Film ab!

Das 13. Deutsche Kinofestival steht vor der Tür

Von Susanne Franz


Wunderschöne Landschaften, schnelle Autos, brave, geschniegelte Schulkinder: Alles scheint perfekt in deutschen Landen. Doch unter der Oberfläche brodelt das Böse, lauern das Perverse, die Langeweile und die Gnadenlosigkeit: Mit der Satire “Finsterworld” wird das diesjährige 13. Kinofestival von Buenos Aires am Donnerstag, den 12. September, eröffnet. Die Regisseurin und Co-Autorin Frauke Finsterwalder reist persönlich an, um ihren Film dem Publikum in Argentinien vorzustellen.

Bis Mittwoch, den 18. September, haben Kinoliebhaber die Gelegenheit, die jüngsten Produktionen talentierter junger Filmschaffender in 11 Langspielfilmen und einem Kurzfilmprogramm kennenzulernen. Alle Filme laufen im Saal 6 des Kinokomplexes Village Recoleta, Junín/Vicente López, Buenos Aires. Der Vorverkauf hat am 7. September bereits begonnen.

Einzelkarten kosten 50 Pesos, es gibt auch ermäßigte Abos. Der Stummfilm mit Livemusik, der das Festival traditionsgemäß abschließt, kostet 62 Pesos Eintritt. Informationen zu den Filmen, zum Publikumspreis etc. finden Sie auf der Webseite des Festivals.

Hier einige Filmkritiken:

“Am Himmel der Tag”

Von Carlo-Johannes Schmid


Wilde Küsse, herzhaftes Lachen, Bier, Longdrinks, Schnaps, noch mehr Küsse, Sex und Leidenschaft – am Wochenende. Kopfweh, Aspirin, Übelkeit, Spaghetti, lustlose Lernerei, noch mal Spaghetti und Warten auf das Wochenende – grauer Alltag. Ja, “Am Himmel der Tag” zeigt das Leben einer Studentin. Oder besser gesagt, das Bild einer ganzen Generation von Studenten. Immer auf der Suche nach ein bisschen Authentizität im Leben. Wer bin ich? Was studiere ich da eigentlich? Und wie sieht die Zukunft aus? Mit diesen Fragen schlägt sich die 25-jährige Hauptperson des Films, Lara, herum. Da kommt es ihr nach anfänglichen Zweifeln gar nicht mal so ungelegen, dass sich das zweite große Thema des Films überraschend ankündigt. Das Leben selbst. Lara ist plötzlich schwanger. Ein Schock. Denn das Leben geht weiter, das Studium, die Partys, die Lernerei. Nur eins ist jetzt anders, es hat einen Sinn. Dies erkennt Lara und entschließt sich, das Kind zu behalten. Sie will Verantwortung übernehmen für ihr Leben.

Die anfängliche Skepsis weicht der Vorfreude. Sie bereitet alles auf das Leben mit ihrem Kind vor, freut sich mit ihrer besten Freundin über ihre wachsenden Brüste und streicht das Zimmer. Die junge Studentin meistert alle Veränderungen mit einer erstaunlichen Leichtigkeit und Begeisterung. Bis das Leben erneut zuschlägt. Und wieder muss es einfach weitergehen.

“Am Himmel der Tag” ist der erste Langspielfilm der Regisseurin Pola Beck. Die damit selbst erst ihr Studium an der Filmhochschule “Konrad Wolf” beendete. Die Hauptdarstellerin Aylin Tezel, gewann für die Rolle der “Lara” 2012 den Preis als “beste Schauspielerin” beim 30. Torino Filmfestival.

“Speed”

Von Maren van Treel


Speed, die “Droge” unserer Gesellschaft. Technik und Maschinen takten unser Leben, eine einzige Effizienzsteigerung. Am Ende steht für immer mehr Menschen die totale Erschöpfung: der Burn-Out. “Wollen wir so leben?”, lautet die Frage, die sich Florian Opitz, Dokumentarfilmemacher und Autor, stellt. Und warum tun wir es überhaupt? Davon handelt sein Dokumentarfilm “Speed – auf der Suche nach der verlorenen Zeit”.

“Was? Eine Stunde und 37 Minuten dauert der Film? Kann ich mir das leisten? Ich muss doch noch…”, denke ich zu Beginn des Films. Moment. Innehalten. Genau so sieht sie aus, die Beschleunigung der heutigen Zeit. Opitz sucht aber nicht nur nach deren Ursache, sondern auch nach anderen Lebenskonzepten. Das führt ihn zu Therapeuten, mehr oder weniger hilfreichen Selbsthilfe-Gurus und Wirtschaftsvertretern, aber auch in ferne Länder und zu Menschen, die ihr ganz eigenes Konzept des langsamen Lebens entwickelt haben.

Auch wenn einige der Ergebnisse schon bekannt sind, ist der Film doch eine gute Zusammenfassung, in der der Zuschauer manches Mal überrascht wird. Sehenswert ist er aber vor allem als Ausgangspunkt für die eigene Suche nach Auswegen aus der ständigen Rastlosigkeit. Diese Zeit sollte man sich nehmen, es geht schließlich um die eigene Lebensqualität.

“Hannah Arendt”

Von Marcus Christoph


Regisseurin Margarethe von Trotta hatte schon mit ihrem Film über Rosa Luxemburg einer bedeutenden Frau der deutschen Geschichte ein cineastisches Denkmal gesetzt. Nun lässt sie mit “Hannah Arendt” ein weiteres folgen. Als Hauptdarstellerin setzte von Trotta auch diesmal auf Barbara Sukowa. Dieser gelingt es, die deutsch-jüdische Philosophin überzeugend darzustellen. Dabei erhebt der Film nicht den Anspruch, das ganze Leben Arendts nachzuzeichnen. Er beschränkt sich auf die Zeit des Prozesses gegen den NS-Verbrecher Adolf Eichmann, den die Philosophin in ihrer berühmten Analyse der “Banalität des Bösen” beschreibt. Arendt wohnt der Gerichtsverhandlung in Jerusalem bei. Eichmann nimmt sie nicht als “Monster” wahr, sondern als mittelmäßigen Bürokraten. Als dieser verkörpere er das moderne Böse, das nicht dämonisch, sondern banal sei.

Der Film zeigt auch die Anfeindungen, denen Arendt nach Veröffentlichung ihrer Studie ausgesetzt war. Ihre Kritik an den Judenräten, die sie der Kollaboration mit den Nazis bezichtigte, war für viele nicht hinnehmbar. Weggefährten im New Yorker Emigrantenmilieu oder in Israel wenden sich von ihr ab.

In dem Film sind Rückblenden zu sehen, die Arendt mit ihrem früheren Mentor Martin Heidegger zeigen. Die komplexe Beziehung zwischen der Jüdin und dem Philosophen, der zeitweise mit der NS-Bewegung sympathisierte, wird aber leider nur kurz beleuchtet. Trotzdem ist “Hannah Arendt” ein sehenswertes Drama, bei dem man viel über Geschichte lernt.

“Transpapa”

Von Susanne Franz


Die Fete zu ihrem 15. Geburtstag endet mit viel Müll – und dann macht auch noch der Angebetete Schluss. Ihre Freundin erzählt ihr am Handy, wie er in der Schule über sie herzieht. Maren (Luisa Sappelt) ist am Boden zerstört. Doch es soll noch schlimmer kommen: Ihre Mutter beichtet ihr, dass ihr Vater nicht etwa wie vermutet als Aussteiger seit Jahren in Nepal lebt, sondern in einem Vorort von Köln, und dass er jetzt Sophia heißt und als Frau lebt. Nach dem ersten Schock macht Maren sich heimlich auf, ihn/sie zu besuchen, ihrer Mutter tischt sie eine Lügengeschichte auf. Sophia (Devid Striesow) ist mindestens ebenso nervös wie Maren, als sie sie am Bahnhof abholt. Was nun? Wie werden die beiden ihre Beziehung definieren in einem Moment, in dem sie beide in Umbruchphasen stecken – und in denen beider Hormone ziemlich verrückt spielen?

Das Schöne an “Transpapa” ist, dass hier ein komplexes Thema als warmherzige, “kleine” Geschichte erzählt wird. Maren und Sophia sind auf Neuland und bewegen sich behutsam aufeinander zu, ohne großartige Lösungen parat zu haben. Eine sehr menschliche Geschichte und ein sehr gelungenes Langfilmdebüt der jungen Regisseurin Sarah Judith Mettke, die damit auch ihre eigene Geschichte verarbeitet.

“Schuld sind immer die anderen”

Von Carlo-Johannes Schmid

Ein Film über Reue und Vergebung, in dem sowohl Täter als auch Opfer auf eine harte Probe gestellt werden. Ben ist ein krimineller Jugendlicher ohne Perspektive, der sich mit einem brutalen Überfall endgültig auf das falsche Gleis katapultiert. Zusammen mit einem Komplizen raubt er eine Frau aus und verprügelt die am Boden Liegende. Die Konsequenz seines Lebenswandels holt ihn bald ein: Knast. Dort sitzt er wegen kleinerer Delikte. Der Überfall konnte nicht aufgeklärt werden. Dass es im Gefängnis nicht angenehm ist, bemerkt er, als er selbst Prügel einstecken muss, deshalb lässt er sich auf das Angebot des Sozialarbeiters Niklas ein. Dieser nimmt ihn mit in den freien Vollzug in die Einrichtung “Waldhaus”, die er zusammen mit seiner Frau Eva führt. Dort gibt es weder Zäune noch Mauern, dafür aber einen straffen Tagesablauf, viele Regeln und ein Bewertungssystem, durch das man sich in der Hierarchie nach oben arbeiten kann. Das Ziel ist der sogenannte Täter-Opfer-Ausgleich, der besagt, wenn der Täter ehrlich bereut, wird ihm das Opfer auch verzeihen. Anfangs sträubt sich Ben gegen alle Regeln, findet sich aber bald besser zurecht. Er fängt an, eine Zukunft für sich zu sehen und träumt von einer Ausbildung als Automechaniker. Als jedoch Eva aus dem Urlaub kommt, muss Ben entsetzt feststellen, dass es sich bei der Frau von Niklas um sein Prügelopfer handelt.

Der Regisseur Lars-Gunnar Lotz beleuchtet in “Schuld sind immer die anderen” nicht nur die Rolle des Gewalttäters und dessen Versuch der Besserung. Er zeigt auch, wie schwer es ist, zu verzeihen. Auch für Eva, die Jugendlichen seit Jahren beibringt, dass Vergebung möglich ist.

“Wir wollten aufs Meer”

Von Marcus Christoph


Wer die DDR frei nach Günter Grass als “kommode Diktatur” wahrgenommen hat, der bekommt bei dem Politdrama “Wir wollten aufs Meer” eine härtere Version totalitärer Herrschaft vor Augen gehalten. Düster, voller Intrigen, Verrat und brutaler Gängelung stellt Regisseur Toke Constantin Hebbeln in seinem zweiten Langfilm den “Arbeiter- und Bauernstaat” dar. Im Zentrum der Handlung stehen mit Cornelis (Alexander Fehling) und Andreas (August Diehl) zwei junge Männer, die 1982 nach Rostock kommen, um möglichst bald als Matrosen in die weite Welt zu fahren. Doch sie finden nur Beschäftigung am Hafen. In dieser Situation bietet die Stasi an, die beiden zur Handelsmarine zuzulassen, wenn sie den zur Flucht bereiten Vorarbeiter Matthias (Ronald Zehrfeld) aushorchen. Das Drama nimmt seinen Lauf, als dessen Fluchtversuch scheitert und der Bespitzelte in den Knast muss. Andreas dient sich der Stasi an. Cornelis hingegen leidet an Gewissensbissen und versucht schließlich selbst, mit seiner vietnamesischen Freundin Phuong Mai (Thao Vu) über die tschechische Grenze in den Westen zu entkommen. Phuong Mai schafft die Flucht, Cornelis aber wird verhaftet. Im Gefängnis trifft er seinen einstigen Vorarbeiter Matthias wieder. Während sie in der Haft Schikanen ausgesetzt sind, intrigiert der zum hauptamtlichen Stasi-Mitarbeiter aufgestiegene Andreas eifrig gegen seinen einstigen Freund.

Unter dem Strich ein beklemmender Film darüber, was ein totalitäres Regime mit Menschen anstellen kann.

“Freier Fall”

Von Susanne Franz


Wer in einem Läuferfeld an erster Position liegt, muss schon eine besondere Persönlichkeit besitzen, um nicht nervös zu werden, wenn ihm die anderen dicht auf den Fersen sind. Der Film “Freier Fall” beginnt mit einem Läufer, der ganz entspannt ein Rudel schwitzender Polizeischüler anführt. Hinter ihm keuchend ein anderer, der schon bald mit Seitenstechen aufgeben muss. Kay (Max Riemelt), der Erste, und Marc (Hanno Koffler), der Zweite, geraten im Laufe der Fortbildung aneinander und werden beide gerügt. Danach rauchen sie eine Zigarette zusammen, dann einen Joint, dann laufen sie gemeinsam. Eins kommt zum anderen – die beiden stürzen sich in eine heftige Affäre.

Marcs “normales Leben” bleibt davon zunächst unberührt. Mit seiner hochschwangeren Freundin ist er gerade in ein von den Eltern und Schwiegereltern finanziertes Haus gezogen, das auch noch direkt an die Häuser der vier Eltern grenzt. Kein Wunder, dass der Mann nicht atmen kann. Dort wäre Marc wahrscheinlich alt geworden und hätte das ganz normal gefunden, doch Kay hat sich in ihn verliebt und taucht unvermutet als neuer Kollege bei Marcs Arbeit auf. Und die beiden können die Finger nicht voneinander lassen. Als Marcs Sohn geboren wird, macht er mit Kay Schluss, doch da kann er schon nicht mehr zurück in sein altes Leben. Wohin es gehen soll, weiß er auch nicht: Er steht vor einem Trümmerhaufen. Dennoch sieht man am Ende, wie Marc – erneut bei der Fortbildung – das Feld anführt. Von Atemschwierigkeiten keine Spur.

Die Sexszenen im Film vermitteln die intensive erotische Anziehung zwischen beiden Männern, “nackte Tatsachen” werden hingegen kaum gezeigt. Regisseur Stephan Lacant hätte sein Langfilmdebüt gar nicht im Polizistenmilieu ansiedeln müssen. Es wäre auch so ein guter Film geworden.

“Finsterworld”

Von Carlo-Johannes Schmid

Der Eröffnungsfilm des 13. Deutschen Kinofestivals ist das Spielfilmdebüt von Frauke Finsterwalder. Sie führte Regie und schrieb zusammen mit ihrem Mann, dem Schweizer Schriftsteller Christian Kracht, das Drehbuch. Im Film wird der Zuschauer auf eine Reise geschickt unter die Oberfläche der deutschen Gesellschaft. Die Dinge, die man sonst nicht mitbekommt, kommen zum Vorschein. So folgt man in dem Film verschiedenen Charakteren mit ihren Vorlieben und Macken, die alle eine eigene Geschichte erzählen und am Ende doch auf teils dramatische Weise zusammenhängen und kollidieren.

Ein wohlhabendes Ehepaar jettet um die Welt. Dabei geht es seiner Lieblingsbeschäftigung nach, sie beschweren sich über die schlechten Zustände, die in Deutschland herrschen und wie viel besser es früher war. Währenddessen beschwert sich ihr verzogener Sohn über einen langweiligen Besuch eines ehemaligen Konzentrationslagers und lässt sich zu dem ein oder anderen geschmacklosen Scherz hinreißen, mit teils schwerwiegenden Auswirkungen für seinen Lehrer. Der Junge scheint die Ignoranz seiner Eltern zu genießen, was man von seiner Großmutter nicht behaupten kann. Sie fristet ein einsames Leben, abgeschoben in einem Altersheim. Da es ihrem Fußpfleger, der ihre Hornhaut sammelt, ähnlich zu gehen scheint, fangen die beiden eine Liebschaft an. Ergänzt werden die kuriosen Vorlieben der Charaktere von einem Polizisten, der sich am liebsten als Kuscheltier mit Gleichgesinnten trifft und einem einsamen, im Wald lebenden Mann, der auf seine spezielle Art auf die Zerstörung seines Lebensraumes reagiert.

“Finsterworld” ist kein Wohlfühlkino, eher hinterlässt er ein mulmiges Gefühl. Eine vordergründig heile Welt wird auf satirische Weise als Lügengebilde entlarvt.

Bunt gemischt

13. Deutsches Kinofestival in Buenos Aires vom 12. bis 18. September

Von Carlo-Johannes Schmid


Bald ist es wieder soweit, der deutsche Film präsentiert sich in Argentinien. Bereits zum 13. Mal findet das Deutsche Kinofestival in Buenos Aires statt. Vom 12. bis 18. September werden 11 Langspielfilme und 13 Kurzfilme im Kinokomplex Village Recoleta gezeigt. Das Publikum kann sich auf eine spannende Mischung aus neuen aufstrebenden Filmemachern sowie bekannten Größen aus der Branche freuen. Auch die Genres sind bunt gemischt, so dass für jeden etwas dabei sein sollte.

Den Auftakt dieses Jahr macht die Regisseurin Frauke Finsterwalder mit ihrem ersten Langspielfilm “Finsterworld”, der dieses Jahr auf den Münchner Filmfestspielen seine Uraufführung feierte. Und nicht nur der Film wird zu sehen sein, auch die Filmemacherin kommt nach Buenos Aires, zusammen mit dem Produzenten des Films Phillip Worm. Für Finsterwalder ist es eine Art “Heimspiel”, da sie zusammen mit ihrem Mann Christian Kracht zwei Jahre in Buenos Aires gelebt hat. Schließen wird das Festival ein Film, den man in der Art nicht so oft zu sehen und zu hören bekommt: Der Stummfilm-Klassiker “Berlin – Die Sinfonie der Großstadt” von Walther Ruttmann (1927) wird live von Marcelo Katz und seinem beliebten Orchester “Mudos por el Celuloide” begleitet.

Ein weiteres Highlight ist sicherlich die Premiere von “Hannah Arendt” der berühmten Regisseurin Margarethe von Trotta. Und der Besuch einer weiteren Filmemacherin: Youdid Kaheci wird zu Gast sein und ihren Kurzfilm “ECO” vorstellen.

Nicht persönlich, aber mit seinem neuen Film “Schlussmacher” wird Regisseur/Schauspieler Matthias Schweighöfer Komödienfreunde beglücken. Eine ganze Generation auf Sinnsuche zeigt der Film “Am Himmel der Tag” der jungen Regisseurin Pola Beck. Das DDR-Drama “Wir wollten aufs Meer” von Toke Constantin Hebbeln und der Jugendfilm “Die Vampirschwestern” von Wolfgang Groos sind weitere Beispiele des talentierten Filmnachwuchses aus Deutschland.

Mit großer Spannung kann man auch den Dokumentarfilm “Speed” von Florian Opitz erwarten, in dem der Regisseur der Frage nachgeht, warum die Menschen heute immer weniger Zeit haben. Wer sich die Zeit nimmt und das gesamte Programm des 13. Deutschen Kinofestivals anschaut, wird merken, dass noch viele weitere großartige Filme auf die Besucher warten. Das Programm kann man sich auf der Internetseite des Deutschen Kinofestivals anschauen.

Nicht nur der Besuch, sondern auch die Meinung des Publikums zählt. Nach jedem Film gibt es die Möglichkeit, die Filme auf Zetteln zu bewerten, der Favorit wird dann mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. Die Besucher nehmen an Auslosungen teil, bei denen verschiedene Preise winken.

Die Eintrittskarten fürs Festival kosten dieses Jahr 50 Pesos für die Einzelkarte (mit Ausnahme des Stummfilms, 62 Pesos). Für Filmfreaks gibt es auch die Varianten 6×5 und 10×8 (sechs Karten für den Preis von fünf bzw. zehn für den Preis von acht). Der Vorverkauf beginnt am Donnerstag, 5. September.

Foto:
Szene aus dem Dokumentarfilm “Speed”.

Außenseiter aus Leidenschaft

Retrospektive des deutschen Filmemachers Werner Schroeter in Buenos Aires

Von Carlo-Johannes Schmid


Er ist der große Außenseiter des deutschen Films und der Opern- und Theaterbühnen, einer, der konsequent die Schönheit, die Sinnlichkeit, das Schillernde und das Zerbrechliche gegen die Wirklichkeit verteidigte. Einer, der sich von den Kinorealisten heraushob wie kein Zweiter. Seine Filme waren weder kommerzielle Erfolge, noch wurden sie unter Kritikern frenetisch gefeiert. Er war dem breiten Publikum nie so bekannt wie seine Zeitgenossen Werner Herzog oder Rainer Werner Fassbinder, dennoch ist die Bedeutung Werner Schroeters für den “Neuen Deutschen Film” enorm.

Werner Schroeter ist im Jahr 2010 im Alter von 65 Jahren gestorben. In Buenos Aires bekommt man nun in einer umfangreichen Veranstaltungsreihe die Gelegenheit, diesen Künstler besser kennenzulernen. Ab dem heutigen Samstag (und bis zum 1. September) werden 19 seiner Filme im Rahmen der vom Goethe-Institut Buenos Aires organisierten Werkschau “Die unerträgliche Wirklichkeit überwinden” im Lugones-Saal des Teatro San Martín (Av. Corrientes 1530) gezeigt.

In die Veranstaltungsreihe führte am gestrigen Freitag Schroeters Weggefährte, der Produzent Frieder Schlaich, ein, der in der Universidad del Cine den Vortrag “Produktion und Verleih innovativer Filme am Beispiel Werner Schroeter” hielt. Ergänzt wird die Retrospektive auch von der Buchpräsentation “Schroeter, una autobiografía” (Verlag Mardulce), die am Dienstag, den 20. August, um 19.30 Uhr, bei freiem Eintritt im Lugones-Saal stattfinden wird.

Schroeter selbst war mehrmals in Argentinien. 1983 folgte er einer Einladung des Goethe-Instituts, die auf Initiative von Marielouise Alemann ausgesprochen wurde. Er hielt ein Seminar über Experimentalfilme und fing an, einen Film in den Elendsvierteln der Stadt zu drehen. Dabei interviewte er auch Vertreter von Menschenrechtsorganisationen. Zwischenzeitlich musste Schroeter das Projekt jedoch aufgrund von Drohungen rechtsextremer Gruppen abbrechen. Zwei Jahre später kam er zurück und drehte den Film “De L’Argentine” (1983-1985) mit Hilfe von Freunden und Schülern zu Ende. Im Rahmen der nun stattfindenden Werkschau wird der Film erstmals in Argentinien gezeigt; das argentinische Filmteam, das Werner Schroeter damals begleitete, wird bei der Vorführung anwesend sein.

Hört man seine Weggefährten und Kollegen über Werner Schroeter reden, bekommt man eine Ahnung von seiner kreativen Persönlichkeit und seinem bewegten Leben. So sagte Rainer Werner Fassbinder: “Werner Schroeter hat als einer der wenigen Menschen auf dieser Erde die Gabe des Künstlerblicks und, wer weiß, auch das seltene Privileg, in die Mysterien des Universums einzudringen.” Elfriede Jelinek nannte ihn gar einen Gott: “Ein Gott langweilt sich nie, denn auch sein Nichtstun ist Arbeit. So war Werner.”

Doch letztendlich machte auch vor ihm der Tod nicht halt. Als er 2010 nach langer Krebskrankheit starb, veröffentlichte der “Spiegel” einen emotionalen Abschiedsbrief seines ehemaligen Geliebten Rosa von Praunheim, der einen sehr persönlichen Einblick in Schroeters Leben gibt. Darin beschreibt Praunheim Schroeter als einen “perversen Poeten, ein Zauberer des Lichts und der Schönheit”, als einen “rastlosen Wanderer, der mit seinem schwarzen Anzug und großem Hut und einer kleinen Tüte um die Welt reiste”. Die Beiden hatten sich in den 60er Jahren auf dem Experimentalfilmfest im belgischen Knokke kennengelernt, einem Treffpunkt internationaler Undergroundfilmer – für Schroeter eine Initialzündung. Er verstand sich fortan endgültig als Filmemacher.

Geboren am 7. April 1945 im thüringischen Georgenthal, wusste er jedoch schon früher, wohin ihn seine Reise führen sollte. Mit fünf Jahren äußerte er bereits den Wunsch, Filmregisseur zu werden.

Werner Schroeter wuchs in Bielefeld und Heidelberg auf. Dort hatte er mit 13 Jahren am Küchentisch seiner Familie ein richtungweisendes Erlebnis: Er hörte die Radioübertragung einer Opernarie von Maria Callas. Das brachte ihn nicht nur zum ersten Mal mit dem Thema Oper in Berührung, fortan war die Sängerin das einzige Idol seines Lebens. In Interviews bezeichnete er sie als Botin zwischen Gott und den Menschen. Auch einige seiner ersten Filme widmete er der Operndiva.

Schroeter zog es dann schnell von zu Hause weg, er war ein Ausreißer, der mit 14 Jahren alleine in Italien zur Schule ging, es später nur ein paar Wochen an der Münchner Filmhochschule aushielt und daraufhin nach Berlin zog, um Filme zu machen. Das Handwerk brachte er sich selbst bei.


Angefangen mit einer 16-Millimeter-Kamera, die ihm seine Mutter schenkte, drehte er Ende der 60er Jahre immer wieder Low- und No-Budget Filme. Einen ersten Erfolg konnte er mit seinem zweistündigen Experimentalfilm “Eika Katappa” verbuchen, er wurde von der Internationalen Filmwoche Mannheim 1969 mit dem Josef-von-Sternberg-Preis ausgezeichnet.

Neben dem Film arbeitete Schroeter ab 1972 regelmäßig an Theater- und Operninszenierungen in verschiedenen Städten der ganzen Welt mit. Dass ihn das Erlebnis in der Küche seiner Eltern nachhaltig geprägt hatte, merkte man nicht nur an seinem Schaffen auf der Bühne, auch viele seiner Filme sind von der Liebe zur Oper geprägt.

Einen seiner größten Erfolge feierte Schroeter jedoch mit seinem ersten realistischen Film. Für das Drama “Palermo oder Wolfsburg” gewann er 1980 den Goldenen Bären bei den Berliner Filmfestspielen. An derselben Stelle, in Berlin, holte er sich auch seinen letzten Preis persönlich ab: Der Regisseur, der stets offen mit seiner Homosexualität umgegangen war, wurde 2010 für seinen Verdienst als “radikaler Experimentierer und großer Außenseiter des Neuen Deutschen Films” mit dem schwul-lesbischen Teddy Award geehrt.

So verträumt, schillernd und phantasievoll seine Werke sind und sein Leben war, so überraschend nüchtern ging er mit seiner Krankheit und dem Tod um: “Sie gehört zum Leben dazu. Der Tod gehört zum Leben dazu.” Er hinterlässt ein großes Werk, welches es für viele Menschen erst noch zu entdecken gilt. Von Praunheim drückte es so aus: “Ich bin aber sicher, es wird bald wieder eine Generation geben, die dein Werk, lieber Werner, wiederentdecken wird und sich absetzt von dem kommerziellen Scheiß, der bei uns im Moment das Sagen hat. Und man wird zurückblicken auf dein poetisches Werk, mit dem du uns verzaubert hast.”

Infos und Programm hier.

Fotos von oben nach unten:
Werner Schroeter.
(© Filmmuseum München)

Werner Schroeter, “Isabelle Huppert, Goldregen”, Frankfurt, 2009.
(© Werner Schroeter/Christian Holzfuss Fine Arts & Galerie VU)

“Nuit de chien”, Filmszene.
(© Filmmuseum München)

13. Deutsches Kinofestival von Buenos Aires

Vom 12. bis 18. September wird das Neueste und Beste des deutschen Filmschaffens gezeigt

Von Susanne Franz


“Wir haben wieder ein tolles Programm mit vielen schönen Filmen!”, freut sich Gustav Wilhelmi. Der Chef der deutschen Verleihers “German Films” in Argentinien ist mittendrin in den letzten Vorbereitungen für das 13. Deutsche Kinofestival von Buenos Aires, das vom 12. bis 18. September im Kinokomplex Village Recoleta über die Bühne geht. Auch in diesem Jahr setzt Wilhelmi wieder stark auf die sozialen Netzwerke wie Facebook, um “sein” Festival zu promoten.

Unterstützt von der deutschen Botschaft und dem Goethe-Institut Buenos Aires, wird dem kinobegeisterten Publikum der argentinischen Hauptstadt das Neueste und Feinste des deutschen Filmschaffens geboten. Auf dem Programm stehen 11 Langspielfilme, 13 Kurzfilme (zusammengefasst in einem Kurzfilmprogramm) mit Werken junger, aufstrebender Regisseure und ein Stummfilm mit Live-Musik des beliebten Orchesters “Mudos por el Celuloide” von Marcelo Katz als Abschlussfilm.

Die Premiere von “Hannah Arendt” der berühmten Regisseurin Margarethe von Trotta wird eines der Highlights des diesjährigen Festivals sein. Aber man kann sich auch auf den “Lynchesken” Film “Finsterworld” von Frauke Finsterwalder freuen, der soeben auf dem Filmfest München seine Uraufführung hatte, oder die Komödie “Schlussmacher” von und mit Matthias Schweighöfer, das DDR-Drama “Wir wollten aufs Meer” von Toke Constantin Hebbeln und den Jugendfilm “Die Vampirschwestern” von Wolfgang Groos.

Mit großer Spannung kann man auch den Dokumentarfilm “Speed” von Florian Opitz erwarten, in dem der Regisseur der Frage nachgeht, warum die Menschen heute immer weniger Zeit haben.

Details erfährt man in Kürze auf der Webseite des Festivals. Die Eintrittskarten kosten 50 Pesos für die Einzelkarte (mit Ausnahme des Stummfilms, 62 Pesos), für Filmfreaks gibt es auch die Varianten 6×5 und 10×8 (sechs Karten für den Preis von fünf bzw. zehn für den Preis von acht).

Foto:
Sandra Hüller in “Finsterworld”.

Liebesdrama in der DDR

Der deutsche Film “Barbara” – jetzt auch in Argentinien in den Kinos

Von Marcus Christoph


Wer sich für DDR-Geschichte interessiert, der sollte “Barbara” von Regisseur Christian Petzold nicht verpassen. Im Mittelpunkt des Films, der im Jahr 1980 spielt, steht die Ärztin Barbara Wolff (Nina Hoss). Sie hat einen Ausreiseantrag gestellt und ist deswegen von Ost-Berlin in eine Klinik an der Ostseeküste versetzt worden. Doch auch dort will die Staatsmacht die Schritte der unzufriedenen Ärztin genau beobachten. So ist auch Barbaras neuer Chef André Reiser (Ronald Zehrfeld) von der Stasi darauf angesetzt, sie auszuspionieren. Es herrscht eine Atmosphäre aus Misstrauen zwischen den beiden, die jedoch im Laufe des Films allmählich in Zuneigung und Verliebtheit umschlägt.

Barbara gerät zusehends in einen inneren Konflikt. Denn sie hat auch einen Liebhaber in der Bundesrepublik, mit dem sie ihre Flucht in den Westen plant. Andererseits vertieft sich die Beziehung zu André. Eines Nachts steht ein Boot an der Ostsee bereit, das sie nach Dänemark bringen soll. Wie wird sich Barbara entscheiden?

“Barbara” ist ein absolut sehenswertes Drama, das die Lebensrealität in der ehemaligen DDR ungeschönt zeigt. Das alltägliche Misstrauen, die perfide Bespitzelung, die Ausgrenzung Andersdenkender, die allgegenwärtige Melancholie. Ein überzeugend dargestelltes Stück Zeitgeschichte.

Der Film erhielt bei der Berlinale 2012 den Silbernen Bären für die beste Regie. Er erreichte beim Deutschen Filmpreis den Silber-Rang in der Kategorie Bester Spielfilm. Zudem war “Barbara” der offizielle deutsche Kandidat für eine Oscar-Nominierung in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film.

“Barbara” ist seit dem 20. Juni in den hiesigen Kinos zu sehen.

Liebesdrama in der DDR

Der deutsche Film “Barbara” kommt heute in Argentinien in die Kinos

Von Marcus Christoph


Wer sich für DDR-Geschichte interessiert, der sollte “Barbara” von Regisseur Christian Petzold nicht verpassen. Im Mittelpunkt des Films, der im Jahr 1980 spielt, steht die Ärztin Barbara Wolff (Nina Hoss). Sie hat einen Ausreiseantrag gestellt und ist deswegen von Ost-Berlin in eine Klinik an der Ostseeküste versetzt worden. Doch auch dort will die Staatsmacht die Schritte der unzufriedenen Ärztin genau beobachten. So ist auch Barbaras neuer Chef André Reiser (Ronald Zehrfeld) von der Stasi darauf angesetzt, sie auszuspionieren. Es herrscht eine Atmosphäre aus Misstrauen zwischen den beiden, die jedoch im Laufe des Films allmählich in Zuneigung und Verliebtheit umschlägt.

Barbara gerät zusehends in einen inneren Konflikt. Denn sie hat auch einen Liebhaber in der Bundesrepublik, mit dem sie ihre Flucht in den Westen plant. Andererseits vertieft sich die Beziehung zu André. Eines Nachts steht ein Boot an der Ostsee bereit, das sie nach Dänemark bringen soll. Wie wird sich Barbara entscheiden?

“Barbara” ist ein absolut sehenswertes Drama, das die Lebensrealität in der ehemaligen DDR ungeschönt zeigt. Das alltägliche Misstrauen, die perfide Bespitzelung, die Ausgrenzung Andersdenkender, die allgegenwärtige Melancholie. Ein überzeugend dargestelltes Stück Zeitgeschichte.

Der Film erhielt bei der Berlinale 2012 den Silbernen Bären für die beste Regie. Er erreichte beim Deutschen Filmpreis den Silber-Rang in der Kategorie Bester Spielfilm. Zudem war “Barbara” der offizielle deutsche Kandidat für eine Oscar-Nominierung in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film.

“Barbara” ist ab dem heutigen Donnerstag in den hiesigen Kinos zu sehen.

Filmzyklus “Perspectiva Alemania”

Zeitgenössisches deutsches Kino im Cine Cosmos in Buenos Aires

Von Jessica Steglich


Am 16. Mai startet der Filmzyklus “Perspectiva Alemania: Historia(s) de migración, rebelión y cambio”, der vom Goethe-Institut, dem Deutschen Akademischen Austauschdienst DAAD und dem Deutsch-Argentinischen Zentrum der Universidad de Buenos Aires organisiert wird. An vier Tagen werden im Cine Cosmos (Av. Corrientes 2046) in Buenos Aires sechs deutsche Filmproduktionen aus dem zeitgenössischen deutschen Kino zu sehen sein. Die Filme thematisieren auf unterschiedliche Weise historische und soziale Begebenheiten, und wie diese die deutsche Gesellschaft geprägt haben.

Die Filmreihe beginnt am 16. Mai um 20 Uhr mit “Jalda y Anna. Una generación después” (Jalda und Anna. Eine Generation danach), einem Dokumentarfilm über zwei deutsch-jüdische Frauen, die gemeinsam versuchen, die Freude am jüdischen Leben zurückzuerlangen. Die Regisseurin Katinka Zeuner wird anschließend für Publikumsfragen zur Verfügung stehen.

Die Komödie “Bienvenido a Almanya” (Almanya – Willkommen in Deutschland) von Yasemin Samdereli wird am 18. Mai um 20 Uhr und am 19. Mai um 22 Uhr gezeigt. Sie handelt von der Geschichte einer türkischen Familie, die in den 1970er Jahren nach Deutschland einwanderte. Auf einfühlsame Weise schildert der Film die unterschiedlichen Situationen der älteren Generation, und der jüngeren, die in Deutschland aufwuchs.

Die deutsch-polnische Produktion “Los conejos del Muro” (Mauerhase) von Bartek Konopka dokumentiert das Schicksal der zu DDR-Zeiten im deutsch-deutschen Grenzgebiet lebenden Wildkaninchen. Darin wird die Teilung Deutschlands aus der Perspektive der Kaninchen gezeigt, für die die Mauer eine schützende Wirkung hatte und die sich nach dem Mauerfall in Westdeutschland “durchschlagen” mussten. Der Film erhielt 2010 eine Nominierung für einen Oscar der Kategorie “Bester Kurzdokumentarfilm”. Zu sehen ist er im Cine Cosmos am 17. Mai um 19 Uhr und am 19. Mai um 18 Uhr.

“Quién, sino nosotros” (Wer, wenn nicht wir) von Andres Veiel thematisiert die Befindlichkeiten in Deutschland vor dem Umbruchjahr 1968. Erzählt wird die Liebesgeschichte zwischen Gudrun Ensslin und ihrem Ehemann, dem Schriftsteller Bernward Vesper. Mit diesem Porträt schafft Veiel eine neue Betrachtungsweise der Ursachen für die Ereignisse des Deutschen Herbstes. Die Produktion ist am 17. Mai um 22 Uhr und am 19. Mai um 19 Uhr zu sehen.

Zwei weitere Produktionen, “El mal del sueño” (Schlafkrankheit) von Ulrich Köhler – 17. Mai um 20 Uhr und 18. Mai um 22 Uhr – und “Tormenta” (Sturm) von Hans-Christian Schmid – 16. Mai um 20 Uhr und 18. Mai um 18 Uhr – bieten einen Blick auf Deutschland in Zeiten zunehmender internationaler Verstrickungen. Anhand persönlicher Schicksale werden große politische Fragen aufgeworfen: in “Sturm” geht es um die Frage nach dem Sinn der Europäischen Einigung, “Schlafkrankheit” zeigt die Konsequenzen humanitärer Hilfsaktionen auf.

Der Eintrittspreis für die Vorstellungen beträgt 15 Pesos (10 für Studenten und Rentner). Der Verkauf findet im Cine Cosmos statt (Tel.: 011-4953-5405). Mehr Informationen zu dem Event findet man auf der Homepage des Goethe-Instituts.

Foto:
Szene aus “Almanya – Willkommen in Deutschland”.

Glitzernde Leuchteulen vergeben

Das 15. BAFICI ist erfolgreich zu Ende gegangen

Von Jana Münkel


Nur um ein paar Zahlen zu nennen: Insgesamt 370.000 Besucher sahen sich an 12 Festivaltagen an den elf Vorführorten alles in allem 473 Filme an. 1004 offizielle Vorstellungen und 77 Pressevorführungen gab es, 85% der Eintrittskarten wurden verkauft. Mit acht Open-Air-Vorstellungen im Parque Centenario und sechs Konzerten sowie zahlreichen Podiumsdiskussionen gab es auch außerhalb der Kinos viel zu entdecken.

49 Länder nahmen am BAFICI teil, 211 ausländische Gäste reisten an und 650 Journalisten aus aller Welt waren akkreditiert. Doch es genügt nicht, das am Sonntag zu Ende gegangene Buenos Aires Festival Internacional de Cine Independiente lediglich in Statistiken zu beschreiben. Die filminteressierte Stimmung, die tolle Organisation und der bis auf ein paar Untertitelprobleme reibungslose Ablauf lassen sich keineswegs in Zahlen ausdrücken. Dem künstlerischen Leiter Marcelo Panozzo und seinem Team an hauptberuflichen und freiwilligen Helfern gebührt ein großes Lob für die Organisation und Durchführung des 15. BAFICI.

Die Trophäe des BAFICI hat dieses Jahr ein neues Gesicht bekommen: Die lustigen Eulenstatuetten, die im Dunklen leuchten, wurden am vergangenen Samstagabend während einer feierlichen Zeremonie im Village Cines in Recoleta verliehen. Die Jury des internationalen Wettbewerbs kürte den Psychothriller “Berberian Sound Studio” von Peter Strickland zum besten Film. Das Werk aus Großbritannien bekam gleichzeitig den Preis für die beste Kamera. Eine lobende Erwähnung gab es für “Playback”, einen Schweizer Film von Antoine Cattin und Pavel Kostomarov. Matt Porterfield erhielt den Preis des besten Regisseurs für “I used to be darker”.

Als bester Schauspieler wurde Francesco Carril aus dem spanischen Beitrag “Los ilusos” ausgezeichnet, die Eule für die beste Schauspielerin teilen sich María Villar, Agustina Muñoz, Elisa Carricajo und Romina Paula für “Viola” von Matías Piñeiro. Bester argentinischer Film ist “La Paz” von Santiago Loza, ein einfühlsames Existenzdrama um einen jungen Mann der “upper class”. Mit “Metamorphosen” erhielt Sebastian Mez eine lobende Erwähnung für die beste Kamera; es ist der einzige ausgezeichnete deutsche Beitrag. Die Organisation des 16. BAFICI im März 2014 beginnt bereits im Mai. Bleibt nur noch zu sagen: Nach dem Festival ist vor dem Festival!

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Eine Szene aus “La Paz”, dem besten argentinischen Film.

“Kino muss ins Leben wirken”

Der deutsche Regisseur Christoph Hochhäusler ist ein Allrounder – in Buenos Aires war er auf dem 15. BAFICI zu Gast

Von Jana Münkel


Er ist 1972 in München geboren, hat zunächst eine Weile Architektur in Berlin studiert und kam schließlich über Umwege zum Filmstudium an die HFF München: Christoph Hochhäusler ist Regisseur aus Leidenschaft, wird zu der sogenannten “Berliner Schule” gezählt und hat mit Filmen wie “Unter dir die Stadt” (D 2010) oder “Dreileben – Eine Minute dunkel” (D 2011) viel Aufmerksamkeit und Anerkennung geerntet. Mit diesen Filmen war er auch zum diesjährigen BAFICI (Buenos Aires Festival Internacional de Cine Independiente) eingeladen.

An dem sonnigen Freitagnachmittag des zweiten Festivaltages kommt er entspannt zum Auditorium “El Aleph” im Centro Cultural Recoleta geschlendert, um eine neue argentinische Filmzeitschrift vorzustellen – und wirkt überhaupt nicht wie jemand, der mit einer anstrengenden “Vierfachrolle” in Buenos Aires zu Gast ist. Der Regisseur weilt nämlich nicht nur in Argentinien, um Zeitschriften vorzustellen oder seine Filme zu zeigen, sondern ist ebenso Jurymitglied. Er wird alle Filme der Sektion “cine argentino” sehen und mit seinen Jurykollegen diskutieren, um den besten argentinischen Film zu küren. Darüber hinaus ist er im “TalentCampus” eingebunden, um jungen Filmemachern etwas von seinem Wissen weiterzugeben. Begleiten wir ihn also ein bisschen und erleben einen Nachmittag im Leben des vielbeschäftigten Festivalgasts.

Rebellisch auf dem Podium

Vor 15 Jahren ging Christoph Hochhäusler zusammen mit Kommilitonen der Filmhochschule München im wahrsten Sinne des Wortes auf Konfrontation und gründete die Kinozeitschrift “Revolver”. “Es war eine Art Notwehr und der Versuch, das, was uns interessiert, selber zu organisieren”, sagt er heute und beschreibt die Enttäuschung über die HFF und die Notwendigkeit der Zeitschrift als “Startpunkt für ein neues Wir”. Deshalb freut es ihn umso mehr, einer neuen argentinischen Zeitschrift im Rahmen des BAFICI Starthilfe zu leisten. “Las naves” erscheint in Kooperation mit Revolver und wird herausgegeben von Juliana Mortati und Hernán Rosselli.

Bei der Begrüßung der Podiumsgäste tut sich Moderator Roger Koza nicht ganz leicht mit der Aussprache von “Hochhäusler” – dieser nimmt’s mit Gelassenheit und einem Grinsen und es entwickelt sich eine rege Diskussion über das Kino im Allgemeinen und “las naves” im Besonderen. Es gibt einen direkten Austausch von Texten und Interviews zwischen “Revolver” und “las naves” und das wird deutlich in der ersten Ausgabe, zu der auch Hochhäusler ein kurzes Manifest beigesteuert hat.

Auf dem Podium entbrennt unterdessen eine hitzige Diskussion zwischen Hochhäusler und dem argentinischen Regisseur, Produzenten und Schauspieler Mariano Llinás. Letzterer prangert die “festivalgeile” Haltung junger Filmemacher an und beklagt ihre unpoetischen Filme, Hochhäusler dagegen springt für sie in die Bresche: “Man kann nicht von jedem ein ‚Kino der Götter‘ erwarten, das ist zu schwer für ihre Schultern!” Die schlagfertigen Wortwechsel sorgen für allgemeine Heiterkeit und die Übersetzerin kommt zeitweise gar nicht hinterher. Doch die beiden verstehen sich auch so, schließlich “vertragen” sie sich mit einem kräftigen Handschlag – der gilt in allen Sprachen!

Auf der Suche nach einem Gefühl

Eine lange Verschnaufpause hat Hochhäusler nach der Diskussion nicht, es geht direkt weiter zum Screening seines Films “Unter dir die Stadt” im Village Cines. Der Kinosaal ist gut gefüllt und das unterkühlte Bankerdrama aus der Chefetage einer Frankfurter Investmentbank wird begeistert aufgenommen; im Anschluss gibt es minutenlangen Applaus. Hochhäusler steht für ein “Questions and Answers” zur Verfügung und gibt bereitwillig Auskunft. Wie er an das Thema herangegangen sei, möchte eine Zuschauerin wissen. Er habe viele Interviews geführt, erzählt der Münchner, allerdings seien diese nur über Bekannte von Freunden zustande gekommen: “Von offizieller Seite war da keinerlei Kommunikation gewünscht.” Vor allem die wenigen weiblichen Bankerinnen hätten aufschlussreiche Dinge verraten.

Der Film entstand vor der Krise, “Ahnungen von einem Crash wurden aber schon geäußert. Mit einer Krise diesen Ausmaßes hatte allerdings keiner gerechnet.” Warum der Banker des Jahres im Film Drogenabhängigen beim Fixen zuschauen müsse, lautet die Frage eines anderen Festivalbesuchers. Jeder sei getrieben von der Sehnsucht, etwas Wirkliches zu spüren, so Hochhäusler. Realitäts-Feeling für die Abgehärteten also. Anschaulich vergleicht der Regisseur den Investmentbanker mit einem Bomberpiloten: “Auch der sieht nicht, wo seine Bombe niedergeht und was sie anrichtet.”

Festivalskepsis und Kino als soziale Praxis

Wenig später sitzt er, noch immer quietschfidel, in einem Büchercafé auf dem Festivalgelände und lässt sich mit weiteren (Interview-)fragen löchern. Mitten im Gespräch stürmt eine Filmzuschauerin herbei, um mit ihm noch weiter über seinen Film zu sprechen. Sie ist ganz aus dem Häuschen und er antwortet ihr geduldig – sogar auf Spanisch! “Das Publikum hier ist sehr interessiert am Kino und an der Debatte”, sagt Hochhäusler anerkennend mit einem kleinen Schmunzeln. Er freut sich, als Jurymitglied alle argentinischen Filme anzusehen, ist aber gleichzeitig überzeugter Festivalkritiker: “Ganz allgemein ist das Festivalsystem ja so eine Art Krankheit, die die Welt des Kinos befallen hat und alles auffrisst. Ich wünsche mir eigentlich ein Kino, das weit darüber hinausgeht.” Was für ihn dann Kino sei? “Erst einmal eine soziale Praxis. Man kommt zusammen, um Filme zu sehen.” Aber auch der Diskurs darüber sei unabdingbar, Kino müsse ins Leben wirken.

Christoph Hochhäusler nähert sich dem Film jedoch nicht nur in dieser fast philosophischen Art und Weise an, er beschäftigt sich selbstverständlich auch praktisch mit “seinem” Medium. Es liegt ihm am Herzen, seine Erkenntnisse auch mit jungem Regienachwuchs zu teilen; seine Vorbildfunktion nimmt er sehr ernst. Im Rahmen des “TalentCampus” auf dem BAFICI, zu dem junge südamerikanische Filmemacher eingeladen sind, referiert er in der Universidad del Cine über neue Möglichkeiten des Erzählens im Zeitalter des digitalen Wandels.

Hat er selber Vorbilder? “Ganz ganz viele”, lacht er und beginnt, aufzuzählen: “Luchino Visconti, Alfred Hitchcock, Max Ophüls, Orson Welles, John Ford, Francis Coppola, Lucrecia Martel…” Als Christoph Hochhäusler nach dem interessanten Gespräch davonschlendert, wirkt er noch immer nicht wie einer mit vollem Terminkalender. Dabei wartet doch bereits der nächste Empfang!

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Fröhliche Präsentation der ersten Ausgabe von “las naves” (v.l.n.r.): C. Hochhäusler, H. Rosselli, N. Prividera, Moderator R. Koza, J. Mortati, M. Llinás, A. Di Tella.
(Foto: Roger Koza)

Sehr viel Wasser, göttliche Mütter und erschossene Kameras

Ein Streifzug durch die Sektionen des 15. Filmfestivals BAFICI

Von Jana Münkel


Noch ist es wuselig im “Village Cines” in Recoleta. Seit einer Woche verraten die langen Schlangen vor den Kinos, dass das 15. BAFICI in vollem Gange ist. Zeit für eine Zwischenbilanz! Es ist gar nicht so leicht, sich durch den Kinodschungel zu schlängeln und aus den mehr als 400 Filmen ein paar herauszupicken.

Der erste Langfilm der uruguayischen Regisseurinnen Ana Guevara und Leticia Jorge war bereits auf der Berlinale ein voller Erfolg. In Buenos Aires läuft er im internationalen Wettbewerb und auch hier kommt er an: alle drei Vorstellungen sind komplett ausverkauft. Es wird keine riesig aufgebauschte Geschichte erzählt, im Gegenteil. Trotzdem wird man hineingesogen in diesen Film mit dem vielen Wasser. Ein geschiedener Vater holt seine ihm fremdgewordenen Kinder bei der Mutter ab, um eine Urlaubswoche in einer Apartmentanlage zu verbringen. Die pubertierende Lucía (grandios in ihrer Mischung aus Unsicherheit und der Lust, was auszuprobieren: Malú Chouza) und ihr kleiner Bruder sind mäßig begeistert und dann regnet es auch noch unaufhörlich Sturzbäche. “Tanta Agua” ist koproduziert von “Komplizen Film”, einer Berliner Produktionsfirma, die von Maren Ade mitgegründet wurde. Ein bisschen scheint diese Handschrift durch; die Erzählweise der beiden Regisseurinnen erinnert sehr an Ades “Alle anderen”, das 2009 den Großen Preis der Berlinale-Jury gewann. Ohne viel Aufhebens wird man Zeuge eines Familienurlaubs, der sich erst zaghaft zu einem solchen entwickeln muss. Die hilflosen Annäherungsversuche des Vaters (Nestor Guzzini) an seine Kinder oder Lucías erste Flirts, Enttäuschungen und Alkoholeskapaden – das alles driftet nie ins Klischeehafte ab. Neben urkomischen Szenen, die viele Lacher im Kinosaal provozieren, wirken die Dialoge, in denen vieles unausgesprochen bleibt, authentisch und unkonstruiert. Es könnte sich um Szenen aus dem eigenen Urlaub handeln.

Auch zahlreiche sehenswerte Dokumentationen lassen sich auf dem BAFICI entdecken. Trotz der frühen Stunde ist die Pressevorführung des mit Spannung erwarteten “Bloody Daughter” (Außer Konkurrenz) gut gefüllt. Regisseurin Stéphanie Argerich ist die Tochter der weltberühmten argentinischen Pianistin Martha Argerich. “Ich bin die Tochter einer Göttin”, sagt sie selbst in leicht sarkastischem Ton und zeichnet das Porträt einer virtuosen Frau, die Chopin als die Liebe ihres Lebens bezeichnet, drei Töchter mit drei verschiedenen Männern hat und die Balance zwischen tourender Künstlerexistenz und Muttersein nicht immer zu halten vermochte. Herausgekommen ist ein sehr persönlicher Film, der gekonnt Bilder aus verschiedenen Zeiten integriert. Stéphanie filmte eher zufällig seit früher Kindheit. Das ist ein Glücksfall, denn so entstanden wertvolle Szenen, die die wunderschöne Martha Argerich mit dem feingliedrigen Gesicht in Jung, Alt, im Schlafanzug im Kreis der Familie und in Konzertkleidung zeigen. Gekonnt kommentiert und reflektiert Stéphanie, die der jungen Martha wie aus dem Gesicht geschnitten ist, aus dem Off, thematisiert ihre Kindheit und die Mutter-Tochter-Beziehung mit zuweilen unbequemen Fragen. Auch ihre Schwestern und ihr Vater kommen zu Wort. Man hat den Eindruck, die lebendige Künstlerfamlie aus erster Hand kennenzulernen.

Eine andersartige Dokumentation läuft im Panorama: “5 Broken Cameras” von Emad Burnat und Guy Davidi zeigt schockierende Bilder aus dem Kern des Nahostkonflikts. Emad Burnat filmte für die preisgekrönte und Oscar-nominierte palästinensisch-israelisch-französische Koproduktion seinen Alltag in Bil’in, einem kleinen Dorf, das besonders von der israelischen Besiedlung betroffen ist. Die Bewohner protestieren gegen Häuser- und Mauerbau, man ist dabei, wenn israelische Granaten einschlagen, die das Handkamerabild erschüttern, und kann sich der Wut nicht erwehren, wenn der Sohn eines Dorfbewohners von einer Kugel getroffen wird und nicht mehr aufsteht. Zu wissen, dass das “real life” sei, sei heftig, sagt die deutsche Austauschstudentin und Festivalbesucherin Leonie Riek. Fünf von Burnats Kameras werden “erschossen”, doch er filmt immer weiter. Die Bilder, kurz bevor die Kameras kaputtgehen, werden erst pixelig, dann schwarz und hinterlassen ein flaues Gefühl im Magen.

Eher enttäuschend ist “Butoh”, eine Dokumentation von Constanza Sanz Palacios über Marielouise Alemann. Sie ist die zweite Frau von Ernesto Alemann, dem Vater der beiden Herausgeber des Argentinischen Tageblatts, und schrieb früher selbst für diese Zeitung. Die gebürtige Deutsche wuchs in Argentinien auf und experimentierte viel mit Happenings und dem Kino. In der Dokumentation ist interessantes Material ihrer Arbeit integriert, allerdings bleiben viele Fragen offen. Die Bilder wirken teilweise unzusammenhängend und werden der beeindruckenden Persönlichkeit dieser außergewöhnlichen Frau nicht gerecht. Ein durchdachteres Porträt wäre wünschenswert gewesen.

Positiv zum BAFICI und insbesondere zum interessierten Publikum äußerten sich zwei angereiste deutsche Regisseure. Zu lebendigen Publikumsdiskussionen gehören aber selbstverständlich auch spannende Filme. Sebastian Mez’ Dokumentation “Metamorphosen” aus dem internationalen Wettbewerb thematisiert eine Gegend im Südural, die durch den weitgehend unbekannten, weltweit drittgrößten Atomunfall radioaktiv verseucht ist. Mit einer besonderen Schwarz-Weiß-Ästhetik und Filmkorn als Stilmittel gelingt es ihm, eine eigentlich wunderschöne Landschaft verfremdet und bedrohlich wirken zu lassen.

Christoph Hochhäuslers Bankerdrama “Unter dir die Stadt” von 2010 läuft in der Sektion “Panorama” und verstört mit seiner Handlung, die auf wirklich geführten Interviews mit Bankern basiert. Die Chefetage einer Investmentbank als frostiges Milieu mit kalten Farben, starren Formen und Scheinfreundlichkeiten enthüllt ein unmenschliches Spiel um Macht, Sex und Geld. Ein unvorstellbarer Voyeurismus entwickelt sich innerhalb der Handlung, aber auch durch die Kamera, die jedes Detail genau verfolgt und mit kühl-analysierender Nüchternheit freilegt.

Ein BAFICI-Besuch, ganz gleich in welcher Sektion, lohnt sich also allemal.

Infos hier.

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5 zerstörte Kameras – Emad filmt trotzdem weiter.

Atomverseuchter Südural

Gespräch mit Sebastian Mez über seinen Dokumentarfilm “Metamorphosen”, der auf dem 15. BAFICI im internationalen Wettbewerb läuft

Von Jana Münkel

Sagt Ihnen Majak etwas? Nein? Dort ereignete sich 1957 der drittgrößte Atomunfall weltweit nach Tschernobyl und Fukushima. Sebastian Mez hat über die stark radioaktiv belastete Gegend im Südural eine ebenso beeindruckende wie beklemmende Dokumentation gedreht. Er hat kürzlich sein Studium an der Filmakademie Baden-Württemberg beendet und landete mit seinem Abschlussfilm einen Volltreffer. “Metamorphosen” reist von einem Festival zum anderen und Mez reist mit.

Auf dem Sofa des BAFICI-Pressebereichs sitzt ein junger Mann in Jeans und T-Shirt, der angenehm unkompliziert drauflosplaudert und gleichzeitig sehr überlegt von seinem Film spricht. Drei Wochen nach Fukushima sei er nach Japan geflogen, um zu drehen – und scheiterte, weil er das Land und die Kultur nicht kannte. Zurück in Deutschland recherchierte er weiter und stieß auf den totgeschwiegenen Majakunfall: “Es ist nicht so, dass das Thema gänzlich unbekannt ist. […] Aber aus irgendeinem Grund, den ich auch nicht kenne, wurde nie im Zuge von Fukushima über Majak berichtet.”

Zusammen mit seiner Regieassistentin und Übersetzerin drehte er vor Ort, verbrachte zunächst viel Zeit mit den Menschen, “um das Vertrauen der Leute zu gewinnen”. Er dokumentierte das Leben, führte Gespräche, die er kunstvoll aus dem Off einflicht, filmte die Landschaft. Ganz bewusst setzt Mez filmische Mittel ein, um etwas zu transportieren: Die Dokumentation ist in Schwarz-Weiß gedreht, darüber hinaus wurden auf der Tonebene naturalistische Geräusche überhöht, Kontraste verstärkt. Auch Filmkorn wurde künstlich in das Bild implementiert.

“Es ist ein permanentes Rauschen im Bild spürbar. An den Stellen, an denen die Strahlung höher war, ist das Rauschen viel stärker als an anderen Stellen. Es ging in dem Film ganz klar um Artifizierung, weil diese ganze Gegend dort durch die Strahlung künstlich aufgeladen ist. Die Bildebene kommt unnatürlich daher, so wie ich auch vor Ort diese Gegend als unnatürlich empfunden habe.” Und das funktioniert: Man sieht teilweise wunderschöne Bilder, die gleichzeitig etwas unterschwellig Unheimliches transportieren. O-Töne von schwarz geborenen und schnell sterbenden Babies, ein schmerzhaft laut knatterndes Strahlenmessgerät und die Nahaufnahme von Gesichtern der dort lebenden Menschen verfehlen ihre Wirkung nicht.

Dass der Film auf dem BAFICI läuft, freut Sebastian Mez: “Ich habe mich tierisch gefreut, weil es wirklich einen ganz tollen Ruf hat. Und dass das Publikum so filminteressiert ist, bestätigt das.” Auf eine Redaktion, die den erfolgreichen Film ins Fernsehen bringt, wartet er jedoch bislang vergebens. Dass “Metamorphosen” für ein Umdenken in der Atomenergiedebatte in Japan sorgt, bezweifelt er: “Ich bin Realist.” Trotzdem möchte er mit dem Film die Debatte verstärken und etwas bewegen.

Auf die Frage, ob er schon neue Projekte angeht, grinst Sebastian Mez verschmitzt. Er habe ein paar Themen auf Lager und arbeite auch szenisch an einem Drehbuch. Etwas Konkreteres möchte er noch nicht verraten. Macht nichts, wir werden sicher bald wieder von ihm hören, oder besser: sehen.


Fotos von oben nach unten:

Erfolgreich mit “Metamorphosen”: Sebastian Mez.

Achtung verstrahlt: Kontraste einer Winterlandschaft.