Viele Stimmen, ein Klang

Weltpremiere des Theaterstücks “Las Multitudes” von Federico León in La Plata

Von Susanne Franz


Er hat Husten, als wir am Dienstagvormittag in einem alten Café an einer Straßenecke im Stadtviertel Abasto sitzen. “Hoffentlich ist das bis Freitag weg!”, meint er besorgt. “Ich will um nichts in der Welt die Premiere verpassen!” Seit einem Jahr bereitet der junge argentinische Theaterregisseur Federico León die Uraufführung seines neuesten Werks “Las Multitudes” vor. Jetzt ist fast alles perfekt. Anfang Juli hat er mit seinem 120-köpfigen Ensemble die Proben von Buenos Aires nach La Plata verlegt, denn hier findet am 20. Juli die Weltpremiere statt – im TACEC, das dem Teatro Argentino de La Plata angeschlossene experimentelle Werkstatt-Theater.

Das TACEC hat das Stück in Zusammenarbeit mit dem Festival Berliner Festspiele/Foreign Affairs und der Siemens Stiftung produziert. Die Premiere von “Las Multitudes” und die fünf weiteren Vorstellungen bis zum 29. Juli finden im Rahmen der dritten internationalen Theater-Akademie “Panorama Sur” statt, die am 16. Juli begann und drei Wochen lang Workshops renommierter Künstler, Meisterklassen und Theatervorstellungen aus Brasilien, den USA und Europa an den Río de La Plata bringt.

Ende September wird “Las Multitudes” dann dreimal auf dem Festival “Foreign Affairs” in Berlin gezeigt. Federico León hat auch seine früheren Stücke – darunter “El adolescente”, “Mil quinientos metros sobre el nivel de Jack” und “Yo en el futuro” – sowie seine beiden Kinofilme in der deutschen Hauptstadt gezeigt und ist dort schon lange kein Unbekannter mehr. Im “Haus Berliner Festspiele” gastiert sein 120-köpfiges Ensemble – eine Mischung aus Argentiniern der Originalbesetzung und deutschen Schauspielern – in einem für 1200 Zuschauer konzipierten Haus, ein gewaltiger Unterschied zu dem intimen TACEC mit seinen 140 Plätzen.

Nach dem Gastspiel in Berlin wird “Las Multitudes” auch in Buenos Aires gezeigt, im Saal A/B des Centro Cultural San Martín.

Lesen Sie weiter / Seguir leyendo »

Dritte internationale Theaterakademie “Panorama Sur”

Junge Theatermacher, Autoren und Choreographen aus aller Welt treffen sich vom 16. Juli bis 10. August 2012 in Buenos Aires


Nach zwei erfolgreichen Ausgaben hat sich “Panorama Sur”, die internationale Arbeitsplattform für darstellende Kunst in Südamerika, in Buenos Aires etabliert und erweitert nun im dritten Jahr ihren Radius. Die temporäre Akademie wurde 2010 von der Siemens Stiftung und der “Asociación para el Teatro Latinoamericano” (THE) ins Leben gerufen und wird in diesem Jahr durch eine Initiative des Goethe-Instituts ergänzt. Diese enthält u.a. ein Stipendienprogramm für Autoren aus acht lateinamerikanischen Ländern.

Ziel des internationalen Forums ist es, den Dialog zwischen Künstlern aus lateinamerikanischen Ländern mit ihren strukturell sehr unterschiedlichen Kulturszenen zu intensivieren und die Vernetzung mit dem internationalen Theatergeschehen voranzutreiben. Dieses Jahr treffen junge Theatermacher, Autoren und Choreographen aus aller Welt in Buenos Aires zusammen, um gemeinsam unter dem Motto “Beyond Representation” an neuen künstlerischen Praktiken zu arbeiten und diese zum Publikum hin zu öffnen. Dabei geht es um die sich ändernde Rolle des Theaters in der Gesellschaft und ein sich wandelndes künstlerisches Selbstverständnis.

“Panorama Sur” bietet ein intensives vierwöchiges Programm mit einer Autorenwerkstatt, internationalen Workshops, Aufführungen aus den USA, Europa und Brasilien sowie einer argentinischen Uraufführung. Die begleitende Vortragsreihe nimmt die Wirklichkeit jenseits der Repräsentation in den Blick. Erstmalig wird das Forum “Panorama Sur” in diesem Jahr um Choreographie und Tanz erweitert.

Das öffentliche Vorstellungsprogramm beginnt am Mittwoch, dem 18. Juli, um 21.30 Uhr, im San Martín-Theater mit dem Stück “H3” des Brasilianers Bruno Beltrão und seiner “Grupo da Rua”, die mehr ist als eine Tanzkompanie: Beltrão, der vom Streetdance kommt und zeitgenössischen Tanz und Philosophie studiert hat, versteht sie gleichermaßen als Werkzeug sozialer Emanzipation. Auf einem skizzierten Spielfeld transformiert “H3” Bewegungsmaterial aus Breakdance, Hiphop und Capoeira zu einer zeitgenössischen Choreographie und zu einem faszinierenden physischen Ereignis, das leichtfüßig Fragen an unsere Wahrnehmung von Raum stellt. Es gibt nur eine einzige Vorstellung, Karten zu 90 bzw. 70 Pesos bekommt man an der Theaterkasse (Av. Corrientes 1530).

Mit gleich 120 Darstellern aus allen Generationen konfrontiert der argentinische Autor, Filmemacher und Regisseur Federico León das Publikum bei der Uraufführung seines Stücks “Las Multitudes”. Die räumliche Versuchsanordnung baut auf die Wucht der heterogenen, anonymen Menschenmasse, die dem Publikum wie in einem Spiegel gegenübersteht: zwei Menschenmengen, die im Laufe des Stücks eine gemeinsame Basis finden.

“Las Multitudes”, eine Koproduktion des TACEC mit der Siemens Stiftung und den Berliner Festspielen/Foreign Affairs, wird erstmals am kommenden Freitag, dem 20. Juli, um 21.30 Uhr gezeigt: im TACEC (Centro de Experimentación y Creación del Teatro Argentino de La Plata), 51. Straße zwischen 9. und 10., La Plata, Tel.: (0221) 429.1700. Fünf weitere Vorstellungen sind am 21., 22., 26. und 29. Juli um 21.30 Uhr und am 28. Juli um 17 Uhr vorgesehen. Karten zu 20 Pesos kann man online oder an der Kasse des Teatro Argentino de La Plata erwerben. Infos auf der Webseite des Theaters.

Am 28., 29. und 30. September wird “Las Multitudes” auf dem Festival “Foreign Affairs” in Berlin gezeigt.

Lesen Sie weiter / Seguir leyendo »

Eine ganz eigene Sprache

“Ensamble Tempeste” interpretierte Shakespeares “Sturm”

Von Susana Zickert


Die Geschichte ist einfach: ein König, seine Tochter, eine Insel und ein Prinz. Shakespeare mischte diesem Stoff noch ein bisschen Magie, einen Bruderstreit und mehrere Mordkomplotte hinzu. So weit geht das “Ensamble Tempeste” im Centro Cultural de la Cooperación nicht. Es belässt es bei einer “empfindsamen Zersplitterung” von Shakespeares “Sturm”.

Vollkommen wortlos kommt die Theatergruppe aus und wird nur von teils bombastischen, teils organischen Klängen begleitet. Unter der Leitung von Pepe Márquez, der sich auch um die Choreographie und Dramaturgie kümmerte, entwickelt die alternative Theatergruppe ihren ganz eigenen Sturm.

Für die Kostüme wird eine Art Plastik verwendet. Kühl, leblos, Inbegriff der Umweltverschmutzung und des “Nicht-Menschlichen”. Eine Plastik-Plane überspannt in einer Szene senkrecht die ganze Bühne. Der Prinz wird an die Plane gedrückt, seine Silhouette erscheint übergroß und verzerrt. Sein Kampf gegen den König und gegen seine magischen Kräfte geht zunächst schlecht für ihn aus. Doch auf das Happy-End muss nicht verzichtet werden.

Über die Bühne laufen noch kleine Plastik-Marionetten – vielleicht die Soldaten des Prinzen? – und einige Insekten, die zwar schön dargestellt sind, aber den Zuschauer sonst ratlos lassen. Und das sind nicht die einzigen Stellen, wo die Frage nach dem Sinn des Ganzen aufkommt. Die Aufführung scheint für jene zu sein, die sie gemacht haben, die Mitwirkenden, die nach 12 Monaten harten Arbeitens eine Art eigene Sprache entwickelt haben, die aber sonst keiner versteht.

Man ahnt, dass der Inszenierung eine Menge Ideen zugrunde lagen, doch die Umsetzung wurde dem künstlerischen Anspruch nicht gerecht. Die sinntragenden Elemente – das Licht und die Formen – kamen auf der Bühne nur unvorteilhaft zur Geltung, die teils unbeholfenen schauspielerischen Leistungen und die schlechte Klangqualität taten ihr übriges.

Lehrstück über “Big Brother”

Das US-Ensemble “The Actors’ Gang” zeigte im Rahmen der Internationalen Spielzeit des San Martín-Theaters George Orwells “1984”

Von Susanne Franz


Mit dem publikumswirksamen Besuch des US-Schauspielers und Theaterregisseurs Tim Robbins, der die internationale Spielzeit 2012 einläutete, landete das Teatro San Martín einen großen Wurf. Am 9. April gab der Star eine ebenso unterhaltsame wie tiefgründige Pressekonferenz, die in den Medien breite Resonanz fand.

Robbins’ Besuch diente der Ankündigung des Bühnenwerkes “1984”, das das US-Ensemble “The Actors’ Gang”, mit dem er seit 30 Jahren zusammenarbeitet, vor sechs Jahren unter seiner Regie erarbeitet und seitdem weltweit aufgeführt hat. Dies war die erste Tournee nach Lateinamerika, wo die erste Station das Internationale Theaterfestival in Bogotá/Kolumbien war. Im Teatro San Martín gab es Vorstellungen am 12., 13. und 14. April – alle drei waren innerhalb kurzer Zeit ausverkauft.

Das Werk ist eine außerordentlich werktreue Bühnenadaptation (von Michael Gene Sullivan) von George Orwells düsterer Gesellschafts-Satire aus dem Jahr 1948. In der Tradition eines Brecht’schen Lehrstücks verfolgte es auf manchmal sehr plakative Weise das Ziel, den Zuschauer – nun ja, eben zu belehren. Das zweistündige Stück wurde nach der ersten Stunde durch eine Pause unterbrochen, man wunderte sich, war aber im Anschluss froh darüber, denn die Folterszenen in der zweiten Hälfte, als der aufmüpfige Protagonist im “Wahrheitsministerium” bis zum Zerbrechen gequält wird, waren schwer zu ertragen. Die Wirkung auf den Zuschauer erlosch aber sofort im Anschluss, als die einzige Frau im Ensemble den Epilog aus Orwells “1984” vorlas – für all diejenigen, die es vielleicht immer noch nicht verstanden hatten.

Trotzdem gab es großen und verdienten Applaus des voll besetzten Hauses für die sechs in ständig wechselnden Rollen agierenden Schauspieler, die alle mehr als solide Leistungen zeigten, die stimmige Bühnentechnik – und sicher nicht zuletzt auch für die nachdenklich stimmende, heute immer noch aktuelle Botschaft des Orwell-Werkes.

Foto:
Freiheitskämpfer Winston (Cameron Dye, Mitte) wird mit seinen schrecklichsten Ängsten konfrontiert.

Remix der Zeichen

Theater-Erstlinge im sechsten Zyklus des Projektes “Óperas Primas” im Centro Cultural Rojas

Von Karlotta Bahnsen


Das Centro Cultural Rojas zeigt im Rahmen des Projektes “Óperas Primas” Stücke junger Künstler, die sich zum ersten Mal an der Regie eines Theaterstücks versuchen. Auch Luis Garay ist eigentlich Choreograf, in “La tierra tendra dos soles” setzt er sich mit dem komplexen Zeichensystem des Theaters auseinander. Seinen tänzerischen Hintergrund merkt man dem Stück an: der Körper spielt eine entscheidende Rolle – er steht im Mittelpunkt, nicht der Dramentext.

Die einzige Darstellerin des Stücks, Maria Alche, legt Spuren im kargen Bühnenraum, die zu einer Geschichte gehören. Eine zerbrochene Tasse, verschüttete Tomatensoße, der Abgrund zu hoher Absätze und das wiederholte Abspulen eines Dialogs zwischen Familienmitgliedern um eine schwangere Tochter. Eine lineare Handlung oder gar einen dramentypischen Spannungsbogen gibt es nicht. “Me caigo”, sagt Maria, “ich falle”. Und nochmal: “Me caigo”, dann sackt sie in sich zusammen, steht wieder auf um wieder hinzufallen. Die Wiederholungen wirken wie die Übung für den Ernstfall.

Die theatertypische Illustration des Textinhalts durch eine Handlung wird hier durch zeitliche Verzerrung absurd und so als leere Konvention entlarvt. Nebenbei stellt sie gekonnt die Zeitstruktur auf den Kopf, hebelt so spannungssteigernde Mechanismen aus und wirft Fragen zu Ursache und Wirkung im Bühnengeschehen auf. Anfang und Ende koexistieren im geschaffenen künstlichen Raum.

Konventionen des Sprechtheaters werden von Garay genüsslich zerlegt, neu kombiniert und dadurch im hierarchischen Zeichensystem neu bewertet. Hier werden Fragen an die Kunstform Theater gestellt, der Bruch ist Prinzip und nichts ist selbstverständlich.

Heißt Schauspielen, den Platz eines anderen einzunehmen? Aber wer ist dieser Andere? Eine fiktive, körperlose Figur. Der Körper im Bühnenraum ist mittlerweile mehr wert als jede Art von psychologisch-realistischer Rollenarbeit. Wen Maria Alche darstellt, bleibt offen. Mal beschreibt sie als allwissende Erzählerin eine Szene von außen, mal spricht sie alle Rollen gleichzeitig oder gibt Regieanweisungen. Der Text wird zum schieren szenischen Element in einer Polyphonie theatraler Zeichen.

“La tierra tendra dos soles” spielt noch am 27. April sowie am 4., 11. und 18. Mai jeweils um 22 Uhr im “Cancha”-Saal des Centro Cultural Rojas, Av. Corrientes 2038, Tel.: 4954-5521. Der Eintritt kostet 20 Pesos. Infos, auch über die anderen Stücke des “Óperas Primas”-Projektes, auf der Webseite des Kulturzentrums.

“Theater kann man nicht aus dem Internet runterladen”

Tim Robbins ist der Stargast der internationalen Spielzeit des San Martín-Theaters

Von Susanne Franz


“Theater ist die einzige Kunstform, die man nicht aus dem Internet klauen kann”, sagte der US-Schauspieler und Regisseur Tim Robbins am Montagvormittag bei einer Pressekonferenz im San Martín-Theater. Der Weltstar und Oscarpreisträger präsentiert in Buenos Aires mit seinem Ensemble “The Actors’ Gang” das Theaterstück “1984” nach dem Roman von George Orwell. Die Bühnenadaptation schuf Michael Gene Sullivan. Im Rahmen der internationalen Spielzeit des San Martín-Theaters wird das Stück dreimal in der argentinischen Hauptstadt aufgeführt – alle Vorstellungen waren innerhalb kürzester Zeit ausverkauft.

Nicht nur die Bedeutung des Theaters als authentischste aller Künste ist für Tim Robbins der Beweggrund, Theater zu machen: “Für mich ist das Theater die Möglichkeit, ehrlich zu bleiben.” Der Status des Hollywood-Stars bedeute eine ständige Verführung, der Oberflächlichkeit zu verfallen. “Man kann sich selbst verlieren, denn wenn man berühmt wird, ist die Versuchung groß, zu glauben, dass man dem Image, das man nach außen hin hat, auch tatsächlich entspricht.” Es gebe nichts Geeigneteres, einen auf den Boden zurückzuholen, als auf einer Bühne zu stehen.

Eine Reise wie diese Lateinamerikatournee – “The Actors’ Gang” zeigte “1984” Anfang April schon auf dem Iberoamerikanischen Theaterfestival von Bogotá – ist für Robbins eine Gelegenheit, in direkten Kontakt mit dem Publikum zu kommen. Einige Kinoschauspieler hätten diese Chance nie, sagt er. “Für mich ist das ein Segen.”

“1984” ist für ihn heute aktueller denn je. “Orwell hat den Roman im Jahr 1948 geschrieben”, sagt Robbins, einen Roman, der sowohl den Kommunismus als auch den Faschismus verurteile. “Wir haben in den letzten 50/60 Jahren viele Beispiele dafür gesehen, wie totalitäre Staaten – rechte wie auch linke – Grenzen überschritten haben.”

Orwell habe in “1984” unter dem Eindruck der nuklearen Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki über “die Natur des Krieges” geschrieben. Er habe vorausgesehen, wie es einer Regierung zugute komme, ununterbrochen Krieg gegen einen “unsichtbaren Feind” zu führen, um der herrschenden Klasse den Machterhalt zu sichern und die Mittel- und Unterschicht zu kontrollieren. Dazu gehöre auch die Schaffung eines Klimas der ständigen Angst. Die Drogenkriege oder den Terrorismus habe Orwell nicht voraussehen können, wohl aber habe er das Konzept verstanden, wie diese instrumentalisiert werden könnten.

Allerdings handelt “1984” Tim Robbins zufolge auch von der Durchsetzungskraft der Liebe und davon, dass man, egal, was in einer Gesellschaft geschieht, “immer frei sein kann, wenn man seinem Herzen folgt”.

Dass er selbst, trotz aller Berühmtheit, das Herz auf dem rechten Fleck hat, bewies Robbins bei der Entgegennahme des Podestá-Preises für sein Lebenswerk, der ihm im Anschluss an die Pressekonferenz vom nationalen Schauspielerverband überreicht wurde. “Es ist nicht einfach, Schauspieler zu sein”, sagte er zu seinen argentinischen Kollegen, “alle in deiner Familie warnen dich und sagen dir, dass du doch was Vernünftiges tun sollst – deine Eltern, die Omas, die Geschwister. Es ist fast so, als ob das eine leichtfertige Lebensentscheidung wäre.” Dabei sei es in Wahrheit ein Beruf, in dem sich alles um die Liebe drehe und in dem man als Künstler die Aufgabe habe, den Menschen Wahrheiten nahezubringen und sie emotional zu berühren.

“In unserer ‘Actors’ Gang’ verfolgen wir eine strikte ‘Keine-Arschlöcher-Politik'”, hob Tim Robbins auch die Bedeutung des absoluten Vertrauens innerhalb der Theatergruppe hervor. “Das Theater muss ein sicherer Raum bleiben, in dem man auch mal versagen darf.”

Fotos von oben nach unten:

Tim Robbins in Buenos Aires.

Tim Robbins (2.v.r.) auf der Pressekonferenz am Montag, mit Alberto Ligaluppi, dem Direktor des San Martín-Theaters (li.), Hernán Lombardi, dem Kulturminister der Stadt Buenos Aires (2.v.li.), und dem Dolmetscher Alejo Magariños (r.).
(Fotos: Carlos Flynn)

Tim Robbins besucht Buenos Aires

Der US-Schauspieler und -Dramaturg zeigt seine Inszenierung von Orwells “1984” im San Martín-Theater und präsentiert im Rahmen einer ihm gewidmeten Filmreihe “Dead Man Walking”

Von Susanne Franz

Im Rahmen seiner internationalen Gastspielreihe hält das San Martín-Theater in diesem Jahr eine besondere Überraschung bereit. Der US-amerikanische Schauspieler, Regisseur und Produzent Tim Robbins präsentiert die von ihm in Szene gesetzte Version von George Orwells düsterem Roman “1984”. Die US-Schauspieltruppe “The Actors’ Gang”, deren künstlerischer Leiter Robbins ist, wird das Stück dreimal im Martín Coronado-Saal des Theaters zeigen, am 12., 13. und 14. April jeweils um 20.30 Uhr. Karten zu 110 bzw. 80 Pesos erhält man im Internet oder an den Theaterkassen.

Der Hollywoodstar, der für den Eastwood-Film “Mystic River” einen Oscar als bester Nebendarsteller erhielt, verbindet seine Tätigkeit als anerkannter Theatermacher und Verfasser von bislang sieben Bühnenwerken mit seinem sozialen Engagement und seinem Einsatz für die Menschenrechte. So wird etwa seine Bühnenadaptation von “Dead Man Walking” – ein leidenschaftlicher Aufruf gegen die Todesstrafe – seit zwei Jahren auf US-amerikanischen Bühnen gezeigt, nachdem sie bereits in die Lehrpläne von 150 US-Universitäten aufgenommen wurde. Tim Robbins kommt persönlich nach Buenos Aires, wo er eine Pressekonferenz gibt und eine Meisterklasse für Schauspieler anbietet.

Im Vorfeld des prominenten Besuchs wird vom 4. bis zum 10.4. im Programmkino Leopoldo Lugones des San Martín-Theaters (Av. Corrientes 1530) der Filmzyklus “Esperando a Tim Robbins” mit den vier wichtigsten Filmen des Schauspielers gezeigt. Am 9. April wird Tim Robbins persönlich eine Einführung in den von ihm geschriebenen und als Regisseur betreuten Film “Dead Man Walking” (hier: Mientras estés conmigo) geben (vor der Vorstellung um 21 Uhr).

Infos hier.

Die Ausgewogenheit von Form und Inhalt

Rafael Spregelburds “Apátrida” am Teatro El Extranjero

Von Mirka Borchardt


“Hört, ihr Sterblichen! Den geheiligten Ruf: Freiheit, Freiheit, Freiheit!” Die Melodie der argentinischen Nationalhymne zerreißt die erwartungsvolle Stille im Theatersaal. Feierlich, dramatisch, fast pathetisch. Doch plötzlich schreddert die Schallplatte vorne auf der Bühne, wird langsamer, die Melodie verzerrt sich. Ein unsichtbarer DJ versucht sich offensichtlich an einer neuen Hymnenversion, oder er ist von profaner Zerstörungswut getrieben. So programmatisch wie der erste Satz eines Romans ist der Beginn dieses Theaterstücks.

“Apátrida. Doscientos años y unos meses” spielt im Jahr 1891: In der Straße Florida findet eine Ausstellung statt, die – nach den Worten Eduardo Schiaffinos – zeigt, “dass auch Argentinien schon einige hervorragende Maler besitzt”. Schiaffino, der spätere Gründer des “Museo Nacional de Bellas Artes”, selbst mit eigenen Bildern in der Ausstellung vertreten, ist einer der größten Befürworter der Begründung einer “nationalen Kunst”. Der spanische Kunstkritiker Maximiliano Eugenio Auzón findet diese Idee schlicht lächerlich. “Argentinische Kunst wird es in 200 Jahren und ein paar Monaten geben!”, konstatiert er sarkastisch.

In einem Briefwechsel zwischen Künstler und Kritiker erhitzen sich die Gemüter. Ein immer polemischer werdender Streit entwickelt sich – nicht nur um die Frage nach der Rolle der nationalen Identität in der Kunst, sondern auch um die Frage nach staatlicher Unterstützung, die Schaffung eines Kunstmarktes, die Rolle von Kunstsammlern. “Die Kunst hat kein Vaterland!”, ruft Auzón voller Pathos. “Das ist eine leere Aussage”, erwidert Schiaffino trocken.

Auzón und Schiaffino, beide gespielt von Rafael Spregelburd – nebenbei auch Autor und Regisseur des Stückes, das gefördert wird vom Goethe-Institut, der Stiftung Pro Helvetia und der Schweizer Botschaft – liefern sich ein verbales Gefecht, das am Ende in einem bewaffneten endet. Begleitet von den experimentellen Tönen des Klangkünstlers Federico Zypce, duellieren sie sich am Weihnachtsmorgen 1891. Der eine wird später als Vater der argentinischen Nationalkunst bekannt sein, den anderen wird kein Mensch mehr kennen. “Kein Vaterland feiert seine Staatenlosen”, prophezeit Auzón.

Lesen Sie weiter / Seguir leyendo »

Knapp daneben ist auch vorbei

“El hombre rebobinado” von Margarita Bali

Von Karlotta Bahnsen


Von außen sieht man der Sala Loft seine Theateraktivität nicht unbedingt an. Bin ich hier richtig? Ich klingle. 1°7 und mir wird geöffnet. Fahrstuhl in den ersten Stock. Alles ist sehr intim, es gibt Wein in Plastikbechern und Knabberzeug, von dem mir nichts angeboten wird. Das öffentliche Ereignis Theater in einen privaten Wohnraum zu verlegen, lässt plötzlich alle mit dem Ereignis verbundenen Codes obsolet werden. Eine Grenze verschiebt sich mit leisem Knirschen. Es entsteht Spannung. Was gehört zum Stück, was nicht? Und irgendwie hat es seinen Reiz, dass Teile des Wohnraums erkennbar bleiben und der Raum an sich nicht “nüchtern” ist. Man weist uns Plätze in der ersten der zwei Stuhlreihen zu. Alles passt so gerade eben in die Wohnküche von etwa 30 Quadratmetern. Auf den weißen Teppich vor unseren Füßen werden gerade wabernde blaue Quallen projiziert. Als einzige Bühnenelemente gibt es ein weißes Sofa und eine Art schrägen Tisch.

Margarita Bali konzipierte ihr Tanz-Theaterstück mit Videoprojektionen, die mit Hilfe von nicht weniger als acht Projektoren die Wände, Boden und Bühnen-Elemente zum Leben erwecken sollen. Mit den Projektionen entsteht die Möglichkeit, nicht-linear die Geschichte eines Mannes (Sandro Nunziata) zu erzählen, der eine spezielle Vorliebe für Bilderrahmen besitzt und anscheinend einen für sein Alter recht unkonventionellen Lebensstil pflegt, nicht so richtig weiß, was er eigentlich will und sich deshalb mit seinen Frauen in die Haare kriegt. Sandro Nunziata ist dabei als einziger Darsteller auch real auf der Bühne präsent.

Die Idee, mit heterogenem Videomaterial nicht-chronologisch eine Geschichte zu erzählen und Erinnerungsräume sowie Gefühlszustände oder potenzielle Wirklichkeiten des Protagonisten in Form von Video Teil des unmittelbaren Bühnengeschehens zu machen, ist zwar nicht mehr neu, aber trotzdem toll. Den Tanz als Ausdrucksform für die Gefühlswelt der Darsteller zu wählen, macht auch Sinn. Was will man aber genau erzählen? Warum braucht man ein weißes Sofa auf der Bühne. um darauf dasselbe Sofa zu projizieren? Das Sofa ist das Zentrum der Bühne und zieht besondere Aufmerksamkeit auf sich. Hier sitzen, rein virtuell, der Mann und seine Frau und streiten sich darum, wo man die Bilderrahmen aufhängen könnte. Der Mann soll seine Füße gefälligst von der Couch nehmen und endlich mal einen Job suchen, der Geld ins Haus bringt, meint die Frau zwischen Geschichten über die Kinder und ihren eigenen stressigen Alltag. Thematisch sowie sprachlich ist das so banal und klischeehaft, dass man nach dem dritten Dialog eigentlich nicht mehr zuhören will, das Sofa-Zentrum dafür aber zu präsent ist.

Lesen Sie weiter / Seguir leyendo »

Ein Muss für alle Tanz- und Performance-Fans

“The Divine Comedy” von Luis Garay

Von Karlotta Bahnsen

Der Rockstar des zeitgenössischen Tanzes Luis Garay tobte sich einst (2008) an Dantes Göttlicher Komödie aus. Was dabei herauskam, spielt seit der Welle der Wiederaufnahmen nach der Sommerpause jetzt auf der Avenida Corrientes. Das Stück beschäftigt sich szenisch mit den zeitlichen Strukturen des Chaos und macht sich auf die Suche nach neuen Ausdrucksformen. Der Sound ist dabei essentieller Bestandteil sowie Experimentiergebiet und vermisst die Möglichkeiten des Klangs von Beatbox über Gitarrenrock bis zum bloßen und rohen Schrei. Dabei kommt die Situationskomik nicht zu kurz, bleibt aber unprätentiös im Hintergrund. Alles, was wirklich gesagt werden muss, entsteht durch die Körper im Raum. Für alle Performance-Begeisterten und Fans des zeitgenössischen Tanzes der Megacity ein absolutes Muss zum Einläuten der Saison.

Krachende Konsumkritik im schrillen Streichelzoo

Emilio García Wehbi inszeniert Rodrigo Garcías Chaosuniversum des sinnlosen Massenkonsums

Von Karlotta Bahnsen


Soll mir lieber Goya den Schlaf rauben als irgendein Arschloch (“Prefiero que me quite el sueño Goya a que lo haga cualquier hijo de puta”) sagt sich ein entnervter Familienvater und macht sich auf zu einer außergewöhnlichen Reise.

Ein menschengroßer Gorilla sitzt schwer atmend auf einem riesigen Bücherstapel, der Bühnenraum ist mit Kunstrasen ausgelegt, es gibt einen ausgestopften Hirsch, ein lebendes Huhn im Vogelkäfig neben einem Laufband Marke Fitnessstudio und einem alten Fernseher, über den Tierbilder flimmern. An die Wand projiziert steht der Prolog: Prinzipien für zynische Ethik. Dazu hört man Tierstimmen. Die Bühne gleicht einer Installation. Der Affe beginnt in sein Headset zu sprechen: Er, besagter Familienvater, hat beschlossen, seine gesamten Ersparnisse für eine Reise nach Madrid auf den Kopf zu hauen. Der Plan beinhaltet einen Einbruch in den Prado zur ungestörten Kontemplation des Spätwerks Francisco Goyas. Die Kinder unseres Protagonisten sind gegen diese Verschwendung der ohnehin jämmerlichen Ersparnisse ihres Vaters und stimmen für einen Besuch von Disneyland, da sie als Kreaturen der postmodernen Gesellschaft nach eigenen Angaben sowieso kein Interesse an geschichtlich tradierten Kulturgütern mehr haben. Aber der Plan steht. Man fliegt nach Madrid und steigt mit einem Rucksack voller Kokain und Pflastersteinen in ein Taxi, wo man sich von Peter Sloterdijk den Sinn der menschlichen Existenz erklären lassen will.

Emilio García Wehbi inszeniert das Stück als schrille interdisziplinäre Ein-Mann-Show, welche die extrem physische Theatersprache von Rodrigo García mit der visuellen Versiertheit des Regisseurs verbindet. Beeindruckend ist die Einfachheit der Effekte, mit denen er weitere Charaktere Teil des Stücks werden lässt. So entstehen die beiden Kinder lediglich durch einen Audioeffekt, der die Stimme erhöht und polyphon klingen lässt. Formal wird die Handlung von akustischen Signalen gegliedert, die den Darsteller dazu zwingen, auf das Laufband zu springen und so schnell als möglich zu laufen. Bloß nicht stehenbleiben, immer am Ball und ständig in Bewegung bleiben, um der gähnenden inneren Leere wenigstens zeitweilig zu entkommen. Dazu werden passend Werbesprüche projiziert. “Have it your way!” Das erschöpft. García Wehbi schwitzt und keucht, seine Stimme hört sich von Mal zu Mal atemloser an, und die Struktur führt eine Beschleunigung des Stückes herbei.

Die performativen Mittel, die eingesetzt werden, befreien das Stück eindrücklich von den Zwängen der Repräsentation, denn die Handlung der Geschichte wird nicht abgebildet, sie entsteht eigens durch die Nacherzählung ihres Protagonisten und schafft so ein lohnendes Theatererlebnis mit zahlreichen interdisziplinären Referenzen in einem vielschichtigen und phantasievoll gestalteten Kunstraum, der sich vom Dramentext sowohl gekonnt emanzipiert als ihn auch in seiner Komplexität hervorhebt.

  • “Prefiero que me quite el sueno Goya a que lo haga cualquier hijo de puta”
  • Regie, Dramaturgie und Schauspiel: Emilio García Wehbi
  • Text: Rodrigo García
  • Teatro Timbre 4, México 3554
  • Freitags, 23 Uhr