Reichtum und Staat

Reichtum steht zusehends am öffentlichen Pranger

Von Friedbert W. Böhm

reichtumStatement des Wirtschaftsministers eines als Demokratie verkleideten, südamerikanischen autoritären Regimes: Die Wirtschaft ist wie ein Luftballon. Sie steigt immer nach oben. Die Regierung muss nur aufpassen, die Strippe nicht aus der Hand zu geben.

Dieser Minister marxistischen Ursprungs steht der wirtschaftlichen Wirklichkeit natürlich ferner als der Polarstern. Er agiert zudem in einem durch Jahrzehnte des Populismus geprägten, katholischen Umfeld mit feudalistischen Reminiszenzen und sozialistischen Utopien. Aber auch in Gesellschaften mit langer marktwirtschaftlicher Tradition steht der Reichtum zusehends am öffentlichen Pranger, seit die überbordenden globalen Geldmengen vorwiegend Konzerne und Topmanager begünstigen. In Deutschland etwa streiten sich Politiker und Medien über wenig mehr als über eine höhere Besteuerung des Reichtums.

Dabei wird häufig ersichtlich, dass der Begriff Reichtum recht verschieden definiert wird und sowohl über seine moralische Berechtigung wie über seine gesellschaftlichen Auswirkungen überaus divergierende Ansichten bestehen. Ein Versuch zur Vereinheitlichung:

Die einschlägigen Statistiken sind kompliziert, unübersichtlich und von Land zu Land nur äußerst schwer vergleichbar. In Äthiopien würde ein schwedischer unterer Mittelständler als reich gelten, in Abu Dhabi kommen sich manche Millionäre arm vor. Reichtum ist relativ. Vermögen und Einkommen sind ziemlich verschiedene Dinge. In Argentinien existiert das Sprichwort vom reichen Estanciero, der nicht genug Geld hat, um das Taxi zu bezahlen. Es gibt, im Kontrast zum Estanciero, Einkommensmillionäre (im Show-Buissness, im Sport, Spekulanten), die es nie zu einem angemessenen Vermögen gebracht haben. Im Allgemeinen kann jedoch schon davon ausgegangen werden, dass große Vermögen und große Einkommen sich gegenseitig befördern.

Das Zustandekommen von Reichtum moralisch beurteilen zu wollen, gleicht dem Versuch, das Geschlecht der Engel zu ermitteln. Natürlich gibt es Extremfälle. Räuber und Korrupte sind zu verurteilen. Wer seine eigene Erfindung in jahrelanger Arbeit zu einem Weltprodukt entwickelte, verdient uneingeschränktes Lob. Aber die glücklichen Erben? Die Lottogewinner? Die erfolgreichen Sportler, Sänger, Künstler, Anwälte, die für einen Sieg, einen Auftritt, ein Werk, einen gewonnenen Prozess sechsstellige Summen kassieren? Die Topmanager, deren Meriten womöglich darin bestehen, in Davos, auf dem Poloplatz, im Jockeyklub, auf der Hannover Messe oder in Bayreuth ein Milliardengeschäft angebandelt zu haben? Es ist müßig, deren Leistung und deren Privilegien in Bezug zu setzen zu denen eines fähigen Technikers, Kaufmanns oder Beamten. Glück und Pech, Verwandt- und Freundschaften spielen halt auch in unseren hoch zivilisierten und reglementierten Gesellschaften ihre traditionelle Rolle und können durch die besten Gesetze nur eingedämmt, nicht ausgemerzt werden.

So ist es wohl erheblich zielführender, den Status des Reichtums nach dem Maß zu definieren, in welchem er der Allgemeinheit zugute kommt. In aller Regel besteht Wohlstand nur zum geringsten Teil aus Geldvermögen. Seinen Kern pflegen Firmenbeteiligungen, Grundstücke, Marken- und andere Rechte zu bilden. Das sind Aktiva, die initiativ und behutsam verwaltet werden wollen. Alle Erfahrung zeigt, dass private Besitzer dies erfolgreicher bewerkstelligen können als Staatsbeamte. Sie verdienen Geld damit, fördern aber auch das Gemeinwohl, indem sie Arbeitsplätze schaffen, Steuern zahlen, häufig Wohltätigkeit betreiben. Der Staat tut gut daran, ihnen unternehmerische Freiheit zu gewähren, jedoch darauf zu achten, dass die Steuern angemessen sind zu den Vorteilen, die er dem Unternehmer gewährt wie Rechtssicherheit, gut ausgebildete Arbeitnehmer mit ausreichender Gesundheits- und Altersversorgung, sozialen Frieden also, eine intakte Infrastruktur, Geldstabilität sowie die Verfolgung ausreichend günstiger auch internationaler Rahmenbedingungen. Außerdem hat der Staat darauf zu achten, dass Monopole und andere sittenwidrige Strategien unterbunden werden.

Aber auch Geldvermögen können der Gemeinschaft dienen, wenn sie vernünftig angelegt sind. Bankguthaben verwandeln sich schließlich im Finanzsystem in Kredite. Wenn diese vernünftigen Zwecken dienen, etwa der Erhöhung unternehmerischer Wettbewerbsfähigkeit, der besseren Energieversorgung oder der Wohnraumbeschaffung, kann der Profit für die Gesellschaft größer sein als der Zinsertrag für den Anleger. Es liegt auf der Hand, dass bei der Zweckbestimmung der Kredite die Verantwortung bei den Banken liegt (deren Vernunft seit einiger Zeit in Zweifel geraten ist). Natürlich kann ein einigermaßen erfahrener Geldinhaber den Zweck seiner Anlagen (in gewissen Grenzen) auch selbst bestimmen, indem er Aktien oder Investmentzertifikate kauft. Wenn er vernünftig sein will, sollte er dabei allerdings nicht unbedingt Waffenexporteure finanzieren oder die Errichtung von noch mehr Wolkenkratzern in Ölscheichtümern.

Was die Reichen mit ihren Einkünften nach Steuern machen, hat den verfassungsgemäß handelnden Staat nicht zu interessieren.

Mitnichten ist dies jedoch gesellschaftlich irrelevant. Hier kommen Vernunft und Anstand der Betreffenden ins Spiel. Niemand wird es einem Erfolgreichen verwehren wollen, in einem sehr schönen Haus mit großem Garten zu wohnen, Oberklassenautos zu fahren oder sich darin fahren zu lassen und, statt zu kegeln oder Briefmarken zu sammeln, Golf zu spielen oder mit einer Yacht auf dem Mittelmeer zu segeln. Wer jedoch die Priorität darauf setzt, im internationalen Jet Set zu reüssieren, wer nicht ein Feriendomizil oder eine Yacht besitzt, sondern solche im Tessin, in Katar, in London oder New York oder in der Ostsee, im Mittelmeer und in der Karibik, neben Jagdrevieren im Sachsenwald, in Rumänien und Patagonien, wer die teuersten Spezialisten bezahlt, um die letzte Steuersparlücke der Welt zu entdecken oder, um einer geringen Rentabilitätsverbesserung willen, langjährige Mitarbeiter auf die Straße setzt, der schafft gesellschaftlichen Sprengstoff. Er fördert mit seinem Geld nicht nur unverhältnismäßig teure, gesellschaftlich unnütze, Investitionen im Luxussektor, er löst auch Neid aus, bei Kollegen Gier, es ihm gleichzutun, und in manchen politischen Kreisen eine nicht unberechtigte Hoffnung, die Marktwirtschaft zu knebeln oder ganz abzuschaffen.

Und dagegen kann sich der Rechtsstaat nicht wehren.

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Das Zustandekommen von Reichtum moralisch beurteilen zu wollen, gleicht dem Versuch, das Geschlecht der Engel zu ermitteln.

125. Geburtstag des Argentinischen Tageblatts

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Tasten

Das Herantasten an die Wahrheit ist komplizierter denn je

Von Friedbert W. Böhm

WalterCrane_ManOfTheFutureBevor das Auge sich erfand, tasteten sich die Wesen durch das Leben. Was sich essbar anfühlte, wurde verschlungen, Anderes gemieden. Zum Tastsinn gesellten sich im Laufe der Entwicklung das Gesicht, das Gehör, der Geruch, der Geschmack, beim Menschen. Andere Wesen entbehren einige dieser Sinne, besitzen dafür oder zusätzlich andere, wie etwa Radar oder Elektrizitätsempfindung. Sie alle dienen der Orientierung in der Umwelt; ein Wesen ohne Sinne wäre schon vor der Entstehung des Auges ausgestorben gewesen.

Wir tasten mit den Fingern, schmecken mit der Zunge, sehen mit den Augen (oder der Brille), hören mit den Ohren (wenn wir wollen), riechen mit der Nase (wenn uns nicht gerade der Smog es versaut). So sind wir immer ganz gut zurecht gekommen, im afrikanischen Urwald, in der Savanne, zwischen den Bergen, selbst während der Eiszeit, in Wasser und Luft, heute sogar im Weltraum.

Unsere Sinne können jedoch täuschen. Was uns da bei der Nachtfahrt entgegenkommt: ist es ein Auto oder sind es zwei Motorräder? Vielleicht hilft uns ein Beifahrer, der bessere Augen oder mehr Erfahrung hat als wir. Die Kommunikation mit Unsresgleichen ist ein unschätzbarer Vorteil und hat uns mutmaßlich die Dominanz über alle anderen Wesen (mit Ausnahme der Stechmücken) verschafft.

Allerdings kann uns auch der Beifahrer täuschen. Wir tun gut daran, Informationen aus zweiter Hand nur dann den gleichen oder höheren Wahrheitsgehalt als unseren Sinnen und unseren eigenen Rückschlüssen zuzuschreiben, wenn wir den Informanten beurteilen können. Ist er wohlmeinend, intelligent, erfahren? Oder ein chronischer Lügner, ein Angeber, ein gerissener Verfolger eigenen Vorteils? Dies werden wir am Besten ermessen können, wenn wir ihn aus eigener Erfahrung kennen oder von vertrauenswürdigen Dritten Verlässliches über ihn gehört haben. Das ist umso einfacher, je kleiner die Gesellschaft ist, in der wir mit Informant und Informiertem zusammenleben – je länger ihr Weg, desto verdrehter ist jede Information.

In unserer heutigen Megagesellschaft ist das Herantasten an die Wahrheit komplizierter denn je. Und mehr denn je benötigen wir letzere, um in ersterer zurecht zu kommen. Glücklicherweise besitzen wir Kommunikationsmittel, von denen unsere Vorfahren nicht einmal hätten träumen können. Oder doch? Der englische Illustrator und Kunstlehrer Walter Crane lebte am Übergang vom IXX. zum XX. Jahrhundert. Er zeichnete 1907 den “Tastendrücker”. Das ist ein einsamer Mensch, der weder hört, noch sieht, noch schmeckt noch riecht. Nein, tasten tut er auch nicht mehr. Er drückt Tasten, welche ihm aus wer weiß wievieler Hand die Informationen vermitteln, die er meint, zum Leben zu benötigen. Er grinst sogar.

Sieht er so aus, als könne er Erfolg haben?

Plädoyer für aktive Gedenkarbeit

Klaus Wowereit eröffnet Ausstellung “250 Jahre Jüdisches Krankenhaus Berlin”

Von Marcus Christoph

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Um die Zukunft zu meistern, bedarf es einer aktiven Gedenkarbeit. Dieses Credo formulierte Klaus Wowereit anlässlich der Ausstellungseröffnung “250 Jahre Jüdisches Krankenhaus Berlin”, die seit Dienstag im Jüdischen Museum von Buenos Aires (Libertad 769) zu besichtigen ist. Der Regierende Bürgermeister der Spreemetropole weilte in der argentinischen Hauptstadt, um das 20-jährige Bestehen der Städtepartnerschaft zwischen beiden Städten zu feiern. Diese werde getragen von den Bürgern zweier Städte, die beide von wechselvoller Geschichte geprägt seien, so Wowereit.

Der Regierende Bürgermeister hob das Jüdische Krankenhaus (JKB) im Ortsteil Gesundbrunnen als einen Ort hervor, der beispielhaft die Veränderungen und Verwerfungen der Geschichte zeige: Wie Menschen friedlich miteinander gelebt haben, aber auch, wie Menschen verfolgt und schließlich ermordet wurden. Erinnerung daran sei man den Opfern der NS-Terrorherrschaft schuldig. Wowereit würdigte, dass Argentinien mehr als andere Länder Juden aufgenommen habe. Rund 30.000 vom Holocaust bedrohte Menschen hätten sich damals vor dem Regime der Nationalsozialisten hierher retten können.

Der Bürgermeister erinnerte an das einstmals blühende jüdische Leben in Berlin, das durch den Holocaust zerstört worden sei. Heute kehre jüdisches Leben zurück in die deutsche Hauptstadt. Dies müsse jedoch beschützt werden, da es immer noch Menschen gebe, die nichts aus der Geschichte gelernt hätten, so die Einschätzung des Bürgermeisters, der vor diesem Hintergrund ermahnte: “Demokratie muss jeden Tag neu gelebt werden.”

Wowereit unterstrich die Vorbildfunktion, die Metropolen wie Berlin und Buenos Aires für das Zusammenleben von Menschen insgesamt zukäme. Dabei habe die Geschichte beider Städte gezeigt, dass man immer dann erfolgreich war, wenn ein Klima der Offenheit und des Respekts vor den Menschenrechten geherrscht habe.

Für die Stadt Buenos Aires sprach Kulturminister Hernán Lombardi, der die Städtepartnerschaft als “fruchtbare Beziehung” charakterisierte. Buenos Aires und Berlin, die beide in der Geschichte viel gelitten hätten, stünden heute für Pluralismus, Jugend und für Kultur als Lebensform.

Besonders auf die Geschichte des Hospitals ging Dr. Jochen Palenker, der stellvertretende Vorsitzende des Kuratoriums der Stiftung JKB, ein. Seit 200 Jahren stehe das Krankenhaus Menschen aller Konfessionen offen. Menschlichkeit sei schließlich nicht teilbar. In Berlin weise nur die Universitätsklinik “Charité” eine längere Geschichte auf. Bedeutende Ärzte wie Dr. James Israel, der Wegbereiter der modernen urologischen Chirurgie, sowie Bernhard von Langenbeck, der Gründer der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, hätten im JKB gewirkt. Gemeinsam mit der “Charité” sei das JKB “Motor des medizinischen Fortschritts” gewesen.

Prof. Dr. Julius Schoeps, der Direktor des Moses-Mendelssohn-Zentrums der Uni Potsdam, beschrieb das Jüdische Krankenhaus als “ein Stück berlinisch-jüdischer, aber auch deutsch-jüdischer Geschichte”. Schoeps‘ Institut hatte die Ausstellung 2006 konzipiert, die bereits in Berlin, Jerusalem, Haifa und New York zu sehen war.

Für die DAIA, den Dachverband der jüdischen Organisationen in Argentinien, sprach deren Vizepräsident Waldo Wolff. Er machte die Wichtigkeit, Geschichte zu vermitteln, am Beispiel eines Geschichtslehrers deutlich, den er bei einem Besuch in Deutschland kennengelernt hatte. Dieser begründete seine Lehrmotivation damit, dass er von seinem demokratisch gesinnten Großvater das Vermächtnis übernommen habe, die Erinnerung an das während der NS-Zeit Geschehene wachzuhalten.

Der deutsche Botschafter Bernhard Graf von Waldersee sieht in der aktuellen Ausstellung einen “Brückenschlag zum jüdischen Leben in Berlin”. Die Geschichtsschau stärke die Beziehungen nicht nicht nur zwischen Berlin und Buenos Aires sowie Deutschland und Argentinien insgesamt, sondern auch die Verbindungen zwischen der hiesigen deutschen Botschaft und den jüdischen Vereinigungen vor Ort.

Als Gastgeber des Abends sprach Museumsdirektor und Rabbiner Dr. Simón Moguilevsky von einer “großen Ehre und Genugtuung”, die Berliner Ausstellung in Buenos Aires zeigen zu können. Die Bezeichnung Hospital stamme vom lateinischen Wort für beherbergen, erinnerte Moguilevsky. Seien in früheren Zeiten Menschen in ihren Häusern kuriert worden, entwickelten sich heutzutage Krankenhäuser zu Einrichtungen, in denen die Patienten nicht nur operiert, sondern sich auch länger zu Genesungszwecken aufhalten könnten. Die Ausstellung spiegele auch die Entwicklung zum modernen Hospital wider.

Die Geschichte des JKB begann im Jahr 1756 mit der Schaffung eines Hospitals an der Oranienburger Straße durch die jüdische Gemeinde. 1914 erfolgte der Umzug aus Berlins Mitte in den Wedding/Ortsteil Gesundbrunnen. Als einzige jüdische Institution in ganz Deutschland überstand das JKB den Naziterror. In den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs wurde das Krankenhaus als Sammellager und Zwischenstation für die Transporte der Juden in die Konzentrationslager missbraucht. Es wurde Ghetto, aber auch Zufluchtsstätte für Untergetauchte.

Nach dem Holocaust konnten die wenigen Mitglieder der jüdischen Gemeinde das Krankenhaus finanziell nicht mehr tragen. 1963 wurde es in eine Stiftung des bürgerlichen Rechts umgewandelt.

Die Sonderausstellung im Jüdischen Museum von Buenos Aires (Libertad 769) ist bis zum 27. Juni zu besichtigen. Öffnungszeiten sind dienstags bis donnerstags von 11 bis 18 Uhr sowie freitags von 11 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Am Montag hatte Klaus Wowereit im Rahmen einer Veranstaltung zur Städtepartnerschaft Berlin-Buenos Aires eine Ausstellung im Design-Zentrum CMD eingeweiht.

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Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (re.) in Buenos Aires.
(Foto: Marcus Christoph)

“Berlin ist ein bisschen neidisch”

Klaus Wowereit eröffnet Veranstaltung zur Feier der 20 Jahre Städtepartnerschaft Berlin und Buenos Aires

Von Philipp Boos

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Berlin und Buenos Aires feiern dieses Jahr 20 Jahre Städtepartnerschaft. Am Montag wurde zu den offiziellen Feierlichkeiten im “Centro Metropolitano de Diseño” (CMD) in Barracas geladen, dort wurde Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit erwartet.

Ab 16 Uhr öffnete das Programm im hochmodernen und neuen Auditorium. Es gab unterschiedliche, an der Oberfläche kratzende Vorträge über das Erfolgsmodell Berlin. Mitarbeiter der Tourismusagentur “visitBerlin” erklärten, warum Deutschlands Hauptstadt in den letzten zehn Jahren zum Mekka und zur Heimat von Kreativen und Start-Ups aus der ganzen Welt geworden ist. Alle 12 Minuten, so die Verantwortliche für das Hauptstadtmarketing Christine Carboni in ihrem Vortrag, werde in Berlin ein Start-Up gegründet, bedingt unter anderem durch den noch erschwinglichen Wohnraum, im Vergleich mit London und San Francisco.

Kein Wort zum Wohnraummangel und der Gentrifizierung in den Stadtteilen Kreuzberg und Neukölln. So brüstet man sich mit der Freifläche des stillgelegten Flughafens Tempelhof, verschweigt aber auch hier eventuelle Bauvorhaben. Klar, es geht um die Außendarstellung, aber Fakt ist, dass auch Berlin immer teurer wird.

Berlin ist eine junge Stadt, das Durchschnittsalter liegt unter 35 Jahren. Die Stadt an der Spree, die niemals schläft, und in der täglich aus bis zu 1500 Veranstaltungen gewählt werden kann. “Deswegen schläft auch keiner”, wird gescherzt und gelacht. Die Stunden plätschern angenehm dahin.

Gegen 19 Uhr trifft Berlins Bürgermeister ein, u.a. in Begleitung des Ministers für wirtschaftliche Entwicklung der Stadt Buenos Aires, Francisco Cabrera, des Deutschen Botschafters Bernhard Graf von Waldersee und des Geschäftsführers von visitBerlin, Burkhard Kieker. Dazu ein nicht genau zu definierender Mitarbeiterstab und ein Tross kurzhaariger Bodybuilder im Smoking – seine Bodyguards. Wie niedrig fliegende Schwalben vor dem vermeintlichen Regenschauer warnen, kündigen die aufgescheuchten Hühnern gleichenden, kreuz und quer umherlaufenden Fotografen Wowereits nahende Ankunft an.

Klaus Wowereit wirkt inmitten des Blitzlichtgewitters wie ein Fels in der Brandung – man möchte es ihm gleichtun und über den Dingen stehen. An einer großen Wandkarte lässt er sich den Stadtteil Barracas und dessen kreative Zentren erläutern und wird durch die Ausstellung der von Berliner Designern entworfenen Berlin-Souvenirs geführt.

Am Ende der ehemaligen Markthalle befindet sich die Bühne. Zu blöd, dass die Tanzgruppe davor auf dem Pflasterstein ein Medley aus Breakdance und Tangoschritten vorführt, und nur die in der ersten Reihe wirklich “live” dabeisein können. Der Applaus ist aber durchaus gerechtfertigt.

Francisco Cabrera betritt nun die Bühne, zeigt sich erfreut über den Austausch zwischen den Städten und bittet schließlich den Berliner Bürgermeister, das Wort zu ergreifen. Der gibt sich gewohnt entspannt – so wie Berlin ist auch er nicht mit dem Rest Deutschlands zu vergleichen. Als Zeichen der guten Zusammenarbeit überreicht ihm Cabrera den Schlüssel des “Distrito de Diseño”, in einem 3D-Drucker gepresst.

“Herzlichen Glückwunsch zu diesem wunderbaren Design-Zentrum, zur Gestaltung dieser außergewöhnlichen Halle für das wunderbare Thema Design”, beginnt Wowereit seine Rede und erntet seinen zweiten Beifall. Berlin sei neidisch auf so eine Einrichtung für die kreativen Industrien, die sich weltweit sehen lassen könnte, umschmeichelt er seinen argentinischen Gastgeber und das Publikum. Desweiteren betont er, dass diese Partnerschaft nicht bloß eine Formalie auf dem Papier sei oder darin bestünde, dass sich zwei Bürgermeister alle Jubeljahre mal die Hände schüttelten. Vor allem würden die Menschen der Partnerstädte miteinander kommunizieren. Diese Ziel habe man erreicht.

Wowereit führt aus, wie die kreativen Industrien sich verlassener Industriebrachen annehmen und diese wiederbeleben würden. Daher sei es die Pflicht der Städte, Arbeitsplätze in den kreativen Bereichen zu fördern: “Die kreativen Industrien sind nicht nur etwas für verrückte Designer, sondern sie schaffen in der Tat Arbeitsplätze, in Berlin sind das Zehntausende von Arbeitsplätzen, und deshalb ist es so wichtig für die Weiterentwicklung einer Stadt, die kreativen Industrien zu unterstützen.”

Im persönlichen Gespräch erklärt der Regierende Bürgermeister, dass die Zusammenarbeit zwischen Berlin und Buenos Aires noch weiter ausgebaut werden wird. Von der Unesco sind beide Städte als kreative Städte ausgezeichnet wurden. Habe man in der Vergangenheit “Die lange Nacht der Museen” nach Buenos Aires exportieren können, möchte man in Zukunft noch mehr miteinander kommunizieren. Trotz der Unterschiedlichkeit beider Städte gäbe es auch viele Gemeinsamkeiten, so Wowereit.

“Ich denke, dass beide Städte erkannt haben, dass die Kultur ganz wichtig ist, dass die Förderung der Kreativen eine super Chance ist, die Städte zu entwickeln. Was aus meiner Sicht ganz entscheidend ist in der Situation von großen Metropolen.” Doch das alles könne nur geschehen, wenn Metropolen wie Berlin und Buenos Aires ihre innere Liberalität bewahren, wo sich die Bürger wohlfühlen und die Leute aus der ganzen Welt hinkommen. Ausgrenzung und Diskriminierung, in beiden Städten sicherlich ähnlich präsente Probleme, bedrohten eine solche Freiheit.

“Das ist ein täglicher Kampf, das muss gelebt werden, das kann man nicht anordnen”, schließt er das Gespräch. Ich muss ihn ziehen lassen, die Kollegen vom Fernsehen sind jetzt an der Reihe. Ich bewundere noch ein wenig das Lichtspektakel der mitgereisten Berliner LiCHTPiRATEN, bekannt für ihre Licht- und Klanginstallationen, und trete die Heimreise an.

Hier im südlichsten Barracas ist an jeder zweiten Straßenecke ein Ordnungshüter in orangefarbener Weste anzutreffen. An ihnen orientiere ich mich, um zu den belebteren Hauptstraßen zu gelangen. Berlin und Buenos Aires, wo, wenn nicht in Barracas werden Gemeinsamkeiten und Widersprüche besser deutlich?

Die Ausstellung “Berlín en Vivo en Buenos Aires” ist noch bis zum 10. April im CMD (Algarrobo 1041) zu sehen. Auf Facebook können Texte, Videos und Fotos angesehen werden.

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Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit (li.) und der Minister für wirtschaftliche Entwicklung der Stadt Buenos Aires Francisco Cabrera gemeinsam in Barracas.

Das Verschwinden der Zeit

Leben in einem ärmlichen Jetzt

Von Friedbert W. Böhm

harold-lloyd-safety-last-clock1Beeindruckt von den makellosen Rasenflächen in einem Londoner Vorort, fragt der nordamerikanische Tourist einen Gärtner, welches wohl das Geheimnis solcher Perfektion sei. Ganz einfach, ist die Antwort, täglich gießen, einmal wöchentlich schneiden. Hundert Jahre lang.

Das hört sich gar nicht an wie “time is money”, ein Spruch, den wir als angelsächsisches Grundpostulat im Hinterkopf haben. Aber auch zu Hause sagen wir “Verschiebe nicht auf Morgen, was du heute kannst besorgen”.

Beide Sprüche stammen aus einer Zeit, in der die Zeit noch beinahe unangetastet existierte. Man hatte sie im Überfluss, genoss sie, auch während der Arbeit. Allerdings begannen damals andere Werte an Bedeutung zu gewinnen. Die Industrie hatte eine nahezu unvorstellbare Menge neuer Dinge geschaffen und auf den Markt geworfen zu Preisen, die nicht nur für Besitzer ererbten oder eroberten Reichtums erschwinglich waren. Manche dieser Dinge waren sehr nützlich, andere praktisch, schön oder halt dem Prestige förderlich. Sie kosteten Geld. Geld war (auf legale Weise) nur durch Arbeit, nachdenklichen Grips oder Sparsamkeit zu beschaffen. Die Erfüllung solcher Voraussetzungen kostet Zeit. Geld war eine Alternative zur Zeit geworden.

Der anfängliche Überfluss an Zeit gestattete einem kleinen Teil der Menschheit, durch seinen Transfer in Geld allerlei Armut zu mildern und einen in der bisherigen Geschichte kaum gekannten Mittelstand zu etablieren. Fron verwandelte sich in gesetzlich geregeltes Arbeitnehmertum, mühselige Handwerkerarbeit qua Mechanisierung und Delegation in Fabrikantendasein, kleine Händler wurden durch Überseekabel und Motorschiffe zu Handelskonzernen, Bankiersfamilien, ihrer Kundschaft folgend, zu weltumspannenden Finanzinstituten, Hausfrauen avancierten dank Ölheizung, Kühlschrank und Waschmaschine zu gelegentlich durch Gymnastik, Volkshochschule oder Literaturzirkel entstressten Kinderbetreuerinnen.

Das Wesen der Alternativen ist jedoch, sich gegenseitig zu verdrängen. Je schneller wir laufen, je höher wir springen, desto mehr bedürfen wir der erholsamen Ruhe. Je mehr Geld wir zu benötigen glauben, desto weniger Zeit bleibt uns. Zur Erholung. Für unsere Familie und unsere Freunde. Für unsere Hobbies. Zum Nachdenken über Dinge, die etwa die Zeit betreffen, die vergangene, welche vielleicht Hinweise geben kann auf eine ungewisse zukünftige.

Und wir laufen immer schneller, springen immer höher. Die größere, schönere Wohnung, die dreisprachige Privatschule für die Kinder, das schnellere, sicherere Auto, der Urlaub in Übersee, das Boot, die Golf- oder Tenniskurse müssen bezahlt werden. Wir machen Überstunden, suchen uns womöglich einen zweiten Job. Beide Partner müssen arbeiten, um die Ziele zu erreichen. Dies bedeutet ein zweites Auto, vielleicht eine Haushaltshilfe, externe Kinderbetreuung – neue Zusatzkosten, die durch neue Zeitverluste “finanziert” werden müssen. Unsere Kinder wachsen unter Fremdbetreuung auf; Verwandte und Freunde sehen wir kaum noch.

Auch an unserer Arbeitsstelle erleiden wir Zeitdruck. Für die Erreichung der vorgegebenen Ziele werden immer kürzere Fristen gesetzt. Das Unternehmen, die Unternehmer, sind strikt darauf angewiesen, in immer kürzeren Abständen immer neue Produkte oder Dienstleistungen “auf den Markt zu werfen”, um der Konkurrenz beim bereits übersättigten Publikum voraus zu sein. Der Takt an den Börsen wird von der Nanosekunde vorgegeben – dem Reaktionszeitraum des Supercomputers. Unsere Lieferanten massiver Dienstleistungen haben keine Zeit mehr für uns, lassen unsere Fragen durch Computersprüche beantworten oder durch entfernte Callcenters, deren Mitarbeiter lediglich stereotype Lösungen parat haben.

Ständig werden wir von neuer Werbung überflutet (oder müssen diese produzieren), damit diese Produkte oder jene Nachrichten bekannt werden. Dabei wird immer schneller gesprochen und immer schneller von einem Spot zum anderen umgeschaltet, denn Werbung kostet Geld und time is money. Kaum ein TV-Programm und absolut keine Internetseite kann man mehr betrachten, ohne durch ständige Werbeunterbrechungen überfallen zu werden. Selbst in den Kinofilmen folgen die Einstellungen und Einblendungen einander so hastig, dass eine nachdenkliche Verfolgung der Handlung kaum noch möglich ist.

Solche Hektik bleibt nicht ohne Auswirkungen auf unser eigenes Verhalten. Wir reden immer schneller, lesen nur noch Überschriften, zappen von einem TV-Programm oder einer Internetseite zur anderen, schreiben SMS statt Briefe. Wenn unser Handy oder iPod eine halbe Stunde lang keine Nachricht meldet, werden wir nervös, fürchten, von der Welt vergessen zu werden.

Dabei überschüttet diese Welt uns mit Nachrichten, ob wir wollen oder nicht. Jedes aus dem Rahmen fallende Vorkommnis der Antipoden dringt augenblicklich in unser Gehirn. Ohne Analyse, ohne Erklärung, ohne Hintergrund. Es beeinflusst kurzzeitig unser Gemüt und wird dann von der nächsten Nachricht verdrängt. Längst hindert uns das Verschwinden der Zeit, uns darüber Gedanken zu machen. Unsere Gedanken gehören den nächsten Minuten, dem Jetzt.

Wenn all diese Zeitopfer, wie die Alternativtheorie ja versprochen hatte, uns mit entsprechend mehr Geld entschädigt hätten, könnten wir uns ja von vielem Zeitdruck freikaufen. Dies ist jedoch anscheinend den Multimillionären vorbehalten. Wir Anderen leben in einem ärmlichen Jetzt, beinahe wie die Tiere, denen die Evolution lediglich ein überaus beschränktes Zeitempfinden verordnet hat.

Wie lange wird es in englischen Vorgärten noch perfekten Rasen geben?

Illustration:
Harold Lloyd in dem Stummfilm “Safety Last”.

Kompromiss für Kolumbus-Statue?

Das Monument soll in Recoleta aufgestellt werden

Von Marcus Christoph

colon22Die Zeichen deuten auf einen Kompromiss für die Kolumbus-Statue von Buenos Aires. Nachdem sich bereits Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner und Bürgermeister Mauricio Macri darauf verständigt hatten, das bislang hinter Casa Rosada befindliche Monument an einem anderen Platz der Stadt neu aufzustellen, kamen nun auch seitens der italienischen Gemeinschaft Töne, die auf eine Einigung hoffen lassen.

So schlugen die Gruppierungen Feditalia, Fidiba und Comites vor, das Denkmal zu Ehren des Amerika-Entdeckers aus Genua am Rubén-Darío-Platz im Stadtteil Recoleta zu errichten. Dies sei aufgrund der Nähe zur Juristischen Fakultät, zum Nationalmuseum der Schönen Künste und zur Nationalbibliothek ein würdiger Platz für das Monument.

Gleichwohl schlossen sich nicht alle Vertreter der italienischen Gemeinschaft, die das Denkmal einst zum 100-jährigen Bestehen Argentiniens gestiftet hatte, dem Vorschlag an. Für den Círculo Italiano sprach Rechtsanwalt Horacio Savoia davon, dass man sich so zum Komplizen einer illegalen Aktion mache. Schließlich habe die Justiz den Abtransport des Denkmals gestoppt und die Angelegenheit sei juristisch umstritten.

Hintergrund ist der Wunsch der Nationalregierung, das Kolumbus-Monument hinter dem Präsidentenpalast durch ein Denkmal für die Freiheitskämpferin Juana Azurduy zu ersetzen. Ursprünglich sollte der steinerne Seefahrer in Mar del Plata eine neue Heimat finden.

Homo Sapiens

Der liebe Gott wird’s schon richten

Von Friedbert W. Böhm

gottAls der Homo Sapiens Selbsterkenntnis erreicht zu haben glaubte, artete diese unmittelbar in Selbstüberschätzung aus. Er nannte sich fortan Mensch und bildete sich ein, die Krone einer “Schöpfung” zu sein.

Andere Lebewesen nehmen die Welt, wie sie ist. Man muss fressen und aufpassen, nicht gefressen zu werden. Wer erfolgreich ist, pflanzt sich fort; das macht Spaß und bringt Ehre. Wer nicht, der lebt halt allein oder im Verliererkollektiv. Auch ein voller Magen oder eine überstandene Gefahr zeitigen glückliche Momente. Und irgendwann sterben muss man allemal.

Nicht so der sogenannte Mensch! Das bisschen Mehr an Großhirn, das ihn von Anderen unterscheidet, flüstert ihm ein, privilegiert zu sein. Die Welt bestehe zu seinem Nutzen, sei für ihn geschaffen worden, meint er.

Geschaffen? Kein anderes Lebewesen, so großhirnig es auch sei, käme auf eine solch abstruse Idee. Die Welt ist einfach da, war es immer. Das sagt doch die primitivste Logik! Einfache Logik ist dem Menschen aber zuwider. Er ist doch die Krone seiner Welt und muss einer anderen Logik gehorchen!

Seine Logik begründet der Mensch in sich selbst. Da er Werkzeuggebrauch und –herstellung weiter entwickelt hat als andere Großhirner und ständig neue, im Rest der Welt unbekannte Dinge herstellt, sie schafft, hält er es für eingängig, dass die gesamte Welt geschaffen sei. “Schöpfung” nennt er sie deshalb. Nie hat der Mensch den geringsten Beweis, nicht einmal ein Indiz, dafür erbracht, dass diese Logik stimmt.

Seine Logik zwang ihn aber von Anfang an, hinter der Schöpfung Schöpfer zu postulieren. Der oder die mussten irgendwie menschenähnlich sein, denn außer dem Homo Sapiens war weit und breit nichts zu sehen, was schaffte. Also schaffte der Mensch sich seinen Schöpfer nach seinem Ebenbilde.

Anfangs waren es mehrere Schöpfer, entrückte Ahnen, an deren Vollkommenheit oder Allmächtigkeit niemand zweifelte, da niemand sich mehr an sie erinnern konnte. Sie wohnten auf unzugänglichen Berggipfeln oder in der Sonne und es fiel ihnen kein Stein aus der Krone, wenn sie ab und zu herabstiegen, um ein paar Halbgötter zu zeugen. Oder sie hatten den Anschein von Übermüttern – Gaia, Pacha Mama – die Fruchtbarkeit zu gewähren versprachen. Man hatte ihnen Opfer zu bringen, denn wenn sie schlecht gestimmt waren, drohten Krankheiten, Missgeburten, Missernten. Die Götter manifestierten sich durch Blitz und Donner, zweiköpfige Kälber und andere Naturerscheinungen. Das beeindruckte die Menschen und bestärkte sie im Glauben an ihre eigene Schöpfung. Bereitwillig glaubten sie die Göttermärchen.

Irgendwann allerdings – spätestens, als es göttliche Pharaonen und Kaiser gab – war kaum noch zu verheimlichen, dass die Menschenlogik mit der allgemeinen, wirklichen, immer weniger übereinstimmte. Aus den vielen Göttern wurde ein Gott – sozusagen eine Flurbereinigung. Dessen Existenz konnte nun allerdings bloß noch durch althergebrachte Überlieferungen erklärt werden. Kaum jemand wollte dennoch an deren Wahrheitsgehalt zweifeln, denn: Wie könnte etwas unwahr sein, das so lange Zeit von so vielen gelehrten, ehrwürdigen Chronisten bewahrt worden war? Und: War nicht die Vielfältigkeit und Herrlichkeit des irdischen Lebens und der die Erde umkreisenden Gestirne ein schlüssiger Beweis für die Existenz einer überirdischen, intelligenten Macht? Dann gab es ja noch gelegentliche Wunder. Man hatte sie zwar nicht selbst erlebt oder beobachtet, aber wenn so viele Gottesmänner und Gläubige sie bestätigten, wäre es wohl ketzerisch, sie in Zweifel zu ziehen.

Es ist kaum zu glauben, wie zäh die anthropozentrische Vorstellung von dieser angeblichen überirdischen – inzwischen überweltlichen – Macht jeder wirklichen Logik, jeder Erfahrung und jeder Wissenschaft widersteht. Sie überlebte Aristoteles, Kopernikus, Galilei, Darwin und Einstein, die Enträtselung der Gestirnsbewegungen, des Wettergeschehens, des atomaren Aufbaus der Materie und des molekularen Lebens sowie dessen historischer Entwicklung, und nicht einmal die neurologischen Erkenntnisse über die Beschränktheit des menschlichen Gehirns können ihr anscheinend etwas anhaben. Während die Sagen des Altertums und mittelalterlichen Märchen heute müdes Lächeln erzeugen, gilt ein Gottesbild als unangreifbar, das, von greisen Männern vor Tausenden von Jahren erfunden, tausendmal tradiert, interpretiert, durch theologische Bürokraten nach Gusto modifiziert, sein Überleben allein dem Umstand verdankt, dass es gegen jedes bessere Wissen von machtvollen Organisationen aufrecht erhalten wird.

“Ohne Gott keine Moral” predigen diese. Aber wo war denn diese Moral während der Kreuzzüge und Hexenverfolgungen, der Pogrome, der Inquisition, der Conquista, des Dreißigjährigen Krieges, also in den Zeiten größter Gottesfurcht? Und wo ist sie heute, da Selbstmordattentäter im Namen der Religion Tausende Unschuldiger morden und sich als tief religiös bezeichnende Staatsmänner sinnlose Kriege beginnen? Ein etwas tieferer Blick in die Geschichte lehrt doch, dass die angebliche überirdische Macht nie mehr war als ein Vorwand machtgieriger Menschen, ihresgleichen zu beherrschen!

Dass man zu König Knuts Zeiten als Vertreter des Donnergottes analphabetische Leibeigene beeindrucken konnte, ist verständlich. Aber heute hat der Mensch bald 100 Generationen Aufklärung hinter sich. In der Regel besitzt er Schulbildung, liest Zeitung, hört Radio, navigiert im Internet und reist in fremde Länder. Kommt es ihm eigentlich nicht in den Sinn, dass sein kindlicher Glaube an eine überweltliche Macht völlig wirklichkeitsfremd ist und, vor allem, widersprüchlich? Wie erträgt es ein ehrlicher Gebildeter, sich einerseits für das außerordentlichste Wesen zu halten, das die Welt je hervorgebracht hat, zum anderen aber hilfloses Objekt zu sein einer unerfahrbaren, gestaltlosen Macht, deren Wahrheitsgehalt das Hörensagen ist?

Wahrscheinlich kommt ihm der Widerspruch schon in den Sinn. Es ist aber weit bequemer, solche Erkenntnis zu verdrängen, als sich den aus ihr resultierenden Notwendigkeiten zu stellen, welche, das ahnt er, mühsam und unerfreulich wären. Der liebe Gott wird schon alles richten, denkt der Mensch, er hat uns ja auch bisher durchgebracht und mir ein alles in allem ganz erträgliches Leben beschert. Er wird schon dafür sorgen, dass die Menschheit Techniken und Methoden findet, um den Klimawandel zu stoppen, unendliche, schadstofffreie Energiequellen zu erschließen, Krebs und Aids zu eliminieren, den Hunger eines Drittels der Erdbewohner – sowie der Milliarden, die demnächst dazukommen – zu stillen und ein wenig unberührte Natur übrig zu lassen.

Und so etwas nennt sich Mensch? Krone der “Schöpfung”? Ein Wesen, das sein privilegiertes Großhirn dazu benutzt, alle anderen Lebensformen zu unterwerfen, zu dezimieren, auszurotten, das wider jede Logik einen Planeten denaturiert und damit seine eigene Daseinsgrundlage zerstört? Das seine werkmächtigen Hände in den Schoß legt und die Verantwortung für sein Tun einer fiktiven Macht überträgt, von der er, da er sie selbst erdacht hat, wissen müsste, dass sie ungegenwärtig, unwissend und ohnmächtig ist?

Sapiens?

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Der kindliche Glaube an eine überirdische Macht widersteht jeder wirklichen Logik, jeder Erfahrung und jeder Wissenschaft.

Woody Allen in Knallerfarben

Warum eine schlechte Ausstellung ein Publikumsrenner werden könnte

Von Susanne Franz

allen11Mitten in die Diskussion, ob Woody Allen seine Adoptivtochter Dylan Farrow missbraucht hat, als diese sieben Jahre alt war, platzt in Buenos Aires eine Ausstellung mit knallbunten Gemälden, die den bekannten und für seine Kunst hoch geschätzten US-Regisseur und -Musiker zum “Thema” haben.

Da hängt Woody Allen im Großformat und in Signalfarben an den Wänden des Centro Cultural Borges, als Porträt, mit Klarinette usw., während man gerade versucht, sich einen Reim auf diese fürchterliche Geschichte zu machen: ein schreckliches Familiendrama, bei dem Dylan in jedem Fall das Opfer ist, ob sie nun wirklich missbraucht worden ist, oder ob sie von ihrer Mutter Mia Farrow in deren Hass auf ihren Ex-Mann soweit beeinflusst wurde, dass sie heute tatsächlich glaubt, was nie geschehen ist. Niemand wird je erfahren, was wirklich passiert ist. Woody Allen beteuerte in einer Stellungnahme sehr überzeugend seine Unschuld, aber ein Rest Zweifel wird immer bleiben, denn wie oft wird Opfern nicht geglaubt.

Als der Maler Hugo Echarri seine Ausstellung plante, lag von einem derartigen Skandal nichts in der Luft, er kann kaum damit spekuliert haben. Womit er sicher spekuliert hat, ist die große Beliebtheit und Bekanntheit Woody Allens. Indem er ihn zum Sujet seiner Werke macht, gerät in den Hintergrund, dass er kein besonders guter Künstler ist. Dazu die Knallerfarben, und fertig ist die “erfolgreiche” Ausstellung.

Noch zwei weitere Faktoren tragen dazu bei, dass diese mediokre Schau den Weg an die große Öffentlichkeit finden konnte: das Sommerloch und mit ihm der Mangel an guten Ausstellungen und anderen hochwertigen kulturellen Angeboten; und die Tatsache, dass Hugo Echarri als Mitglied in wichtigen Jurys von Wettbewerben eine einflussreiche Persönlichkeit im Kunstbetrieb ist.

Als die Ausstellung am 6. Februar eröffnet wurde, herrschte ein großer Presserummel, alle wollten Stellungnahmen zum Skandal um die Missbrauchsgeschichte hören. Ein Bild zeigt Woody Allen am Kreuz – heißt das, dass der Künstler also auf seiner Seite steht und ihn als Opfer betrachtet? Abgespeist wurde man mit Sprüchen wie dem der Kuratorin Diana Saiegh: “Die Umstände um den familiären Konflikt Allens potenzieren nur noch den universellen, umstrittenen und mysteriösen Flair, der seine Persönlichkeit umgibt.”

Ob der Schuss in Echarris Ausstellungsplanung wirklich nach hinten losgegangen ist, wie nach dem hier Beschriebenen vielleicht anzunehmen wäre, ist indessen noch fraglich. Woche für Woche besuchen Tausende Menschen die Ausstellung und bezahlen dafür mit 40 Pesos ein saftiges Eintrittsgeld. Ob sie Antworten suchen? Sie werden sie in Echarris Ausstellung nicht finden.

Am 2. März 2014 werden die Oscars verliehen. Bei den 86. “Academy Awards” ist Woody Allen als bester Schreiber eines Originaldrehbuchs für “Blue Jasmine” nominiert – ein Film, der selbst aus seiner herausragenden Filmographie hervorsticht. Werden sich die Jury-Mitglieder hinter Allen stellen und ihm die verdiente Auszeichnung geben? Das wäre auch eine politische Entscheidung.

Die Ausstellung von Hugo Echarri im Borges-Kulturzentrum läuft bis zum 6. März. Ob sie im Falle eines Oscargewinns von Woody Allen wohl verlängert wird? Wird sie danach vielleicht erst recht zum Publikumsmagneten? Dann würde es heißen: Erfolg auf der ganzen Linie für Hugo Echarri.

Kultur und Zivilisation

Die neuen Formen unseres Zusammenlebens

Von Friedbert W. Böhm

gesellschaft
Die Begriffe Kultur und Zivilisation sind dehnbar. Sie überlappen, durchdringen, verdrängen sich gegenseitig. Während sich im Deutschen noch gewisse Unterschiede in der Definition erkennen lassen, sind die Bedeutungen in anderen europäischen Sprachen nahezu deckungsgleich. Zivilisation ist im täglichen deutschen Sprachgebrauch beinahe verschwunden, Kultur zum Kennwort für die Lebensweisen verschiedener Gesellschaften geworden. Dass all jene Lebensweisen gleichwertig seien, signalisiert das Modewort Multikulti – ein von Vielen geliebter, von vielen Anderen misstrauisch beäugter Begriff.

Wie heute noch im Agrarbereich üblich, bezeichnete Kultur ursprünglich das Menschenwerk – im Gegensatz zu dem der Natur. Zivilisation ist ein recht neuer Begriff, mutmaßlich abgeleitet vom (zivilen) Bürger, einem neuen Mittelstand, der sich in Europa ab dem späten Mittelalter entwickelte. Er, der zivilisierte Mensch, unterschied sich vom anderen (häufig Barbar genannten) nicht nur durch gewisse ihm eigene Rechte, sondern auch dadurch, dass er allgemein anerkannte Umgangsformen besaß, etwa mit Messer und Gabel aß, nicht mehr auf den Boden spuckte oder an die Wand pinkelte, seinen Widersacher mit Argumenten statt mit Faustschlägen zu überzeugen suchte.

Wenn man nun eine allgemeine, griffige Grundsatzunterscheidung zwischen Kultur und Zivilisation treffen möchte, könnte man sagen, dass Kultur die Summe der Gebräuche einer Gesellschaft bezeichnet und Zivilisation ihren Anspruch auf konfliktarmes Zusammenleben.

Das ist kein kleiner Unterschied. In diesem Sinne hätten eine Gruppe von Wildbeutern, die den Verzehr eines besiegten Feindes mit geschmückten Hütten, Gesang und Tanz feiert, oder die Horden des Dschingis Khan mit ihren seit Generationen verfeinerten Methoden der Waffenproduktion, der Reit- und Kriegskunst, gewiss gewachsene Kulturen besessen. Niemand wird ihnen jedoch zugestehen wollen, zivilisiert gewesen zu sein. Andererseits kann es in internationalen Konzernen oder Streitkräften (solange diese sich nicht im Krieg befinden) sehr zivilisiert zugehen, ohne dass sie eigene Kulturen entwickelten.

Zivilisation in der oben vorgeschlagenen Definition bedeutet mehr, als nicht auf den Boden zu spucken oder Fisch ohne Messer zu essen. Konfliktarm mit seinen Zeitgenossen auszukommen, setzt gegenseitige Rücksichtnahme voraus. Um Rücksicht nehmen zu können, muss man versuchen, sich in seinen Nächsten hineinzuversetzen und seine Interessen zu erahnen. Es erfordert weiterhin eine gewisse formale Bildung, denn zur Abwägung eigener und fremder Interessen ist es nötig, bestehende Gesetze und Usancen zu kennen. Und schließlich muss man, um Rücksicht nehmen zu können, bereit sein, gegebenenfalls die eigenen Interessen zurückzustellen.

Solche zivilisatorische Traditionen entstehen nicht von heute auf morgen. Sie müssen von Eltern und Lehrern anerzogen, von Nachbarn, Freunden, Vorgesetzten begleitet und vorgelebt werden – möglicherweise Generationen hindurch.

Zur Zeit der Entstehung des Begriffs Zivilisation waren die Voraussetzungen hierfür relativ günstig. Der weitaus größte Teil der Menschheit von weniger als einer Milliarde lebte in kleinen, über das Territorium verstreuten Ortschaften. Die Lebensumstände waren einfach genug, um durch griffige, übersichtliche Regeln geordnet werden zu können. Wenige Mitglieder einer wohlmeinenden Elite konnten die Gemeinschaft beeinflussen. Außerdem kannte man sich gegenseitig ziemlich gut, so dass Zivilisationsmuffel bald erkannt, gebessert oder ausgestoßen werden konnten. Fremde sind immer zunächst suspekt, auch wenn sie sich in Aussehen und Sprache von den Bekannten kaum unterscheiden.

Heute, bei über sieben Milliarden Erdenbewohnern, die zunehmend in Megametropolen zusammengepfercht sind, ist die Schaffung oder Tradierung zivilisatorischer Verhaltensweisen unendlich schwieriger geworden, zumal das Zusammenleben sich ungeheuer komplizierte. Unser Nächster ist jetzt ein winziger Teil der Nachbarn, Arbeitskollegen oder Vereinsfreunde. Die Zigtausend oder Millionen anderer Nächster, denen wir auf der Straße, dem Parkplatz, im Supermarkt, im Fußballstadion, Kino, Theater, im Flugzeug, Feriendomizil, im Internet oder sonstwo ständig begegnen – es sind Unbekannte. Die allgemeine Mobilität, die durch technische Neuerungen unentwegt sich ändernden Arbeits- und Konsumbedingungen, die durch globale Augenblickskommunikation uns überflutenden und mitreißenden fremden Gebräuche haben das Zusammenleben über die Maßen kompliziert, zumal wir seit mehr als einem halben Jahrhundert – einerseits durch unsere Intellektuellen angeregt, zum anderen durch die Umstände verführt – einem Indivualismus anheimgefallen sind, der noch unseren Großeltern unbekannt war und suspekt erschienen wäre.

Kann es sein, dass die Verdrängung von Zivilisation durch Kultur in unserem Sprachgebrauch ein Symptom für zivilisatorischen Rückschritt auf breiter Ebene ist? Dann sollten wir nicht unbesehen von Multikulti träumen, fremde Kulturen selbstverständlich auch nicht ablehnen, allerdings deren Akzeptanz in unserer Gesellschaft davon abhängig machen, dass sie zivilisiert sind.

Im Übrigen täten wir auch gut daran, in unserer eigenen Gesellschaft das Mögliche zu tun, um dem zunehmenden Mangel an zivilisatorischem Verhalten entgegenzutreten.

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Heute sind die Menschen, denen wir auf der Straße, dem Parkplatz, im Supermarkt, im Fußballstadion, Kino, Theater, im Internet oder sonstwo ständig begegnen, Unbekannte.

Der Neue Mensch

… oder der alte?

Von Friedbert W. Böhm

menschSeit es Obrigkeiten gibt – also von jeher – versuchen sie, den Neuen Menschen zu erschaffen. Sie nennen ihn selten so, um den alten nicht zu verunsichern. Sie geben das Ziel an – das Paradies, die Weisheit, Freiheit, Gerechtigkeit -, oder den Weg – die Revolution, den Liberalismus, den Sozialismus des XXI. Jahrhunderts, oder schlicht Das Modell. Aber immer geht es ihnen um den Neuen Menschen.

Der alte Mensch ist nämlich ziemlich unbequem zu verwalten. Wie andere etwas höher entwickelte Lebensformen hat die Evolution ihn prädestiniert, zuerst an sich zu denken, dann an seine Familie, dann, vielleicht, an seine Freunde. Der Rest der Menschheit ist seinen angeborenen Gefühlen fremd, wenn nicht suspekt. Ihm zuliebe seine gefühlten Interessen zu beschneiden, erscheint ihm unnatürlich.

Obrigkeiten benötigen jedoch eine solche Beschneidung. Sie wollen und müssen über größere Gruppen herrschen, also die Menschen irgendwie dazu bringen, das eigene Wohlsein zu mindern, um das der Gruppe (des Stammes, Fürstentums, Imperiums, der Nation) zu erhöhen. Die Mittel dazu waren immer bekannt und sind von Schopenhauer mit unübertroffener Griffigkeit als “Zuckerbrot und Peitsche” definiert worden.

Eine probate Mischung beider Mittel ist seit mehr als Menschengedenken, mit Zuckerbrot sich eine kleine, verlässliche, gut ausgebildete und –gerüstete Anhängerschaft zu erwerben, die mit der Peitsche den Rest der Gruppe so konditioniert, dass er die zum Unterhalt und Wohlstand des Ganzen erforderlichen Erträge erwirtschaftet und sonstigen Opfer bringt.

Da die exzessive Anwendung der Peitsche mit der Zeit die Gesellschaften in Aufruhr und die Obrigkeiten in Verruf brachte, sannen letztere schon früh in der Geschichte auf einen Ausweg. Offenbar war der Mensch nicht auf der Höhe der Obrigkeit. Man musste einen Neuen Menschen schaffen.

Die Obrigkeit wusste, dass das Großhirn des Menschen glücklicherweise imstande und daran gewöhnt ist, Erklärungen für die Vergangenheit zu begreifen, sich Zukunft vorzustellen und den Lehren weiser oder Versprechungen mächtiger Volksgenossen zu glauben. Zudem vertraute sie mit Recht darauf, dass der Mensch beinahe immer Aussagen schätzt, die ihn hoffnungsvoll stimmen, selbst wenn sein Verstand ihm sagen müsste, dass sie wirklichkeitsfremd oder schlicht erlogen sind.

So erfand die Obrigkeit ein komplementäres Mittel zur Wahrung der Herrschaft: die Gehirnwäsche. Hier ist keinesfalls die Rede von mancherorts üblichen folterähnlichen Methoden zur Bekämpfung von Terroristen oder politischen Gegnern. Gehirnwäsche beginnt bei Kindern. Wird eine Idee in ein leeres Hirn gepflanzt, füllt es dieses völlig aus und ist aus ihm in aller Regel kaum mehr völlig zu entfernen. Religions- und Ideologiestifter haben deshalb immer darauf geachtet, ihre Lehren in der Vorschule beginnen und möglichst nicht vor Abschluss der Pubertät oder dem Staatsexamen aufhören zu lassen.

Solche Gehirnwäsche hat beeindruckende Erfolge vorzuweisen. Von obrigkeitlichen Ideen begeistert, sind Menschen bereit, in Eroberungs- oder Religionskriege zu ziehen mit dem Risiko, nicht nur ihr Hab und Gut, ihre Gesundheit und sogar ihr Leben zu verlieren, sondern auch das Wohl der Gemeinschaft, dem die obrigkeitlichen Ideen angeblich ja gerade hätten dienen sollen.

Vor geschichtlich ganz kurzer Zeit – etwa 250 Jahren – begann in Europa ein als Aufklärung bezeichneter Versuch, die Menschen zu bilden, statt ihnen das Gehirn zu waschen. Weltliche und religiöse Macht sollten separiert, gesellschaftliche Klassen abgeschafft, dem Einzelnen gewisse politische Rechte eingeräumt werden. Zu seiner Überzeugung sollten nicht mehr Zuckerbrot und Peitsche, sondern Argumente dienen, wozu die Wissenschaft vertrauenswürdig(er)e Grundlagen zu liefern hatte. Vom Neuen Menschen wurde damals wohlweislich nicht gesprochen.

Ohne schon über die heute verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse zur menschlichen Natur zu verfügen, ahnten die Aufklärer wohl, dass realistische Gesellschaftsmodelle auf den immer gleichen alten Menschen abgestimmt zu sein haben. Sie schlugen also Gewaltenteilung vor sowie zeitliche Begrenzung politischer Macht. Es dauerte viele Generationen und zahlreiche ungemein verlustreiche Rückschläge mussten überwunden werden, bis diese Postulate bei einigen Völkern den Absolutismus von Gottes Gnaden durch einigermaßen demokratische Rechtsstaaten ersetzen konnten.

Die Utopie des Neuen Menschen lebte aber fröhlich weiter, jetzt unter dem Deckmantel der Wissenschaft. Karl Marx hatte ungeheuren Erfolg mit seiner Ansicht, dass Jener nur seinen Egoismus aufgeben und bereit sein sollte, sein Bestes der Gesellschaft zu geben und sich damit zu bescheiden, von ihr das Nötigste zurückzuerhalten.

Selbst autoritäre Imperien haben diesen Neuen Menschen nicht erschaffen können. Und Sigmund Freud strebte eine Lösung von innen an. Die von ihm ins Leben gerufene Psychoanalyse will aus der Sezierung unserer Seele die Erkenntnisse schöpfen, die uns zu besseren Menschen und Bürgern machen. Davon ist bisher wenig zu sehen. Selbst in Gesellschaften mit weit überdurchschnittlicher Psychanalytikerdichte ist der Neue Mensch nicht erkennbar.

Wahrscheinlicher ist, dass die aus der Massage des Innenlebens resultierende Selbstoptimierung des Individuums eine Minderung seines Gemeinsinns, sowie qua Verlagerung der Gründe für eigenes Fehlverhalten auf die Umwelt – Eltern, Schule, Gesellschaft – zu allgemeiner Permissivität führt, die unsere Rechtsordnungen zu untergraben droht.

Diese beiden bisher letzten Neumenschutopien dienen nicht wenigen Obrigkeiten vortrefflich, den noch längst nicht abgeschlossenen Prozess der Aufklärung umzukehren. Gleich Schmarotzern in einem äußerlich noch gesund erscheinenden Gastgeberwesen unterminieren sie mit pseudo-wissenschaftlichen Postulaten oder populistischen Viertelwahrheiten die Institutionen ihrer Gesellschaften und höhlen damit den demokratischen Rechtsstaat aus. Straßensperren gelten dann als berechtigte Reaktionen unterdrückter Mitmenschen, Diebstahl und Raub als eine Art Überlebensmaßnahmen Armer, Enteignungen als Schritte zu gerechter Vermögensverteilung, Beschneidung der Meinungsfreiheit als notwendige Verteidigung des wahren Weges zum Neuen Menschen.

Voraussetzung zum Erfolg solcher Machenschaften ist natürlich eine eingängige Propaganda, die bei solchen Obrigkeiten zur ersten Regierungspriorität wird – ständiges Eigenlob in Funk und Fernsehen, pompöse Ankündigungen oder sogar Einweihungen nie zu beginnender oder halb erstellter Projekte, glamouröse Festlichkeiten an Gedenktagen, Einbeziehung von Kultur und Sport in die Eigenwerbung.

Da solche Spiegelfechterei beim gebildeten und redlichen Publikum keinen Eindruck macht, ist die Obrigkeit sehr bemüht, allen gegenteiligen Ankündigungen zum Trotz, die Masse der Volksgenossen so einfältig wie möglich zu halten: statt Erziehung Brot und Spiele (so lange das Geld reicht). Ein bildungsfernes Publikum stört sich auch nicht daran, dass der Lebenswandel der Obrigkeit und ihrer Freunde in striktem Gegensatz steht zu den Tugenden des angestrebten Neuen Menschen (das war schließlich schon in der Antike, im Feudalismus sowie der west- und oströmischen Kirche so).

Es wird Zeit für die Erkenntnis, dass der Neue Mensch nicht nur unerreichbar ist, sondern auch unnütz, wenn nicht schädlich. Wenn wir uns angewöhnten, zu denken statt zu glauben, die Politik in die Hände versierter, vertrauenswürdiger, ordentlich bezahlter Volksvertreter zu legen, welche unsere Verfassungen respektieren und Gesetze vernünftig handhaben, und wenn wir diesen Politikern trotzdem auf die Finger sähen, dann kämen wir mit dem alten Menschen recht gut aus.

(Foto von Fusion400.)