Performance am Deutschen Stand

Theateraufführung der Initiative “Schulen: Partner der Zukunft” auf der Buchmesse

Am Deutschen Stand können die Besucher der Internationalen Buchmesse in Buenos Aires Zeuge eines ganz besonderen Events werden: Eine interaktive Performance, basierend auf dem Buch “Bibs” (“Beto y el cesto de los deseos”, Siruela, 2009) des deutschen Schriftstellers Hans Magnus Enzensberger, die zum Mitmachen einlädt.

Die offene Vorstellung von Schülern der Escuela Técnica Alemana de Moreno und des Colegio Mater Ter Admirabilis zusammen mit dem Schauspieler und Puppenspieler Román Lamas bietet die Gelegenheit, sich für eine kurze Zeit vom Trubel des Alltags zu entfernen und sich eine ganz eigene Sicht auf die Welt zu formen.

Im thematischen Mittelpunkt steht Bibs, die Hauptfigur in Hans Magnus Enzensbergers Erzählung. Bibs hat die Nase voll von der Welt und beschließt, sie verschwinden zu lassen. Das “allein” reicht allerdings schon aus, um zu erkennen, dass es ohne Welt eben auch nicht weitergeht, so dass er beginnt, sie sich Stück für Stück zurückzuwünschen.

Die beteiligten Schüler kommen von zwei Schulen der Initiative “Schulen: Partner der Zukunft” (PASCH), ein Programm des deutschen Auswärtigen Amtes in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut. Die Performance knüpft an das Projekt “Génesis 2.0: la nueva construcción del mundo desde el contacto intercultural” aus dem Jahre 2011 an, in dem das literarische Werk Enzensbergers den Ausgangspunkt für eine Reihe an Workshops in unterschiedlichen Kunstdisziplinen darstellte, die in den Schulen angeboten wurden.

“Génesis 2.0: Beto y la nueva construcción del mundo” nach einem Text (Bibs) von Hans Magnus Enzensberger. Theateraufführung der Initiative “Schulen: Partner der Zukunft”. Deutscher Stand auf der 38. Internationalen Buchmesse von Buenos Aires, Gelber Pavillon, Gasse 8, Stand 2120, Messezentrum “La Rural”, Buenos Aires. Freitag, 27. April, und Freitag, 4. Mai, um 15 und 17 Uhr.

Zurück in die Zukunft

Von Leselust und Zukunftsperspektiven auf der 38. Internationalen Buchmesse von Buenos Aires

Von Karlotta Bahnsen


In Argentinien wird gelesen. In der Subte, im Colectivo, auf Parkbänken oder in Cafés: Die Porteños lesen gerne und nehmen sich Lektüre mit, wo immer man mit Warte- oder Fahrtzeit rechnen darf. In der Weltstadt des Buches besteht also Bedarf an immer neuem Lesestoff, was den Andrang auf der 38. Internationalen Buchmesse erklärt. Unter dem Motto “Eine Zukunft mit Büchern” lädt die “Fundación El Libro” auch dieses Jahr wieder zu einem vielseitigen und über das bloße gedruckte Wort hinausgehenden Rahmenprogramm ein.

Am 19. April wurde die Buchmesse in Anwesenheit von Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kultur eingeweiht. Unter ihnen der Kultusminister der Stadt Buenos Aires, Hernán Lombardi, sowie der Minister für Bildung der Nationalregierung, Alberto Sileoni. Philosophische Worte zur Eröffnung sprach der argentinische Schriftsteller Luis Gúsman, die Literatur habe die besondere Kraft, eine Zukunft zu formulieren, die zum Zeitpunkt ihres Entstehens noch Teil des literarischen Mysteriums sei, formulierte Gúsman den essentiellen Zusammenhang von Zukunft und Literatur im fiktionalen Raum der Ideen.

Neben einem Lesemarathon mit Schauspielern und Dramaturgen, Autogrammstunden namhafter Autoren und einem gigantischen Büchermarkt zum Stöbern, treffen sich dieses Jahr auch Lyriker aus aller Welt und geben ihre Texte zum Besten. Auf dem internationalen “Festival de Poesia” geht es noch bis zum 29.4. rhythmisch zu. Die Grenze zu szenischen Formen wird dabei oftmals überschritten, so zum Beispiel, wenn Magia Lopez aus Kuba Poesie mit Hip Hop mischt.

Mit den Grenzen des Mediums “Buch” wird sich auch in der Zukunftszone des Ausstellungsgeländes beschäftigt. Hier wird Entwicklungen in der Literaturwelt der letzten Jahre Rechnung getragen. Digitale Lesegeräte und Hörbücher machen dem bedruckten Papier seit einigen Jahren scharfe Konkurrenz, und die Kunstform Literatur geht Fusionen mit Videoperformances oder Soundinstallationen ein. Multimediale Hybridformen weisen in die Zukunft der Darstellung, Nutzung und dem Verständnis von Literatur. Was ist und wie macht man eine “Graphic Novel” und wie kann man Videospiele zu Bildungszwecken nutzen? Die Zukunftszone bietet ein breites Spektrum an Vorträgen und Workshops, die zum Erkunden unendlicher Möglichkeiten einladen.

Die Hardware zum Buchersatz scheint allerdings nicht allzu gut anzukommen: In der “Zona Futuro” liegen digitale Lesegeräte und Smartphones zum Buchersatz relativ einsam auf kalten weißen Tischen, während es bunt und gesellig an den Tischen der Verleger wimmelt. Einer “Zukunft mit Büchern” scheint also nichts im Wege zu stehen.

38. Feria Internacional del Libro de Buenos Aires, 19.4.-7.5.2012, Messegelände La Rural, Buenos Aires, Av. Santa Fe 4201.

Remix der Zeichen

Theater-Erstlinge im sechsten Zyklus des Projektes “Óperas Primas” im Centro Cultural Rojas

Von Karlotta Bahnsen


Das Centro Cultural Rojas zeigt im Rahmen des Projektes “Óperas Primas” Stücke junger Künstler, die sich zum ersten Mal an der Regie eines Theaterstücks versuchen. Auch Luis Garay ist eigentlich Choreograf, in “La tierra tendra dos soles” setzt er sich mit dem komplexen Zeichensystem des Theaters auseinander. Seinen tänzerischen Hintergrund merkt man dem Stück an: der Körper spielt eine entscheidende Rolle – er steht im Mittelpunkt, nicht der Dramentext.

Die einzige Darstellerin des Stücks, Maria Alche, legt Spuren im kargen Bühnenraum, die zu einer Geschichte gehören. Eine zerbrochene Tasse, verschüttete Tomatensoße, der Abgrund zu hoher Absätze und das wiederholte Abspulen eines Dialogs zwischen Familienmitgliedern um eine schwangere Tochter. Eine lineare Handlung oder gar einen dramentypischen Spannungsbogen gibt es nicht. “Me caigo”, sagt Maria, “ich falle”. Und nochmal: “Me caigo”, dann sackt sie in sich zusammen, steht wieder auf um wieder hinzufallen. Die Wiederholungen wirken wie die Übung für den Ernstfall.

Die theatertypische Illustration des Textinhalts durch eine Handlung wird hier durch zeitliche Verzerrung absurd und so als leere Konvention entlarvt. Nebenbei stellt sie gekonnt die Zeitstruktur auf den Kopf, hebelt so spannungssteigernde Mechanismen aus und wirft Fragen zu Ursache und Wirkung im Bühnengeschehen auf. Anfang und Ende koexistieren im geschaffenen künstlichen Raum.

Konventionen des Sprechtheaters werden von Garay genüsslich zerlegt, neu kombiniert und dadurch im hierarchischen Zeichensystem neu bewertet. Hier werden Fragen an die Kunstform Theater gestellt, der Bruch ist Prinzip und nichts ist selbstverständlich.

Heißt Schauspielen, den Platz eines anderen einzunehmen? Aber wer ist dieser Andere? Eine fiktive, körperlose Figur. Der Körper im Bühnenraum ist mittlerweile mehr wert als jede Art von psychologisch-realistischer Rollenarbeit. Wen Maria Alche darstellt, bleibt offen. Mal beschreibt sie als allwissende Erzählerin eine Szene von außen, mal spricht sie alle Rollen gleichzeitig oder gibt Regieanweisungen. Der Text wird zum schieren szenischen Element in einer Polyphonie theatraler Zeichen.

“La tierra tendra dos soles” spielt noch am 27. April sowie am 4., 11. und 18. Mai jeweils um 22 Uhr im “Cancha”-Saal des Centro Cultural Rojas, Av. Corrientes 2038, Tel.: 4954-5521. Der Eintritt kostet 20 Pesos. Infos, auch über die anderen Stücke des “Óperas Primas”-Projektes, auf der Webseite des Kulturzentrums.

Eine Zukunft mit Büchern

38. Internationale Buchmesse von Buenos Aires vor dem Start

Von Karlotta Bahnsen

Vom 19. April bis 7. Mai findet die Internationale Buchmesse von Buenos Aires (Feria Internacional del Libro de Buenos Aires) statt. Als eine der größten Fach- und Publikumsmessen der Welt zieht das traditionsreiche Kulturereignis seit 1975 hochkarätige Literaten in die “Weltstadt des Buches”.

Dieses Jahr stellt die Organisation “Fundación El Libro” die Messe unter das Motto “Un futuro con libros – Eine Zukunft mit Büchern” und bietet ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Fachtagungen, einem Lesungsmarathon, Workshops, Gesprächen und Preisverleihungen. Nebenbei amüsiert sich die Besucherschar noch beim internationalen Poesiefestival, hört der Crème de la Crème der Erzählkunst zu, erfindet das Theater neu und erkundet in der Zukunftszone (“Zona de Futuro”) – gemäß des aktuellen Themas der Messe – die neuesten Trends der Technik für Leseratten, um hier nur einige Highlights zu nennen.

Das vielversprechend gestaltete Programm sowie international hoch angesehene Gäste wie der rumänischen Schriftsteller Norman Manea, der Israeli David Grossman und die US-Amerikanerin mexikanischer Herkunft Sandra Cisneros kündigen schon jetzt an, dass auch dieses Jahr die Buchmesse im kulturellen Epizentrum Lateinamerikas ein voller Erfolg wird.

Feria Internacional del Libro de Buenos Aires, Messegelände La Rural, Av. Santa Fe 4201, Buenos Aires. Eintrittspreise: Montag bis Donnerstag $ 20, Freitag bis Sonntag und feiertags $ 26. Gratis für unter 12-Jährige in Begleitung eines Erwachsenen sowie werktags für Rentner, Studenten und Lehrer aller Bildungsbereiche (mit Ausweis). Öffnungszeiten: Donnerstag, 19. April, 18 bis 22 Uhr. Sonntags bis donnerstags 14 bis 22 Uhr, freitags und samstags 14 bis 23 Uhr. Sonntag, 29. April, 14 bis 1 Uhr (“La Noche de la Ciudad”).

Weitere Informationen auf der Webseite der Messe.

Foto:
Der israelische Schriftsteller David Grossman, Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels 2010, kommt zur Buchmesse nach Buenos Aires.
(Bild: Wikipedia)

Buenos Aires im Filmfieber

Am Mittwochabend wurde die 14. Ausgabe des Bafici eröffnet

Von Mirka Borchardt

Am Mittwochabend eröffneten der Bürgermeister von Buenos Aires, Mauricio Macri, und der Kulturminister Hernán Lombardi im Kulturzentrum 25 de Mayo das 14. Festival des Unabhängigen Films Bafici (Buenos Aires Festival Internacional de Cine Independiente). 449 Filme in elf Tagen und einer Nacht, an elf verschiedenen Spielstätten, in 23 Kinosälen. Man könnte die Zahlenreihe noch unendlich fortsetzen: mehr als 200.000 verkaufte Eintrittskarten, Filme aus 48 verschiedenen Staaten, von mehr als 400 Regisseuren… Allein daran werden die Dimensionen offensichtlich: Das Bafici wächst von Jahr zu Jahr.

Jenseits der Zahlen steckt jedoch noch viel mehr: “Dieses 14. Bafici will seinen Radar erweitern, um das Unbekannte und das Wertvolle zu erfassen”, schreibt Sergio Wolf, der zum fünften Mal Artdirektor ist – und damit von allen bisherigen Direktoren am längsten dabei ist – im offiziellen Katalog. Neben Größen wie Werner Herzog, Bruno Dumont, Guy Maddin oder Hong Sang-soo nehmen auch zahlreiche Newcomer teil, genau wie schon bekanntere Entdeckungen der letzten Jahre, so zum Beispiel der französische Regisseur Sylvain George, der im letzten Jahr im internationalen Wettbewerb gewann und dieses Jahr mit dem Film “Les Éclats (Ma Gueule, Ma Révolte, Mon Nom)” über illegale Migration teilnimmt.

Vor allem aber kommt dieses Jahr die einheimische Filmproduktion zum Zuge: 20 Prozent mehr argentinische Filme als noch im letzten Jahr werden gezeigt. So kam auch der Eröffnungsfilm am Mittwoch aus Argentinien. Der Enkel des berühmten gleichnamigen Armando Bo zeigt das Leben des “letzten Elvis”, eines Fabrikarbeiters und professionellen Imitators, der sich voll und ganz mit Elvis identifiziert – und je näher er dessen Todesalter rückt, desto unruhiger wird.

Auch der deutsche Film ist stark vertreten: Zwar nimmt kein deutscher Film im Wettbewerb teil, trotzdem lohnt es sich allemal, sich so schnell wie möglich Karten zu sichern, zumal die Vorstellungen der Filme von Christian Petzold und Werner Herzog schon fast ausverkauft sind. Die beiden Jungregisseure Stefan Butzmühlen und Cristina Diz, die ihren Film “Sleepless Knights” vorstellen, werden dem Publikum Rede und Antwort stehen. Nicht selbst dabei sein kann Jessica Krummacher, deren Erstlingswerk “Totem” gezeigt wird. Andreas Dresen wird da sein, um Nachwuchsfilmemachern im Rahmen des “Buenos Aires Lab” (BAL) einen Kurs anzubieten, Rosa von Praunheim zeigt seinen neuesten Film über den “Comic-König” Ralf König (“King of Comics”). Daneben gibt es eine Reihe von Sonderveranstaltungen, wie die 360°-Rundum-Vorführungen im Planetarium (u.a. “Pink Floyd – The Wall”) oder die Vorführung von “Viaje a la Luna” von Georges Méliès mit Originalmusik des Elektro-Duos Air, die man sich auf gar keinen Fall entgehen lassen sollte.

Eine Woche Filmfieber liegt noch vor uns, eine Woche Ausnahmezustand, eine Woche Pause vom schnöden Alltag – danach darf dann weiter gearbeitet werden.

Infos auf der Webseite des Festivals.

Von Jujuy bis Ushuaia – die Avenidas “9 de Julio”

Die deutschen Fotografinnen Lucia Tollens und Nina Gschlößl stellen im Teatro de la Ribera aus

Von Mirka Borchardt

Die Avenida 9 de Julio in Buenos Aires ist, so behaupten zumindest die Argentinier, die größte Straße der Welt. Ob das stimmt oder bloßes Produkt der argentinischen Tendenz zur Megalomanie ist – die Straße fasziniert. Sie führt mitten durch das Zentrum der Hauptstadt, man braucht mindestens zwei Ampelphasen, um sie zu Fuß zu überqueren, und sie verbindet solche unterschiedlichen Welten wie das Teatro Colón und das Viertel Constitución. Ganz Buenos Aires in einem Straßenzug.

Lucia Tollens und Nina Gschlößl inspirierte die Straße zu einem Projekt, für das sie am Ende tausende von Kilometern zurücklegten, mehr als ein Dutzend Städte besuchten und mehrere tausend Fotos aufnahmen. Die beiden sind Fotografiestudentinnen von der Folkwang Universität der Künste Essen, im letzten Jahr studierten sie an der Escuela Argentina de Fotografía in Buenos Aires. “Die 9 de Julio in Buenos Aires hat uns von Anfang an angezogen”, sagt Nina. “Deswegen haben wir angefangen, zu recherchieren und uns fiel auf, dass es fast in jeder Stadt, in jedem Dorf in Argentinien eine Straße oder Avenida 9 de Julio gibt.” So entstand die Idee für ein gemeinsames Fotoprojekt über die Straßen Argentiniens, die nach dem nationalen Unabhängigkeitstag benannt sind.

Die beiden machten sich auf die Reise, zuerst in den Süden, von El Calafate bis nach Ushuaia, dann in den Norden: La Rioja, Salta, Jujuy. In Córdoba fotografierten sie zwei volle Tage lang, ohne das Ende der kilometerlangen Straße zu erreichen. In Tucumán fanden sie sich auf der Suche nach der “9 de Julio” plötzlich in einer Villa Miseria, in einem der Armenviertel wieder. In La Rioja wurde Lucia gleich von fünf Straßenpolizisten zu ihrer Arbeit befragt. Von ihren Erlebnissen auf der Reise könnten sie ein Buch schreiben.

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Bafici-Kinofest steht vor der Tür

Das Festival des Unabhängigen Films von Buenos Aires wird vom 12. bis 22. April auch viele deutsche Produktionen zeigen – der Vorverkauf läuft bereits

Von Susanne Franz


450 Filme, Workshops und Seminare mit Größen der aktuellen Kinoszene, Rockkonzerte, eine Sektion extra für Kinder, 360-Grad-Rundumerlebnis-Kino: Das Festival des Unabhängigen Films Bafici (Buenos Aires Festival Internacional de Cine Independiente) geht in der argentinischen Hauptstadt vom 12. bis zum 22. April zum 14. Mal über die Bühne. Immer ein Highlight im Kulturprogramm der Stadt, findet das Festival diesmal an 11 verschiedenen Standorten statt: im Hoyts Abasto (Corrientes 3247) – dem Stützpunkt des Festivals -, im Malba (Av. Figueroa Alcorta 3415), im Leopoldo-Lugones-Saal des Theaters San Martín (Corrientes 1530), dem Centro Cultural San Martín (Sarmiento 1151), dem Teatro 25 de Mayo (Triunvirato 4444), dem Cosmos (Corrientes 2046), der Alianza Francesa (Córdoba 946), dem Arteplex Belgrano (Cabildo 2829), dem Amphitheater des Parque Centenario (Av. Ángel Gallardo/Leopoldo Marechal), der Fundación Proa (Av. Pedro de Mendoza 1929) und dem Planetarium im Palermo-Park. Im Parque Centenario finden wie immer die von der Stadt geförderten Gratis-Großveranstaltungen statt; das Planetarium kommt neu hinzu, denn in seiner Kuppel können z.B. Kinoerlebnisse wie die 360º-Verfilmung eines “The Wall”-Konzertes, das vor einem Jahrzehnt stattfand, und andere Musikfilme geboten werden.

Drei argentinische Produktionen sind dieses Jahr im internationalen Wettbewerb des Bafici vertreten, einen argentinischen Film gibt es auch zur Eröffnung des Festivals: “El último Elvis” von Armando Bó, dem Enkel des gleichnamigen berühmten Filmemachers der Goldenen Jahre des argentinischen Kinos. Daneben wird wie immer ein rein argentinischer Wettbewerb ausgetragen.

Zwar ist kein deutscher Film im Wettbewerb, aber dennoch kann man sich auf zahlreiche filmische Leckerbissen aus Deutschland freuen, die in den Nebensektionen des Festivals laufen: So wird z.B. mit der Unterstützung des Goethe-Instituts der neueste Film des deutschen Regisseurs Christian Petzold, “Barbara”, gezeigt, der auf der Berlinale im Februar mit dem Silbernen Bären für die beste Regie ausgezeichnet wurde. Petzold verfasste auch das Drehbuch und wurde dabei von Harun Farocki unterstützt, der dem Kinopublikum von Buenos Aires durch Besuche beim Bafici bestens bekannt ist. “Barbara” erzählt die Geschichte einer Ärztin in der ehemaligen DDR – verkörpert von der großartigen Schauspielerin Nina Hoss -, die einen Ausreiseantrag gestellt hat und daraufhin in ein Krankenhaus in einem entlegenen Ort “strafversetzt” wird.

In der Festivalsektion “Cine del Futuro” (Kino der Zukunft) ist, ebenfalls mit Unterstützung des Goethe-Instituts, der erste Langspielfilm des jungen deutsch-spanischen Regie-Tandems Stefan Butzmühlen und Cristina Diz, “Sleepless Knights”, zu sehen. Beide kommen nach Buenos Aires, um ihren Film dem Publikum persönlich vorzustellen. “Sleepless Knights” hatte auf der diesjährigen Berlinale in der Sektion “Forum” Premiere. Das in der spanischen Extremadura gedrehte Werk erzählt von dem jungen Carlos aus Madrid, der zu seinem Vater aufs Land fährt, um ihm bei der Arbeit zu helfen, und sich dort in den Polizisten Jaime verliebt.

In der Kategorie “Cine del Futuro” tritt auch die deutsch-schwedische Produktion “Dragonflies with Birds and Snake” (Originaltitel: Trollsländor med fåglar och orm) von Wolfgang Lehmann an, eine experimentelle “visuelle Meditation” ohne Drehbuch und Ton, die eigene und aus wissenschaftlichen Studien stammende Bilder vermischt und die Grauzone zwischen Bild und Vorstellungskraft auszuloten versucht.

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Tim Robbins besucht Buenos Aires

Der US-Schauspieler und -Dramaturg zeigt seine Inszenierung von Orwells “1984” im San Martín-Theater und präsentiert im Rahmen einer ihm gewidmeten Filmreihe “Dead Man Walking”

Von Susanne Franz

Im Rahmen seiner internationalen Gastspielreihe hält das San Martín-Theater in diesem Jahr eine besondere Überraschung bereit. Der US-amerikanische Schauspieler, Regisseur und Produzent Tim Robbins präsentiert die von ihm in Szene gesetzte Version von George Orwells düsterem Roman “1984”. Die US-Schauspieltruppe “The Actors’ Gang”, deren künstlerischer Leiter Robbins ist, wird das Stück dreimal im Martín Coronado-Saal des Theaters zeigen, am 12., 13. und 14. April jeweils um 20.30 Uhr. Karten zu 110 bzw. 80 Pesos erhält man im Internet oder an den Theaterkassen.

Der Hollywoodstar, der für den Eastwood-Film “Mystic River” einen Oscar als bester Nebendarsteller erhielt, verbindet seine Tätigkeit als anerkannter Theatermacher und Verfasser von bislang sieben Bühnenwerken mit seinem sozialen Engagement und seinem Einsatz für die Menschenrechte. So wird etwa seine Bühnenadaptation von “Dead Man Walking” – ein leidenschaftlicher Aufruf gegen die Todesstrafe – seit zwei Jahren auf US-amerikanischen Bühnen gezeigt, nachdem sie bereits in die Lehrpläne von 150 US-Universitäten aufgenommen wurde. Tim Robbins kommt persönlich nach Buenos Aires, wo er eine Pressekonferenz gibt und eine Meisterklasse für Schauspieler anbietet.

Im Vorfeld des prominenten Besuchs wird vom 4. bis zum 10.4. im Programmkino Leopoldo Lugones des San Martín-Theaters (Av. Corrientes 1530) der Filmzyklus “Esperando a Tim Robbins” mit den vier wichtigsten Filmen des Schauspielers gezeigt. Am 9. April wird Tim Robbins persönlich eine Einführung in den von ihm geschriebenen und als Regisseur betreuten Film “Dead Man Walking” (hier: Mientras estés conmigo) geben (vor der Vorstellung um 21 Uhr).

Infos hier.

Die Ausgewogenheit von Form und Inhalt

Rafael Spregelburds “Apátrida” am Teatro El Extranjero

Von Mirka Borchardt


“Hört, ihr Sterblichen! Den geheiligten Ruf: Freiheit, Freiheit, Freiheit!” Die Melodie der argentinischen Nationalhymne zerreißt die erwartungsvolle Stille im Theatersaal. Feierlich, dramatisch, fast pathetisch. Doch plötzlich schreddert die Schallplatte vorne auf der Bühne, wird langsamer, die Melodie verzerrt sich. Ein unsichtbarer DJ versucht sich offensichtlich an einer neuen Hymnenversion, oder er ist von profaner Zerstörungswut getrieben. So programmatisch wie der erste Satz eines Romans ist der Beginn dieses Theaterstücks.

“Apátrida. Doscientos años y unos meses” spielt im Jahr 1891: In der Straße Florida findet eine Ausstellung statt, die – nach den Worten Eduardo Schiaffinos – zeigt, “dass auch Argentinien schon einige hervorragende Maler besitzt”. Schiaffino, der spätere Gründer des “Museo Nacional de Bellas Artes”, selbst mit eigenen Bildern in der Ausstellung vertreten, ist einer der größten Befürworter der Begründung einer “nationalen Kunst”. Der spanische Kunstkritiker Maximiliano Eugenio Auzón findet diese Idee schlicht lächerlich. “Argentinische Kunst wird es in 200 Jahren und ein paar Monaten geben!”, konstatiert er sarkastisch.

In einem Briefwechsel zwischen Künstler und Kritiker erhitzen sich die Gemüter. Ein immer polemischer werdender Streit entwickelt sich – nicht nur um die Frage nach der Rolle der nationalen Identität in der Kunst, sondern auch um die Frage nach staatlicher Unterstützung, die Schaffung eines Kunstmarktes, die Rolle von Kunstsammlern. “Die Kunst hat kein Vaterland!”, ruft Auzón voller Pathos. “Das ist eine leere Aussage”, erwidert Schiaffino trocken.

Auzón und Schiaffino, beide gespielt von Rafael Spregelburd – nebenbei auch Autor und Regisseur des Stückes, das gefördert wird vom Goethe-Institut, der Stiftung Pro Helvetia und der Schweizer Botschaft – liefern sich ein verbales Gefecht, das am Ende in einem bewaffneten endet. Begleitet von den experimentellen Tönen des Klangkünstlers Federico Zypce, duellieren sie sich am Weihnachtsmorgen 1891. Der eine wird später als Vater der argentinischen Nationalkunst bekannt sein, den anderen wird kein Mensch mehr kennen. “Kein Vaterland feiert seine Staatenlosen”, prophezeit Auzón.

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Kammermusik, Klezmer und Tango

12. AMIA-Kammermusik-Zyklus startet am 27. März

Von Sebastian Loschert

Eine große Befriedigung ist es für Prof. Moshé Korin, dem Leiter der Kulturabteilung der AMIA, dass der Kammermusik-Zyklus des jüdischen Zentrums in diesem Jahr bereits zum 12. Mal stattfinden kann – und inzwischen einen festen Platz im Kulturkalender der Stadt Buenos Aires einnimmt. Bis Ende November wird an zwölf Dienstagen wieder Musik auf höchstem Niveau zum Nulltarif angeboten. Entgegen dem Veranstaltungstitel nicht nur klassische Musik: Auch Klezmer, sephardische Musik und Tango finden sich im Programm.

Der Musikzyklus wurde 2001 aus der Taufe gehoben, inmitten und trotz der schwierigen wirtschaftlichen Lage, um dem Kulturzentrum nach dem Terrorangriff 1994 neben dem physischen Wiederaufbau auch seinen kulturellen Geist wiederzugeben. Korin betont das vereinigende Potenzial der “allgemeinen Sprache Musik”, die “für die argentinische Gesellschaft, die jüdische Gemeinschaft und für jedes Individuum wichtig” sei. Auch Mario Benzecry, der seit 2001 die künstlerische Leitung des Musikzyklus innehat, sagt: “Die beste Antwort auf Hass und Terrorismus ist Kultur.” Das Konzept, Musik auf höchstem Niveau komplett kostenlos anzubieten, soll auch dem “groben Fehler” entgegenwirken, zu meinen, dass klassische Musik nur etwas für Eliten sei.

Die vier Ausnahme-Musiker des “Cuarteto Petrus” um Violinist Pablo Saraví eröffnen am 27. März mit Kammermusik den Zyklus. Sie präsentieren sowohl frühe klassische wie aktuelle Stücke. Am 3. April lädt dann das Duo Griselda Giannini (Klarinette) und Daniela Salinas (Klavier) zu Kammermusik. Am 29. Mai bietet das Ensemble “Occursus” spanisch-mittelalterliche, genauer gesagt sephardische Musik. Auch Kleidung, Instrumente und Choreographie sollen der Epoche entsprechen. Am 12. Juni spielt und interpretiert die unter anderem in Freiburg ausgebildete argentinische Pianistin Augustina Herrera Kammermusik. Am 26. Juni präsentiert das Trio Estela Telerman (Klavier), Amalia del Giudice (Klarinette) und Silvina Martino (Sopran) Werke jüdischer Komponisten.

Das wohl bekannteste Klezmer-Duo Argentiniens, Lerner & Moguilevsky, rufen am 31. Juli die fröhlich-tragische Musik der osteuropäischen Schtetl in Erinnerung. Am 14. August tritt mit dem vielstimmigen argentinischen Blindenchor ein weltweit einzigartiges Projekt auf die Bühne, bevor am 28. August der preisgekrönte Bariton Victor Torres solo auftritt. Der 11. September ist für den Gewinner eines Wettbewerbs der Fundación Hebraica reserviert. Wie fast jedes Jahr ist auch der Nationale Kinderchor wieder dabei, dieses Jahr am 16. Oktober. Am 13. November tritt der renommierte Geiger Rafael Gintoli auf, am 27. November beschließt das 13-köpfige Tango-Orchester des universitären Kunstinstituts IUNA das Jahresprogramm.

Die Konzerte finden jeweils um 20 Uhr im Auditorium der AMIA, Pasteur 633, statt.

Foto:
Das renommierte Cuarteto Petrus eröffnet den Musikzyklus.

Ein Muss für alle Tanz- und Performance-Fans

“The Divine Comedy” von Luis Garay

Von Karlotta Bahnsen

Der Rockstar des zeitgenössischen Tanzes Luis Garay tobte sich einst (2008) an Dantes Göttlicher Komödie aus. Was dabei herauskam, spielt seit der Welle der Wiederaufnahmen nach der Sommerpause jetzt auf der Avenida Corrientes. Das Stück beschäftigt sich szenisch mit den zeitlichen Strukturen des Chaos und macht sich auf die Suche nach neuen Ausdrucksformen. Der Sound ist dabei essentieller Bestandteil sowie Experimentiergebiet und vermisst die Möglichkeiten des Klangs von Beatbox über Gitarrenrock bis zum bloßen und rohen Schrei. Dabei kommt die Situationskomik nicht zu kurz, bleibt aber unprätentiös im Hintergrund. Alles, was wirklich gesagt werden muss, entsteht durch die Körper im Raum. Für alle Performance-Begeisterten und Fans des zeitgenössischen Tanzes der Megacity ein absolutes Muss zum Einläuten der Saison.