Argentinische Geschichte aus einer familiären Perspektive

“Infancia Clandestina”, der argentinische Kandidat für den Auslandsoscar

Von Philip Norten

Die Handlung des diesjährigen argentinischen Oscar-Kandidaten “Infancia Clandestina” basiert auf den Kindheitserinnerungen des Regisseurs Benjamín Ávila, dessen Mutter zu der Guerrillagruppe Montoneros gehörte und vom Militär getötet wurde. Im Mittelpunkt des Filmes steht die Geschichte von Juan, der mit seiner Familie aus dem politischen Exil nach Argentinien zurückkehrt, wo seine Eltern – aktive Mitglieder der Montoneros – terroristische Anschläge gegen das damalige Militärregime planen. Juans Kindheitserlebnisse sind zwiespältig: zum einen wächst er in einem Umfeld auf, in dem Waffen und die Angst vor den Vergeltungsaktionen des Regimes jederzeit präsent sind. Nichtsdestotrotz sind seine Eltern und sein Onkel ihm eine gute Familie und er erlebt in der Schule seine erste Jugendliebe.

Ähnlich wie Jeanine Meerapfel in “El amigo alemán” bedient sich Ávila der persönlichen Geschichte seines Protagonisten, um die historische Vergangenheit Argentiniens wachzurufen. Doch anders als in Meerapfels sehr konventionell geratenem (von der deutschen Filmförderung kofinanzierten) Film überzeugt “Infancia Clandestina” durch anspruchsvolle Kameraarbeit und Musik. Von einer Gesangsszene beim familiären Grillabend abgesehen entgeht der Film zudem der Gefahr des Kitschs, die oft besteht, wenn Filme aus der Perspektive von Kindern erzählt werden.

Ciclo de cine sobre artistas argentinos

Documentales sobre León Ferrari, Ricardo Longhini, Carlos Gorriarena y Martín Blaszko


A partir de hoy, 14 de octubre, se realiza, en la Casa Nacional del Bicentenario, Riobamba 985, Buenos Aires, un doble programa dedicado a películas sobre algunos de los más reconocidos artistas argentinos.

Los domingos 14/10, 21/10, 28/10 y 4/11, a las 17 horas, se proyectará “Civilización”, documental dedicado a la obra de León Ferrari, realizado por Rubén Guzmán con guión de Andrés Duprat y producido por Gastón Duprat, Mariano Cohn.

Además, a las 20 horas, al aire libre, se exhibe:

Domingo 14/10: “Espejo para cuando me pruebe el smoking” de Alejandro Fernández Mouján, con el escultor Ricardo Longhini (foto)
Domingo 21/10: “Gorri” de Carmen Guarini, sobre Carlos Gorriarena
Domingo 28/10: Martín Blaszko I y II
Domingo 4/11: Martín Blaszko III de Ignacio Masllorens

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“Reinste Form der Kinokunst”

Das Internationale Kurzfilmfestival “shnit” fand dieses Jahr auch in Buenos Aires statt

Von Lara Falkenberg


Eine Kinoleinwand kann die ganze Welt vereinen. Das ist die Idee des Kurzfilmfestivals “shnit”, das vom 3. bis 7.10. simultan in 10 Städten auf fünf Kontinenten stattfand. Buenos Aires war dieses Jahr erstmals eine dieser Städte, die das Festival seit 10 Jahren miteinander verbindet. Darunter sind auch Bern, Köln, Wien, Kapstadt, Singapur und Kairo. In diesen Städten wurden 64 ausgewählte Kurzfilme unterschiedlichster Genres aus 134 Ländern gezeigt. 10 Städte, eine Welt, ein Festival, um das Genre des Kurzfilms als “die vielleicht reinste Form der Kinokunst” zu feiern. Das ist die Philosophie von “shnit”.

Für die Organisatoren des Festivals besteht die Kraft des Kurzfilms darin, das Kleine groß werden zu lassen. Indem der Mikrokosmos eines Ortes in großen Bildern eingefangen wird, kann eine regionale Begebenheit eine universell gültige Geschichte erzählen. Fünf dieser Kurzfilme wurden mit einem Preis von je 20.000 US-Dollar geehrt. Die internationale Jury unter dem Vorsitz des irischen Regisseurs und Oscarpreisträgers Terry George kürte gleich zwei Werke aus Spanien: Xacio R. Baño wurde bei den Filmen unter 10 Minuten für “Anacos” geehrt, Esteban Crespos “Aquel no era yo” bei den Streifen bis zu 40 Minuten. In der Sparte unter 20 Minuten gewann Chin Tangsakulsathaporn aus den USA für “The Sweatshop”. Die Festivalleitung ihrerseits kürte die metaphorische Erzählung des kanadischen Kurzfilms “Trotteur” von Arnaud Brisebois und Francis Leclerc, und das Publikum sprach seinen Preis dem brasilianischen Werk “Qual Queijo Você Quer?” von Cintia Domit Bittar zu.

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Der brasilianische Kurzfilm “Qual Queijo Você Quer?” (Which Cheese Do You Want?) von Cintia Domit Bittar gewann den Publikumspreis.

Begegnungen als Brücke

“El amigo alemán”: Eine Liebe und vier Jahrzehnte deutsch-argentinische Geschichte

Von Lara Falkenberg


Eine Brücke verbindet Argentinien und Deutschland. Eine Brücke aus Geschichten, die von Einwanderung, Erinnerung und Identität erzählen. Und von der Liebe. Der neue Film von Jeanine Meerapfel nimmt den Zuschauer mit auf eine Reise in die Vergangenheit, bei der wir immer wieder über diese Brücke laufen. “El amigo alemán” (“Der deutsche Freund”) lief am Donnerstag in den Kinos in Buenos Aires, Córdoba und Rosario an.

Die deutsch-argentinische Co-Produktion führt durch vier Jahrzehnte gemeinsamer Geschichte. Der Film erzählt die Geschichte zweier Menschen, die Zeugen der politischen Umbrüche und des historischen Wandels waren. Sulamit wächst als Tochter jüdischer Emigranten aus Deutschland im Buenos Aires der 50er Jahre auf. In dieser Stadt treffen Juden und Nazis, die aus Europa flohen, in unmittelbarer Nachbarschaft wieder aufeinander. So lernt sie Friedrich kennen, den Sohn einer deutschen Familie mit NS-Vergangenheit.

Die Liebesgeschichte zwischen Sulamit und Friedrich ist eine Geschichte vor dem Hintergrund der Geschichte. Denn Friedrich ist von Ereignissen geprägt, die er selbst nie erlebt hat und fühlt sich verantwortlich für Taten, die er nie begangen hat. Als er herausfindet, dass sein Vater SS-Obersturmbannführer war, bricht er mit seiner Familie und geht nach Deutschland. Im Versuch, sich gegen die Vergangenheit zu stellen, schließt er sich erst der Studentenbewegung der 68er und später einer argentinischen Guerrilla-Bewegung im Kampf gegen die Militärdiktatur an.

Es ist sein Kampf um eine eigene Identität, der Kampf einer Generation, um sich der Vergangenheit zu stellen. Doch es ist zugleich der Kampf der anderen Hauptfigur, Sulamit. Sie kämpft darum, dass Friedrich sich endlich selbst lieben kann und das Erbe des Vaters nicht als das seinige wahrnimmt. Sulamit folgt Friedrich nach Deutschland, und auch als ihre Wege sich trennen, verfolgt sie seine Spur, um ihn schließlich im fernen Patagonien wiederzufinden. Bei dieser Suche findet sie nicht nur Friedrich, sondern auch ihren Platz in der deutschen Gesellschaft und entdeckt dort die Liebe zu ihrer argentinischen Heimat.

Auch für die Regisseurin Jeanine Meerapfel ist der Film ihre Liebeserklärung an Argentinien. Sie wurde 1943 als Tochter deutsch-jüdischer Emigranten in Buenos Aires geboren. Wie die Protagonisten ihres Films ist sie in den 50er Jahren in einem Vorort von Buenos Aires aufgewachsen. Zugleich ist der Film jedoch eine Liebeserklärung an die Deutschen ihrer Generation, die sie während der 68er Zeit als Studentin in Ulm und Berlin kennenlernte. Eine Generation von Menschen, “die sich am eigenen Haarschopf gepackt haben und sich selbst aus dem Morast von Schuldgefühl und Selbsthass herausgezogen und dazu beigetragen haben, der heutigen deutschen Gesellschaft ein humanes Antlitz zu verleihen”.

Für Jeanine Meerapfel ist der Film eine Metapher: Eine Geschichte aus der Vergangenheit, die eine positive Vision für die Zukunft der Menschheit darstellt. Denn sie zeigt, dass sich Vorurteile und Feindschaft bei der Begegnung zweier Menschen verlieren und darin auch die Chance für die Zukunft der Menschheit liegt: Im Kennenlernen.

“Die Liebe zwischen Sulamit und Friedrich könnte auch die Liebe zwischen einem Palästinenser und einer Israelin, oder zwischen einer Muslimin und einem Katholiken sein. Eine Liebe, die den Unterschied der Herkunft aufhebt – zum Glück der Menschen.”

  • “El amigo alemán” (Der deutsche Freund) – Deutschland/Argentinien 2011
  • 100 Min.
  • Drama ab 13
  • Regie: Jeanine Meerapfel
  • Mit Celeste Cid, Max Riemelt, Daniel Fanego, Carlos Kaspar, Katja Alemann, u.a.

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Celeste Cid und Max Riemelt in einer Szene von “El amigo alemán”.

Weltweites Festival

Kurzfilmfestival “Shnit” erstmals auch in Buenos Aires

Von Susanne Franz

Vom 4. Oktober bis 6. Oktober findet im Godard-Saal des Centro Metropolitano de Diseño (Algarrobo 1041, Buenos Aires) das internationale Kurzfilmfestival “Shnit” statt. Es werden 64 ausgewählte Kurzfilme unterschiedlichster Genres aus 134 Ländern gezeigt. Das Festival hat seinen Ursprung in der Schweiz und wird in 10 Städten weltweit simultan durchgeführt, darunter in Bern, Köln, Wien, Kairo und Kapstadt.

Das Festival verleiht fünf Preise, die insgesamt mit 100.000 US-Dollar dotiert sind. In seinem ersten Jahr in Buenos Aires wird “Shnit” u.a. von der Schweizer Botschaft, der Stadt Buenos Aires und Village Cinemas unterstützt. Programm hier.

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Der irische Oscarpreisträger (2012 in der Kategorie Kurzfilm für “The Shore”) Terry George ist “Shnit”-Jury-Präsident in Buenos Aires.

Von “Paris, Texas” bis “Don’t Come Knocking”

Wim Wenders-Retrospektive in San Martín


Vom 30. September bis 15. Oktober läuft in der Universidad Nacional de San Martín (UNSAM) mit Unterstützung des Goethe-Instituts Buenos Aires bei freiem Eintritt eine Retrospektive des deutschen Filmemachers Wim Wenders. Die Filme werden im Rahmen des ersten Lateinamerikanischen Filmfestivals der UNSAM gezeigt: Am 30.9. im “Complejo Cultural Cine Teatro Plaza”, Intendente Campos 2089, San Martín, vom 1. bis 11.10. im Auditorium “Lectura Mundi” der UNSAM, Campus Miguelete, 25 de Mayo Ecke Francia, San Martín, am 12. und 15.10. im Teatro Tornavías der UNSAM, Campus Miguelete (s.o.). Mit der Filmreihe will die UNSAM einen der bedeutendsten Künstler der deutschen Filmgeschichte ehren.

Programm: 30.9., 21.30 Uhr: “París-Texas” (Paris, Texas, 1984, 139 Min.); 1.10., 18.30 Uhr: “Chambre 666” (1982, 45 Min.); 2.10., 18.30 Uhr: “Del que se mudó – los primeros años de Wim Wenders” (Von einem der auszog – Wim Wenders’ frühe Jahre, Regie: Marcel Wehn, 2007, 100 Min.); 3.10., 18.30 Uhr: “La letra escarlata” (Der scharlachrote Buchstabe, 1973, 85 Min.); 4.10., 18.30 Uhr: “Alicia en las ciudades” (Alice in den Städten, 1974, 110 Min.); 5.10., 18.30 Uhr: “En el transcurso del tiempo” (Im Lauf der Zeit, 1976, 176 Min.); 9.10., 18.30 Uhr: “El amigo americano” (Der amerikanische Freund, 1977, 123 Min.); 10.10., 18.30 Uhr: “El estado de las cosas” (Der Stand der Dinge, 1982, 120 Min.); 11.10., 18.30 Uhr: “Historia de Lisboa” (Lisbon Story, 1994, 105 Min.); 12.10., 18 Uhr: “Los hermanos Skladanowsky” (Die Gebrüder Skladanowsky, 1996, 79 Min.); 15.10., 18.30 Uhr: “Llamado a las puertas del cielo” (Don’t Come Knocking, 2004/5, 123 Min,).

Infos: 4006-1500 Durchwahl 1278 und 1305.

Knappes Ergebnis

“Infancia clandestina” ist Argentiniens Kandidat für den Auslandsoscar

Von Susanne Franz

Am heutigen Freitag stimmte die argentinische Filmakademie “Academia de Artes y Ciencias Cinematográficas” im Centro Cultural San Martín in Buenos Aires über den Kandidaten Argentiniens für den Auslandsoscar ab: Ins Rennen geht “Infancia clandestina” von Filmemacher Benjamín Ávila. Der Streifen erhielt 19 Stimmen und ließ ganz knapp “El último Elvis” mit 18, “Elefante Blanco” mit 14 und “Dos más dos” mit 8 Stimmen hinter sich.

Der “Best Foreign Language Film” wird bei den 85. Academy Awards am 24. Februar 2013 verliehen. Im Januar wird aus den bis jetzt 62 internationalen Bewerbern eine Liste mit den fünf endgültig Nominierten ausgewählt.

Trailer von “Infancia clandestina” (Spanisch).

Imágenes deslumbrantes

Estreno de “Por el camino”


Dirigida y producida por brasileños, filmada en Uruguay y protagonizada por un argentino y una suiza, la ópera prima de Charly Braun “Por el camino” se estrena esta semana en Buenos Aires después de recibir diversos premios en festivales internacionales. Uniendo moderna estética documental con locaciones deslumbrantes, “Por el camino” narra el periplo de Santiago y Juliette, dos jóvenes que buscan su ruta en un país extranjero.

Santiago es un argentino treintañero que viaja a Uruguay en busca de un terreno que heredó de sus padres, quienes murieron trágicamente allí hace algunos años. Apenas llegado a Montevideo, conoce de forma azarosa a Juliette, una belga que, a su vez, se propuso encontrar a un viejo amor. Entonces, se embarcan en un periplo que los llevará hacia el Norte del país. Por el camino conocen lugares y personas que, además de fascinarlos, los van acercando. A partir de ahí y hablando en inglés, recorrerán Uruguay –su parte más glamorosa y sus rincones más secretos– tanto juntos como separados, procurando descubrir un destino que aún desconocen.

  • Premio de Mejor Dirección en el Festival Internacional de Rio de Janeiro 2010
  • Dirección: Charly Braun
  • Elenco: Esteban Feune de Colombi, Jill Muleady, Guilhermina Guinle
  • Participaciones especiales del músico uruguayo Gonzalo Torres, la cantante estadounidense Tina Malia y la top model Naomi Campbell
  • Música: Kevin Johansen, Radiohead, Sigur Ros, Bola de Nieve, Cuarteto Zitarrosa, Donovan y otros
  • “Por el camino” se estrena el viernes 21 en la Sala Godard (Maipú 960) y en el Centro Cultural San Martin – Bajo Plaza (Sarmiento 1551)
  • La función de estreno el 21 a las 19 horas en el Centro Cultural San Martín tiene entrada libre y gratuita hasta agotar la capacidad de la sala. Con la presencia del director

Mit “Glück” in Buenos Aires

Interview mit dem Stargast des 12. Deutschen Kinofestivals von Buenos Aires, Vinzenz Kiefer

Von Nina Obeloer

NO: Wie ist dein erster Eindruck von Buenos Aires?
VK: Super! Es gefällt mir hier gut, soweit ich das bisher überblicken kann. Nee, wirklich toll. Dieser Friedhof (in Recoleta, Anm. d. Red.) hat mich sehr fasziniert. Das war sehr beeindruckend. Und ein Steak habe ich gegessen, gestern Abend gleich. Das war etwas, das wollte ich gleich mal erledigen. Das hat phantastisch geschmeckt!

NO: Wie fühlt sich das an, den Film jetzt hier in Südamerika vorzustellen?
VK: Das war eine sehr große Überraschung und ich fühle mich geehrt. Das ist sehr schön. Ich mache Filme nie mit Blick darauf, was danach damit passieren könnte, wie Festivals oder Filmpreise. Es gibt ja Leute, die sagen “Oh mach das, dafür kannst du ‘nen Preis gewinnen”. Also wenn’s passiert, ist das natürlich schön.

NO: In “Glück” spielst du die Rolle des Punks Kalle, der den Freier seiner Freundin Irina mit einem Küchenmesser zerstückelt, weil er damit sein Glück verteidigen will. Wie weit würdest du gehen, um dein persönliches Glück zu verteidigen?
VK: Das kann ich jetzt nicht sagen, das kommt darauf an, was das Leben von mir verlangt. Aber sehr weit. Ich würde fast sagen, da gibt es keine Grenzen. Wenn jemand meine Lieben bedroht, dann gehe ich dagegen an mit allem, was in meiner Macht steht.

NO: In welchen Punkten seid Kalle und du euch noch ähnlich?
VK: Ich fand seine Frisur super! Wenn ich mit den Fingern schnipsen könnte und ich hätte sie, dann würde ich sie wahrscheinlich eine Weile tragen. Das war eine tolle Perücke. Und er hat einen tollen Hund, der Kalle. Der hat mich sehr an den Hund, den ich früher mal hatte, erinnert. Aber eine richtige Gemeinsamkeit – bis auf die, dass er eben bereit ist, für seine Liebe zu kämpfen -, gibt es nicht.

NO: Im Film sagst du als Kalle zu Irina, als sie auf einer Schaukel sitzt: “Glück ist der Moment, wo du ganz oben bist, alles stehenbleibt, und alles ist gut”.
VK: Ja, der “Wuppdich”.

NO: Genau, der “Wuppdich”. Wann hast du denn privat das letzte Mal geschaukelt?
VK: Das ist noch gar nicht so lange her, ich glaube, erst zwei Wochen. Den “Wuppdich” kenne ich erst seit dem Film, vorher kannte ich das Wort nicht. Den Moment kannte ich schon. Er hatte für mich nicht die Glücksbedeutung, aber ich mag das. Das ist auch im Flugzeug so, wenn es Turbulenzen gibt, und es macht kurz “Huu”. Ich mag diese Sachen, finde ich super.

NO: Laut deiner Biographie wolltest du erst gar kein Schauspieler werden. Warum macht der Beruf dir jetzt doch Spaß?
VK: Ich habe nie geplant, Schauspieler zu werden. Und ich habe es nie abgelehnt, einer zu sein. Als man mich das erste Mal gefragt hat, ob ich das machen möchte, wäre das damals damit verbunden gewesen, die Schule abzubrechen und nach Köln zu ziehen und dort auf eine neue Schule zu gehen, also mein Umfeld zu verlassen. Und das wollte ich damals nicht. Da habe ich es dann gelassen. Erst später, als ich fertig war, habe ich das versucht. Aber es ging nicht darum, dass ich den Beruf abgelehnt habe. Das hatte nur mit der Lebenssituation zu tun.

NO: Im Film geht es um Irina und Kalle, die beide sehr einsam in der Großstadt Berlin leben. Du bist eher ländlich aufgewachsen, hättest du dir damals vorstellen können, diese Rolle zu spielen?
VK: Ich habe wie gesagt nie darüber nachgedacht, Filmschauspieler zu werden. Als ich mich für mein erstes Casting vorbereitet habe, habe ich noch bei meinen Eltern gewohnt. Aber in meiner Anfangsphase als Schauspieler habe ich mir das schon vorstellen können. Ich habe lange davon geträumt, so eine Rolle spielen zu dürfen – wenn man genau will 15 Jahre, also von Beginn an. Diese Rolle war ein richtiger Glücksfall.

NO: Was hat dich besonders daran gereizt?
VK: Ich mag das, wenn man komplett etwas spielt, was mit einem selbst überhaupt nichts zu tun hat und das dann auch noch etwas ist, was cool ist, was Spaß macht. In diesem Falle machte es Spaß, diese Verkleidung anzulegen und so richtig in diese Rolle reinzugehen. Wie Kalle würde ich mich niemals kleiden oder optisch geben wollen: Die Frisur ist eine Sache, aber mit den Piercings… Das war auf jeden Fall ein Reiz daran.

Ich habe (in dem Film) auch Bettelszenen – die haben wir mit versteckter Kamera gedreht. Ich bin in die Fußgängerzone gegangen und habe geschnorrt. Dass das funktioniert hat, ist ein Beweis dafür, dass ich das gut verkörpern konnte und auch ein Kompliment an die Maske und ans Kostüm. Ich habe übrigens dort gewohnt, wo wir gedreht haben. Manchmal kam einer vorbei, der mich kannte, und fragte “Was machst du denn da?” Und ich sagte: “Geh weg, wir drehen hier ‘nen Film!” (lacht). Dass die Leute mir das abgenommen haben, das ist echt interessant – und ich habe teilweise in einer halben Stunde 15 Euro eingenommen und für den Hund mehrere Würste und was die Leute dann da anschleppen! Diese Rolle war ein großer Reiz.

NO: Der Film “Der Baader Meinhof Komplex” aus dem Jahr 2008 gilt als dein Durchbruch. Wie würdest du selbst “Glück” nun für dich sehen?
VK: Ich bewerte meine Filme nicht so: Das war der Durchbruch und das ist der Moment, wo ich den Knoten festziehe. Der Durchbruch ist für mich nicht spürbar. Also es ist nicht der Fall, dass ich auf der Straße nicht mehr laufen kann, weil mich die ganze Welt erkennt, oder dass ich nicht mehr weiß, wohin mit meinem Geld. Damals ist für mich ein Traum in Erfüllung gegangen: Ich war ein sehr großer Bewunderer und Fan von (dem Filmproduzenten) Bernd Eichinger. Und ich habe diesen Film mit ihm drehen können. Das war für mich das Tolle daran. Der Film hat mir viele Türen geöffnet, “Glück” hat das jetzt auf jeden Fall noch mal bekräftigt.

NO: In was für Rollen werden wir dich in Zukunft sehen?
VK: Ich habe gerade einen Film gedreht, in dem es um eine Neuauflage von Robin Hood geht, wo sich jemand in der Zukunft mit den Banken anlegt und die Position eines Robin Hoods übernimmt. Das wird demnächst kommen. Ansonsten hoffe ich, viele tolle Filme, die mir Spaß machen, zu drehen, die hinterher auch ihr Publikum finden und den Leuten wiederum Spaß machen. Vielleicht komme ich mal wieder, würde mich jedenfalls freuen (lacht).

NO: Vielen Dank für das Gespräch.
VK: Danke dir!

“Glück” und noch viel mehr

12. “Festival de Cine Alemán” eröffnet

Von Susanne Franz


Sieben Tage Filmspaß pur: Am Donnerstagabend wurde im Kinokomplex Village Recoleta das 12. Deutsche Kinofestival von Buenos Aires eröffnet, das bis zum kommenden Mittwoch, dem 19. September, das Beste vom Besten der jüngsten deutschen Filmproduktionen zeigt. “Wer hätte das vor 12 Jahren gedacht!”, sagte Festival-Chef Gustav Wilhelmi von German Films am Dienstagabend bei der Pressekonferenz im Deutschen Klub von Buenos Aires vor einem voll besetzten Saal. Vor 12 Jahren war das erste Festival mit “Bin ich schön?” von Doris Dörrie eröffnet worden. Die deutsche Regisseurin reiste mit ihrer kleinen Tochter (die auch mitgespielt hatte) an und präsentierte den Film persönlich. Dabei war sie erstaunt, wie viele Fans sie an einem so weit abgelegenen Ort der Erde hat.

2012 war Dörries jüngster Streifen “Glück” der Eröffnungsfilm des Festivals, und als Stargast durfte man den jungen Schauspieler Vinzenz Kiefer begrüßen, der neben Alba Rohrwacher die Hauptrolle in dem aufwühlenden Drama spielt. Der 1979 geborene Darsteller verkörpert den Punk Kalle, der in Berlin auf der Straße lebt. Er lernt die junge Osteuropäerin Irina kennen, die als Prostituierte arbeitet. Die beiden Außenseiter verlieben sich ineinander. Ein falsch interpretierter Todesfall treibt Kalle dazu, extreme Maßnahmen zu ergreifen…

Der sympathische deutsche Schauspieler, der gar nicht punkig aussieht, sondern eher wie ein Unistudent, wie einer der Journalisten anmerkte, erzählte auf der Pressekonferenz u.a., wie die blutigen Szenen im Film gedreht wurden. “Das sind seltsamerweise die Szenen, in denen am meisten gelacht wird”, sagte Kiefer. “Wahrscheinlich handelt es sich dabei um eine psychologische Übersprungshandlung.” Als er selbst den fertig geschnittenen Film gesehen habe, habe er in den wenigen “Horror”-Minuten wegschauen müssen, sagte der Star freimütig.

Viele der Festivalbeiträge, wie Wilhelmi eingangs kurz skizzierte, haben mit der Aufarbeitung der Geschichte Deutschlands zu tun. Die NS-Zeit etwa in “Wunderkinder” und das Phänomen der Neonazis im knallharten, aber hervorragenden Drama “Kriegerin”. Oder die ehemalige DDR, auf die im Dokumentarfilm “This Ain’t California” oder in “Westwind” mal ein ganz anderer Blick geworfen wird.

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Deutsches Kinofestival: “This Ain’t California”

Gewagt, gewonnen: Doku über DDR-Skaterszene

Von Susanne Franz


Irgendwo zwischen hausbacken und völlig schrill, entführt der bunte Dokumentarfilm den Zuschauer in die Welt der Skater in der ehemaligen DDR. Es beginnt mit einer Gruppe Freunde in der Provinz in den 70ern, die ein paar Rollen unter ein Brett schrauben – und dann geht’s los. Richtig abenteuerlich wird das Ganze, als Dennis zu ihnen stößt. Der wird von seinem Vater zum Leistungsschwimmer getrimmt und unternimmt alles Mögliche, um aus dem Drill auszubrechen. Ende der 80er gehören Dennis und sein bester Freund zur Skaterszene am Alexanderplatz in Berlin. Dennis – sein Skatername “Panik” sagt alles – ist der wildeste Rebell von allen. Kurz vor dem Mauerfall wird er verhaftet, wohl wegen zu guter Beziehungen zu einer westlichen Journalistin.

Der Film beginnt mit seinem Tod. Nach der Wiedervereinigung haben sich die Freunde aus den Augen verloren. Irgendwie ist Dennis, der Unangepassteste von allen, in der Bundeswehr gelandet und wurde schließlich in Afghanistan getötet. Nach seiner Beerdigung versammeln sich alle noch einmal und erinnern sich an die gemeinsame Zeit.

Man lernt viel über Kinder, Heranwachsende und kleine Leute in der ehemaligen DDR und beginnt zu verstehen, warum für viele Menschen mit ihrem Untergang auch die Heimat verlorenging. Dabei ist “This Ain’t California” kein Lobgesang auf die DDR, aber der Blickwinkel von Marten Persiels Debütfilm ist schräg und halsbrecherisch wie die Abenteuerstückchen seiner Helden auf dem Brett.

Samstag, 15. September, 15 Uhr; Montag, 17. September, 17 Uhr, im Village Recoleta, Buenos Aires.

Filminfo auf Spanisch.