Schulen

Wie Chancengleichheit erreicht werden könnte

Von Friedbert W. Böhm

Im Städtchen meiner Kindheit gab es eine beinahe vollkommene Grundschule. Eine staatliche natürlich, denn für private hätte es nicht ausreichend Nachfrage gegeben. Die Privilegien waren auf Seiten der Armen, denn wenn die Leistungen dieser Schule nachzulassen drohten, sogrten die Wohlhabenden für Besserung. Und hätte ein Wohlhabender einmal durch Spenden das Zeugnis seines schwachen Sprösslings aufzubessern versucht, es wäre sofort Stadtgespräch geworden und die Armen hätten nicht mehr bei ihm eingekauft.

Ich sagte “beinahe” vollkommen. Einen Fehler hatte die Schule nämlich, den, für Jungen und Mädchen getrennt zu sein. Eine frühe Gemeinschaft zwischen Hosen (welche damals nur die Jungs trugen) und Röcken war im katholischen Bayern nicht erwünscht. Dies erschwerte mir Sechsjährigem (der keine Schwester hatte) das Verständnis des sechsten Gebots. Worin der grundsätzliche Unterschied zwischen den Geschlechtern bestand, war mir sehr lange unklar.

Höhere Schulen gab es auch, Mittel-, Realschule und Gymnasium. Sie waren natürlich wieder nach Geschlechtern getrennt, jetzt mit etwas mehr Berechtigung (und etwas weniger Erfolg). Die “Englischen Fräulein” kümmerten sich um die Mädchen und die Maristen um die Jungen. Beide Oberschulen waren privat. Hier war die Nachfrage gegeben, denn die Institutionen hatten Internate angegliedert; sie lebten von den Beiträgen und Spenden wohlhabender Eltern auswärtiger Schüler.

Ich besuchte die Maristenschule. Die Fratres waren recht ordentliche Pädagogen, wiewohl der Lehrstoff ständig irgendwie nach Weihrauch roch. Das war das eine Manko. Wer in Religion eine Eins hatte, wohl auch noch in der hauseigenen Kapelle ministrierte, hatte es etwas leichter als ein weniger eifriger Kirchgänger, die “Ungenügend” in Deutsch oder Mathe zu vermeiden.

Und das andere Manko war der nie ausgesprochene, aber ständig in den Schülerköpfen vagabundierende Verdacht, spendenfreudige Eltern hätten erfolgreichere Kinder als die anderen. Zu meiner Zeit wurden die Kapelle fertiggestellt und die Sportanlagen einschließlich eines olympischen Schwimmbads angelegt, bestimmt nicht mit dem schmalen Schulgeld, das meine Mutter, eine Kriegerwitwe, erlegte.

Dann zogen wir in eine Nachbarstadt um und ich verbrachte die letzten Schuljahre in einer staatlichen Anstalt. Diese war auch nicht schlechter als die der Maristen. Natürlich gab es auch dort Lehrer mit unterschiedlichen Sympathien für die Schüler. Aber man hatte nicht den Eindruck, dass Arm oder Reich dabei eine Rolle gespielt hätte.

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Gemeinsinn

…und wo er leider fehlt

Von Friedbert W. Böhm

Er ist uns nicht in die Wiege gelegt. Zwar besitzen wir einige Anlagen dafür: wie viele andere Lebewesen betreiben wir Brutpflege, lieben also unseren Nachwuchs, in Grenzen auch unsere Eltern und anderen Verwandten, die einige unserer Gene tragen. Darüber hinaus hat uns als Großhirner die Evolution befähigt, Freunde sowie für gemeinsame Vorhaben Verbündete zu gewinnen, Genossen, Partner, Komplizen.

Das alles ist aber erweiterter Egoismus und hat mit Gemeinsinn wenig zu tun.

Gemeinsinn ist die Erweiterung der Verantwortlichkeit über den Kreis der Verwandten, Freunde und gerade nützlichen Mitstreiter hinaus. Er ist nicht angeboren. Er muss erdacht, erlernt, erlebt werden. Bestenfalls ist er Ergebnis generationenlanger Übung, der Tradition. Schlimmstenfalls wird er von autoritären Führern künstlich erzeugt. Nicht von ungefähr pflegen diese ihre Untergebenen mit “Brüder und Schwestern” oder gar “meine Kinder” anzusprechen und lassen sich von ihnen gern als “Vater” oder “Mutter” der Organisation, Bewegung, Nation titulieren.

In kleinteilig besiedelten Regionen hat sich Gemeinsinn auf natürliche und nahezu unvermeidliche Weise herausgebildet. Wer mit anderen 20 oder 30 Familien in einem abgelegenen Dorf wohnte, womöglich noch unter harschen klimatischen Verhältnissen, der kam nicht darum herum, bei all seinen Entscheidungen das Interesse der Nachbarn zu berücksichtigen, auch derjenigen, die er nicht als Freunde empfand. Er konnte seinen bissigen Hund nicht frei herumlaufen lassen noch seinen Unrat auf der Straße entsorgen. Er musste bereit sein, von seinen gerade üppigen Vorräten an Andere abzugeben, die der Hagel betroffen oder der Wolf besucht hatte. Und wenn er dies nicht freiwillig tat, dürfte der Schulze oder der Ältestenrat ihn dazu genötigt haben. Und spätestens, nachdem er selbst dank des Gemeinsinns seiner Nachbarn aus einer Notlage befreit worden war, wird er überzeugt gewesen sein und auch seinen Kindern beigebracht haben, dass Gemeinsinn eine gute und notwendige Sache ist. So entstand eine Tradition. Die Tradition des Gemeinsinns war der Keimling der Demokratie.

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Heinrich Grönewald: Ein Leben im Exil

Michael Wettern setzt dem Pädagogen, Journalisten und überzeugten Antifaschisten ein Denkmal

Von Mirka Borchardt

Als Kritiker der nationalsozialistischen Bewegung musste er schon früh aus Deutschland fliehen, zusammen mit Albert Einstein und Johannes R. Becher stand er auf der ersten Ausbürgerungsliste des “Dritten Reiches”. Aus dem häufig entbehrungsreichen Exil engagierte er sich unbeirrt gegen die Diktatur in seiner Heimat und fungierte als zentrale Figur in der Opposition gegen den starken Nazi-Einfluss in der deutschen Gemeinschaft Argentiniens. Dennoch ist sein Name so unbekannt, dass selbst die allwissende Suchmaschine Google kaum Informationen über ihn findet. Die Rede ist von Heinrich Grönewald, Lehrer, Journalist, überzeugter Demokrat, Antifaschist und begnadeter Pädagoge.

Ausgerechnet einem Biologen ist es zu verdanken, dass diesem Kenntnismangel nun abgeholfen wird. Knapp zwanzig Jahre lang ist Michael Wettern, Pflanzenbiologe und Datenschutzbeauftragter der TH Braunschweig, den Spuren nationalsozialistischer Opfer an der damaligen Hochschule nachgegangen. Bei den Arbeiten zur Broschüre des 75-jährigen Jubiläums des Botanischen Instituts wurde er erstmals aufmerksam auf die zahlreichen Professoren, Mitarbeiter, Studenten und Angestellten der TH Braunschweig, die während der NS-Zeit aus politischen oder rassistischen Gründen entlassen worden waren. Aus persönlichem Interesse machte er sich daran, in seiner Freizeit Archive zu durchforsten, Zeitzeugen zu suchen und Biographien zu rekonstruieren. 2010 erschien in Zusammenarbeit mit Daniel Weßelhöft das Ergebnis: “Opfer nationalsozialistischer Verfolgung an der Technischen Hochschule Braunschweig 1930-1945”.

In der Studie sind mehr als fünfzig Biographien von Mitarbeitern aufgeführt, die der nationalsozialistischen Säuberung der Hochschule zum Opfer fielen. Eine davon ist die Heinrich Grönewalds, dessen Schicksal Wettern so bemerkenswert fand, dass er weitere Untersuchungen anstrengte und nach Zeitzeugen fahndete.

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Gestalten

Jeder kann etwas erschaffen

Von Friedbert W. Böhm

Das Verb “gestalten” ist gleichbedeutend mit “schaffen”, “Form geben”. Das bedeutet mehr als “machen”. Gott hat die Welt nicht gemacht, er hat sie erschaffen. Gestalten bedeutet, Nichts in Etwas zu verwandeln.

Bis vor nicht langer Zeit war der Wert des Schaffens, Gestaltens, Gemeingut in der Westlichen Welt. Erfinder, Ingenieure, kluge Handwerker, produktive Unternehmer, Komponisten, Literaten, weitsichtige Politiker und Diplomaten, Künstler, Forscher, Wissenschaftler und kreative Kaufleute besaßen den Respekt der Gesellschaft. Sie brachten ihr Neues, Fortschritt, Wohlstand und Vergnügen.

Und nicht nur die Gesellschaft bereicherten sie. Für die Gestalter selbst war in erster Linie die Befriedigung über das gelungene Werk, die gesellschaftliche Anerkennung, Belohnung für den Erfolg. Und nicht etwa nur das verdiente Geld.

Allerdings begann irgendwann in den Vereinigten Staaten eine folgenschwere Verwechslung Raum zu greifen: Geld wurde Synonym für Anerkennung und notwendige Voraussetzung für Befriedigung. Die erste Frage an einen neuen Bekannten nach der Vorstellung war nun “and how much do you make?”. Wer nicht viel “machte”, galt nicht mehr viel. Es kam nicht mehr darauf an, aus Nichts Etwas zu machen, sondern Geld.

Inzwischen ist der “Macher” auch im Rest der Welt zum Idol geworden. Gewiss, es gibt immer noch sehr viele kreative Menschen, die Nützliches, Schönes, Vergnügliches schaffen, aber unsere Bewunderung gilt in erster Linie denjenigen, welche dies zu Geld machen. Manager, Marketingprofis, Makler, Investoren, Banker, Berater, Anwälte eignen sich kreative Ideen und Projekte an – das Etwas -, um daraus Geld zu machen – Nichts. Und wir Konsumenten feiern diese Leute, indem wir aus Etwas – immer kurzlebigeren Gütern – Schlimmeres als Nichts machen: Abfall. Es stößt uns überhaupt nicht mehr auf, zu lesen, dass das Sozialprodukt – die Summe aller Leistungen der Gemeinschaft – zu 70 % aus Konsum besteht. Ein “Produkt”, das ursprünglich so etwas wie ein mühsam gefördertes Material oder gewissenhaft gefertigtes Werkstück gewesen war, ist zu einer nebelhaft-verdächtigen, statistischen Größe geworden.

Gestalten als Lebensinhalt ist heute ein Privileg weniger Glücklicher. Wir Anderen sitzen an einem Fließband, einem Zeichen- oder Schreibtisch, einem Computer und versuchen, das uns von der arbeitsteiligen Gesellschaft zugewiesene Tausendstel einer Maschine, eines Gebäudes, Projekts, Romans, einer Umsatzvorgabe oder Forschungsaufgabe zu optimieren. Vom fertigen Werk erfahren wir bestenfalls aus der Zeitung. Schafft das Befriedigung? Selbst wenn wir für unser Tausendstel gut bezahlt worden sind? Vermindert es unseren Frust, wenn wir befördert werden, unsere Gestaltungsmöglichkeit etwa von einem Tausendstel auf ein Hundertstel steigt?

Glücklicherweise hat uns die Geld-ist-Alles-Gesellschaft in der Regel noch nicht so im Griff, dass wir nicht noch über einige Freizeit verfügen könnten – manchmal sogar recht viel davon. Wie wäre es, wenn wir sie weniger dem Konsum und mehr der Gestaltung widmen würden? Jeder kann gestalten: eine raffinierte Mahlzeit, wenn es nicht ein ganzer Garten sein kann, ein Bonsai, eine eigene Meinung über ein weitum oberflächlich kommentiertes Thema, eine Vogeltränke, ein Kleidungsstück, einen Bilderrahmen, einen schönen Brief, eine Gesprächsrunde.

Man muss nur anfangen damit. Am Besten als Kind. Am Befriedigendsten und Verdienstvollsten ist das Gestalten von Kindern zu Gestaltern.

Der Schwarm

Wenn der Herdentrieb die Vernunft unterläuft

Von Friedbert W. Böhm

Lange war es ein Rätsel, welche Verhaltensregeln oder Mechanismen es bewirken, dass Hunderte, Tausende von Individuen in Fisch- oder Vogelschwärmen plötzliche Richtungswechsel ausführen, als ob der Schwarm ein einziger Organismus wäre. Die Biologen haben eine recht einfache Antwort auf diese Frage gefunden: Die Evolution hat die Tiere darauf geeicht, ohne jede Überlegung jedem Individuum an der Peripherie des Schwarms zu folgen, das von der allgemeinen Richtung abweicht. Dieses Tier muss als erstes eine Nahrungsquelle entdeckt haben – die es auszubeuten gilt – oder einen Fressfeind – dem man entfliehen muss. Es ist im Interesse aller Tiere des Schwarms, diesem Ausreißer zu folgen. Heringe und Stare besitzen durchaus die Fähigkeit, selbständig Nahrung zu suchen und vor Feinden zu fliehen. Aber wenn sie sich im Schwarm befinden, agieren sie wie Schwarmtiere. Man hat die Schwarmtheorie bewiesen, indem man einem Fischchen sein Gehirnchen wegoperierte. Es schwamm sinn- und ziellos umher. Und alle anderen folgten ihm.

Der Mensch ist kein Schwarmtier. Aber wir wissen inzwischen, dass in unserem Zwischenhirn immer noch Programme aktiv sind, die dort vor einigen Hundert Millionen Jahren von fernen Vorfahren eingelagert wurden. Unser Großhirn ist in der Lage, solche Programme abzuschalten oder zu überspielen. Wenn wir es gebrauchen.

Tun wir das denn nicht immer? Sind nicht alle unsere Entscheidungen und Handlungen vom Großhirn eingegeben? Dumme Fragen, sagt der Leser, als ob wir nicht unlängst die Wichtigkeit der “emotionalen Intelligenz” entdeckt hätten! Schon richtig, aber gerade hat uns die Analyse der Finanzkrise wieder gezeigt, wie unser Herdentrieb die Vernunft unterlaufen kann.

Ja, Herdentrieb. Wenn die Freunde, Nachbarn, Idole das neue elektronische Spielzeug haben wollen, wollen wir es auch. Wenn jene den neuen Star bewundern, wird er auch für uns zum Idol. Obwohl wir eigentlich die Nützlichkeit des Spielzeugs oder die musikalischen Qualitäten des Sängers gar nicht untersucht haben. Das Zwischenhirn hat für uns entschieden.

Und wenn wir Teil einer Masse sind, welche, auf einem Platz versammelt oder vor dem Radiosender oder vor dem Fernseher den feurigen Reden eines charismatischen Artgenossen lauscht, dann kann uns der Herdentrieb ganz leicht zu Schwarmverhalten verleiten. Der oder die Redner/in begeistert uns, reißt uns mit, so unvernünftig, lügnerisch, dumm und gefährlich auch immer seine/ihre Parolen sein mögen.

Wir folgen ihm/ihr wie einem gehirnoperierten Fischlein.

Der wohlwollende Hegemon

Wie Deutschland seinen Nachbarn durch eine unkonventionelle Maßnahme helfen könnte

Von Friedbert W. Böhm

Das ist einer, der seine Nachbarn kontrolliert und dabei das Wohl Aller genauso berücksichtigt wie sein eigenes. In Euroland sind Stimmen laut geworden, die Bundesrepublik möge die Rolle eines solchen Hegemons übernehmen. Einige der Stimmen kommen sogar aus Ländern, die Deutschland, mit geschichtlicher Berechtigung, früher eher misstrauten.

Die bisherige Haltung der Bundesregierung in der Eurokrise lässt darauf schließen, dass dort durchaus Bereitschaft zu hegemonialem Handeln besteht. Man war die treibende Kraft in der Schaffung von Rettungsschirmen für verschuldete Nachbarn, im Druck auf diese, ihre Hausaufgaben zu machen, man hat eine Mehrzahl von Nachbarn auf ein Minimum an gemeinsamem Handeln eingeschworen und man hat selbst einen beträchtlichen Teil der Geldmittel zur Krisenbekämpfung bereitgestellt. Nur, ein durchschlagender Erfolg ist bis dato nicht abzusehen. Da vielerorts den Sparversprechen der gefährdeten Schuldnerländer nicht getraut wird, auch keine überzeugenden Indizien für deren künftig erneuerte Wettbewerbsfähigkeit vorliegen, verharren manche Ratings beinahe auf Schrottlinie und jede Krediterneuerung gleicht einer Zangengeburt. Jetzt haben sogar Frankreich und Österreich ihr Toprating verloren.

Aus Investorensicht ist das verständlich. Es ist nämlich nicht abzusehen, wann die bisher getroffenen – oder versprochenen – Maßnahmen der Grundschwäche Eurolands abhelfen oder ob sie das überhaupt zu tun imstande sind.

Die Grundschwäche ist der beträchtliche Unterschied an Wettbewerbsfähigkeit, der zwischen den Problemländern und einigen anderen, in erster Linie Deutschland, besteht. Neben manch anderen Gründen sind hierfür die hier erheblich geringeren Lohnstückkosten verantwortlich, welche die deutschen Exporte befeuern und die der Problemländer hemmen. Fatalerweise wird dieser Faktor durch die neuerliche, aus der Krise resultierende Euroschwäche noch verstärkt – ein Teufelskreis.

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Metamorphose eines Viertels

Der “Galpón Cultural Piedra Buenarte” gibt jungen Menschen Hoffnung

Von Laura Wagener


Das Viertel “Piedrabuena” liegt im südlichen Teil der Stadt Buenos Aires, eine knappe Busstunde vom Zentrum enfernt. In Gesellschaft von Luciano César Garramuño betrete ich das ehemalige Elendsviertel und bin erst einmal beeindruckt von der Architektur des Barrios. Die riesigen, 12-stöckigen Gebäude sehen aus, als seien sie zu Stalins Zeiten errichtet. Das Viertel ist eigentlich nicht besonders groß, in etwa zehn Minuten kann man hindurchlaufen. Luciano klärt mich jedoch auf, dass etwa 20.000 Menschen in den massiven Steinblöcken wohnen. Viele der Häuser wurden nicht richtig fertiggestellt, und so leben viele der Bewohner ohne Strom und Gas.

Schnell bemerke ich, man kennt sich hier. Während Luciano mich durch das Viertel führt, gibt es niemanden, der uns nicht grüßen würde. Der 29-jährige Fotograf kommt selbst aus Piedrabuena, hat nie woanders gewohnt, und die Leute kennen ihn alle durch seine Arbeit. Er ist einer der Initiatoren des Kulturvereins “Galpón Cultural Piedra Buenarte” im Herzen des Viertels.

Das Besondere an Piedrabuena ist nämlich, dass es hier nicht nur die Wohnhäuser, sondern auch eben jenen “Galpón”, eine Art riesige Lagerhalle, gibt. Früher gab es mehrere dieser langen Hallen, die gleichzeitig mit den Wohnhäusern errichtet wurden. Alle außer der größten sind im Laufe der Zeit Materialdiebstählen zum Opfer gefallen: Menschen aus den umliegenden Elendsvierteln haben die Wellbleche und Metalle geklaut und zum Hausbau verwendet.

Der übriggebliebene Galpón war schon in der Kindheit Lucianos und seiner Freunde dort, damals lagerte noch das Teatro Colón dort seine Bühnenmaterialien. Rund um den Galpón befindet sich eine relativ große Freifläche, auf der es mittlerweile einen Spielplatz und ein Fußballfeld gibt. Früher war der Galpón umzäunt, auf dem Gelände lebten wilde Hunde. Das Viertel hatte einen schlechten Ruf, Taxifahrer aus der Hauptstadt fuhren, wenn überhaupt, nur widerstrebend in das von Elendsvierteln umgebene Barrio, es gab wenig zu tun für die jungen Leute, deswegen verfielen viele den Drogen oder dem Alkohol. Die Gewaltrate war hoch.

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Damit die Spuren nicht verlorengehen

Besuch im Martius Staden-Institut, Sao Paulo, als Feldforschung für ein zu gründendes Dokumentationszentrum in Buenos Aires

Von Regula Rohland de Langbehn

Das 1925 aus kleinen Anfängen hervorgegangene Hans Staden-Institut wurde 2006 als Martius Staden-Institut aus dem Zentrum von Sao Paulo nach Morumbí verlegt, wo ihm ein geräumiger Trakt in der deutschen Schule Vizconde de Porto Seguro, einer altehrwürdigen Privatschule, nach Maß geschneidert worden war. Wenn man es betritt, hat man durchaus das Gefühl, in einen hochmodernen Tempel der Wissenschaft einzutreten, und tatsächlich sieht man in abgeteilten Boxen dort fleißige Priester und Priesterinnen der Wissenschaft dem Gott Archivus und der Göttin Genealogia huldigen.

Der Weg in dieses Sanktuarium ist freilich für den Fremdling mit Gefahren besät, wenn nicht ein guter Genius in Gestalt des Direktors Dr. Kupfer den Einlass Heischenden durch die gefährliche Zone zwischen der nächsten Metrostation und dem Institut geleitet, eine Zone, die über Brücken und Stadtautobahn führt und zu Fuß nicht durchschreitbar ist. Es scheint so zu sein, dass man zwar nicht durch Feuer und Wasser, aber doch wenigstens an einem Goldesel vorbeigegangen sein muss, wenn man alleine dorthin will, denn man muss im eigenen Auto oder, vor allem als sprachunkundiger Fremder, per Taxi anreisen, wenn man heil ankommen will.

Dadurch ist das Institut in der beneidenswerten Lage, praktisch ohne Publikum zu arbeiten: Wissenschaftler wenden sich in der Regel per E-Mail an die Angestellten und werden sehr zuvorkommend bedient, und auch private Anfragen – z.B. von Leuten, die einen deutschen Großvater für die Beschaffung des europäischen Passes nachweisen müssen – lassen sich in der Regel auf diese Weise beantworten.

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“Meine Waffe ist das offene und klare Wort”

Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Markus Löning, besuchte Argentinien

Von Susanne Franz

Sein Job sei ein Erbe der DDR-Dissidenten, sagt Markus Löning (FDP), Menschenrechtsbeauftragter der deutschen Regierung. Der erste Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechte und humanitäre Hilfe sei der Grünen-Politiker Gerd Poppe gewesen, ehemals ein Bürgerrechtler in der DDR. Der 51-jährige Löning nahm am 5. und 6. Dezember in Buenos Aires an einem der vom deutschen Auswärtigen Amt weltweit organisierten Treffen von mit Menschenrechtsfragen befassten Personen teil. Aus ganz Lateinamerika kamen Nichtregierungsorganisationen zu dem Treffen, das vom Centro de Estudios Legales y Sociales (CELS) mitorganisiert worden war. Dabei ging es um Themen aller Art wie Frauenfragen, die von einer mexikanischen Delegation vorgebracht wurden, oder den Rechten der Mapuche-Indianer, die eine chilenische NGO verteidigte.

In einem Interview am 8. Dezember in Buenos Aires (veröffentlicht im Argentinischen Tageblatt vom 17. Dezember 2011) nahm der Politiker Stellung zu verschiedenen weltpolitischen Themen. So sieht Löning die Entwicklung in China in Bezug auf die Menschenrechte sehr positiv. Natürlich sei China kein freies Land und es sei weiter undenkbar, die Staatsspitze anzugreifen, sagte der Politiker mit Blick auf den Künstler Ai Weiwei. Aber im Gegensatz zu früher sagten die Menschen heute, was sie denken. “Die um die 50-Jährigen erinnern sich heute noch an die Kulturrevolution”, gibt Löning zu bedenken. Selbst in der Familie habe man damals nicht gewagt, sich kritisch zu äußern. Heute sei Bewegung spürbar. In China gebe es heute mehr Wohlstand, mehr Bildung, die grundlegenden Lebensbedingungen seien besser. “Das wirkt sich auch auf die Meinungsfreiheit aus.”

Über Russland hat Markus Löning nicht so viel Positives zu sagen. Demokratischen Parteien sei es fast unmöglich gewesen, zu den gerade abgehaltenen Wahlen zugelassen zu werden, die einzige Oppositionspartei Jabloko sei an der hohen 7%-Hürde gescheitert. “Russland verpasst seine Chance, in die Riege der demokratischen Länder aufgenommen zu werden”, urteilt Löning.

Viele seiner letzten Reisen haben ihn nach Nordafrika geführt. Was die Entwicklung dort betrifft, sei er “ziemlich optimistisch”. In Tunesien habe es freie und faire Wahlen gegeben, und dass sich über 30% für eine religiöse Bewegung ausgesprochen hätten, spiegele das Empfinden der Bevölkerung wider. “Auch in Europa haben wir Parteien mit religiösem Hintergrund”, gibt Löning zu bedenken und nennt z.B. die Unionsparteien in Deutschland. “Ich persönlich plädiere dafür, dass man erst einmal abwartet, was die Islamisten in Tunesien oder die Muslimbrüder in Ägypten machen, ob sie sich auf einen pragmatischen Weg begeben”, sagt Löning. “Als Europäer sollten wir den afrikanischen Gesellschaften eine Chance geben. Warum sollten sich dort keine freien Gesellschaften entwickeln können?” Tatsache sei, dass die Menschen auf die Straße gingen, um für ihre Rechte einzutreten. Er selbst habe mit liberalen Kräften gesprochen, die dort eine Rolle spielten. “Wir sollten nicht wie das Kaninchen auf die Schlange starren”, meint Löning zu übertriebenen Sorgen hinsichtlich der Entwicklung in Nordafrika.

Auf die jüngsten Ereignisse in Deutschland bezüglich der Neonazi-Morde sei er noch nicht angesprochen worden, sagt Markus Löning. Aber ja, besonders in der Türkei käme es öfter zur Sprache, dass Kinder von Moslems in Deutschland weniger Chancen hätten. “Da herrscht in Deutschland eine Ungerechtigkeit, und es ist anerkannt, dass dort Handlungsbedarf besteht. Trotz allem, was wir erreicht haben, gibt es Defizite, und die muss man anerkennen”, betont der Menschenrechtsbeauftragte.

Mit seinen Reisen, seinen Gesprächen in der ganzen Welt – kann er damit etwas bewirken, eventuelle Missstände verbessern? “Ich werde nicht selbst aktiv”, sagt Markus Löning. Das was er sehe und höre, fließe in seine Berichte ein. Sein Mittel, etwas zu bewirken, sei das offene und klare Wort. Das setze Machthaber unter Druck. “Wenn ich oder der Außenminister oder die Kanzlerin etwas sagen, findet das Gehör”, sagt der Politiker. Deutschland sei eine Wirtschaftsmacht und die meisten Länder wollten Handels- und andere Beziehungen mit der Bundesrepublik vertiefen.

Das Auswärtige Amt betreibe aber auch auf andere Art Demokratieförderung, indem beispielsweise über die deutschen politischen Stiftungen die Journalistenausbildung weltweit unterstützt werde oder Menschen nach Deutschland eingeladen würden, die sich in ihren Ländern für die Menschenrechte einsetzten. “Im letzten Jahr luden wir eine Gruppe aus Afrika ein, die sich für sexuelle Minderheiten einsetzt”, führt Löning als Beispiel an. Ein Foto mit Außenminister Guido Westerwelle, der sich zu seiner Homosexualität bekennt, oder allein die Tatsache, dass es in Deutschland möglich ist, dass ein Homosexueller Minister oder Regierender Bürgermeister von Berlin werden kann, gebe diesen Menschen Hoffnung.

Für den ruhigen, sympathischen Politiker, der auch in Oppositionskreisen in Deutschland beliebt ist, sind die kleinen Erfolge die wichtigsten. “Man fragt sich immer: Macht das Sinn?”, antwortet er auf die Frage von AT-Chefredakteur Stefan Kuhn nach dem größten Lichtblick in seiner Karriere. “Und dann sind da die Leute, die mir schreiben ‘Vielen Dank, dass Ihr Euch für mich eingesetzt habt, ich bin aus dem Gefängnis raus’, wie eine Frau aus dem Iran, oder der Mann aus Aserbaidschan, den wir im Gefängnis besuchen wollten und zu dem wir zwar nicht vorgelassen wurden, dem es aber allein schon nutzte, dass wir unsere Karten hinterlassen haben.”

“Menschen, die in freien Ländern leben, haben eine Verpflichtung, sich für eine gerechtere Welt einzusetzen”, sagt Markus Löning. Auch wenn man vielleicht nicht immer große Veränderungen bewirken könne. Das gelte für Deutschland, aber auch für Argentinien, wo eine Militärdiktatur geherrscht habe und wenig Hilfe von außen gekommen sei.

Im Rahmen seiner ersten Argentinienreise sprach Markus Löning u.a. auch mit Oppositionspolitikern und mit Vertretern des argentinischen Außenministeriums. Lateinamerika werde in der Zukunft eine größere Rolle spielen, ist der Menschenrechtsbeauftragte des Bundesregierung überzeugt. Man habe auf UN-Ebene schon immer stark mit den lateinamerikanischen Ländern zusammengearbeitet. Vor einem Jahr etwa habe man erreicht, dass das Recht auf Wasser und sanitäre Versorgung in einer UN-Resolution als Menschenrecht festgeschrieben worden sei. Die Initiative, die von Bolivien ausging, habe auch Argentinien unterstützt.

“Mit den lateinamerikanischen Ländern verbindet uns Geschichte und Kultur, es herrscht viel mehr gemeinsames Verständnis als beispielsweise mit Afrika und Asien”, so Löning. Und Buenos Aires sah er, trotz der großen geographischen Entfernung, als europäische Stadt. Seine letzte Reise hierher soll es nicht gewesen sein.

(Foto: Stefan Kuhn)

Ein paar Gänge zurückschalten

Die beiden -Losigkeiten

Von Friedbert W. Böhm

Wenn wir einmal für einen Augenblick die Schuldenkrise beiseite lassen, gibt es in Deutschland und einigen anderen westlichen Ländern zwei Grundübel: Arbeitslosigkeit und Kinderlosigkeit. Liegt es nicht eigentlich auf der Hand, dass diese Übel sich gegenseitig beheben?

Dass die Arbeit durch Automatisierung und Rationalisierung weniger werden würde, wusste man schon in den Sechzigern (obwohl noch niemand sich Fabrikroboter oder Onlinekäufe und -zahlungen vorstellen konnte). Damals träumte man von einem 4-stündigen Arbeitstag – natürlich bei gleichem Lohn – und die Besorgnis war, was man wohl mit der riesigen Freizeit anfangen solle. Dabei war die heutige Geburtenschwäche noch gar kein Thema; man musste also mit der Verteilung der schrumpfenden Arbeit auf eine gleiche oder sogar steigende Bevölkerung rechnen.

Es ist ganz anders gekommen. Die Arbeit ist nicht nur weniger geworden, sie ist auch ausgewandert. Erst Japaner und Koreaner, dann Chinesen, Inder, sonstige Asiaten, Osteuropäer, Mexikaner, Brasilianer und auch schon manche Afrikaner haben durch großen Fleiß und geringe Löhne praktisch alle lohnintensiven Industrien an sich gezogen, und einige jener Länder sind dabei, dies auch mit hochwertigen Produktionen und den Finanzen zu tun. Mit Spitzentechnologie und cleveren Nischenprodukten werden die alten Industrieländer schon noch eine Weile in der Weltwirtschaft mitmischen, aber die Zeiten des Wachstums, des ständig steigenden Wohlstands, sind unwiderruflich vorbei.

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Wer war es bloß?

“Wir doch nicht!” …

… sagen die Politiker. “Wir hetzen schließlich seit 1 ½ Jahren von einer Sitzung in die nächste, um die Krise in den Griff zu bekommen. Es gäbe sie gar nicht, die Krise, wenn die nimmersatten Banken und anderen Finanzjongleure nicht ständig in unverantwortlicher Weise gegen die Schuldnerländer spekulierten. Getriebene sind wir Politiker, von den Märkten Getriebene!”

“Spekulanten?”, empören sich die Fondsmanager. “Solch ein Unsinn! Wir verwalten Spargelder der Bürger und das Vermögen von Pensionskassen und Versicherungen. Sollen wir tatenlos zusehen, wie diese durch zahlungsunfähige Schuldnerländer immer weniger werden?”

“Na, na”, meinen die Banken, “es ist schon richtig, dass manche von uns sich verzockt hatten und zum Überleben Staatshilfe brauchten. Aber das ist doch nur ein Teil der Geschichte. Der andere Teil ist, dass die Politik in vergangenen Jahrzehnten nicht nur widerstandslos unseren Forderungen nach Deregulierung des Systems nachgab, sie hat uns sogar erlaubt und in vielen Fällen animiert, insolvente Häuslebauer und überschuldete Staaten zu finanzieren, indem sie Hypothekenkredite und solche an (westliche) Staaten von der Risikovorsorge ausnahm. Sollten wir diese Möglichkeiten etwa nicht nutzen? Letzten Endes sind wir private Gesellschaften, unseren Aktionären verantwortlich. Auch von den Rating Agencies haben wir lange keine Warnungen gehört.”

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