor allem junge Menschen versuchen auszudrücken. Mit Begeisterung und Spaß wurden die Menschenmengen angelockt und mit ausdrucksstarker Kunst belohnt.

Foto:
Auftritt der Tourettes.

Es liegt an dir und mir

Über Aggressivität

Von Friedbert W. Böhm

Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben,
Wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.
(Friedrich Schiller)

Die schöne Rousseausche Idee, der Mensch sei edel, hilfreich und gut geboren und nur durch die Zivilisation verdorben, ist leider von der Wissenschaft unanfechtbar zu Grabe getragen. Wie alle Lebewesen von der Amöbe bis zum Schimpansen hat die Evolution den Homo Sapiens mit ausreichend Aggressivität ausgestattet, um sich in seiner Umwelt durchzusetzen; seine Erfolge dort sind offensichtlich. Was seine innerartliche Aggression anbetrifft: Nachbarlicher Zwist und Krieg sind ein beinahe selbstverständlicher Teil des Lebens von Individuen und Gemeinschaften.

Alle Bemühungen von Religionsstiftern und Gesetzgebern, Aggressionen einzuschränken – “Du sollst nicht töten, nicht Deines Nachbarn Frau, Ochs, Esel begehren” etc. – hatten nur recht bescheidene Wirkung. Eigentlich hatten sie gar keine. In manchen Regionen fährt man fort, sich wie zu Kains Zeiten die Schädel einzuschlagen. Und wo, wie innerhalb der Westlichen Welt, Handgreiflichkeiten tabuisiert sind, greift man sich mit Worten an sowie mit geschäftlichen Strategien, Taktiken, Kniffen, Fallen. Wenn an Schulen und Universitäten noch gelehrt wird – es ist immer seltener so -, dass wirtschaftlicher (und politischer) Wettbewerb darin besteht, bessere, preiswertere Produkte und Vertriebswege (oder vernünftigere Lösungen für gesellschaftliche Probleme) als die Konkurrenz zu erfinden, dann ist das reine Heuchelei. Zukunft hat in den Unternehmen (und politischen Parteien) in aller Regel nur, wer die Konkurrenz übertönt, austrickst, besticht, übervorteilt, erdrückt oder übernimmt. Damit kein Zweifel darüber bestehen kann, dass das Gesetz des Dschungels herrscht, wird von Bewerbern ausdrücklich Aggressivität verlangt.

Im Kulturbetrieb ist es nicht viel anders. Ein Künstler kann noch so kreativ, feinfühlig, handwerklich perfekt sein; wenn er um seine Erzeugnisse nicht mehr Rummel als die Konkurrenz macht, also nicht aggressiver als jene ist, wird er kaum beachtet.

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Geigenvirtuose vor Ort

Irvine Arditti gibt Konzert im San Martín-Theater

Von Susanne Franz

Der britische Star-Geiger Irvine Arditti gibt im Rahmen seiner Argentinienreise – als Leiter einer internationalen Jury wählt er vor Ort die zukünftigen Mitglieder eines Streichquartetts der Universidad Tres de Febrero (mit) aus – ein einziges Konzert im Casacuberta-Saal des San Martín-Theaters (Av. Corrientes 1530). Bei freiem Eintritt spielt Arditti am Dienstag, dem 21. Juni, um 21 Uhr, Werke von Iannis Xenakis, James Dillon, Gabriel Valverde, Brian Ferneyhough, Mario Lavista, Hilda Paredes und Salvatore Sciarrino. Karten kann man ab zwei Stunden vor Konzertbeginn an der Theaterkasse abholen. Irvine Arditti ist Direktor und Erster Geiger des von ihm gegründeten Arditti String Quartet und auch als Solo-Künstler einer der gefragtesten Interpreten zeitgenössischer Musik weltweit.

“50 Jahre, 50 Plakate, eine Geschichte”

50 Jahre Amnesty International: Ausstellung im Centro Cultural Borges

Von Charlotte Dötig

Nur Wenigen ist es gegönnt, Richtung Sonne zu fliegen, ein Großteil ist gefangen, eingesperrt hinter Gittern, hinter den Eisenstäben der Mächtigen. Die Abbildung der Tauben, von denen ich spreche, ist nur eine von vielen Darstellungen, die zum Kampf gegen die brutale Ungerechtigkeit auf der Welt aufrufen. Es ist nur eines von vielen Plakaten, die in den letzten 50 Jahren aus der Bewegung gegen Folter und Misshandlung entstanden sind – eines der 50 Plakate, die bei der Ausstellung zum 50-jährigen Bestehen von Amnesty International jetzt auch in Buenos Aires gezeigt werden. Die Eröffnungsfeier am Donnerstag, dem 9. Juni, im Centro Cultural Borges, war ein Anstoß, die Aufmerksamkeit auf das Geschaffte zu lenken, und eine Ermutigung, in die Zukunft zu schauen. Eine Ausstellung, offen für alle, die auf die erschreckend reale Gewalt hinweist und doch voller Hoffnung ist.

Auch wenn weiterhin Verzweiflung in der Welt herrscht, schwang an diesem Abend beim Geburtstags-Toast Stolz mit. Denn es ist möglich, etwas zu ändern, wenn man den Mut hat, etwas zu bewegen, und zugleich ist es ein endloser Kampf.

Von Chile über die Schweiz bis nach China haben sich in den letzten 50 Jahren Berühmtheiten wie Pablo Picasso oder Muhammad Ali und unbekanntere Menschen für die Menschenrechte weltweit eingesetzt. Die Kerze, das Symbol von Amnesty, ist umwickelt von Draht. Es ist ein Hoffnungsbringer, doch noch immer ist Vielen das Leben an der Sonne verwehrt.

  • “Amnistía Internacional: 50 años, 50 posters, una historia”. Centro Cultural Borges, Viamonte/San Martín. Mo-Sa 10-21, So und feiertags 12-21 Uhr. 9.6.-3.7.

Kalender / Agenda

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Ausstellungskalender 18/06/11-25/06/11

Von Susanne Franz

Noch bis zum 20. Juni . der in Argentinien ein Feiertag ist (Día de la Bandera/Tag der Fahne) – findet im Centro Cultural Recoleta die vierte Ausgabe des Jugend-Kunstfestivals “Ciudad Emergente” statt, das vom Kulturministerium der Stadt Buenos Aires organisiert wird.

In diesem Jahr werden Konzerte, Kino, Kunstausstellungen, Tanzvorführungen, Street-Dancing (Foto), Lesungen, Modenschauen, Stand-up-Comedy und allerlei Arten der Kommunikations- und Kunstformen des 21. Jahrhunderts geboten. Infos: 0-800-333-7848 oder auf der Webseite der Stadt.

Die Ausstellungen der Woche:

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Agenda / Kalender

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Agenda de Muestras 18/06/11-25/06/11

Por Susanne Franz

Este fin de semana, hasta el lunes, 20 de junio (feriado en la Argentina), sigue desarrollándose en el Centro Cultural Recoleta, la cuarta edición de “Ciudad Emergente”, el Festival que refleja la cultura joven en todas sus formas de expresión, organizado por el Ministerio de Cultura de Buenos Aires.

Este año se podrá disfrutar de música, cine, arte, danza callejera (foto), moda, letras, stand up y todas las formas de comunicación y expresión artística propias del siglo XXI. Mayor información: 0-800-333-7848 o en el sitio de la Ciudad.

Las muestras de la semana:

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Magisches Theatererlebnis für die ganze Familie

“Voyageurs immobiles” von Philippe Genty

Von Susanne Franz

Es geht weiter in der internationalen Spielzeit des San Martín-Theaters: In der kommenden Woche kann man sich auf fünf Vorstellungen des Werks “Voyageurs immobiles (Viajeros inmóviles)” des berühmten französischen Theaterregisseurs Philippe Genty freuen. Am 22., 23. und 24. Juni, jeweils um 20.30 Uhr, sowie am 25. Juni um 15 Uhr und um 20.30 Uhr, wird das Stück im Martín Coronado-Saal gezeigt. Genty schuf das Werk 1995 gemeinsam mit Mary Underwood und reiste damit bereits durch die ganze Welt. “Viajeros inmóviles” ist ein für die ganze Familie empfehlenswertes Theatererlebnis. Karten kosten 45.- bzw. 30.- Pesos.

Carlos, ein Ereignis

Assayas-Film lief in Argentinien an

Von Charlotte Dötig

“Mein Name ist Carlos, ihr habt bestimmt von mir gehört!” Das haben wir, spätestens seit seine Lebensgeschichte von Olivier Assayas verfilmt wurde und das Meisterwerk auch in den hiesigen Kinos zu sehen ist. Carlos ist ein lebender Mythos, ein Terrorist mit der Ausstrahlung eines Revolutionärs und ein Frauenverführer. Gespielt wird der geldgierige Killer und Blender von dem venezolanischen Schauspieler Édgar Ramírez, der es auf ganz besondere Weise schafft, den Zuschauer in den Zwiespalt zwischen Abscheu und Sympathie zu zwingen. Als Söldner der Volksfront zur Befreiung Palästinas kämpft Carlos brutal für seine Ideale, und zugleich setzt er sich dabei für eine politische Bewegung ein, die er selbst kaum zu verstehen scheint.

Auch schon in der Kurzfassung dieses fünfstündigen Spektakels, das trotz Darstellungen langer detaillierter Prozesse wie den Überfall auf die OPEC-Konferenz in Wien nie langweilig ist, wird deutlich, dass es nicht nur um die Person Carlos an sich geht, sondern um die sich in seiner Persönlichkeit spiegelnde Situation des Kalten Krieges. Carlos ist ein historisches Ereignis, das wird deutlich, und doch werden wohl die meisten überwältigten Kinobesucher nach dem Film genau eine Frage diskutieren: Wer ist Carlos?

  • “Carlos” – Frankreich/Deutschland 2011. 165 Min. Drama ab 16. Originalsprachen mit Untertiteln. Regie: Olivier Assayas. Mit Édgar Ramirez, Alexander Scheer und Alejandro Arroyo.

Borges-Labyrinth in Venedig

Lagunenstadt ehrt den argentinischen Autor zum 25. Todestag

Von Susanne Franz

Zu Ehren des argentinischen Schriftstellers Jorge Luis Borges wurde anlässlich seines 25. Todestags am 14. Juni ein Labyrinth in Venedig eingeweiht. Es basiert auf einem Entwurf aus den 80er Jahren des 2005 verstorbenen britischen Diplomaten und “Labyrinthologen” Randoll Coate und besteht aus einer drei Kilometer langen Ligusterhecke aus 3000 Pflanzen, die eine Höhe von 75 Zentimetern aufweist und, auf einer Fläche von 2300 Quadratmetern angeordnet, den Namen des Geehrten darstellt. Die italienische Stiftung Giorgio Cini hat das Labyrinth nach dem Vorbild eines bereits 2003 nach Coates Plänen errichteten Irrgartens auf der “Finca Los Alamos” in der argentinischen Provinz Mendoza, in den Gärten der Kirche San Giorgio Maggiore auf der gleichnamigen Insel errichten lassen, die durch den Canal Grande vom Markusdom getrennt ist. Hier sollen nun im Sommer immer Konzerte und Filmvorführungen stattfinden.

Gastspiele aus Frankreich in Buenos Aires

“22h13” und “La ferme des concombres” im Theater San Martín

Von Susanne Franz

“22h13” und “La granja de los pepinos” heißen die beiden Gastspiele französischer Theaterleute, die kommende Woche im Theater San Martín aufgeführt werden. Im Casacuberta-Saal werden am 16,., 17., 18. und 19. Juni um 20.30 Uhr vier Vorstellungen von Pierrick Sorins Einpersonenstück “22h13” (Foto) mit dem Schauspieler Nicolás Sansier geboten. Der Videokünstler Sorin kombiniert in “22h13” Theater mit visueller Performance.

Am 17. und 18. Juni, um 20.30 Uhr, wird im Cunill Cabanellas-Saal Patrick Robines “La ferme des concombres” (La granja de los pepinos) aufgeführt. Robine beweist in dem Einpersonenstück seine unglaubliche Wandlungsfähigkeit als Schauspieler. Der Eintritt zu beiden Stücken, die auf Französisch mit spanischen Untertiteln gezeigt werden, beträgt 45 Pesos (Av. Corrientes 1530).

Verzauberte Augenblicke

Ulrike Ottingers Fotos in der FotoGalería des San Martín-Theaters

Von Charlotte Dötig

Leise wurde der Kaffee ausgetragen und gedämpftes Gemurmel erfüllte den Raum, als um 19 Uhr am Dienstagabend eine der wohl beeindruckensten deutschen Fotografinnen, die Eröffnung ihrer ersten Ausstellung in Buenos Aires feiern durfte. Seitdem ziehen auf der Empore, die die große Eingangshalle des Theaters San Martín umgibt, eindrucksvolle Fotografien die Betrachter in ihren Bann. Jedes einzelne Bild Ulrike Ottingers erzählt eine Geschichte. Doch ist es nicht das perfekt gestellte Szenario, das durch gezielte Position der Figuren eine bestimmte Reaktion im Beobachter hervorruft, und auch nicht die im richtigen Moment geschossene, eingefrorene Alltagsszene. Vielmehr ist es der Widerspruch der simplen Realität, die durch den präzise gewählten Bildausschnitt absolut surreal aussieht, und die Darstellung des vollkommen Surrealen, das in seiner Abstraktion verblüffend real wirkt, was jeden Vorübergehenden fesselt.

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