Von Kunst und Liebe

Neu im Kino: “La migliore offerta” von Giuseppe Tornatore

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Am heutigen Donnerstag, dem 10. Juli, läuft in den argentinischen Kinos der italienische Mystery-Thriller “La migliore offerta” von Giuseppe Tornatore an, in dem der Kunstexperte Virgil Oldman (Geoffrey Rush) einen mit bis zur Besessenheit engagierten Auktionator spielt.

Mit seinen exzentrischen Angewohnheiten hat er außer zu seinem langjährigen Freund Billy (Donald Sutherland) keinen intensiven Kontakt zu Menschen. Eine Beziehung zu einer Frau hatte er noch nie, sieht dies aber auch nicht als besonders wichtig an. An seinem 63. Geburtstag erhält Virgil den telefonischen Auftrag einer Frau (Sylvia Hoeks): Sie bittet ihn, den Verkauf einiger Kunstgegenstände aus ihrem Familienbesitz abzuwickeln. Als er in ihrer Villa eintrifft, um sich die Objekte anzusehen, erscheint die Dame allerdings nicht, und sie lässt sich auch nicht blicken, als er eine Inventarliste erstellt und den Transport und die Restaurierung der Kunstwerke in Auftrag gibt.

Mehr als einmal ist Virgil fest entschlossen, dem heillosen Durcheinander einfach den Rücken zu kehren. Doch fasziniert von der geheimnisvollen Frau, die offenbar noch nicht einmal der Verwalter des Hauses jemals zu Gesicht bekommen hat, beschließt er doch, weiterzumachen, und verfällt der Fremden nach und nach…

“La mejor oferta” (La migliore offerta) – Italien 2013. 131 Min. Drama/Romanze/Mystery-Thriller ab 13 Jahren. Italienisch mit spanischen Untertiteln. Buch und Regie: Giuseppe Tornatore. Musik: Ennio Morricone. Mit Geoffrey Rush, Jim Sturgess, Donald Sutherland, Liya Kebede, Sylvia Hoeks.

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Geoffrey Rush in “La migliore offerta” von Giuseppe Tornatore.

14. Deutsches Kinofestival

18 Spiel- und 14 Kurzfilme im Programm

Von Susanne Franz

Große Freude für die Freunde des deutschen Films: In etwas mehr als einem Monat startet das 14. Deutsche Kinofestival von Buenos Aires. German Films teilte mit, dass das beliebte Filmfestival vom 11. bis zum 17. September im Kinokomplex Village Recoleta sowie im Kino “Arte Multiplex Belgrano” stattfinden wird. 18 Spielfilme und 14 im “Short Tiger” genannten Kurzfilmprogramm zusammengefasste Kurzfilme werden diesmal geboten, und als Abschlussfilm gibt es auch in diesem Jahr wieder einen Schwarz-Weiß-Klassiker mit Livemusik, in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Buenos Aires.

Auf dem Programm des diesjährigen Festivals steht u.a. Doris Dörries neuer Streifen “Alles inklusive” mit Hannelore Elsner und Axel Prahl. Sowohl Elsner als auch Dörrie, die in Argentinien viele Fans hat, waren Gäste auf Festivals der Vorjahre in Buenos Aires.

Ebenfalls im Gepäck von German Films ist “Zwischen Welten”, der neue Film der sympathischen Regisseurin Feo Aladag, die auf dem 10. “Festival de Cine Alemán” ihren Film “Die Fremde” persönlich vorstellte.

Weitere Titel, die man sich schon einmal vormerken sollte, sind “Exit Marrakech” von Caroline Link mit Ulrich Tukur, und “Die Schwarzen Brüder” von Xavier Koller, der immer mit Spannung erwartete Film für die ganze Familie. Auch ein Dokumentarfilm steht wieder auf dem Programm, in diesem Jahr ist es “Art War” von Marco Wilms.

Raum für künstlerische Experimente

ABOUT WALL, die erste Ausstellung im neuen Espacio Kamm, ist noch am 19. und 20. Juni zu sehen

Von K.M.

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Kurz vor der 23. Internationalen Kunstmesse arteBA 2014 Ende Mai wurde Espacio Kamm mitten im Galerienviertel von Buenos Aires eröffnet.

Bei den drei Gründern des neuartigen Kunstraumes handelt es sich um den Zusammenschluss der deutschen Künstlerin Kirsten Mosel, des kolumbianischen Künstlers Julián León Camargo und des Schweizer Galeristen Ivo Kamm, der mit seiner Galerie in Zürich auf lateinamerikanische Kunst spezialisiert ist. Der Kunstraum versteht sich als Raum für künstlerische Experimente und will eine Brücke schlagen zwischen Künstlern in Lateinamerika und Europa.

Die erste Ausstellung mit dem Titel ABOUT WALL lädt ein in die hohen renovierten Räume des Kunstraumes in der Straße Mario Bravo in Palermo, für den vier Künstler ortsbezogene Arbeiten entwickelten. Die Wand ist der Ort des Bildes. Die vier Künstler befragen diesen Ort, indem sie sich der Wand mit ihrem Material nähern und ausloten, welche Realisierungsmöglichkeiten ihre Konzeption von Bild an diesem spezifischen Ort haben.

Die Argentinierin Elena Dahn zeigt zwei farbintensive Gips-Bilder, die in Schichten direkt auf die Wand aufgetragen sind: das Prozessuale der Bilder ist kontrastreich in die Situation des Kunstraumes gesetzt.

Auf der gegenüberliegenden Wand arbeitet Carola Zech mit in kühlen Farben lackierten Modulen aus Metall. Die Argentinierin setzt das architektonische Element einer Tür in einen Dialog mit ihren minimalistischen Modulen, die zwischen Wandobjekt und Skulptur changieren.

Eine verbindende Arbeit zwischen zwei Räumen zeigt Kirsten Mosel, die seit vielen Jahren große Wand-Cut-Outs realisiert. Hier zeigt sie eine monochrome sich öffnende organische Doppelform aus Folie, die direkt auf die Wand installiert wurde.

Der aus Bogotá stammende Julián León Camargo antwortet auf diese drei künstlerischen Statements mit einer Installation aus (Trockenbau-)Wänden, die in den Kunstraum hineinwachsen und die Behauptung aufstellen, dass nur die Wand als Modell Fragen nach dem Ort des Bildes beantworten kann.

Eine spannende Gegenüberstellung von vier Künstlern, die auf sehr unterschiedliche Weise an einem Thema arbeiten und deren Bezüge klug und präzise gesetzt sind.

Diese Eröffnungsausstellung wird nach der Station in Buenos Aires eine Brücke schlagen nach Europa und in der Galerie Ivo Kamm in Zürich zu sehen sein. Die Kunstmesse arteBA hatte die Galerie Ivo Kamm dieses Jahr eingeladen, im Programm U-Turn by Mercedes-Benz teilzunehmen. So entstand, wie es der Kurator von U-Turn und neue künstlerische Direktor des Malba, Agustín Peréz Rubio, als Idealfall sieht, ein Synergie-Effekt zwischen Kunstmesse und Kunstorten wie dem neu gegründeten Kunstraum Espacio Kamm in der Stadt Buenos Aires.

  • ABOUT WALL, Werke von Elena Dahn, Julián León Camargo, Kirsten Mosel, Carola Zech.
  • Espacio Kamm, Mario Bravo 1136, Palermo, Buenos Aires.
  • 17. Mai bis 20. Juni 2014, donnerstags und freitags 16-20 Uhr.
  • Facebook-Seite.

Foto:
ABOUT WALL im neuen Kunstraum Espacio Kamm, ortsbezogene Arbeiten von Kirsten Mosel (doble orange) und Julián León Camargo (Insostenible 2).

Santiago Porter und die Erinnerung

Der argentinische Fotograf zeigt “Condición de las flores” bei Rolf Art und “La Ausencia” bei arteBA

Von Susanne Franz

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Der argentinische Fotograf Santiago Porter macht zur Zeit mit gleich zwei Ausstellungen in Buenos Aires von sich reden. Eine ist die Einzelschau “Condición de las flores”, die seit einigen Wochen und noch bis zum 30. Mai in der auf Fotografie spezialisierten Galerie Rolf Art in Recoleta zu sehen ist. Die andere ist sein Auftritt am Stand von Rolf Art – zusammen mit anderen renommierten Fotografen – auf der Kunstmesse arteBA, die bis einschließlich Montag, den 26. Mai, im Messegelände Rural im Brennpunkt des Interesses steht.

In der Galerie Rolf Art wird man, nachdem man geklingelt hat, eingelassen und freundlichst über die Ausstellung informiert. Hatte man sich unter dem Titel, den man etwa mit “Befindlichkeit der Blumen” übersetzen könnte, eher eine farbenfrohe Geschichte vorgestellt, wird man im ersten Saal der Galerie von intimistischen, kleinformatigen, zarten Werken in Schwarz-Weiß überrascht. Sie sind mehr als 15 Jahre alt, Porter hat sie bislang noch nie gezeigt.

In den weiteren Räumen der Galerie hängen Bilder jüngeren Datums von Zweigen aus verbrannten Wäldern, ein großformatiges Werk aus Porters Foto-Serie in einem leerstehenden ehemaligen Gefängnis, und auch ein Bild aus seiner Umzugsserie, mit der Porter seit Jahren seine häufigen Wohnungswechsel dokumentiert.

Der rote Faden, der sich durch die Ausstellung zieht, ist das Werk des mexikanischen Kult-Schriftstellers Mario Bellatin. “Condición de las flores” heißt eines seiner Bücher, das für Santiago Porter ausschlaggebend wurde, diese unveröffentlichten Arbeiten auf diese Weise jetzt zu zeigen. Porter gibt damit Einblick in einen bestimmten Moment der Klarheit in seinem schöpferischen Prozess, in dem verschiedene Punkte der Vergangenheit zusammenlaufen und einen Sinn ergeben. Der Besucher dieser schönen Ausstellung wird Zeuge eines nur selten öffentlich mit-erlebbaren Phänomens: Wie im Schaffensprozess eines Künstlers für diesen selbst verborgene Mechanismen wirken können, die erst nach Ablauf einer bestimmten Zeit ihr Geheimnis preisgeben.

Um eine andere Art von Erinnerung geht es Porter in seiner Bilderwand „La Ausencia“ (2001-02) auf der Kunstmesse arteBA. Porter arbeitet mit diesem Projekt das Attentat auf das jüdische Sozialwerk AMIA im Juli 1994 auf, das 85 Menschen in den Tod riss und das bis heute eine offene Wunde darstellt, da die Schuldigen nie gefunden wurden. Die Lücke (ausencia= Abwesenheit), die die bei dem blutigen Anschlag vor fast 20 Jahren getöteten Menschen für immer im Leben ihrer Angehörigen hinterlassen haben, zeigt Porter anhand von 20 Triptychen – er wählte nach eigenen Kriterien 20 Betroffene aus.

Ein Foto zeigt die Person oder die Personen, die einen Menschen verloren haben, daneben ist ein Objekt abgebildet, das diesem gehörte, auf einem dritten Bild steht ein kurzer Text. So wird etwa Rosa gezeigt, die Mutter von Sebastián Barreiros. Der Fünfjährige ging an ihrer Hand gerade an dem AMIA-Gebäude vorbei, als kurz vor 10 Uhr morgens am 18. Juli 1994 die Bombe explodierte. Auf dem anderen Foto ist sein Fußball zu sehen.

Porters aufwühlende Arbeit macht das unendliche Leid unmittelbar deutlich, das das AMIA-Attentat verursacht hat. Mit der Sparsamkeit seiner Mittel und seiner rigorosen Sprache bezieht der Künstler auch Stellung zum heutigen Foto-Journalismus, der mit immer schockierenderen Fotos von Katastrophen zu punkten versucht. Vielleicht lassen diese die Menschen dem Leid gegenüber eher abstumpfen.

Santiago Porter wurde 1971 in Buenos Aires geboren. Der Künstler wurde mit zahlreichen bedeutenden Preisen ausgezeichnet und u.a. mit einem Guggenheim-Stipendium ausgestattet. Sein Werk ist in nationalen und internationalen Museen vertreten.

  • Santiago Porter, “Condición de las flores”. Rolf Art, Posadas 1583, PB (Erdgeschoss) “A”, Buenos Aires. Mo-Fr 11-20 Uhr. Eintritt frei. 27.3.-30.5.
  • 23. Internationale Kunstmesse arteBA. Messezentrum La Rural, Av. Sarmiento 2704, Buenos Aires. 14-21 Uhr. Eintritt 90 Pesos. 23.5.-26.5.

Foto:
Santiago Porter, “La Ausencia”, 2001-02.

“Spiegel der russischen Seele“

Fotoausstellung über Leo Tolstoi im Centro Cultural Borges

Von Marcus Christoph

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Er gilt als einer der ganz Großen der Weltliteratur: Leo Tolstoi. Der Autor so bedeutender Werke wie “Krieg und Frieden” oder “Anna Karenina” steht dieser Tage im Mittelpunkt einer Foto-Ausstellung, die unter dem Titel “Leo Tolstoi – Spiegel der russischen Seele” noch bis zum 8. Juni im Centro Cultural Borges zu sehen ist. Gezeigt werden Aufnahmen aus dem Leben des 1910 verstorbenen Schriftstellers, der trotz seiner adeligen Herkunft das einfache Leben propagierte.

Zur Eröffnung der Foto-Schau war mit Alexander “Sascha” Tolstoi der Urenkel des rauschebärtigen Poeten nach Buenos Aires gekommen, um mit einem Vortrag über seinen berühmten Vorfahren auf die Ausstellung einzustimmen. Der in Frankreich geborene und heute in Uruguay lebende Nachkomme ging auf die große Tradition der Familie Tolstoi ein, deren Ahnen einst vor sieben Jahrhunderten von Deutschland nach Russland gekommen waren, dort den Zaren dienten und in den Adelsstand aufstiegen. Leo Tolstoi übernahm Jasnaja Polnaja, das Landgut seiner Familie südlich von Moskau, und feierte mit den eingangs erwähnten Werken Erfolge, die ihm internationale Anerkennung brachten.

Doch mit Beginn seines sechsten Lebensjahrzehnts begann eine Zeit der inneren Einkehr. “Er wollte eine Religion praktizieren: nicht im Himmel, sondern auf Erden”, so Sascha Tolstoi über seinen Urgroßvater. Von den Ideen des französischen Philosophen und Zivilisationskritikers Jean-Jacques Rousseau beeinflusst, erblickte Leo Tolstoi in der schlichten, naturnahen Lebensweise der russischen Bauern eine Form, die dem idealen Naturzustand des Menschen frei von den (schädlichen) Einflüssen der Zivilisation nahe komme. Sascha Tolstoi berichtete dabei vom Ringen seines Urgroßvaters mit sich selbst, um dem Ideal zu entsprechen. Der Dichter predigte Nächstenliebe und Gewaltlosigkeit und beeinflusste so unter anderem den indischen Unabhängigkeitskämpfer Mahatma Gandhi.

Dabei machte Sascha auch Widersprüche bei seinem berühmten Vorfahren aus: “Er predigte die universelle Liebe, aber seine eigene Frau behandelte er mitunter schlecht.” Als Tolstoi in seinem Testament verfügte, dass seine Werke als Besitztümer des Volkes anzusehen seien, kam es zum Streit mit der Gattin. Der 82-jährige Dichter verließ das heimatliche Gut und brach zu einer Eisenbahnfahrt auf, bei der an einer Lungenentzündung starb.

Dass das geistige Erbe des vor über 100 Jahren verstorbenen Dichters weiterhin aktuell ist, machte Valery Kucherov, der Chef des russischen Kulturhauses in Buenos Aires (Casa de Rusia) deutlich: “Das Vermächtnis Tolstois ist für immer und ewig und für alle.” Seine Gedanken lebten weiter. Tolstois Kritik am Konsumismus und einer “unmoralischen Lebensweise” sei aktueller denn je. Kucherov spannte bei seiner Ansprache zudem den Bogen zur aktuellen politischen Situation auf der Krim, die jüngst zum Zankapfel zwischen Russland und der Ukraine wurde. In Erinnerung an Tolstois Teilnahme am Krim-Krieg Mitte des 19. Jahrhunderts meinte der Kulturfunktionär, es könne gar keinen Zweifel geben, dass die Halbinsel im Schwarzen Meer russisch sei. Schließlich habe Russland in der Geschichte mit seinem Blut dafür gezahlt.

Der russische Botschafter Victor V. Koronelli würdigte die Ausstellung als “bedeutendes kulturelles Ereignis” für Buenos Aires. Dies zeige auch das große Publikumsinteresse zur Eröffnung, der rund 200 Gäste beiwohnten.

Die Ausstellung im Centro Cultural Borges (Viamonte 500) ist noch bis zum 8. Juni montags bis sonnabends von 10 bis 21 Uhr sowie sonn- und feiertags von 12 bis 21 Uhr zu sehen.

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Das Bild zeigt (v.l.n.r.) den russischen Botschafter Victor Koronelli, Sascha Tolstoi und dessen langjährige Freundin Ana María Bozzo, Kuratorin Virginia Fabri und Valery Kucherov, den Chef des russischen Kulturhauses.
(Foto: Marcus Christoph)

Raum für künstlerische Experimente

Espacio Kamm wird heute im Galerienviertel von Buenos Aires eröffnet

Von K.M.

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Kurz bevor die internationale Kunstmesse arteBA ihre Tore öffnet und Buenos Aires im Fokus der internationalen Kunstwelt steht, eröffnet Espacio Kamm am heutigen 17. Mai seine Pforten mitten im Galerienviertel von Buenos Aires.

Das Format des Kunstraumes ist neu, denn bei den drei Gründern handelt es sich um den Zusammenschluss der deutschen Künstlerin Kirsten Mosel, des kolumbianischen Künstlers Julián León Camargo und des Schweizer Galeristen Ivo Kamm, der mit seiner Galerie in Zürich auf lateinamerikanische Kunst spezialisiert ist. Der Kunstraum versteht sich als Raum für künstlerische Experimente und will eine Brücke schlagen zwischen Künstlern in Lateinamerika und Europa.

Die erste Ausstellung mit dem Titel ABOUT WALL lädt ein in die hohen renovierten Räume des Kunstraumes in der Straße Mario Bravo in Palermo, für den vier Künstler ortsbezogene Arbeiten entwickelten. Die Wand ist der Ort des Bildes. Die vier Künstler befragen diesen Ort, indem sie sich der Wand mit ihrem Material nähern und ausloten, welche Realisierungsmöglichkeiten ihre Konzeption von Bild an diesem spezifischen Ort haben.

Die Argentinierin Elena Dahn zeigt zwei farbintensive Gips-Bilder, die in Schichten direkt auf die Wand aufgetragen sind: das Prozessuale der Bilder ist kontrastreich in die Situation des Kunstraumes gesetzt.

Auf der gegenüberliegenden Wand arbeitet Carola Zech mit in kühlen Farben lackierten Modulen aus Metall. Die Argentinierin setzt das architektonische Element einer Tür in einen Dialog mit ihren minimalistischen Modulen, die zwischen Wandobjekt und Skulptur changieren.

Eine verbindende Arbeit zwischen zwei Räumen zeigt Kirsten Mosel, die seit vielen Jahren große Wand-Cut-Outs realisiert. Hier zeigt sie eine monochrome sich öffnende organische Doppelform aus Folie, die direkt auf die Wand installiert wurde.

Der aus Bogotá stammende Julián León Camargo antwortet auf diese drei künstlerischen Statements mit einer Installation aus (Trockenbau-)Wänden, die in den Kunstraum hineinwachsen und die Behauptung aufstellen, dass nur die Wand als Modell Fragen nach dem Ort des Bildes beantworten kann.

Eine spannende Gegenüberstellung von vier Künstlern, die auf sehr unterschiedliche Weise an einem Thema arbeiten und deren Bezüge klug und präzise gesetzt sind.

Diese Eröffnungsausstellung wird nach der Station in Buenos Aires eine Brücke schlagen nach Europa und in der Galerie Ivo Kamm in Zürich zu sehen sein. Die Kunstmesse arteBA hat die Galerie Ivo Kamm dieses Jahr eingeladen, im Programm U-Turn by Mercedes-Benz teilzunehmen. So entsteht, wie es der Kurator von U-Turn, Agustín Peréz Rubio, als Idealfall sieht, ein Synergie-Effekt zwischen Kunstmesse und Kunstorten wie dem neu gegründeten Kunstraum Espacio Kamm in der Stadt Buenos Aires.

  • ABOUT WALL, Werke von Elena Dahn, Julián León Camargo, Kirsten Mosel, Carola Zech.
  • Espacio Kamm, Mario Bravo 1136, Palermo, Buenos Aires.
  • Eröffnung am Samstag, den 17. Mai 2014, von 18-23 Uhr.
  • 17. Mai bis 21. Juni 2014, donnerstags und freitags 16-20 Uhr.
  • Öffnungszeiten während arteBA: Mittwoch, 21.5. bis Montag, 26.5. 12-20 Uhr.

Foto:
ABOUT WALL im neuen Kunstraum Espacio Kamm, ortsbezogene Arbeiten von Kirsten Mosel (doble orange) und Julián León Camargo (Insostenible 2).

Tango an der Elbe

Buenos Aires Ehrengast beim Hamburger Hafengeburtstag

Von Marcus Christoph

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Verführerische Tänze der Tango-Weltmeister und kulinarische Spezialitäten aus Argentinien, virtuelle Spaziergänge durch Buenos Aires, eine Fotoausstellung auf der Cap San Diego und eine spektakuläre Show im Planetarium – Argentinien und seine Hauptstadt spielen beim 825. Hamburger Hafengeburtstag an diesem Wochenende eine Hauptrolle.

Ein vielfältiges Programm will den Besuchern des Buenos-Aires-Argentinien-Festivals die Lebensart und Kultur Argentiniens und seiner Kapitale näher bringen. Großen Raum nimmt dabei natürlich der Tango ein, gilt Buenos Aires doch als Geburtsort und Welthauptstadt dieses leidenschaftlichen Tanzes. So geben auf der Bühne auf der Kehrwiederspitze unter anderem die amtierenden Tango-Weltmeister Maximiliano Cristiani und Jésica Arfenoni Kostproben ihres Könnens und weihen interessierte Hobbytänzer in Workshops in die Geheimnisse des Tangos ein. Die Teilnahme an den Workshops ist kostenlos und ohne vorherige Anmeldung möglich.

Südamerika-Feeling am Elbufer

Auf einem virtuellen Rundgang können die Besucher durch die malerischen Straßen und Gassen der argentinischen Hauptstadt schlendern und dabei erstaunliche Details aus der bewegten Geschichte der Stadt und ihres Hafens, dem zweitgrößten in Südamerika nach Santos (Brasilien), erfahren. Dazu werden landestypische Speisen und Getränke angeboten wie das traditionelle Asado, der berühmte Malbec-Rotwein aus der Andenprovinz Mendoza und das in der internationalen Szene-Gastronomie angesagte argentinische Bier.

Foto-Ausstellung auf der Cap San Diego

Auch bei anderen Veranstaltungen in der Hansestadt steht Buenos Aires im Mittelpunkt. So entführt die Fotoausstellung „Der Flug des Condor“ von Jochim Maack auf der Cap San Diego in die Weiten Patagoniens und zu den blau schimmernden Gletschern der südlichen Anden, zeigt versteinerte Wälder und Schiffswracks an der Magellanstraße. Dabei verleiht der großformatige Stoffdruck den Aufnahmen eine malerische Anmutung. Die Ausstellung kann während des größten Hafenfestes der Welt am Sonntag, 11. Mai, von 10 bis 18 Uhr in den Ladeluken 1 und 2 an Bord besichtigt werden. Der Ort wurde mit Bedacht gewählt: Bevor die Cap San Diego als Museumsschiff im Hamburger Hafen festmachte, transportierte der Stückgutfrachter 25 Jahre lang Güter zwischen Europa und Südamerika und fuhr dabei auch regelmäßig den Hafen von Buenos Aires an.

Eine Reise zum Stern des Südens

Ein besonderes Erlebnis für die Sinne bietet das Planetarium: Die spektakuläre argentinische Show “Tango 360° und die Sterne über Buenos Aires” wird erstmals in einem europäischen Planetarium gezeigt und nimmt die Besucher mit auf eine stimmungsvolle Reise in die argentinische Hauptstadt. Phantastische 360-Grad-Bilder zeigen die Sternbilder der Südhalbkugel und das Kreuz des Südens und führen zu den berühmten Sehenswürdigkeiten von Buenos Aires.

Begleitet wird die Show von der einzigartigen Musik des berühmten argentinischen Komponisten Astor Piazzolla und argentinischen Tänzern. Die erste Vorstellung fand bereits am Mittwoch statt und wurde von dem Kulturminister von Buenos Aires, Hernán Lombardi, eröffnet.

Kulturbegegnung zwischen Hamburg und Buenos Aires

14 Mädchen und Jungen deutscher Auslandsschulen aus dem Raum Buenos Aires reisen während des Hafengeburtstages zu einem besonderen Schüleraustausch in die Hansestadt. Nachdem der Hamburger Knabenchor St. Nikolai 2013 zu einem Gastauftritt nach Buenos Aires eingeladen war, wird er nun gemeinsam mit den Gästen aus Argentinien und den Schülerinnen und Schülern von drei Hamburger Schulen Gesangsstücke einstudieren und diese auf dem Hafenfest an unterschiedlichen Auftrittsorten präsentieren. Im Sinne der kulturellen Begegnung und des Dialogs werden die Schülerinnen und Schüler aus Argentinien zudem am Unterricht teilnehmen und die Stadt erkunden.

Argentinische Tage in Hamburger Restaurants

Aus Anlass der Partnerschaft mit Argentinien wird in den Hamburger Block House Restaurants ein besonderes Steak aus Argentinien serviert, dazu gibt es einen abgestimmten Rotwein. An diesem Wochenende genießen die Gäste die “Argentinischen Tage” in den 14 Block House Restaurants im Hamburger Stadtgebiet. Das Rindfleisch aus Argentinien wird nach landestypischer Art auf dem offenen, 400 Grad heißen Lavasteingrill zubereitet. Um die hohe Qualität der Hamburger Steakhauskette zu gewährleisten, wachsen die Rinder in Argentinien, artgerecht und ohne Zusatzfutter in ihrer natürlichen Umgebung auf.

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Buenos Aires‘ Kulturminister Hernán Lombardi (Mitte) bei der Eröffnungspressekonferenz.
(Foto: Zielke)

Einzigartig und unverwechselbar

Gemälde von Rómulo Macciò im Centro Cultural Recoleta

Von Susanne Franz

maccioDer große alte Mann der argentinischen Malerei, ganz jung: Im Cronopios-Saal des Centro Cultural Recoleta (Junín 1930, Buenos Aires) wurde am 29. April die Ausstellung “Repertorio” von Rómulo Macciò (geb. 1931) eröffnet. In der Stille und Weite des Saales entwickeln die großformatigen Werke des Meisters ihren Zauber: Jedes der Bilder ist einzigartig und verrät doch die unverwechselbare Handschrift Macciòs.

Leidenschaft und Mut sind seine Antriebskräfte – doch auch Kämpfe scheint er in diesen jüngsten Werken von 2013 und 2014 auszufechten. Ist es ein Kampf Mensch gegen Maschine, der analogen gegen die digitale Welt? Bäumt sicht die Natur gegen die Umweltzerstörung auf, trotz die Liebe der Einsamkeit? Viele der Werke besitzen zwei Ebenen, die miteinander kontrastieren und Einklang zu suchen scheinen – etwa eine schwarze Fläche, vielleicht ein Bildschirm, und ein Kopf, aus dem Ideen und Kreativität züngeln – oder es erscheinen etwa Köpfe oder Silhouetten hinter einer oder als eine Art Strichcode.

Ob Anklage, philosophisches Gedankenspiel oder lebens- und farbenfrohes Fest: Mit jedem Bild kann der Zuschauer in einen Dialog treten. Die von Renato Rita kuratierte Schau ist sehr empfehlensswert. “Repertorio” ist bis zum 30. Mai zu sehen (Di-Fr 13-20, Sa, So und feiertags 11-20 Uhr. Eintritt frei).

Foto:
Rómulo Macciò, “Jaula”, Mischtechnik, 195 x 140 cm, 2013.

“Erzählung und Wahn”

Die deutsche Autorin Nina Jäckle auf der 40. Internationalen Buchmesse von Buenos Aires

ninaDie Veranstaltung heißt “Erzählung und Wahn”: Am Samstag, dem 10. Mai, wird die deutsche Autorin Nina Jäckle auf der 40. Internationalen Buchmesse von Buenos Aires ihren ersten auf Spanisch erschienenen Roman “Zielinski” vorstellen. Eingeladen wurde die junge Autorin, die bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde und die ein beachtliches literarisches Werk vorweisen kann, vom Goethe-Institut Buenos Aires und der Frankfurter Buchmesse.

Die Veranstaltung findet um 18.30 Uhr im Adolfo Bioy Casares-Saal im Weißen Pavillon des Messegeländes La Rural (Av. Sarmiento 2704) statt; der Eintritt ist frei. Der Eintritt zur Buchmesse muss allerdings bezahlt werden (an den Wochenenden 40 Pesos; Infos auf der Webseite der Messe).

Der Roman wird in einem Dialog mit dem argentinischen Autor Ariel Magnus vorgestellt. Die Veranstaltung ist auf Deutsch und wird simultan übersetzt. Auch Nina Jäckles Übersetzerin Carolina Previderé und die Lektorin Carolina Lieber werden erwartet.

Mit ihrem Buch “Zielinski” (Verlag Serapis, 2013) geht die Autorin der Spur nach, wie es ist, ein System, eine Fremdherrschaft gewähren zu lassen. Dabei geht es um das Vermögen des Menschen, sich an alles zu gewöhnen, bis die Empörung über etwas Ungeheuerliches der Gewohnheitsmäßigkeit weicht.

Der Gedanke daran ist ein Albtraum: langsam wahnsinnig zu werden und sich selbst dabei zu beobachten; zu bemerken, wie sich pathologische Ticks einschleichen, die bis dahin als wunderliche Angewohnheiten durchgingen, die sich in den Gehirngängen einnisten, zu Obsessionen und Zwangshandlungen werden. Es ist Zielinski, der da aus dem Nichts heraus Einzug in die Wohnung von Schoch, einem allein lebenden Mann, hält.

Zielinski, der gepflegte, höfliche Fremde, lebt fortan in einer mit blauem Samt ausgeschlagenen Holzkiste, im größten Zimmer des erzählenden Protagonisten. Es riecht nach Holz. Riecht es wirklich nach Holz? Zielinskis Stimme ist schön. Spricht Zielinski wirklich? Dieser Roman stellt auf eine raffinierte, absurd witzige und mitreißende Weise dar, wie Phantasien und Systeme greifen, wie es funktioniert, sich selbst voll und ganz in eine verheerende Idee zu verstricken, sich sogar in sie zu verlieben.

Nina Jäckle wurde 1966 in Schwenningen geboren, wuchs in Stuttgart auf, besuchte Sprachschulen in der französischen Schweiz und in Paris, wollte eigentlich Übersetzerin werden, beschloss aber mit 25 Jahren, lieber selbst zu schreiben, erst Hörspiele, dann Erzählungen, dann Romane. Ihre ersten Bücher erschienen im Berlin Verlag: “Es gibt solche”, “Noll”, “Gleich nebenan” und “Sevilla”.

Bei Klöpfer & Meyer erschienen 2010 mit großem Erfolg ihre Erzählung “Nai oder was wie so ist” sowie im Jahr 2011 ihr Roman “Zielinski” und 2014 “Der lange Atem”. Sie erhielt zahlreiche literarische Auszeichnungen, z.B. den Karlsruher Hörspielpreis, das große Stipendium des Landes Baden-Württemberg sowie das Heinrich-Heine-Stipendium und das Arbeitsstipendium des Deutschen Literaturfonds. Nina Jäckle ist Mitglied im VS Baden-Württemberg und im deutschen P.E.N.

Ariel Magnus wurde 1975 in Buenos Aires geboren. Er studierte Philosophie und Philologie an der Humboldt-Universität in Berlin. Zu seinen Werken zählen “Sandra” (2005), “La abuela” (2006), “Un chino en bicicleta” (2007), “Cartas a mi vecina de arriba” (2009), “Ganar es de perdedores” (2010), “Doble Crimen” (2010), “El hombre sentado” (2010) sowie “A Luján” (2013). Er arbeitet auch als Journalist und literarischer Übersetzer.

Weitere Informationen findet man auf der Webseite des Goethe-Instituts Buenos Aires.

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Die deutsche Autorin Nina Jäckle.

Fidel in allen Lebenslagen

Foto-Ausstellung über den kubanischen Revolutionsführer eröffnet

Von Marcus Christoph

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“Es ist eine Hommage an den Mann, der mit seinem Beispiel unser Leben verändert hat”. Große Worte wählte Juan Carlos Junio, der Vorsitzende des Centro Cultural de la Cooperación “Floreal Gorini”, zur Eröffnung der Fotoschau “Fidel – 83 Motivos”, die seit Dienstag für einen Monat in den Räumlichkeiten der erwähnten Kultureinrichtung in der Avenida Corrientes 1543 in Buenos Aires zu sehen ist.

Im Mittelpunkt steht der legendäre kubanische Revolutionsführer. Aufnahmen von fünf Fotografen – Osvaldo Salas, Liborio Noval, Roberto Salas, Pablo Caballero und Fidel-Sohn Alex Castro – zeigen den bärtigen Politiker in verschiedenen historischen Situationen von Ende der 50er Jahre bis zur Gegenwart. Die Bandbreite ist groß: Fidel mit Che Guevara kurz nach dem Sieg der Revolution, Fidel als Redner, Fidel als Baseballspieler, Fidel mit Ernest Hemingway, Fidel mit anderen historischen Größen wie Nelson Mandela, Salvador Allende, Papst Johannes Paul II. oder Hugo Chávez. Aber auch aktuelle Bilder wie das Treffen mit Cristina Fernández de Kirchner Anfang dieses Jahres sind bei der Ausstellung, die auf drei Säle verteilt ist, zu sehen.

Juan Carlos Junio erklärte bei dem Podiumsgespräch zur Vernissage, dass die emanzipatorischen Bewegungen in Lateinamerika letztlich alle mit Fidel begonnen hätten. Er habe lateinamerikanische Solidarität vorgelebt und gezeigt, dass es Sinn mache, zu kämpfen, um die Geschichte zu verändern. Und Kurator Juan Pablo Pérez fügte hinzu, dass Fidel nicht nur wichtig für Kuba, sondern für Revolutionen im Allgemeinen sei.

Jorge Lamadrid Mascaró, der kubanische Botschafter in Buenos Aires, hob die engen Bindungen zwischen Fidel und Argentinien hervor. Viermal habe der kubanische Revolutionsführer das Land am Río de la Plata besucht. So beispielsweise 2003 zur Einführung von Néstor Kirchner ins Präsidentenamt, als Fidel eine vielbeachtete Rede vor der Juristischen Fakultät hielt, oder 2006 beim Mercosur-Gipfel in Córdoba, am Rande dessen er mit Hugo Chávez das Che-Guevara-Museum in Alta Gracia besuchte. Die aktuelle Ausstellung bezeichnete der Botschafter vor diesem Hintergrund als “ausgezeichnete Initiative”.

foto 2Ursprünglich konzipiert wurde die Ausstellung 2009 zu Fidels 83. Geburtstag. Sie war zunächst in Mexiko und dann in Südafrika zu sehen. Die Federführung hatte die Kuratorin Marila Sarduy Salati inne. Diese war ebenso wie ihr Ehemann, der Fotograf und Fidel-Sohn Alex Castro, bei der Eröffnungsveranstaltung in Buenos Aires anwesend.

Am kommenden Montag wird im Rahmen der 40. Internationalen Buchmesse (Av. Sarmiento 2704, Buenos Aires) das Buch zur Ausstellung “Fidel – una historia, cinco miradas” vorgestellt. Beginn ist um 20.30 Uhr im Victoria-Ocampo-Saal im Weißen Pavillon. Auch für diese Veranstaltung haben sich der kubanische Botschafter Lamadrid Mascaró und Alex Castro angesagt.

Die Ausstellung ist während der Öffnungszeiten des Centro Cultural de la Cooperación “Floreal Gorini” (Av. Corrientes 1543, Buenos Aires) Montag bis Freitag 11 bis 22 Uhr, Sonnabend 14 bis 23 Uhr und Sonntag 14 bis 21 Uhr zu besichtigen, bis zum 25. Mai.

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Fotos von oben nach unten:

Impressionen aus der Foto-Ausstellung.

Fotograf und Fidel-Sohn Alex Castro.

(v.l.n.r.): Politologe Atilio Borón, Kuratorin Marila Sarduy Salati, Fotograf Alex Castro, CCC-Vorsitzender Juan Carlos Junio und Kuba-Botschafter Jorge Lamadrid Mascaró.
(Fotos: Marcus Christoph)

Multidimensionales Werk

Das komplexe Universum des Joseph Beuys in der Fundación Proa

Von Philipp Boos

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Nach Mueck kommt Beuys! Die Fundación Proa in Buenos Aires hat ein Näschen für große Künstler. Mit Beuys eröffnete die erste Ausstellung dieses Jahres, nachdem mit dem australischen Künstler Mueck und seinen hyperrealistischen Figuren erfolgreich die Jahreswende begangen wurde. Wer das Haus am Caminito schon mal besucht hat, weiß, die Museums-Crew ist immer gut informiert. Doch den Kunstinteressierten an Beuys heranzuführen, birgt einige Schwierigkeiten.

Wo Mueck für den jungfräulichen Betrachter erst einmal rein visuell funktionierte, ist bei Beuys Geduld, Einfühlungsvermögen und vor allem eine gehörige Portion Hintergrundwissen notwendig. Der Besucher sei also gut beraten, sich etwas zu belesen, so Pressechef Juan Pablo Correa. Der Aufenthalt in der Fundación unweit vom Caminito sei dann umso lohnenswerter.

Joseph Beuys (1921-1986), der in Krefeld das Licht der Welt erblickte, hatte sich schon zu Lebzeiten international einen Namen gemacht. Mit seiner theoretischen Kunstkonzeption betrat er Neuland, was ihm auch einen rasanten Aufstieg als Dozent in der Düsseldorfer Kunstakademie bescherte. Laut Beuys, sind die Persönlichkeit des Künstlers, sowie seine Handlungen, wichtiger als das “greifbare” Kunstwerk an sich.

Sein Werk kann in vier Bereiche eingeteilt werden: Materielle Arbeiten im traditionellen künstlerischen Sinne (Malerei und Zeichnungen, Objekte und Installationen), die Aktionen, die Kunsttheorie mit Lehrtätigkeit, sowie seine sozial-politischen Aktivitäten. Die Fundación Proa sucht in seiner Beuys-Ausstellung vor allem die Auseinandersetzung mit dessen künstlerischen Aktionen, die ihre Aussagen durch ihre Einmaligkeit begründeten. Eine nicht ganz einfache Aufgabe.

schlittenIn der Proa werden u.a. von seiner 1969 entstandenen Installation “Das Rudel (The Pack)” Original-Schlitten ausgestellt, die so losgelöst von ihrem Kontext beim Besucher unweigerlich zu Fragen führen. Das Gesamtwerk besteht aus einem VW-Bus und 24 Schlitten. Die aus der DDR importierten Schlitten lässt Beuys in Dreierreihe und entgegengesetzter Fahrtrichtung aus dem Fahrzeug “herausströmen”. Auf den einzelnen Schlitten befinden sich jeweils eine kleine Menge Fett, eine eingerollte Filzdecke und eine darauf liegende Stablampe. Mit Hilfe eines Arterienabbindegurtes wird das jeweilige Kit an die Schlitten fixiert.

Beuys selbst erklärte einmal, dass das auf den Schlitten montierte Gepäck Orientierung, Ernährung und Wärmehaltung bereitstellen würde, demnach als eine Art “Survival Kit” zu interpretieren sei. Eine weitere Lesart ist die von zwei unterschiedlichen Lebensformen: die der vorindustriellen Gesellschaften und die der westlichen, technologisierten Welt.

Auf der anderen Seite suggerieren die Schlitten ein Bedrohungsszenarium, eine mögliche Katastrophe deutet sich an, was die entgegengesetzte Ausrichtung der Schlitten erklärt. Eine andere Interpretation ist die des Rudels als Aggressor. Ende der 60er Jahre entstanden, repäsentieren die Schlitten somit die US-amerikanische Invasion in Vietnam, gewaltbereite Polizisten in den Studentenrevolten, etc.

Zusammen mit dem argentinischen Künstler Nicolás García Uriburu (geb. 1937) machte Jospeh Beuys u.a. auf der siebten Documenta (1982) in Kassel auf sich aufmerksam. Auf die Aktion der beiden wird auch in der Proa näher eingegangen. Beide Künstler engagierten sich damals aktiv im Umweltschutz. Uriburu machte sich 1968 erstmals einen Namen, als er im Rahmen der Biennale die Wasserkanäle von Venedig grün färbte. Eine Aktion, die er mit Beuys am Rhein, aber auch in seiner Heimat wiederholen sollte. Neben urbanen und von Asphalt und Beton dominierten Orten pflanzten sie in Kassel 7000 Eichen, womit sie auch dem Ausspruch von Beuys Gestalt verliehen, dass Worten immer Aktionen folgen sollten, um Veränderungen herbeizuführen.

1979 widmete das New Yorker Guggenheim-Museum Joseph Beuys als erstem deutschem Künstler eine groß angelegte Retrospektive. Als innovativer Künstler und Charakterkopf und uniformiert mit brauner Weste und Filzhut, ist er als einer der einflussreichsten zeitgenössischen Künstler des 20. Jahrhunderts in Erinnerung geblieben.

Die Ausstellung besteht aus 150 Werken und betont somit die Multidimensionalität seines Schaffens. Gezeigt werden Objekte, Skulpturen, Malerei, Installationen, Zeichnungen und Videos, die zwischen 1955 und 1985 entstanden sind.

  • Fundación Proa, Av. Pedro de Mendoza 1929, Buenos Aires.
  • Di-So 11-19 Uhr.
  • Eintritt 20 Pesos, Rentner 10, Studenten 5; dienstags gratis für Studenten.
  • Bis Juni.
  • Webseite (englisch).