Raum-Skulptur aus Luft

Gaspar Acebo präsentiert BLANCO im Espacio Kamm

Von K.M.

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Im Espacio Kamm ist zur Zeit eine Ausstellung zu sehen, die zwei Besonderheiten dieses Kunst-Raumes erfüllt: Atelier-Residenz des Künstlers und Produktion einer raumbezogenen Arbeit. Der Künstler Gaspar Acebo hat sein Atelier für drei Wochen in den Espacio verlegt und dort eine Konzeption für sein Site-Specific-Projekt erarbeitet und realisiert.

Acebo (geboren 1976 in Buenos Aires) baut Papier-Objekte aus Luft, die eine Art Mimesis in der Natur herzustellen suchen: ein Objekt aus blauen Papieren misst das Blau des Himmels in Buenos Aires, ein weißes Papierkissen sucht die Farbe der Antarktis, ein weiß-schwarzes imitiert einen Birkenwald bei Moskau.

Für den Espacio Kamm hat sich Acebo der Herausforderung gestellt, die weißen Wände nachzuahmen: mit Luftkammern gefüllte Wände verwandeln den vorhandenen Raum in einen Soft-Raum. Aus Hunderten aneinandergeklebten Seidenpapieren wurden Doppel-Wände gebaut und mit Luft gefüllt und von den vorhandenen Wänden abgehängt. Es entsteht eine Intervention aus einem alle Räume des Espacio einnehmenden Luftkissen.

Die Arbeit folgt der vorgegebenen architektonischen Struktur des Raumes durch Volumen und Ausdehnung, aber durch die Aussparung der Türen und Fenster des Raumes werden Unterbrechungen vorgenommen, die grundsätzliche skulpturale Fragen aufwerfen: Was bedingt Raum, wo hört Raum auf, wann beginnt Raum?

Ein spannendes Ausstellungsprojekt!

  • Espacio Kamm
  • Mario Bravo 1136, Palermo, Buenos Aires
  • Do und Fr 16-20 Uhr
  • 7.11.-13.12.

Foto:
Luftkissen-Raum von Gaspar Acebo im Espacio Kamm.

Hito Steyerl in Buenos Aires

Goethe-Institut präsentiert Videoinstallation, Filme, Meisterklasse und Anthologie der Berliner Künstlerin

A still from Hito Steyerl's How Not to Be Seen
Im Rahmen der Biennale “Imagen en Movimiento” (BIM) der Universität Tres de Febrero werden Arbeiten der Berliner Videokünstlerin und Autorin Hito Steyerl präsentiert. Das Programm setzt sich zusammen aus der Videoinstallation “How not to be seen. A fucking didactic educational.MOV file”, die im Centro de Arte Contemporáneo (CAC) des Museums der Universidad Nacional de Tres de Febrero zu sehen ist, und drei Filmen, die im Rahmen der Eröffnung der Biennale gezeigt werden. In einer Meisterklasse geht Hito Steyerl der Frage nach “Ist das Museum eine Fabrik?”. Darüber hinaus wird “Los condenados de la pantalla”, eine Anthologie ihrer Essays, die gerade im Verlag Caja Negra Editora erschienen ist, präsentiert.

Programm:
Mittwoch, 19.11., 19 Uhr, in der Deutsch-Argentinischen Industrie- und Handelskammer (Av. Corrientes 327, 23. Stock): Buchpräsentation “Los condenados de la pantalla”. Hito Steyerl (zugeschaltet per Video, da sie ihre Reise leider aus Krankheitsgründen absagen musste) im Gespräch mit Marcelo Expósito. Moderation: Inge Stache. Eintritt frei (begrenzte Saalkapazität).
Donnerstag, 20.11., 19 Uhr, im Centro de Arte Contemporáneo (CAC) des Museums der Universidad Nacional de Tres de Febrero (Av. Antártida Argentina 1355): Eröffnung der Biennale und der Videoinstallation “How not to be seen. A fucking didactic educational.MOV file”. Bis zum 21.12. Di-So 11-20 Uhr.
20 Uhr: Drei Filme von Hito Steyerl: “Guards” (2012), “In free fall” (2010) und “Lovely Andrea” (2007).
Freitag, 21.11., 11 Uhr, Alliance Française (Av. Córdoba 936/946): Meisterklasse “Ist das Museum eine Fabrik?” (Videokonferenz).

Nähere Informationen auf der Webseite des Goethe-Instituts.

Die lange Nacht der Museen

Buenos Aires öffnet die Pforten

Von Michaela Ehammer

“Der Mond der Kultur erwartet uns gleich um die Ecke!”

Morgen, am 15. November, steht Buenos Aires wieder einmal ganz im Zeichen der Kunst und Kultur. Einmal im Jahr findet in Buenos Aires “Die lange Nacht der Museen” statt. Bereits schon zum 11. Mal öffnen mehr als 210 Museen der Stadt, private wie staatliche, sowie kulturelle Institutionen ihre Türen von 8 Uhr abends bis 3 Uhr morgens und gewähren freien Eintritt für alle Besucher. Ein Klassiker der Kultur “porteño”, um alle Arten der Kunst und Buenos Aires` kulturelles Erbe zu genießen. Seit 2004 wird es von der “Dirección General de Museos” organisiert und ist jedes Jahr ein großer Erfolg.

Jazz, Tango und Rock-Konzerte, Führungen in den Museen sowie Theater- und Filmvorführungen stehen auf dem Programm. Welche Art von Kunst und Kultur besichtigt wird, ist für jeden Museumsbesucher frei wählbar, Vorschriften gibt es keine. Um an der Veranstaltung teilzunehmen, gibt es keine Vorregistrierung und auch keinen Vorverkauf, außer für bestimmte Konzerte oder Theaterstücke im Innenbereich, die aus Kapazitätsgründen eine Anmeldung erfordern.

Private Minibusse und öffentliche Buslinien transportieren die Besucher mit den angebotenen Freikarten von einem Veranstaltungsort zum nächsten.

Im Rahmen einer Solidaritätskampagne der “Fundación Banco de Alimentos” werden unverderbliche Lebensmittel für diese Stiftung am Eingang ausgewählter Museen und kultureller Punkte gesammelt: Centro Cultural Recoleta, Cine El Plata, Malba, MAMba, Museo de Arte Español Enrique Larreta, Museo Benito Quinquela Martín, Museo del Humor (MuHu), Mafalda-Skulptur, Planetarium und Usina del Arte. Alle Spender nehmen gleichzeitig an der Verlosung zweier Fahrräder für die “Nacht der Museen 2015” teil. Mehr Informationen dazu hier.

Eine Liste der teilnehmenden Museen, das aktuelle Programm sowie weitere Informationen über die Veranstaltung sind auf der Webseite des Events ersichtlich.

Ran an die Waffen!

Die Schau “Krieg & Propaganda 14/18” im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe zeigt, dass der Erste Weltkrieg auch eine Propagandaschlacht nie gekannten Ausmaßes war

Von Nicole Büsing und Heiko Klaas

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Eine Kinovorstellung irgendwo in den USA im Jahre 1917. Die Ära des Tonfilms ist noch nicht angebrochen. Kino aber ist bereits “Big Business”. Viele Millionen Menschen strömen täglich in die Lichtspielhäuser. Doch bevor der Stummfilmpianist in die Tasten haut, hat in den Zeiten des Weltenbrandes erst noch ein anderer seinen Auftritt. Rund 75.000 sogenannte “Four MinuteMen” heizten der US-amerikanischen Öffentlichkeit gegen Ende des Ersten Weltkriegs vornehmlich in Kinos, aber auch in Theatern oder Kirchen ein, um Rekruten anzuheuern, die Zuhörer von der Notwendigkeit des Krieges zu überzeugen und für die Zeichnung von Kriegsanleihen zu werben. Vier Minuten nur, und alles musste gesagt sein. Prägnant, emotional und mitreißend. Hier wurde sozusagen die moderne PR- und Werbekampagne geboren.

In Deutschland ging man zur selben Zeit noch wesentlich archaischer zur Sache: Besonders beliebte patriotische Kollektivveranstaltungen waren “Nagelungen”. Millionen Menschen beteiligten sich daran, auf öffentlichen Plätzen Nägel in klobige Holzstatuen deutscher Helden einzuschlagen. Je nach Geldbeutel erwarb man eiserne, silberne oder goldene Nägel – demonstrierte Entschlossenheit und finanzierte so den Kriegsfortgang.

Diese und viele andere Beispiele von Kriegspropaganda während des Ersten Weltkriegs stehen im Zentrum der Ausstellung “Krieg & Propaganda 14/18”, die jetzt im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe anhand von über 400 Exponaten aus dem Deutschen Reich, Frankreich, England, den USA, Russland, Italien und Österreich-Ungarn vor Augen führt, mit welch ausgeklügelten, patriotischen, mitunter aber auch perfiden Mitteln auf allen Seiten an Heldenlegenden und Gräuelgeschichten gestrickt wurde, wie der Gegner diffamiert und die eigene Bevölkerung zum Weitermachen angestachelt wurde.

Dennis Conrad, der Kurator der europaweit einzigen Ausstellung, die sich jetzt explizit dem Thema Propaganda im Ersten Weltkrieg widmet, stellt fest: “Vor 100 Jahren wurde der Grundstein einer multimedialen Öffentlichkeitsbeeinflussung gelegt. Man nutzt während der Kriegsjahre alle zur Verfügung stehenden Medien, um die Meinung der Öffentlichkeit zu lenken.” Die Hamburger Ausstellung versammelt Plakate, Filme, Kinderspielzeug, patriotischen Nippes, Postkarten und viele andere Druckerzeugnisse und Objekte, die den Krieg in jeden Winkel des Alltagslebens trugen. Am Beispiel von Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg, dem Chef der Obersten Heeresleitung, etwa wird gezeigt, wie der Kriegsherr zur positiven “Marke”, ja, zum Mythos fetischisiert wird. Ob auf Seifenschachteln, Zigarrenkisten oder Bildpostkarten: Vor dem markanten Konterfei des zum “Russenbezwinger” hochstilisierten, bärbeißigen Pickelhaubenträgers gab es im Alltag kein Entrinnen.

UnclesamIn Ländern ohne Wehrpflicht, wie etwa England oder den USA, war die Propagandamaschinerie vor ganz andere Probleme gestellt. Hier galt es, Freiwillige für den Kriegseinsatz im Namen von Freiheit und Demokratie zu rekrutieren. James Montgomery Flaggs weltberühmtes Uncle-Sam-Plakat mit dem ausgestreckten Zeigefinger und der Aufforderung “I Want Youfor U.S. Army” wird flankiert von zahlreichen weiteren, grafisch prägnanten Beispielen aus dem angelsächsischen Raum, die letzten Endes auch die Grundlagen für eine moderne Werbeästhetik im zivilen Leben bildeten.

Einen besonderen Schwerpunkt legt die Hamburger Schau auch auf die Präsentation von Filmen und auditiver Propaganda. Im Hauptraum der Schau können Spiel- und Dokumentarfilme betrachtet und an zahlreichen Hörstationen patriotische Reden und Durchhaltelieder angehört werden. Die überaus sehenswerte, mit großer kuratorischer Sorgfalt zusammengestellte Ausstellung regt zudem dazu an, historische Propagandamechanismen, Zensurmaßnahmen und Strategien der Bildmanipulation mit den heutigen Methoden staatlicher und massenmedialer Beeinflussung zu vergleichen. Viel mehr kann eine Ausstellung zum Ersten Weltkrieg eigentlich kaum leisten.

Puristische Show im Espacio Kamm

Am 4.10. Künstlergespräch mit Gruppalli/de Paoli

Von K.M.

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Der Kunstraum Espacio Kamm in Palermo schärft weiter sein Profil, indem er sein Konzept verfolgt, Künstler einzuladen, die ihre Ateliers für eine Zeit in die Ausstellungsräume in der Calle Mario Bravo verlegen. Hier arbeiten die Künstler in und für den Espacio Kamm und setzen sich mit seinen spezifischen Gegebenheiten konzeptionell auseinander.

Nach den Ausstellungen “About Wall” (Site-specific-Wandarbeiten) und “Exósfera” (ein Ausstellungs-Experiment mit Cyanotypie) besetzen die argentinischen Künstler Bruno Gruppalli und Santiago de Paoli die Räume.

Intensiv beschäftigen sich beide mit dem Thema der Setzung, lange wird an der Verortung von Stühlen, Flaschen und Alltagsgegenständen im Raum gesucht. Die puristisch anmutende Show öffnet auf den zweiten Blick (durch die Verwendung von Sojabohnen und einer Arbeit aus gesalzenem Fleisch) eine Beziehung zur argentinischen Wirklichkeit und hat als Referenzrahmen den “realismo argentino”.

Was es genau mit den Modellstühlen auf sich hat und welche Überlegungen die Künstler zu dieser Ausstellung geführt haben, wird im “Conversatorio”, das diesen Samstag, den 4. Oktober um 18 Uhr stattfindet, erörtert. Die Kunstkritikerin Lucrecia Palacio ist eingeladen, um mit den Künstlern und dem Publikum zu diskutieren, die Veranstaltung wird moderiert von den Direktoren des Espacio Kamm, Kirsten Mosel und Julián León Camargo.

Die Ausstellung ist bis zum 17. Oktober 2014 zu sehen. Öffnungszeiten: Do und Fr 16-20 Uhr und nach Voranmeldung, Tel.: 011 15-6151-1704. Espacio Kamm, Mario Bravo 1136, Palermo, Buenos Aires.

Foto:
Ausstellungsansicht Bruno Gruppalli/Santiago de Paoli im Espacio Kamm.

Kunstmesse EGGO im Centro Cultural Recoleta

Kunstmesse EGGO vom 3. bis zum 6. Oktober

Von Susanne Franz

eggoMehr als 50 Aussteller, Werke von über 300 Künstlern: Die 3. Ausgabe der Kunstmesse EGGO, die am Donnerstag im Centro Cultural Recoleta (Junín 1930, Buenos Aires) beginnt, zeigt, dass die ursprünglich als “kleine Schwester von arteBA” bezeichnete Veranstaltung sich im Reigen der lateinamerikanischen Kunstmessen etabliert hat. Im Jahr 2013 besuchten 45.000 Menschen die viertägige EGGO – es hatte sich nach dem Erfolg der ersten Ausgabe herumgesprochen, dass man auf dieser Messe zu erschwinglichen Preisen Werke interessanter aufstrebender Künstler kaufen kann, aber auch Erlesenes von renommierten Meistern findet.

Die EGGO 2014 wird am Donnerstagabend um 18 Uhr eröffnet – allerdings nur für geladene Gäste – und kann dann vom Publikum vom 3. bis zum 6. Oktober jeweils von 14 bis 21 Uhr besucht werden. Der Eintritt kostet 50 Pesos, für Rentner und Studenten ermäßigt 30 Pesos, und ist für Kinder unter 12 gratis.

Informationen erhält man auf der Webseite der Messe.

Hommage an Frédéric Chopin

Konzertreihe internationaler Pianisten im Palacio Paz

Von Marcus Christoph

chopinIn stilvollem Ambiente Klavierklängen der Meister zu lauschen, dazu lädt das Chopin-Festival ein, das in diesen Wochen im Palacio Paz (Av. Santa Fe 750) in Buenos Aires stattfindet. Vor wenigen Tagen gab mit Luis Ascot ein argentinischer Pianovirtuose bei den Festivalwochen seine Visitenkarte ab.

Mit Stücken von Wolfgang Amadeus Mozart, Robert Schumann, aber auch von brasilianischen Komponisten wie Heitor Villa-Lobos und Ernesto Nazareth sowie schließlich einer Zugabe von Frédéric Chopin verzauberte Ascot sein Publikum, das sich im malerisch ausgestalteten Kuppelsaal des Prachtgebäudes an der Plaza San Martín eingefunden hatte.

Ascot kann auf eine langjährige Karriere als erfolgreicher Pianist zurückblicken. Bereits im Alter von fünf Jahren fing er in seiner Heimatstadt Buenos Aires mit dem Klavierspielen an. Später setzte er seinen musikalischen Werdegang in Rio de Janeiro fort, ehe er Anfang der 70er durch ein Stipendium der Schweizer Regierung ans Genfer Konservatorium kam. Die Grundlage für eine internationale Konzertlaufbahn mit zahlreichen Auszeichnungen war gelegt.

Ascot ist einer von acht Pianisten, die auf dem Programm des Festivals stehen. Das nächste Konzert am kommenden Mittwoch (1. Oktober) gibt der Kroate Lovro Pogorelich. An den darauffolgenden Mittwochabenden sind dann der Österreicher Manfred Wagner-Artzt (8. Oktober) und – zum Abschluss – der Russe Konstantin Scherbakov (15. Oktober) zu hören. In den Vorwochen hatten bereits internationale Klaviervirtuosen wie Joaquín Achúcarro (Spanien), Michael McHale (Irland), Michal Karol Szymanowski (Polen) und Martha Noguera (Argentinien) Kostproben ihres Könnens gegeben.

Veranstalter der Konzertreihe ist die hiesige Chopin-Stiftung (Fundación Chopiniana), deren Präsidentschaft der polnische Botschafter Jacek Bazánski innehat. Polen ist das Geburtsland von Frédéric Chopin, der später nach Frankreich emigrierte.

Die noch ausstehenden Konzerte beginnen jeweils um 19.30 Uhr im Palacio Paz. Der Eintritt beträgt je nach Sitzplatzkategorie 170, 200 oder 250 Pesos. Eine telefonische Anmeldung kann montags bis freitags von 13 bis 18 Uhr unter der Nummer (011) 4311-1071 getätigt werden, ist aber nicht zwingend erforderlich. Die Organisatoren bitten darum, sich bis spätestens 19.20 Uhr am Konzertort einzufinden.

Foto:
Frédéric Chopin.

Das Ende der Affirmation

Lesung und Gespräch mit Timo Berger im Goethe-Institut

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Am Freitag, dem 26. September, um 18.30 Uhr, finden im Rahmen des 6. Internationalen Literaturfestivals Filba in der Bibliothek des Goethe-Instituts Buenos Aires (Av. Corrientes 343) eine Lesung und ein von Carla Imbrogno koordiniertes Gespräch mit Timo Berger, Léonce Lupette und ausgewählten Übersetzern statt.

Wenn man Lyrik übersetzt, stößt man auf besondere Schwierigkeiten und Herausforderungen, erhält aber auch ungeahnte Freiheiten. Mehr als jede andere literarische Form, benutzt das Gedicht Wörter auf eine oft eigensinnige Weise. Die Worte im Gedicht erfinden bisweilen andere Verwendungen bis hin zu neuen Bedeutungen. Viel wird auch von der Musikalität des Gedichts gesprochen, und seine Übersetzung erfordert deshalb keine krude Übertragung, sondern vielmehr eine “Re-Kreation”, eine Neu-Schöpfung.

Im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals Filba organisiert das Goethe-Institut eine Übersetzungswerkstatt für neueste deutsche Dichtung. In der Werkstatt soll erkundet werden, was und wie die neuesten deutschen Dichterinnen und Dichter schreiben. Darüber hinaus soll eine Auswahl von Gedichten einer Handvoll junger Autoren übersetzt werden, die der Verlag Vox in einer zweisprachigen Anthologie veröffentlichen wird. Die Arbeiten der ausgewählten Dichter zeichnen sich durch einen selbstbewussten Umgang mit der Tradition deutscher Dichtung und eine wachsende Durchlässigkeit für Literaturen aus anderen Weltregionen aus. Im Rahmen der Lesung werden einige dieser Dichter und ihre Texte auf Spanisch präsentiert.

Timo Berger. 1974 geborener deutscher Dichter, Journalist, Kurator und Übersetzer aus dem Spanischen und Portugiesischen ins Deutsche, ist Autor von Gedichtbänden und mehreren Erzählungen. Er gründete zusammen mit Rike Bolte das Festival Latinale, das die neue lateinamerikanische Lyrik vorstellt. Er war Mitgründer und Mitorganisator des Lyrikfestivals Salida al Mar (Argentinien, 2004 bis 2007) und kuratierte die Lyrikveranstaltungen auf der Internationalen Buchmesse (FIL) in Guadalajara, Mexiko, 2011 – das Jahr in dem Deutschland Ehrengast war. Er hat Schreibwerkstätten in Nicaragua, Costa Rica, Guatemala und Peru geleitetet. Zu seinen neuesten Veröffentlichungen zählt der Gedichtband “Der Süden” (parasitenpresse, Köln, 2014), die Anthologie “De ahí nomás. Poesía actual de Centroamérica y el Caribe” (Ediciones Germinal/Vox, San José/Bahía Blanca, 2013-2014), die er herausgab, und als Übersetzer, “Die berauschende Wirkung von Bilsenkraut”, von Javier Fernández de Castro (Klaus Wagenbach, Berlín, 2013).

Léonce W. Lupette lebt als freier Autor, Übersetzer und Literaturwissenschaftler in Frankfurt am Main und Buenos Aires. 2013 ist sein Gedichtband “Tablettenzoo” erschienen (Luxbooks, Wiesbaden). Er ist Mitherausgeber der Literaturzeitschriften “Alba – Lateinamerika lesen” und karawa.net sowie Herausgeber der Reihe Luxbooks.Latin. Seine Übersetzungen umfassen unter anderem Gedichte von John Ashbery sowie die erste Übersetzung des “Matadero” von Esteban Echeverría. Zuletzt erschien seine Anthologie des sprachmischenden paraguayischen Lyrikers Jorge Kanese.

Die sanften Bilder eines Giganten

Hamburger Kunsthalle zeigt als Weltpremiere Stillleben des großen deutschen Malers Max Beckmann

Von Nicole Büsing und Heiko Klaas

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Max Beckmann (1884-1950) steht für Gemälde voller Wucht und Kraft: für Selbstporträts im Smoking und mit dicker Zigarre, für die zeitlose Bearbeitung mythologischer Themen und für die malerische Bewältigung grandioser Küstenlandschaften und fulminanter Großstadtszenen. Ein künstlerischer Grenzgänger, der 1937 in Deutschland als „entartet“ gebrandmarkt, ins Amsterdamer Exil ging und gerade auch im Ausland als einer der wichtigsten Repräsentanten einer von humanistischen Idealen geprägten deutschen Kunst steht.

Seine Landschaften, Selbstporträts und Figurenbilder sind immer wieder in groß angelegten Ausstellungen und Retrospektiven gezeigt worden. Seine Stillleben jedoch, die eine ganz andere Seite seines facettenreichen Werks repräsentieren, waren international noch nie in konzentrierter Form zu sehen. Mit der Ausstellung “Max Beckmann. Die Stillleben” widmet die Hamburger Kunsthalle diesem lange vernachlässigten Werkaspekt jetzt eine große und faszinierende Schau. Für Karin Schick, die Kuratorin der Ausstellung, ist Max Beckmann nicht weniger als “ein Block, ein Achtzehnender, mit dem man ringt”. Insgesamt 70 Gemälde und einige Aquarelle hat sie für die Hamburger Präsentation ausgesucht.

Beckmann2Herausgekommen, so Schick, ist “eine Retrospektive im Kleinen, die die Entwicklung seiner Malerei ablesbar macht”. Max Beckmann hat, beginnend mit seinem Umzug nach Berlin um 1904/1905 bis zu seinem Tod in New York, immer wieder auch Stillleben gemalt. Auf diesen Bildern entdeckt der Betrachter komplexe, mal durchdacht, mal aber auch spielerisch und leicht wirkende Arrangements aus Blumen, Obst, Gemüse, Fischen, Weingläsern, Büchern, Zeitungen, Uhren, dekorativen Objekten aus der Natur und oftmals kultisch aufgeladenen Kunstgegenständen aus dem privaten Fundus des Malers.

Das Besondere an der Schau: Etliche der auf den Bildern dargestellten Objekte, so ein Tongefäß mit Schlangenmotiv aus Peru, ein Zeremonialgefäß aus dem Grasland Kameruns, ein chinesisches Räuchergefäß in Form einer Kröte und eine große Muschel aus der Karibik, die Beckmann immer wieder gemalt und zu animalischer Größe aufgeblasen hat, sind erhalten geblieben und werden in Hamburg im Original gezeigt. Der Betrachter erhält so Gelegenheit, ausgehend vom Originalobjekt, Transformations- und Entscheidungsprozesse des Malers nachzuvollziehen.

Eine Art Scharnier der Ausstellung bildet Beckmanns 1927 entstandenes „Großes Fisch-Stillleben“ aus der Sammlung der Hamburger Kunsthalle. Bevorzugte der Maler zuvor oft noch pastellartige, helle Farben, so arrangiert er seine Bildgegenstände jetzt äußerst kontrastreich. Drei farbenfrohe und lebensecht wirkende Fische werden zusammen mit zwei Zitronen, einer italienischen Zeitung und einem gestreiften Tuch in ein Rechteck eingebettet. Gleichzeitig ist auf dem Bild aber auch ein Dreieck erkennbar, an dessen Spitze das tiefschwarze Innere eines großen blauen Trichters den Blick in eine unbestimmbare Tiefe hineinzieht. “Ich bringe es fertig, immer mehr fertig, gänzlich gegenständlich und doch ungegenständlich zu malen”, hatte Beckmann bereits ein Jahr zuvor seine Gratwanderung zwischen konkreter Gegenständlichkeit und abstrakter Formauflösung beschrieben.

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Die Hamburger Ausstellung führt eindrucksvoll vor Augen, dass Stillleben für Beckmann weit mehr waren als hübsche Arrangements. Wie überhaupt in seiner Malerei, ignoriert und durchbricht er auch hier gängige Darstellungskonventionen. Der Raum, seine virtuelle Erweiterung im Spiegelbild, die Landschaft, Personen und unbestimmbare Schattenwelten. Alles kommt ins Stillleben mit hinein. Beckmann erweist sich auch in seinen Stillleben als virtuoser Meister der Verzahnung verschiedener Realitätsebenen. In den malerischen Fokus rückt er sein Leben im Hier und Jetzt, die wehmütige Erinnerung des Amsterdamer Exilanten an unbeschwerte Tage an der Côte d’Azur, aber auch seine Vorlieben für Philosophie, Mystik, Astronomie und Astrologie. Seine intensive Beschäftigung mit den Alten Meistern und die Suche nach einer neuen, modernen, und ganz eigenständigen Bildsprache jenseits aller ihn umgebenden Schulen und Stile wie Expressionismus, Neue Sachlichkeit oder Kubismus trieb Beckmann, wie jetzt in der klug zusammengestellten Hamburger Ausstellung zu besichtigen ist, auch in seinen Stillleben permanent an.

  • Ausstellung: Max Beckmann. Die Stillleben
  • Ort: Hamburger Kunsthalle
  • Zeit: 5. September 2014 bis 18. Januar 2015
  • Katalog: Prestel Verlag, 200 S., 142 Farbabb., 42 s/w Abb., 29 Euro (Museum), 49,95 Euro (Buchhandel)
  • Internet

Fotos von oben nach unten:

Großes Fisch-Stillleben, 1927, Öl auf Leinwand, 96 x 140,5 cm, Hamburger Kunsthalle.
(VG Bild-Kunst)

Stillleben mit Fisch und Muschel, 1942, Öl auf Leinwand, 95 x 70 cm, Privatsammlung.
(VG Bild-Kunst)

Stillleben mit großer Muschel, 1939, Öl auf Leinwand, 50 x 81 cm, The Baltimore Museum of Art.
(VG Bild-Kunst)

Fernweh und Liebe

Das hochkarätige Programm des 14. “Festival de Cine Alemán” entführt den Zuschauer in verschiedene Welten und Gemütszustände

Von Susanne Franz

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Es stimmt schon, viele der Filme des 14. Deutschen Kinofestivals von Buenos Aires, das bis zum 17. September läuft, laden den Zuschauer tatsächlich nach Deutschland ein. “Banklady” spielt etwa in einem Hamburg der 60er-Jahre, “Fack ju Göhte” in München, “Westen” in Berlin in der Zeit des Kalten Krieges, “Die Frau hinter der Wand” oder “Ummah – Unter Freunden” im modernen Berlin, “Love Steaks” an einem Ort an der Ostsee. Viele andere Filme des diesjährigen hochkarätigen Programms entführen aber in – aus deutscher Sicht – ferne und exotische Länder und tragen so dem Fernweh, das die romantische Seele der Deutschen prägt, Rechnung.

“Exit Marrakech” zeigt in prächtigen Bildern auf vielschichtige Weise Marokko, die aufwühlende Dokumentation “Art War” hat den arabischen Frühling in Ägypten zum Thema. Doris Dörries Tragikomödie “Alles Inklusive” spielt im spanischen Torremolinos, einst ein Traumziel der Deutschen. In “Zeit der Kannibalen” wird mit feiner Ironie eine Generation von Managern aufs Korn genommen, die um die ganze Welt reist, aber eigentlich nur das Hotelzimmer und die Minibar kennt. Der Film für die ganze Familie “Die schwarzen Brüder” beginnt im Tessin des 19. Jahrhunderts und erzählt die Geschichte des 14-jährigen Giorgio, dessen Familie ihn aus Not an einen Kinderhändler (herrlich als Fiesling: Moritz Bleibtreu) verkauft, der ihn mit anderen nach Mailand bringt, wo die Kinder als Kaminfeger ausgebeutet werden.

Die Liebe in allen ihren Farben und Formen ist das andere große Thema des diesjährigen Festivals, sie durchzieht die Beiträge wie ein roter Faden und würzt auch historische Themen wie die Schiller-Geschichte “Die geliebten Schwestern” um eine Dreiecksbeziehung. Zwei junge Außenseiter finden sich in “Love Steaks”, Anbetung aus der Ferne versus echte Liebe ist das Thema von “Dear Courtney”. In “Die Frau hinter der Wand” wird das Verlangen nach der schönen Nachbarin zur Besessenheit und stürzt einen jungen Mann ins Verderben. Dagegen ist in “Fack ju Göhte” oder “Banklady” Romantik großgeschrieben.

“Alles Inklusive” zeigt ein Panoptikum an Menschen, die in der Liebe versagt haben und versagen, zugegebenermaßen auf sehr unterhaltsame Weise. So wird eine Sexszene zwischen Ingrid (Hannelore Elsner) und Helmut (Axel Prahl) wohl als eine der skurrilsten Anekdoten der jüngsten deutschen Kinogeschichte in die Annalen eingehen. Auch der Frage, ob die Brüste der Schauspielerin, die die junge Ingrid als Hippiemädchen darstellt, wirklich – und der Zeit entsprechend – echt sind, hängt dem Zuschauer noch lange nach.

Das Festival, das mit mehr Filmen und mehr Vorstellungen als je zuvor glänzt, findet im Kinokomplex Village Recoleta und erstmals auch im Kino Arte Multiplex Belgrano statt. Es wird wieder ein Publikumspreis vergeben, zur Teilnahme kann man in den Vorstellungen ausliegende Zettel ausfüllen. Unter denen, die mitmachen, werden schöne Preise verlost.

Die Einzelkarte kostet in diesem Jahr 65 Pesos, es gibt ermäßigte Abonnements, die man ausschließlich an den Kassen erwerben kann. Einzelkarten bekommt man auch auf den Webseiten des jeweiligen Kinos.

Alle Informationen und das Programm finden sich auf der Webseite des Fesrivals.

Einige ausgewählte Kritiken (von A-Z):

“Alles Inklusive” (123 Min.) von Doris Dorrie

Von Susanne Franz

Eine lustige Komödie ist er nicht gerade, der neue Film “Alles Inklusive” von Doris Dörrie, aber wie immer eine mutige und im unverwechselbaren Stil der Kino-Poetin erzählte Geschichte. Ingrid (Hannelore Elsner), eine gealterte Hippie-Mutter, wird von ihrer Tochter Apple (Nadja Uhl) nach einer Hüft-OP nach Spanien in ein “All inclusive”-Hotel zur Erholung geschickt. Am selben Ort hatte sich das junge Blumenmädchen vor langer Zeit in den erfolgreichen Karl verliebt, was schreckliche Folgen für dessen Familie und vor allem den jungen Sohn Tim hatte.

Tim (Hinnerk Schönemann) nennt ich heute meist Tina und erkennt Ingrid wieder, als sie sich im Hotel über den Weg laufen, wo Ingrid auch noch weitere absonderliche Begegnungen hat.

Währenddessen hat die beziehungsgestörte Tochter “Äpfelchen” zu Hause auch ihr Päckchen zu tragen: Ihr Hund Dr. Freud muss operiert werden, der Tierarzt (Fabian Hinrichs) gefällt ihr und sie bemüht sich ziemlich erfolglos, ihn nicht zu vergraulen, schließlich verliert sie gar ihren Job und fährt zu Muttern nach Spanien, wo auch sie von der Vergangenheit eingeholt wird.

“Banklady” (118 Min.) von Christian Alvart

Von Susanne Franz

Deutschland, 60er-Jahre: Die schüchterne, 30-jährige Gisela Werler (Nadeshda Brennicke) arbeitet in einer Tapetenfabrik und wohnt immer noch bei ihren Eltern. Kollege Uwe (Andreas Schmidt) macht ihr Avancen, aber sie zögert. Als sie Uwes Kumpel Hermann (Charly Hübner) kennenlernt, verliebt sie sich Hals über Kopf, und sie tut alles, um ihn zu kriegen: zum Beispiel Bankräuberin werden… Gemeinsam überfällt das Paar an die 20 Banken, verfolgt vom besessenen Kommissar Fischer (Ken Duken)…

Christian Alvart hat die wahre Geschichte der ersten Bankräuberin Deutschlands temporeich, spannend und mit viel Herz verfilmt. Der Regisseur reiste als diesjähriger Ehrengast des 14. Deutschen Kinofestivals nach Buenos Aires, auf der Pressekonferenz sprach er ausführlich über seinen Film.

“Dear Courtney” (89 Min.) von Rolf Roring

Von Susanne Franz

Es ist ein schönes kleines Roadmovie, eine Liebes- und Coming-of-Age-Geschichte, die von einer abenteuerlichen Idee ausgeht: “Dear Courtney” ist Anfang der 90er-Jahre angesiedelt und erzählt von der unerwiderten Liebe von Paul Thomas (Jonas Ney) zu der älteren Saskia, die er Jahr um Jahr anbetet und der er Hunderte Lieder schreibt, mit denen er sich vor aller Welt lächerlich macht. Eines Tages fällt ihm ein besonderer Riff ein, und er schickt den Song an David Geffen. Dann hört er ihn im Radio: Es ist der Welthit von Nirvana “Smells Like Teen Spirit”.

Zusammen mit Knochen, seinem heruntergekommenen Manager, dem Rocker Kalle, der auch in Saskia verknallt ist und ein Auto hat, und einem Magazinherausgeber, der immer an den seltsamsten Orten auftaucht, verfolgt Paul die Band Nirvana auf ihrer Tournee durch ganz Deutschland, um von Kurt Cobain Genugtuung zu verlangen. Als er in den Augen Saskias endlich Rockstar-Status erlangt hat, merkt er, dass er eigentlich ein anderes Mädchen liebt.

“Die geliebten Schwestern” (170 Min.) von Dominik Graf

Von Marcus Christoph

Vor drei Jahren gab es beim deutschen Kinofestival in Buenos Aires den Streifen “Goethe!” zu sehen. In diesem Jahr ist mit Friedrich Schiller der andere der beiden Dichterfürsten an der Reihe: In Dominik Grafs Film “Die geliebten Schwestern” geht es um eine Dreiecksbeziehung zwischen dem Poeten und den beiden Schwestern Caroline und Charlotte von Lengefeld. Beide verlieben sich in Schiller, der seinerseits auch beiden gleichermaßen zugetan ist. Um die Ménage-à-trois auf Dauer zu ermöglichen, beschließen sie, dass Schiller (Florian Stetter) Charlotte (Henriette Cunfurius), die jüngere der beiden Schwestern, heiratet. So soll gewährleistet sein, dass der aufstrebende Dichter auch den innigen Kontakt zu Caroline (Hannah Herzsprung) weiter pflegen kann. Diese hatte sich schon frühzeitig für Mutter und Schwester aufgeopfert, indem sie im Interesse ihrer Familie aus wirtschaftlichen Erwägungen den Freiherrn von Beulwitz heiratete. Seit dem frühen Tod des Vaters waren die von Lengefelds in finanzielle Engpässe geraten.

Wie sich denken lässt, bleibt die Dreieckskonstellation zwischen dem Dichtergenie und den beiden Schwestern nicht frei von Spannungen. Caroline will mehr sein als nur eine Platzhalterin für ihre ältere Schwester. Diese wiederum findet sich nur schwer damit ab, an den Rand gedrängt zu werden.

Auch wenn “Die geliebten Schwestern” in erster Linie ein lebendiges Beziehungsdrama ist, so erfährt der Zuschauer en passant doch auch viel über das Leben und Wirken Schillers: Sein erstes Treffen mit Goethe, seine berühmte Antrittsvorlesung an der Universität Jena, die Herausgabe der Zeitschrift “Die Horen” und schließlich sein früher Tod infolge von Tuberkulose. Im Hintergrund taucht auch die Französische Revolution auf, als Epoche bestimmendes Ereignis jener Jahre. Die 170 Minuten vergehen auf diese Weise kurzweilig, unterhaltsam und auch lehrreich.

“Exit Marrakech” (122 Min.) von Caroline Link

Von Susanne Franz

Da stimmt einfach alles: Das sensible Vater-Sohn-Drama “Exit Marrakech” ist eine cineastische Perle, in wunderschönen Bildern scheinbar mühelos von der Oscar-preisgekrönten Regisseurin Caroline Link erzählt.

Ben (Samuel Schneider) ist ein Internatsschüler, der die Sommerferien mit seinem Vater (Ulrich Tukur) in Marokko verbringen soll, wo er seinen 17. Geburtstag feiert. Er ist Diabetiker, und der Mutter (Marie-Lou Sellem), einer Orchestermusikerin, die viel unterwegs ist, fällt es schwer, den Jungen zum Vater, von dem sie schon lange getrennt ist, reisen zu lassen.

Bens Vater ist ein erfolgreicher und ziemlich arroganter Theaterregisseur, der im Rahmen des deutsch-marokkanischen Kulturaustauschs gerade mit einem Stück auf Tournee in Marokko ist. Er kennt Ben kaum und weiß nicht, was er mit ihm anfangen soll, und Ben zeigt ihm die kalte Schulter.

Doch dann nimmt Ben den Ratschlag seines Direktors, den dieser ihm mit auf den Weg in die Ferien gegeben hatte, wörtlich: Er haut ab und stürzt sich in ein Abenteuer mit Karima (Hafsia Herzi). Sein vor Wut schäumender Vater macht sich auf die Suche nach dem Jungen. Für beide wird es eine unvergessliche Reise.

“Fack ju Göhte” (118 Min.) von Bora Dagtekin

Von Susanne Franz

Er war der Lieblingsfilm des deutschen Kinopublikums im Jahr 2013, und er wird auch die argentinischen Filmfreunde nicht enttäuschen: “Fack ju Göhte” ist eine rundum gelungene Komödie mit viel Herz und Gefühl. Zeki Müller (Elyas M’Barek) wird nach 13 Monaten aus dem Knast entlassen und ist von einem einzigen Gedanken beseelt: das versteckte Geld aus seinem letzten Bruch auszugraben. Dummerweise wurde in Zekis kleiner Abwesenheit dort, wo sein Schatz liegt, die neue Turnhalle einer Gesamtschule gebaut.

Zeki ist nicht auf den Kopf gefallen: Er bewirbt sich für den freigewordenen Hausmeisterposten. Beim Vorstellungsgepräch kommt es ihm schon ein bisschen komisch vor, dass nur gestrenge ältere Damen im Zimmer sitzen … und zack, hat er durch ein Missverständnis eine Aushilfslehrerstelle.

Zeki, der nicht mal Abitur hat, geschweige denn ein Staatsexamen, erweist sich als Naturtalent. Bald schon fressen ihm nicht nur die Schüler aus der Hand, sondern auch die Streber-Lehrerin Lisi Schnabelstedt (Karoline Herfurth), bei der er untergeschlüpft ist. Zeki, der sein Ziel – das Geld – immer mehr aus den Augen verliert, glaubt schon beinahe daran, dass es auch für ihn eine echte Chance im Leben geben könnte. Doch dann bricht eine etwas fülligere Schülerin beim Sprung über den Kasten in den Tunnel ein, den Zeki zu der Beute gegraben hatte…

“Love Steaks” (89 Min.) von Jakob Lass

Von Marcus Christoph

Die Liebeskomödie “Love Steaks” ist schon ein wenig skurril. Der eher schüchterne Clemens (Franz Rogowski) fängt in einem Wellnesshotel an der Ostsee als Masseur an. Dort trifft er auf die ausgeflippte Lara (Lana Cooper), die in der Hotelküche eine Ausbildung absolviert. Die beiden verlieben sich ineinander, und sie treffen eine Vereinbarung: Wenn Lara die Hände vom Alkohol lässt, will Clemens an sich arbeiten, seine Ängste im Umgang mit den Mitmenschen zu überwinden. Vor diesem Hintergrund entwickeln sich bizarre und tragikomische Situationen. Die Handlung spitzt sich zu, als Clemens vor der versammelten Hotelleitung seinen Dienst quittiert. Fälschlicherweise hatte er angenommen, dass Lara wegen ihrer Alkoholprobleme gekündigt worden sei. Tatsächlich aber hatte seine Freundin ihn hinters Licht geführt. Entsprechend emotionsgeladen ist das Finale am Strand.

“Love Steaks”, das mehrfach prämierte Spielfilmdebüt von Regisseur Jakob Lass, bietet auch einen authentischen Einblick in die deutsche Arbeitswelt. Denn außer den beiden erwähnten Protagonisten sind alle weiteren Darsteller Angestellte des Drehort-Hotels im mecklenburg-vorpommerschen Ahrenshoop. Sie spielen gewissermaßen sich selbst. Der Zuschauer wird zudem verwöhnt mit tollen Aufnahmen von der Ostseeküste, die eine grandiose Kulisse abgibt. Wer bereit ist, sich auf einen unkonventionellen Film einzulassen, wird nicht enttäuscht werden.

“Westen” (102 Min.) von Christian Schwochow

Von Marcus Christoph

Im Westen ein neues Leben zu beginnen. Das ist der Wunsch von Nelly Senff (Jördis Triebel), der Protagonistin in Christian Schwochows Film “Westen”. Nach dem mysteriösen Unfalltod ihres Lebensgefährten, eines sowjetischen Physikers, stellt die 30-jährige Chemikerin einen Ausreiseantrag und kann 1978 mit ihrem Sohn Alexej die DDR verlassen. Doch der Neuanfang erweist sich als schwierig. Nelly und Alexej finden sich im Aufnahmelager Marienfelde wieder. Dort muss Nelly zunächst jede Menge Bürokratie und Verhöre über sich ergehen lassen. Eigentlich Dinge, die sie durch ihre Ausreise aus der DDR meinte, hinter sich gelassen zu haben. CIA-Agent John Bird (Jacky Ido) interessiert sich besonders für die Vergangenheit ihres verschollenen Ex-Partners, der als Wissenschaftler Kurierdienste für die Sowjets geleistet haben soll. Aber auch unter den Insassen im Aufnahmelager grassiert Misstrauen. Der Einzelgänger Hans (Alexander Scheer) kümmert sich auffällig um Nelly und vor allem um Alexej. Ist er gar ein Stasi-Spitzel?

Der Film, der auf dem autobiografischen Roman “Lagerfeuer” von Julia Franck aufbaut, reflektiert die Zeit des Kalten Krieges und der deutschen Teilung. Interessant ist dabei die Perspektive, dass beide Seiten des Eisernen Vorhangs durchaus kritisch betrachtet werden. Auch im Westen gilt es mitunter Widrigkeiten und Schikanen zu überwinden, um sich eine selbstbestimmte Existenz aufzubauen. Schwarzweißmalerei, einfache Gut-und-Böse-Klischees greifen zu kurz. Ein differenzierter Blick ist angebracht zum Verständnis der jüngeren deutschen Geschichte. Das vermittelt der Film knapp ein Vierteljahrhundert nach dem Fall der Berliner Mauer.

“Wolfskinder” (94 Min.) von Rick Ostermann

Von Marcus Christoph

Es ist richtig harte Kino-Kost: “Wolfskinder”, der Debütfilm von Regisseur Rick Ostermann. Bei dem Streifen, der erst vor kurzem in Deutschland in die Kinos kam, geht es um deutsche Kinder, die nach den Wirren von Krieg und Vertreibung elternlos durch die Wälder Ostpreußens irrten. Im Zentrum der Handlung steht der 14-jährige Hans (Levin Liam), der sich nach dem Hungertod seiner Mutter mit seinem fünf Jahre jüngeren Bruder Fritz zu einem Bauernhof in Litauen durchschlagen will. Den Bruder verliert er allerdings recht schnell aus den Augen, nachdem sowjetische Soldaten an einem Fluss das Feuer auf die beiden Jungs eröffnen. Hans zieht mit anderen Kindern weiter, die ebenfalls nur knapp dem Tod entgangen waren.

Das Bedrohungsszenario setzt sich den ganzen Film über fort. Immerzu müssen die Kinder Angst vor den Rotarmisten haben. Verzweifelt schlagen sie sich durch und ernähren sich von Heuschrecken, Fröschen und allem, was die rohe Natur hergibt. Bis zuletzt wird der Zuschauer nicht aus dem Grauen entlassen, das die Kinder völlig unschuldig durchleiden müssen. Und doch gibt der Film laut Auskunft des Regisseurs nur eine Ahnung von dem, was damals passiert sei: Viele der Schicksale, von denen er in Gesprächen mit Überlebenden erfahren habe, seien so schlimm und ergreifend gewesen, dass es für die Kinoleinwand zu hart gewesen wäre, so Ostermann gegenüber der dpa. Aber auch so hat der 35-jährige Filmemacher ein eindrucksvolles cineastisches Denkmal für die “Wolfskinder” gesetzt, die lange Zeit von der Geschichtsschreibung nahezu vergessen waren.

“Zeit der Kannibalen” (93 Min.) von Johannes Naber

Von Susanne Franz

“Dunkle Komödie” liest man im Abspann von “Zeit der Kannibalen” – na, eher ist das eine tiefschwarze Komödie. Wie ein Kammerspiel inszeniert – zwischen den Szenen erscheint immer wieder ein schwarzer Screen, als ob der Vorhang gefallen sei -, schreitet die Story, getragen von hervorragenden Schauspielleistungen, gnadenlos voran bis zum bitteren Ende.

Öllers (Devid Striesow) und Niederländer (Sebastian Blomberg) sind zwei knallharte Berater, die um die Welt reisen und im Interesse ihrer Firma, ohne mit der Wimper zu zucken, Menschen und Unternehmen ins Unglück stürzen. Als ihr ehemaliger Kollege Hellinger zum Partner gemacht wird und dann Selbstmord begeht und ihnen Bianca (Katharina Schüttler) geschickt wird, beginnen die Dinge aus dem Ruder zu laufen…

Ferner laufen:

“Das merkwürdige Kätzchen” (72 Min.) von Ramon Zürcher: Tragikomödie über einen Familienbesuch in Berlin. / “Die Frau hinter der Wand” (95 Min.) von Grzegorz Muskala: Horrorfilm ab 16. Ein junger Student in Berlin gerät in einen Strudel aus Sex und Gewalt. / “Ummah – Unter Freunden” (108 Min.) von Cüneyt Kaya: Ein verdeckter Ermittler des verfassungsschutzes mit Burnout-Syndrom findet Freunde in einem Kreis muslimischer Männer. / “Zwischen Welten” (102 Min.) von Feo Aladag: Ein Bundeswehrsoldat in Afghanistan gerät wegen der Freundschaft zu einem afghanischen Übersetzer in einen Gewissenskonflikt. / “Die andere Heimat” (331 Min.) von Edgar Reitz: Leben in einem Bauerndorf Mitte des 19. Jahrhunderts. / Kurzfilmprogramm “Next Generation Short Tiger 2014”. / Dokumentarfilm “Art War” (84 Min.) von Marco Wilms über den arabischen Frühling. Sehr sehenswert! / Film für die ganze Familie “Die schwarzen Brüder” (103 Min.) von Xavier Koller über Kinder im 19. Jahrhundert, die von ihren armen Tessiner Familien als Kaminfeger nach Mailand verkauft werden – und dann rebellieren. / Stummfilm “Das Cabinet des Dr. Caligari” (1920) von Robert Wiene mit Livemusik von Marcelo Katz und “Mudos por el Celuloide”, mit Unterstützung des Goethe-Instituts Buenos Aires.

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Zeki Müller (Elyas M’Barek) verschafft sich in der gefürchteten 10B mit einem Paintball-Gewehr Respekt: Szene aus der rundum gelungenen Komödie “Fack ju Göhte”.

Interkultureller Dialog im Rahmen der Städtepartnerschaft

“Invasión Buenos Aires – Berlin” erobert die deutsche Hauptstadt

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Was ist Film, wenn nicht die Kunst, die imstande ist, alle weiteren Künste zu vereinen? Ab dem 4. September 2014 wird die argentinische Kultur in Form eines Filmfestivals die deutsche Hauptstadt erobern. Zehn Filmvorführungen sind der Ausgangspunkt für zahlreiche Kulturveranstaltungen, die in verschiedenen Stadtteilen Berlins stattfinden werden. Begleitend zu den Filmen werden Konzerte, Milongas, Gesprächsrunden und Lesungen, sowie Ausstellungen und Performances stattfinden.

Das erstmalig stattfindende Festival “Invasión Buenos Aires – Berlin” ermöglicht somit einen Einblick in die vielfältige Kulturlandschaft Argentiniens. Neben dem Babylon Mitte, wo die Filme gezeigt werden, werden unter anderem in verschiedenen Galerien, der Buchhandlung La Rayuela und den Restaurants Gloria Bar und Sudaka bei Chakall Möglichkeiten geboten, sich der aktuellen Kunst- und Kulturszene Argentiniens zu nähern.

Eröffnet wird das Festival mit der deutschen Erstaufführung des Films “Invasión” (1969), zu dem Jorge Luis Borges gemeinsam mit Adolfo Bioy Casares und Hugo Santiago das Drehbuch schrieb.

Im Rahmen des 20-jährigen Jubiläums der Städtepartnerschaft zwischen Berlin und Buenos Aires hat das Festival den kulturellen Austausch und Dialog der Bewohner der beiden Metropolen zum Ziel.

Das detaillierte Programm findet man auf der Webseite der Veranstaltung bzw. auf deren Facebook-Seite.

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Beim Filmzyklus in Berlin läuft u.a. “El camino del vino” von Nicolás Carreras.