Augen zum Fliegen

Nur noch bis Sonntag: Die Foto-Ausstellung von Graciela Iturbide und zahlreiche weitere Festival de la Luz-Schauen im Centro Cultural Recoleta

Von Susanne Franz

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Selbstporträt mit “Augen zum Fliegen” von Graciela Iturbide.

Fotos, Fotos, Fotos: Das Centro Cultural Recoleta (Junín 1930) steht seit dem 7. August und noch bis zum morgigen Sonntag, den 31.8., um 21 Uhr, ganz im Zeichen des 15. Fotografie-Fests “Festival de la Luz 2008”. Fast alle Säle des Kulturzentrums sind belegt; der genaue Ausstellungsplan steht noch nicht mal auf der Webseite des “Centro”, sondern kann auf der Festival-Seite nachgeschaut werden.

Dem Kunstliebhaber im allgemeinen und dem Fotografie-Freund im besonderen sei speziell die Ausstellung “Ojos para volar” der mexikanischen Fotografin Graciela Iturbide im Saal 4 wärmstens empfohlen. Die Schwarz-Weiß-Bilder der 1942 geborenen Trägerin des renommierten Hasselblad-Preises (2008) besitzen eine unvergleichliche poetische Dichte. Die Selbstporträts erreichen ohne Effekthascherei enormen spirituellen und symbolischen Charakter; die Hinweise auf den Tod sind von brutaler Härte und zarter Melancholie zugleich. Landschafts- und Tieraufnahmen haben weit über den “gut gewählten” Ausschnitt hinaus eine “über-sinnliche” Wirkung auf den Betrachter und bleiben wie im Gedächtnis eingebrannt.

In vielen der eher durchwachsenen Gemeinschaftsausstellungen sind gute und überraschende Perlen zu finden, so im Nachbarsaal 5 der Iturbide-Ausstellung, wo die von Silvia Mangialardi kuratierte Schau “Ustedes” zu sehen ist. Ein Foto von Helen Zout zeigt ein neugeborenes Baby, nach dem ein Arzt die Hände ausstreckt, dessen Gesicht von einem Mickey-Maus-Luftballon verdeckt/ersetzt ist. Es sieht so aus, als ob die Unterhaltungs- und Konsumindustrie schon die Allerjüngsten gierig zu packen versucht. Zwei nebeneinander hängende Landschaftsfotos in Schwarz-Weiß von Oscar Pintor haben im Zusammenspiel einen enormen erotischen Inhalt.

Herausragende Beiträge zu der Ausstellung “Sutil Violento” im Saal “J”, die hier schon besprochen wurde, sind Daniela Edburgs (Mexiko) konsumkritische Bilder und Rachelle Mozmans (Panama) Kinderfotos.

Der Akt des Zeichnens

Werke von Alejandro Scasso bei “Niundiasinunalinea”

Von Susanne Franz

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Alejandro Scasso am Eröffnungabend vor einem seiner Werke.
(Foto: Susanne Franz)

“Niundiasinunalinea” – etwa: “Kein-Tag-ohne-einen-Strich” – ist ein Projekt von (bislang) 10 Künstlern, die jeden Tag eine Zeichnung anfertigen und diese ins Internet stellen. Die Idee entstand im Jahr 2006, und eines der drei Gründungsmitglieder des Projekts war Alejandro Scasso, ein argentinischer Künstler, der seit 17 Jahren in Deutschland, genauer gesagt in Köln lebt. Alejandro ist eigentlich Maler und verdient seine Brötchen in wieder einem anderen Beruf in einem der zahlreichen Kölner Filmstudios. Zu Hause in Buenos Aires ist er lange nicht mehr gewesen, aber nun hat es ihn doch einmal wieder an den Río de la Plata verschlagen. Eine Ausstellung wollte er eigentlich gar nicht machen, doch die Freunde von “Niundiasinunalinea” überredeten ihn – einer stellte ihm auch sein Atelier zur Verfügung. So wurde am 15. August (und bis zum 29.) eine Schau mit Alejandro Scassos in den letzten drei Wochen eigens geschaffenen Zeichnungen eröffnet – in der Galerie “Niundiasinunalinea” in San Telno (Defensa 1455), die die Freunde seit November 2007 erfolgreich betreiben.

Omar Estela und Pablo Engel sind zwei von ihnen. Auch sie – und alle beteiligten Künstler – sind von Haus aus keine Zeichner. “Wir leben alle von etwas anderem, und die meisten von uns sind auf anderen künstlerischen Gebieten tätig, als Architekten, Graphiker, Bildhauer oder Maler”, sagt Omar. “Aber uns liegt daran, der Zeichnung zu einer neuen Wertschätzung zu verhelfen”, fügt Pablo hinzu. Den Akt des Zeichnens – das nur wenige Striche erfordernde Entstehen von Etwas aus dem Nichts – wollen die Künstler in ein neues Licht rücken, u.a. auch, indem sie in der Galerie immer wieder einmal live zeichnen. Dieser “Performance” kann der Zuschauer in der Galerie selbst beiwohnen, oder er kann sie von außen durch die großen Fenster auf eine Leinwand projiziert sehen.

Die Galerie hat hohe, weiß gestrichene Wände, auch die sehr gute Beleuchtung lässt die Werke gut zur Geltung kommen. An einer Wand steht ein kleiner Schreibtisch mit Computer, und daneben der “Galerienschatz” – ein Archivschrank, in dem die bisher geschaffenen Originalwerke unter den Namen der jeweiligen Künstler abgelegt sind. “Wenn jemand eines der Originalwerke kauft, bekommt er nicht nur eine CD mit allen anderen Werken des Projekts dazu, sondern auch die Gewissheit, einen Baustein eines sich in einem lebendigen Prozess befindlichen Gesamtkunstwerks zu erwerben”, sagt Omar Estela.

Alejandro Scasso hat unterdessen viele Hände zu schütteln. Auch sein Lehrer, der renommierte argentinische Künstler Ernesto Pesce, ist unter den vielen Gästen. Alejandro hat nicht viel Zeit, über seine Werke zu sprechen. “Mich interessiert die menschliche Geste”, sagt er, “der ursprüngliche kreative Zündfunke, der aus dem Bauch kommt, der aber dann durch die Gedanken eine neue Dimension bekommt.” Alejandro synthetisiert die Verflechtung von Gefühls- und intellektueller Welt in seinen Arbeiten, indem er seine spontanen, “un-bewussten” Zeichengesten kopiert und diese Kopien wiederum in seine Werke überträgt. “Die Wiederholung, das Erstarren der Geste” will er so zum Ausdruck bringen. “Eigentlich komme ich von der expressionistischen Malerei”, sagt er. “Aber ich habe so viel davon in Deutschland gesehen, dass ich übersättigt war.” Der heutigen technologisierten Welt und Gesellschaft müsse man auch mit anderen künstlerischen Mitteln gerecht werden.

In der Mitte der Galerie steht ein kleiner Tisch mit ein paar Flaschen Rotwein und etwas zum Knabbern. Ein wenig fühlt man sich hier wie bei Freunden im Wohnzimmer. Das Projekt “Niundiasinunalinea” ist ein bisschen anders, “an der Peripherie des Marktes”, wie Omar Estela es ausdrückt. Doch bei allem Wohlfühl-Bonus wird auch deutlich, dass es sich dabei um eine bewusste, durchdachte Entscheidung handelt, die Erfolg zeitigt.

An dem Projekt “Niundiasinunalinea” sind folgende Künstler beteiligt: Javier Bernasconi, Cecilia Coppo, Pablo Engel, Omar Estela, Tomás Fracchia, Lux Lindner, Héctor Meana, Marcela Oliva, Alfonso Platini und Alejandro Scasso. Die Galerie in der Straße Defensa 1455 ist dienstags bis sonntags von 15,30-20.30 Uhr geöffnet; jeden Nachmittag trifft man einen der beteiligten Künstler in der Galerie an. Das Projekt ist auch im Internet zu finden.

Erschienen im “Argentinischen Tageblatt” vom 23.08.09.

Altes Buenos Aires neu entdeckt

„Buenos Aires memoria antigua“ in der Casa de la Cultura

Von Diana Hörger

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So wie sich ein menschliches Gesicht im Laufe der Zeit verändert, wandelt sich auch das Profil einer Stadt im Laufe von Jahrzehnten, auf selbstverständliche Weise. Oft erst auf Fotografien wird einem der Unterschied bewusst. Wer die Unterschiede zwischen der kleinen Kolonie Buenos Aires im 19. Jahrhundert und der Millionenstadt heute sehen möchte, hat jetzt noch bis zum 31. August Gelegenheit dazu. In der Werkschau „Buenos Aires memoria antigua“ werden im ersten der drei geplanten Ausstellungsteile nun Bilder aus der Zeit zwischen 1850-1880 in der Casa de la Cultura (Av de Mayo 575) ausgestellt.

Hier wird nicht nur gezeigt, wie die „Calle Florida“ ohne Menschenmassen, Schaufenster und Gebäude ausgesehen hat, sondern auch, wie sich die Technik der Fotografie ausgehend von der Daguerreotypie entwickelte. Die Ausstellung ist Dienstag bis Freitag zwischen 14 und 20 Uhr und Samstag und Sonntag von 11 bis 20 geöffnet. Der Eintritt ist frei.

Menschwerdung eines Affen

Franz Kafka nach Francisco Toledo, im Museo Enrique Larreta

Von Susanne Franz

toledo.jpgDie mexikanische Botschaft hat die Ausstellung “Un informe para una academia de Franz Kafka” des genialen mexikanischen Künstlers Francisco Toledo (geb. 1940 in Juchitán, Oaxaca) nach Buenos Aires gebracht. Sie ist noch bis zum 14. August im Museo Enrique Larreta, Juramento 2291, Belgrano, zu sehen, und zwar an diesem Wochenende von 10-20 Uhr, und kommende Woche noch von Montag bis Donnerstag von 14-20 Uhr. Man sollte sich diese kleine, aber feine Schau nicht entgehen lassen! Der Eintritt kostet nur 1 Peso, und ein anschließender Abstecher in den Andalusischen Garten des Museums ist noch ein zusätzliches lohnendes Erlebnis.

Die 44 Graphiken, die der mexikanische Meister im Jahr 2004 schuf, basieren auf der Erzählung “Ein Bericht für eine Akademie” von Franz Kafka. Nach der Erstveröffentlichung 1917 in der Zeitschrift “Der Jude” (Herausgeber Martin Buber) erschien sie 1919 im Rahmen des Bandes “Ein Landarzt”.

Der ehemalige Affe namens Rotpeter legt einer Akademie einen Bericht über seine Menschwerdung vor, der als Geschichte einer erzwungenen Assimilation und als pädagogische Satire verstanden werden kann. Der Gegenstand des Berichts ist aber nicht, wie von der Akademie gewünscht, die Erinnerung an das äffische Vorleben, sondern die Schilderung des Anpassungsvorganges.

Die meisterhaften Graphiken Toledos sind nicht als eine Illustration des Textes zu verstehen, sondern geben ihm eine weitere metaphorische Dimension. Bedrückende Szenen wie ein Bild des Affen, als er sich zum ersten Mal seiner ausweglosen Situation in der Gefangenschaft bewusst wird, sind eigentlich die Ausnahme, der Großteil der Werke ist sehr witzig und skurril.

Subtil gewalttätig

Fotoausstellung „Sutil violento“ im Centro Cultural Recoleta

Von Katharina Guderian

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„Caracas sangrante“ des Venezolaners Nelson Garrido.
(Foto: Katharina Guderian)

Etwas betrübt und schwermütig verlässt der Besucher die Fotoausstellung im Saal J des Centro Cultural Recoleta. Er hat einen Kloß im Hals und kann sich nicht sofort in die fröhlich plaudernde Menge vor der Tür mischen. Doch die Ausstellung hat genau das erreicht, was sie will: Die Augen öffnen – und vor allem das Gefühl – für die alltägliche Gewalt.

Unter dem Titel „Sutil Violento“ wurde am vergangenen Freitag eine Fotokollektion lateinamerikanischer Künstler im Centro Cultural Recoleta eröffnet. „Wir wollen mit dieser Ausstellung explizit nicht die Gewalt im traditionellen Sinn zeigen, sondern mittelbar – subtil eben“, erklärt der Kurator der Ausstellung Iata Cannabrava. So geht es eben nicht nur um physische, sondern insbesondere auch psychische Gewalt, die den Menschen widerfährt oder die sie sich sogar selbst antun. Die etwa 50 Fotografien der Künstler zeigen mögliche Ursachen, Konsequenzen und Formen der Gewalt in Lateinamerika, wie Armut, Kolonialisierung, Vermassung, Konsum, soziale Differenzen, Frustration, Melancholie, ja sogar Überdruss.

Die verschiedenen für die Ausstellung ausgewählten Werke der Fotografen gehen auf sehr unterschiedliche Weise an das Thema heran. Die eindrucksvollen Vorher-Nachher-Porträts des argentinischen Künstlers RES präsentieren die Gewalt scheinbar zunächst sehr offensichtlich. Sie zeigen einen Herzchirurgen vor und nach einer Operation, einen Boxer vor und nach einem Kampf und einen Normalbürger vor und nach einem tätlichen Übergriff. Das Blut, die geschwollenen Augen und die Blutergüsse sprechen eine deutliche Sprache. Doch die Fotos sagen noch viel mehr. In den Augen, der Haltung und der Mimik der Porträtierten lässt sich ein breites Gefühlsspektrum ablesen, das die „Gewalt“ in den Menschen ausgelöst hat.

Die Bilderreihe von Daniela Edburg (Mexiko) persifliert in ästhetisch inszenierten Porträts den größten Feind unserer Zeit, dem wir doch immer wieder die Tür öffnen: den Konsum. Ihr „Tod durch Zuckerwatte“ zum Beispiel ist durch die Farbwahl und Komposition ein sehr schön anzuschauendes Bild, gleichzeitig eine herrlich ironische Darstellung des idyllischen Zuckerwattenhimmels auf Beutefang.

In ihrer Porträtserie zeigt Ananké Asseff aus Argentinien Menschen mit ihren Waffen. In Kombination mit auf einer Tafel festgehaltenen Zitaten lassen die Bilder dem Betrachter einen Schauer von Unbehagen über den Rücken laufen.

Besonders bedrückend ist die Kinderfotoserie von Rachelle Mozman aus Panama. Sie trifft den Titel der Ausstellung wohl am besten. Äußerst adrette, wohlbehütete Kinder posieren in ihrem offensichtlich wohlhabenden Zuhause. Doch ihnen ist kein Funke von kindlicher Fröhlichkeit oder ungebändigtem Spieltrieb anzusehen. Sie wirken so leblos wie Porzellanpuppen. Es bleibt die Frage, welche Gewalt diesen Kinderseelen wohl ihre Lebensfreude geraubt hat.

  • Bis zum 31. August im Centro Cultural Recoleta, Junín 1930. Di-Fr 14-21, Sa, So und feiertags 10-21 Uhr. Eintritt 1 Peso. Am 7. August werden hier 16 weitere Foto-Ausstellungen im Rahmen des „Festival de la Luz 2008“ eröffnet. Infos hier.

Der Mensch im Sucher

Unter dem Motto „Wir-Ihr-Sie“ startet am 1.8. das „Festival de la Luz 2008“

Von Susanne Franz

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Was lassen Menschen so alles stehen – und wo? Damián Kirzners Fotoausstellung „Fósiles“ bei Elsi del Río (Arévalo 1748, Palermo; seit 23.7.) ist eine der offiziellen Festival-Ausstellungen.

Vom 1. August bis 30. September wird in ganz Argentinien das alle zwei Jahre veranstaltete 15. Fotografie-Fest „Festival de la Luz“ (Festival des Lichts) stattfinden. Organisiert wird es wie gewohnt von der Stiftung Fundación Luz Austral und geleitet von Elda Harrington und Alejandro Montes de Oca. In Buenos Aires treffen sich in diesem Jahr dabei zum ersten Mal die Direktoren aller lateinamerikanischen Foto-Festivals. Im Ganzen pflegt das argentinische „Festival de la Luz“ Kontakte zu 22 anderen Foto-Festivals weltweit.

Unter dem Festival-Motto „Nosotros-Ustedes-Ellos“ (Wir-Ihr-Sie) sind die Hauptausstellungen und -veranstaltungen in Buenos Aires im Centro Cultural Recoleta, Centro Cultural Borges, Centro Cultural Ricardo Rojas, Centro Cultural General San Martín, Centro Cultural de la Cooperación, dem Museo Nacional de Bellas Artes und dem Museo Isaac Fernández Blanco. Zahlreiche private Galerien haben speziell für das „Festival de la Luz“ ausgesuchte Fotoschauen vorbereitet. In der Alianza Francesa werden in diesem Jahr die Festivalsektionen „Semana de Encuentros“ (Woche der Begegnungen) und „Foro de Portfolios“ (Ansicht von Künstlermappen) abgehalten.

Im Jahr 2006 fanden im Rahmen des „Festival de la Luz“ 300 Ausstellungen in ganz Argentinien statt, 30 Spezialisten begutachteten die Künstlermappen, und 1.200.000 Besucher strömten zu den Veranstaltungen des Festivals.

Auch in diesem Jahr sind alle Ausstellungen, Vorträge, Rundtischgespräche, Buchvorstellungen, Interventionen im Stadtraum, Performances etc. gratis, mit Ausnahme des „Foro de Portfolios“ und einiger Workshops.

Panasonic, wieder Sponsor des „Festival de la Luz“, zeigt in Buenos Aires seine im Jahr 2005 gestartete Sammlung „Miradas Argentinas“. Die Ausstellung wanderte bereits durch zahlreiche Provinzen Argentiniens und wurde in jeder Provinz durch einen lokalen Künstler erweitert. Nun wird sie im Saal 8 des Centro Cultural Recoleta vom 7. bis 31. August Werke von (u.a.) Tony Valdez, Eduardo Gil, Juan Travnik, Marcos López, Jorge Leiva, Mariano Manikis, Daniel Muchiut, Gustavo Frittegotto, Alejandro Montes de Oca, Elda Harrington, Guadalupe Miles, Gerardo Repetto, Raúl Cottone, Cayetano Arcidiacono, Sergio Fasola, Sergio Tantanián, Becquer Casaballe, Esteban Pastorino, Hugo Aveta, Julieta Chiapano und Gabriel Varsanyi zeigen.

Alle weiteren Informationen findet man auf der Webseite des Festivals.

Erschienen im “Argentinischen Tageblatt” vom 26.07.08.

Eine Welt großer und kleiner Wunder

Die 17. Kunstmesse arteBA wurde am Donnerstagabend eröffnet

Von Susanne Franz

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Feierliche Eröffnung: (v.l.) Alejandro Corres, Facundo Gómez Minujín, Decio Oddone, Mauricio Macri, Julio Cobos, José Nun, Hernán Lombardi und Juan Vergez.

Qualität und Magie sind die zwei Begriffe, mit denen man am ehesten diese „arteBA08“, die wichtigste Messe für zeitgenössische Kunst in Lateinamerika, beschreiben mag. Die Auswahlkriterien lagen in diesem Jahr offensichtlich noch erheblich höher als bei den vergangenen Editionen der Messe, und dies hat sich ausgezahlt. Und obwohl 81 Galerien ihre Künstler vorstellen, davon 50 aus Argentinien, die übrigen aus anderen lateinamerikanischen Ländern, Frankreich, Spanien und den USA, ist es nicht überfüllt, man ist nicht gierig oder unsicher, sondern zeigt selbstbewusst nur das Feinste.

Am Donnerstagabend wurde die Kunstmesse offiziell vom Vorstandsvorsitzenden der Stiftung arteBA Facundo Gómez Minujín, dem argentinischen Vizepräsidenten Julio Cobos, dem Bürgermeister von Buenos Aires Mauricio Macri, dem Kultursekretär der Nation José Nun, dem Kultursekretär der Stadt Buenos Aires Hernán Lombardi, dem Geschäftsführenden Direktor von Petrobras, Decio Oddone, den arteBA-Vorstandsmitgliedern Alejandro Corres und Julio Vergez und anderen Würdenträgern eröffnet. Schon bevor das blau-weiße Band durchschnitten wurde, hatten sich zahlreiche Gäste bei der Eröffnung eingefunden, die bald die Gänge zwischen den Boxen füllten, begeistert von Stand zu Stand schlenderten und nur ab und zu bei einem Glas Sekt Rast machten.

Die Messe ist seit Freitag bis einschließlich Montag, den 2. Juni, täglich von 13 bis 22 Uhr fürs Publikum geöffnet. Der Eintritt kostet 20 Pesos, für Rentner und Studenten mit Ausweis 10 Pesos, Kinder unter 12 Jahren können Eltern gratis mitnehmen. Im Blauen und Grünen Pavillon des Messegeländes Rural (Eingang Av. Sarmiento 2704) gibt es zwei Cafés, an einigen Stellen auch ein paar bequeme Sessel zum Ausruhen, so zum Beispiel vor dem Bereich für Videokunst „Caja Negra/Cubo Blanco“. Für diejenigen, die sich in ein Kunstwerk verlieben, aber nicht genügend Kleingeld dabeihaben, stellt Banco Galicia wieder einen Transporter mit Geldautomat vor dem Eingang der Messe bereit. Der Kunstliebhaber oder angehende bzw. geübte Sammler muss sich also nur noch einlassen auf die Welt der großen und kleinen Wunder, die in den zwei Messehallen auf ihn wartet.

Einer der interessantesten Anziehungspunkte ist auch in diesem Jahr die Ausstellung des (mittlerweile fünften) arteBA-Petrobras-Preises, der unter der Leitung des Kunstkritikers Fabián Lebenglik stand. Unterstützt von einer Jury wählte dieser aus über 400 Vorschlägen acht Projekte aus, deren Verwirklichung in den vergangenen zwei Monaten mit jeweils 8000 Pesos gefördert und von Lebenglik kuratoriell begleitet wurde.

Am Freitag, dem 1. Messetag, wurden bereits feierlich die beiden Gewinner des arteBA-Preises bekanntgegeben: Der mit 30.000 Pesos dotierte Erste Preis ging an Mauro Guzmán, der mit 10.000 Pesos dotierte Zweite Preis an Marisa Rubio. Doch jedes der hier gezeigten Projekte ist von herausragender Qualität, und hier findet man vor allem die eingangs erwähnte Magie – einen Zauber, dem sich wohl niemand wird entziehen können, der in Martín Bonadeos Installation das „Gras“ wachsen sieht und riecht – und mit seiner Körpertemperatur zum Wachstum und zum Ausschütten des Duftes beiträgt; niemand, der vor Paula Senderowiczs riesiger Stoff-Tsunami-Welle steht oder Vicente Grondonas aus Kohle bestehende Bibliothek bestaunt. Und wer sich gar in Carlos Huffmanns Piratenhöhle wagt… Mauro Guzmáns Autokino lädt zum Träumen ein, Rosalba Mirabellas Rotkäppchen-Videos haben eine tranceähnliche Qualität, die dem Medium widerspricht, das sie benutzt. Marisa Rubios und Leandro Yadanzas Installationen sind zugleich poetisch und intellektuell.

Übersprudelnde Kreativität, jede Menge Talent sowie professionelle und angenehme Ansprechpartner findet der Messebesucher auch im Barrio Joven, dem Jungen Viertel, das den aufstrebenden Galerien gewidmet ist und das man in seinem Rundgang nicht auslassen sollte.

Beeindruckend ist in diesem Jahr der „Open Space“ genannte Messesektor für großformatige Skulpturen und Installationen. Die Kuratorin Eva Grinstein und der großartige Montage-Spezialist Gustavo Vázquez Ocampo haben hier einige denkwürdige Werke gekonnt in Szene gesetzt.

Ein Muss ist auch die von Banco Galicia gesponserte Hommage der drei Maestros Enio Iommi, Clorindo Testa und Gyula Kosice im Eingangsbereich der Messe.

Über das Begleitprogramm im Auditorium und alle weiteren Einzelheiten informiert die Webseite der Messe.

Erschienen im “Argentinischen Tageblatt” vom 31.05.08.

Tipps

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Kontrolliertes Wagnis

Die Bildhauerin Cristina Tomsig in der Galerie Empatía

Von Susanne Franz

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“En Juego” von Cristina Tomsig.

Neu und doch vertraut: Wenn man die großformatigen Eisenskulpturen der Bildhauerin Cristina Tomsig kennt, ist man zunächst überrascht, wenn man ihren neuen Werken in der Galerie Empatía begegnet. Metall ist zwar noch vorhanden, aber in dünnerer, biegsamerer Form, wie in der großformatigen Skulptur “Movimiento Sostenido” (Festgehaltene Bewegung), einer Art Wippe aus einem dünnen, gebogenen Stahlblech, das durch zwei Drähte in Spannung gehalten scheint und in dessen Mitte sich eine zu einer Schleifen- oder Blumenform gebogene weiße PVC-Bahn befindet. Man hat das Gefühl, dass diese Skulptur so fragil ist, dass sie in jedem Moment auseinanderspringen könnte – was natürlich eine von der Künstlerin exakt geplante Illusion ist – und hat fast Angst, das Objekt in eine Schaukelbewegung zu versetzen (wobei es dann seine Stabilität unter Beweis stellt).

Oder die Skulptur “En Juego” (Auf dem Spiel stehen), die aus zwei einander stützenden Elementen besteht: einem Aluminiumring von mehr als einem Meter Durchmesser und einem aus schwarzem PVC geformten, an der oberen Seite gezackten Halbkreis. Auch diese Skulptur wirkt nicht wuchtig, sondern leicht und verspielt – und auch sie kann in Bewegung versetzt werden. Cristina Tomsigs Werke durchbrechen hier einen ganz entscheidenden “Grundsatz” der Skulpturen – die “normalerweise” ja nicht nur den Raum, den ihre Abmessungen vorschreiben, einnehmen, sondern auch bestimmte Koordinaten des umliegenden “unsichtbaren” Raums einbeziehen. Cristina Tomsigs Skulpturen modifizieren auch diesen Raum und bringen ihn in Schwingung.

Der Prozess, der Cristina Tomsig hin zu diesen “neuen” Objekten geführt hat, begann etwa im Jahr 2005. “Ich wollte mit einem anderen Material als Eisen arbeiten”, sagt die Künstlerin. “Es sollte leichter sein, flexibler: Ich wollte meine Ideen schneller verwirklichen können.” Als sie ihre ersten verspielten Arbeiten aus dünnen, verschlungenen PVC-Streifen sah, erschrak sie zunächst. “Es ist etwas anderes, eine Veränderung zu planen, als diese dann plötzlich vor sich zu sehen!”, beschreibt die anerkannte Künstlerin und IUNA-Dozentin ihre Gefühle.

Dass sie sich auf dem neuen Weg schnell sicher gefühlt hat, hat damit zu tun, dass Cristina Tomsig zwar radikale konzeptuelle Neuerungen in ihr Werk aufgenommen hat, dass sie aber an soliden, rigorosen Grundbedingungen festhält. So nutzt sie die ganze Erfahrung und Weisheit ihres Künstlerlebens und erweitert sie zugleich. In der “Juegos Materiales” (Spiele/Materialien – Materielle Spiele) genannten Ausstellung sind neben den zwei beschriebenen Skulpturen auch kleinformatige Objekte und “Reliefs” aus PVC in verschiedenen Größen zu sehen.

Dass all die Spannung, die Tomsigs Werke erzeugen, dass all dieses Neue dennoch als ruhige und positive Botschaft beim Betrachter ankommt, dafür sorgt die klare Farbgebung der Künstlerin (Schwarz/Weiß/Metallen/Transparent) und ihr perfekt entwickelter Sinn für Proportionen, der selbst den Objekten, die wie “mitten im Sprung” erscheinen, ihren Sinn und ihre Ordnung geben.

  • Cristina Tomsig, „Juegos Materiales“. Empatía, Carlos Pellegrini 1255. Mo-Fr 11-20, Sa 10-13 Uhr. Bis 31.5.

Erschienen im “Argentinischen Tageblatt” vom 24.05.08.

Neue Bücher von zwei Lieblingskünstlerinnen

Teresa Pereda und Ana Lía Werthein: Buchvorstellungen

Von Susanne Franz

Am Dienstag, dem 20.5., um 19 Uhr, stellt die Künstlerin Teresa Pereda im Museo Nacional de Bellas Artes, Av. del Libertador 1773, ihr Buch „Tierra“ vor. Durch die Veranstaltung führen die Kritikerin Mercedes Casanegra und der Künstler Horacio Zabala.

Am Mittwoch, dem 21.5., um 18.30 Uhr, stellt die Künstlerin Ana Lía Werthein im Auditorium des Malba, Av. Figueroa Alcorta 3415, ihr Buch „Más acá del horizonte“ vor. Zu diesem Anlass sprechen der Kritiker und Herausgeber des Buches Rodrigo Alonso, der Psychologe Dr. Roberto Harari und der Künstler Luis Felipe Noé.

Erschienen im “Argentinischen Tageblatt” vom 17.05.08.

Neue Wege

Alicia Díaz Rinaldi bei RO

Von Susanne Franz

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Die Ausstellung “Dos en Uno” in der Galerie RO zeigt die bekannte Künstlerin Alicia Díaz Rinaldi auf einem neuen Höhepunkt ihres Schaffens. Díaz Rinaldi, eine der bedeutendsten argentinischen Graphikerinnen mit einem internationalen Renommee als Dozentin, geht hier ganz neue Wege: Anstelle der gebräuchlichen graphischen Techniken benutzt sie eine Mischung aus Kaltnadelradierung und Acrylmalerei. Das Resultat ist umwerfend.

Die 12 in der Galerie sehr schön gehängten Werke zeugen von der Meisterhand der Künstlerin gepaart mit einer neuen, unbeschwerten Schaffensfreiheit. Jedes Werk ist ein vollendetes Ganzes, obwohl oder gerade weil auch noch der Kontrast zwischen strengen geometrischen Formen und kritzeligen, wie hingeworfenen Feldern hinzukommt. Die geniale Farbgebung, die an 40er-Jahre-Design und zugleich an Klee erinnert, und die mutige Eroberung des Bildraums führen zu atemberaubenden Ergebnissen.

Zur Ausstellung erschien ein interessanter Katalog mit einem außergewöhnlichen Vorwort von Rosa María Ravera.

  • RO Galería de Arte“>RO Galería de Arte, Paraná 1158. Mo-Fr 11-20, Sa 10.30-13.30 Uhr. Bis 13.5.

Erschienen im “Argentinischen Tageblatt” vom 10.05.08.

Überbordende Kreativität

Nicolás Rubió bei Mosaik

Von Susanne Franz

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Nicolás Rubió zeigt seit Dienstag in der Galerie Mosaik in San Isidro seine bisher umfangreichste Ausstellung, “Series Latinoamericanas”, ein beredtes Zeugnis seiner überbordenden Kreativität und unermüdlichen Schaffenskraft. Bis zum 29. Mai kann man die Schau des Ausnahme-Künstlers besuchen, der zudem jeden Donnerstag jeweils um 19 Uhr einen Vortrag hält: am 8.5. über die Textilkünstlerin Silke, am 15.5. “El hombre que esparcía la niebla” über seinen Vater; am 22.5. “Los mil y un tapices de Silvina Trigos” und am 29.5. “Un fundidor, una escultora”, eine Hommage an seine vor kurzem verstorbene Ehefrau, die Künstlerin Esther Barugel.

  • Galería Mosaik, Av. Sucre 2774, Beccar, San Isidro. Mo-Sa 10-13 u. 16-20 Uhr. Bis 29.5.