Historisches Baudenkmal in Gefahr

Marcel Breuers “Parador Ariston Café” in Mar del Plata

Von Philip Norten


1947 kam der damals schon bekannte Bauhaus-Architekt Marcel Breuer (1902-1981) auf Einladung der UBA nach Argentinien, um ein achtwöchiges Seminar an der Architekturfakultät zu veranstalten. Breuer war damals schon eine Größe für Architekten aus aller Welt. Aus einer jüdischen Familie stammend und in Pécs (Ungarn) geboren, wechselte er nach wenigen Wochen des Studiums an der Kunstakademie Wien an das damals neugegründete Bauhaus in Weimar. Dort begann er zunächst eine Tischlerlehre. Seine damals geweckte Leidenschaft für das Möbeldesign kann man in seinen ikonischen Möbelentwürfen (z.B. den berühmten Freischwingern und Stahlrohrmöbel) wiedererkennen.

Noch in Weimar wurde Breuer Mitarbeiter in Walter Gropius’ Architekturbüro. Obwohl er nie eine klassische Architektenausbildung erhielt, die am Bauhaus nicht vorgesehen war, wurde er zu einem der berühmtesten Vertreter der Bauhaus-Architektur. 1933 musste Breuer wegen seiner jüdischen Herkunft Deutschland verlassen. Er emigrierte 1937 in die Vereinigten Staaten, wo er gemeinsam mit Walter Gropius die Architekturfakultät der Harvard University aufbaute und auch ein Architekturbüro betrieb. Später gründete er sein eigenes Büro und widmete sich fast ausschließlich der Bautätigkeit. Er starb 1981 in New York.

Während Breuers Aufenthalt in Argentinien entstand zwischen August und September 1947, in Zusammenarbeit mit den argentinischen Architekten Carlos Coire und Eduardo Catalano, das “Parador Ariston Café”. Am Playa Serena an der Provinzstraße Nº 11 nach Miramar gelegen, wurde das Ariston Café als Restaurant, Club und Veranstaltungsort konzipiert. Im Erdgeschoss befanden sich der Empfangsraum, Toiletten und die Küche, und im Obergeschoss der Salon, eine Bar und die Tanzfläche.

Die Umgebung war damals noch nicht bebaut und die einzigartige Kleeblattform des Grundrisses mit dem umlaufenden Fensterband ermöglichte eine ungestörte Aussicht auf Meer und Dünen. Das gesamte Gebäude beruht auf einer Stahlbetonstruktur – ein Charakteristikum der modernen Architektur. Diese ermöglicht es, die tragenden Elemente eines Baus nach Innen zu verlagern und die Fassaden so fast vollständig zu verglasen. So beruht die Struktur des Ariston Cafés auf vier Pfeilern des Erdgeschosses, die nicht nur die umlaufenden Fensterbänder der beiden Geschosse bedingen, sondern es den Architekten auch erlaubten, das Obergeschoss weit hervorkragen zu lassen. Erst so wurde die charakteristische organische Kleeblattform des Gebäudes möglich.

Heute befindet sich das Gebäude in einem schlechten Zustand, da es bereits seit mehreren Jahren leersteht. Grundstück und Gebäude befinden sich weiterhin in Privatbesitz, wodurch die nötige Restaurierung und Wiederbelebung erschwert wird. Seitens von Architekten und Anwohnern gibt es Bemühungen, das Gebäude unter Denkmalschutz zu stellen. Als Gründe werden nicht nur die internationale Bedeutung Breuers, sondern auch der innovative Einsatz der Baumaterialien, der die charakteristische Kleeblattform des Cafés ermöglicht hat, aufgeführt. Das “Parador Ariston Café” hätte diesen Denkmalstatus wahrlich verdient, denn es ist eine der wenigen Architektur-Ikonen der internationalen Moderne in Argentinien.

Fotos von oben nach unten:

Original und Zustand 2004.

Kolumbus am Boden

Cristina Kirchner ignoriert Proteste und lässt das Denkmal abmontieren

Von Marcus Christoph


Im Streit um das Kolumbus-Denkmal hinter der Casa Rosada hat die Nationalregierung am vergangenen Wochenende Fakten geschaffen. Mit zwei Kränen ließ sie die Statue zu Ehren des Amerika-Entdeckers abmontieren. Statt auf seinem 19 Meter hohen Sockel lagert das Steinmonument nun auf dem Boden im abgesperrten rückwärtigen Bereich des Präsidentenpalastes.

Dabei hatte das nationale Verwaltungsgericht erst wenige Wochen zuvor bestimmt, dass jedwede Handlung zu unterlassen sei, die einen Abtransport des Denkmals implizieren könnte. Die Empörung von Bürgeraktivisten sowie der Stadtregierung über die Maßnahme der Kirchner-Regierung war entsprechend groß. Die Stadtverwaltung sprach von einem “unglaublichen” Vorgang und verwies auf den erwähnten Richterspruch. Die Nationalregierung suche anscheinend den Konflikt um des Konfliktes willen. Die Stadt kündigte juristische Schritte an.

Um dem von Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner angestrebten Transport des Denkmals nach Mar del Plata vorzubeugen, stellte die Stadtverwaltung Wachen an den Zugängen zu dem Areal hinter der Casa Rosada auf. Seitens der Nationalregierung hieß es, die aktuelle Maßnahme sei erfolgt, um das Denkmal zu restaurieren. Anschließend könne es auch wieder auf seinen angestammten Sockel zurückgestellt werden, so der zuständige Ingenieur Juan Arriegue. Experten bezweifeln indes, dass das Denkmal für Sanierungsarbeiten tatsächlich auf den Boden hätte befördert werden müssen.

Geht es nach dem Willen der Präsidentin, soll das Kolumbus-Denkmal bald einer Statue zu Ehren der lateinamerikanischen Freiheitskämpferin Juana Azurduy weichen. Die in Sucre im heutigen Bolivien geborene Mestizin nahm an den Kämpfen gegen die spanische Kolonialmacht teil. Das Denkmal zu ihren Ehren wird finanziell von der bolivianischen Regierung unterstützt.

Der Staatschefin hat die jüngste Abrissaktion nun eine Strafanzeige eingebracht. Diese reichte der Anwalt Mariano Julio Aguilar im Auftrag von Umweltschützern beim Bundesgericht Comodoro Py ein. Die Vorwürfe: Verletzung der Dienstpflicht und Nichtbeachtung eines richterlichen Beschlusses.

Foto:
Das Kolumbus-Denkmal liegt nun auf dem Boden im abgesperrten rückwärtigen Bereich des Präsidentenpalastes.

Die Geschichten der Geschichte

Der lange Weg zur Aufklärung

Von Friedbert W. Böhm

Der Mensch ist ein reichlich unvollkommenes Wesen. Er ist nicht besonders kräftig, hat keine natürlichen Waffen, sieht schlechter als die Katze, riecht schlechter als der Hund, hört schlechter als der Fuchs; jeder Hase läuft ihm davon. Weder besitzt er ein Radar wie die Fledermaus, noch einen Elektrizitätsdetektor wie der Hai, noch kann er, wie der Zitteraal, elektrische Schläge austeilen. Etwas höhere oder tiefere Töne als die seines eigenen Geschreis kann er nicht vernehmen, geschweige denn ultraviolettes Licht sehen oder Röntgenstrahlen fühlen.

Dafür hat ihn die Entwicklung mit einem etwas leistungsfähigeren Großhirn als andere Tiere ausgestattet und mit einem Kehlkopf, der ihm erlaubt, sich mit auditiven Signalen gegenseitig besser als jene zu verständigen. Bei der Interpretation seiner Umwelt ist er so nicht mehr allein auf seine eigenen Wahrnehmungen angewiesen. Er kann Erfahrungen austauschen. Fremde Erfahrungen sind Wahrnehmungen aus zweiter Hand. Der Mensch weiß, dass diese nicht unbedingt Wahrheiten zu sein brauchen. Wie alle Lebewesen ist der Mensch jedoch geneigt, den Weg des geringsten Widerstands zu gehen. Ernimmt gern fremde Erfahrungen als Wahrheiten an, wenn sie ihn eigenen mühsamen Nachdenkens entheben und ihm wohlige Ruhe und Sicherheit versprechen. Deshalb liebt der Mensch Geschichten.

Sein Großhirn zwingt den Menschen, für alle Vorkommnisse, vor allem die ihn betreffenden, eine Erklärung zu suchen. Im Gegensatz zu anderen Tieren (das wissen wir nicht so genau, aber wir nehmen es an) ist der Mensch befähigt, in seine Erklärungsmodelle auch Vergangenheit und Zukunft einzubeziehen. Was heute unwahrscheinlich oder unangenehm ist, kann früher oder später Tatsache oder erfreulich gewesen sein oder werden. Dies macht manche Geschichten so attraktiv.

Als wir noch Mammuts jagten, gab es wenige Vorkommnisse, die uns mehr Furcht einjagten als ein Gewitter. Der Platzregen konnte unsere Wohnstatt mit Kindern und Vorräten unter Wasser setzen, aber viel bedrohlicher waren der Blitz – er hatte schon mal jemanden erschlagen – und der darauf folgende, alle sonst bekannten Geräusche übertönende,Donner. Wir hatten keine Ahnung, wie der furchterregende Donner entstand. Da wir, die wir selber ständig Dinge schufen – Faustkeile, Schlafunterlagen, Höhlenzeichnungen, wütendes Gebrüll – uns nicht vorstellen konnten, dass es etwas gäbe, das nicht geschaffen worden wäre, schien es uns eingängig, einen Schöpfer als Urheber des Donners anzunehmen. Zweifelsohne musste dieser sehr mächtig sein. Wer konnte ausschließen, dass er nicht noch hinter vielen anderen Vorkommnissen, Erscheinungen, Dingen stand? Es war wohl tunlich, gut mit ihm zu stehen. Vielleicht ließ er sich durch Wohlverhalten und Opfer zur Milde stimmen. Wir waren begierig, Geschichten über die Herkunft des Donners zu hören und zu glauben.

Es gab zahlreiche solcher Geschichten. Überall im indogermanischen Raum, von den Tataren bis zu den Germanen, thronte im oder über dem Götterhimmel einer, der, wenn ihm etwas missfiel, mit harten Gegenständen die Erde bombardierte und es so donnern ließ. Bei Zeus und Jupiter waren es Keulen, beim vedischen Indra Felsbrocken und bei unserem Thor oder Donar war es der Hammer. Wir gedenken des Letzteren heute noch durch den Namen eines Wochentags, obwohl seine Geschichte weitgehend in Vergessenheit geraten ist.

Allerdings werden Geschichten eher aktualisiert als vergessen. Da ist etwa die von Gilgamesch, einem zum König gewordenen Halbgott, der vor beinahe fünf Jahrtausenden die Sumerer regiert haben soll und dessen Geschichte unzähligen mesopotamischen Generationen erzählt wurde. Dort ist die Rede von einer Sintflut, der die Menschen entgingen, weil ihr Gott sie gewarnt und ihnen den Bau einer Arche befohlen hatte. Brave Mesopotamier landeten damals nach dem Tod im „Land der Seligen“, dem Paradies.

Der Kern dieser Geschichte wird heute noch von Milliarden Menschen geglaubt. Sie wanderte nämlich – einer anderen Geschichte zufolge – vor etwa dreitausend Jahren mit einem gewissen Abram oder Abraham von Ur in Chaldä über die heutige Türkei nach Palästina. Diesem Abraham, der mit Hundert einen Sohn gezeugt und dann noch fünfunddreißig Jahre gelebt haben soll, hatte sein Gott eine Nachkommenschaft so zahlreich wie die Sandkörner am Meer angekündigt. Um ihn und seine Kindeskinder rankte sich die erweiterte Geschichte eines auserwählten Volkes. Es bereitete Mühe, dieses Volk bei der Stange von Abrahams Geschichte zu halten, da es ab und zu in die Fremde vertrieben wurde und immer wieder Gefahr lief, die Geschichten anderer Völker zu glauben.

Eine Zeitlang etwa lebte es in Ägypten. Manche behaupten, es sei gerade in der Regierungszeit des Pharaos Echnaton gewesen, der just mit seinem Gott Aton den Monotheismus eingeleitet hatte. Da traf Echnatons Geschichte mit der von Abraham erneuerten und erweiterten Gilgameschs auf glückliche Weise zusammen. Nach langem, mühsamem Marsch und einer dank Moses’ Gesetzestafeln glücklich widerstandenen letzten Versuchung durch das Goldene Kalb kehrte Abrahams Volk schließlich nach Palästina zurück. Dort pflegte es seine Geschichte der Auserwähltheit durch einen einzigen Gott Jahrhunderte hindurch trotz neuer Vertreibungen und ständiger Anfeindungen seitens der Nachbarn.

Wenn die Lebensumstände sich ändern, kann jedoch die beste Geschichte schal werden. Irgendwann wurde das auserwählte Volk von einem überaus mächtigen Imperium besetzt, dem Macht und Rechtsordnung wichtiger waren als alle Geschichten. Sklaven waren in jener Ordnung keine Menschen, sondern Dinge. Dies widersprach jedem Anschein sowie dem Interesse der Ärmeren im auserwählten Volk. Eine neue Idee gewann Verfechter und Anhänger: Sollte es nicht erfreulich und gerecht sein, als Mensch anerkannt zu werden, möglicherweise selbst unter Aufgabe des Privilegs, einem auserwählten Volk anzugehören? Einer der Sektierer, Sohn Gottes, wie er sagte, versprach, die Güte seines Vaters Allen zukommen zu lassen, nicht nur den Auserwählten. Seine neue Geschichte wurde natürlich nicht akzeptiert von den Verfechtern der alten, weshalb er am Kreuz endete.

Seine Geschichte aber überlebte. Nicht in seinem Volk, das kurz darauf in alle Welt verstreut wurde und dennoch seine eigene, frühere Geschichte beharrlich verteidigte. Im Imperium jedoch, das voll von rechtlosen Sklaven war, und darüber hinaus, trat seine Geschichte (welche die des Echnaton, des Abraham und des Gilgamesch beinhaltete) einen kaum glaublichen Siegeszug an. In einem halben Jahrtausend verwandelte sie sich in eine unwidersprechbare Weltsicht für den größten Teil der westlichen Welt.

Solche von vielen Millionen der unterschiedlichsten Kulturen geteilten Megageschichten unterliegen natürlich ständigen Abweichungen. Die Araber etwa, als Abrahams Abkömmlinge Vettern des auserwählten Volkes, hatten wenig gegen dessen und Echnatons (oder Moses’) Teil der Megageschichte einzuwenden. Als potente Miterben des Römischen Imperiums benötigten sie jedoch eine Rechtfertigung für ihre Eroberungen, eine eigene Geschichte. Diese wiederum teilte sich nach dem Tod des Propheten in zwei, dann mehrere Untergeschichten und eine kaum übersehbare Zahl von Interpretationen. Alle scheinen überzeugte, manche sogar fanatische Gläubige gefunden zu haben.

Der im nichtarabischen Raum der westlichen Welt verbliebene Teil der Megageschichte teilte sich ebenfalls, schon vor Verfall des Imperiums, in eine östliche und eine westliche Version, über deren jeweilige Geschichten weidlich gestritten werden musste. Im westlichen Teil war dann einige Jahrhunderte relative Ruhe. Als dort dann aber zunehmend Missbehagen entstand über gewisse autoritäre Verhaltensweisen der Obrigkeit, die zu sehr an Praktiken des antiken Imperiums erinnerten, protestierte ein Teil der Gläubigen und ersann neue Geschichten, die unter allerhand Blutvergießen verbreitet wurden. Bei den Protestanten gibt es heute in manchen Gegenden eine eigene Geschichte für beinahe jede Kapelle.

In der Renaissance erinnerte man sich wieder an die Antike. Hervorgekramt wurden nicht nur alte Mosaiken und Skulpturen, sondern auch die Geschichten der Philosophen. Bei Aristoteles entdeckte man unter Anderem, dass er die Spinnenbeine falsch gezählt hatte (8 statt 6), aber auch, und vor allem, dass Geschichten durch wissenschaftliche Forschung wesentlich glaubwürdiger gemacht werden konnten. Forschen bedeutet hingucken, nachdenken und beweisen.

Auf diese Weise entdeckte Kepler, dass Ptolomäus’ Geschichte von der Erde als Mittelpunkt des Weltalls mit der Wirklichkeit nichts zu tun hatte. Galilei bestätigte dies per Fernrohr. Ab Descartes und Newton explodierten die Naturwissenschaften. Kant, Lessing, Adam Smith, Ricardo und andere versuchten, auch menschliches Verhalten wissenschaftlich begreifbar und damit steuerbar zu machen. Darwin begründete eine Verwirklichung der Schöpfungsgeschichte, die wohl selbst nach Entschlüsselung des menschlichen Genoms noch nicht abgeschlossen ist.

Das Zeitalter der Aufklärung drohte damit, die alten Geschichten endlich ad acta zu legen. Das war aber nicht im Sinne der Erzähler und Wahrer jener Geschichten. Und auch nicht im Sinne von uns Menschen, weil wir uns ja lieber etwas Genehmes, Beruhigendes erzählen lassen als genau hinzugucken und nachzudenken. So kann es eigentlich nicht erstaunen, dass die alten Geschichten fröhlich weiterlebten. Was sich geändert hatte, war, dass sie sich jetzt gern mit einem wissenschaftlichen Firnis umgaben.

Die Industrialisierung hatte, vornehmlich in England, die Gesellschaft umgekrempelt. Der Überschuss an zweiten und weiteren Söhnen in Landwirtschaft, Adel und Militär arbeitete nun unter mäßigen bis miserablen Bedingungen in den Fabriken und Kontoren relativ weniger reicher Industrieller. Da die alten Geschichten nicht ausreichten, das Missbehagen hierüber ganz zu beschwichtigen, entstand eine neue. Die des Neuen Menschen, der seinen Eigennutz endlich vergessen und der Gesellschaft nur so viel, wie er brauchte, abverlangen, ihr jedoch alles, was er konnte, geben würde.

Diese Geschichte begeisterte einen großen Teil der Menschheit. Sie stürzte zwei östliche Imperien, kostete unzähligen Millionen Menschen das Leben und verursachte einen jahrzehntelangen Kalten Krieg. Viele halten sie unverändert für das Nonplusultra der politischen Weisheit.

Etwa gleichzeitig mit jener, und ebenfalls auf angeblich wissenschaftlichem Fundament, fand eine Erzählung immer zahlreichere Anhänger, welche verschiedene Wertigkeiten der Menschen postulierte. Je heller, desto wertvoller, hieß die Aussage. Diese Geschichte schlug ein ganzes Volk, auch einige Nachbarn, in ihren Bann und löste den größten und grausamsten Krieg der Weltgeschichte aus mit wiederum zig Millionen Toten. Allerdings reichte dies bei Manchen nicht aus, die Geschichte aus dem Hinterkopf zu verbannen.

Immerhin scheinen vernünftig begründete Argumente sich schließlich mehr und mehr durchzusetzen. Angesichts Rohstoffverknappung, Verschmutzung von Erde, Wasser und Luft sowie des Ozonlochs und Klimawandels – sicht-, greif- und fühlbare Wirklichkeiten, die keiner Geschichte bedürfen – scheint der Mensch in der Aufklärung ankommen zu wollen.

Er muss sich jetzt nur noch der letzten Geschichte entledigen, der am Meisten geliebten und am Tiefsten verankerten. Sie ist womöglich noch älter als die des Gilgamesch.

Der Geschichte des unbegrenzten Wachstums.

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Als wir noch Mammuts jagten, stellten wir uns vor, dass ein mächtiger Schöpfer Urheber des Donners sein müsste.

Posse um Kolumbus-Denkmal

Widerstand gegen Abtransportpläne der Nationalregierung

Von Marcus Christoph

Es ist eine veritable Politposse, die sich gegenwärtig hinter dem Regierungspalast “Casa Rosada” in Buenos Aires abspielt. Die nationale Regierung ist fest entschlossen, das dort seit 92 Jahren stehende Kolumbus-Denkmal abzumontieren und es durch eine Statue zu Ehren der Freiheitskämpferin Juana Azurduy zu ersetzen. Die Stadtregierung ist strikt dagegen – genauso wie die hiesige italienische Gemeinschaft, die das Denkmal 1921 zu Ehren des aus Genua stammenden Seefahrers und Amerika-Entdeckers gestiftet hatte.

Zu einer ersten Zuspitzung kam es am 31. Mai, als Bauarbeiter im Auftrag der Nationalregierung anfangen wollten, das Denkmal für den Transport zu seinem neuen Bestimmungsort in Mar del Plata vorzubereiten. Städtische Funktionäre, Abgeordnete sowie Mitglieder von Nachbarschaftsinitiativen und italienischer Gemeinschaft versuchten, dies zu verhindern, und stießen mit den Sicherheitsleuten des Präsidentenpalastes zusammen.

“Wir wurden vom Militärpersonal der Casa Rosada übel behandelt und gewaltsam vertrieben”, beklagte sich Diego Santilli, der städtische Minister für öffentliche Räume. Er bezeichnete den Umzugsplan für das Denkmal als “Laune” von Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner. Zudem vertrat Santilli die Position, das Monument sei Eigentum der Stadt. Die Nationalregierung habe somit kein Recht, einseitig die Umsetzung anzuordnen.

Die Stadtregierung ist stattdessen der Meinung, dass ein solcher Schritt durch das städtische Parlament legitimiert sein müsste. Auch verwies sie darauf, dass das Grundstück, auf dem das Denkmal steht, ihr gehöre. Die Stadt wandte sich in letzter Minute an die Justiz, die durch einstweilige Verfügung die Abbauarbeiten stoppte. Die Entscheidung fällte Richterin Claudia Rodríguez Vidal, die bereits vor drei Jahren die Kirchner-Regierung verärgert hatte. Damals stoppte sie eine Notverordnung der Präsidentin zum Einsatz von Geldmitteln der Zentralbank zum Schuldendienst.

Am 3. Juni, dem Tag des italienischen Einwanderers, organisierte die italienische Gemeinschaft eine Demonstration zum Erhalt des Denkmals. Am Folgetag schaltete sich auch der italienische Botschafter in Buenos Aires, Guido La Tella, in den Konflikt ein. Der Diplomat ersuchte um ein Treffen mit Präsidentin Kirchner, um diese zu bitten, von dem geplanten Abtransport des Denkmals abzusehen.

Der Streit erfolgt ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, wo in Buenos Aires das Kulturprogramm Italienischer Sommer stattfindet und zahlreiche kulturelle Darbietungen von der Apenninenhalbinsel in der Stadt zu sehen sind.

Die Nationalregierung zeigte sich von den Protesten indes unbeeindruckt. So erklärte Präsidialamtsleiter Oscar Parrilli, dass man weiter an dem Plan festhalte, das Monument nach Mar del Plata zu verfrachten. Dort soll es auf dem Platz vor dem Hotel Provincial aufgestellt werden, wo bereits ein anderes Kolumbus-Denkmal steht.

Hinter der Casa Rosada will man statt des Entdeckers aus Europa lieber der Freiheitskämpferin Juana Azurduy gedenken. Die aus Sucre im heutigen Bolivien stammende Frau kämpfte an der Seite General San Martíns für die Unabhängigkeit der La-Plata-Provinzen von Spanien. Die bolivianische Regierung von Evo Morales unterstützt den Denkmalneubau mit einer Million US-Dollar. Parrilli wertete das Verhalten der Stadt als “Aktion gegen die Nationalregierung”. Auch sei es Anfang des vorigen Jahrhunderts nationales Recht gewesen, das die juristische Grundlage für den Denkmalbau gegeben habe.

Foto:
Am Kolumbus-Denkmal scheiden sich derzeit die Geister.
(Foto: Richie Diesterheft)

“El Siluetazo desde la mirada de Eduardo Gil”

Muestra en el Parque de la Memoria


“El Siluetazo desde la mirada de Eduardo Gil” es una muestra fotográfica que conmemora el 30 aniversario de una acción que articuló de manera emblemática el arte con una demanda social colectiva: la aparición con vida de miles de desaparecidos durante la última dictadura militar.

Ideado por los artistas visuales Rodolfo Aguerreberry, Julio Flores y Guillermo Kexel, quienes acercaron la propuesta a las Madres y Abuelas de Plaza de Mayo y otros organismos de derechos humanos, el “siluetazo” fue realizado pocos meses antes de que concluyera el régimen militar, el 21 de septiembre de 1983, en el marco de la III Marcha de la Resistencia.

Allí, los organizadores improvisaron un taller al aire libre y, usando plantillas, comenzaron a delinear -junto a cientos de manifestantes-, siluetas humanas sobre papeles, que luego pegaron verticalmente sobre las paredes de los edificios aledaños, otros carteles existentes, árboles, etc.

Si hoy, a treinta años del siluetazo es posible acceder a imágenes que habilitan el abordaje de este acontecimiento histórico es, en parte, gracias a la labor de artistas como Eduardo Gil, quien participó activamente de la acción, tanto política como artísticamente.

“Me preocupaba cómo resolver visualmente las imágenes que se generaban a mi alrededor”, recuerda Gil, “cómo plasmar en ellas la potencia de la fotografía para dar cuenta del entorno y la estética bressoniana con la que me identificaba en aquel momento, me pareció la herramienta ideal”.

La exposición de las imágenes tomadas por Gil en la Sala PAyS del Parque de la Memoria –Monumento a las Víctimas del Terrorismo de Estado propone reflexionar críticamente sobre una de las iniciativas estético-políticas más memorables de la historia argentina.

Informamos también que el día de la inauguración de la muestra, a las 17 horas, se realizará un recorrido guiado por la misma junto al artista y Ana Longoni, autora con Gustavo Bruzzone del libro “El siluetazo”.

Eduardo Gil nació en Buenos Aires, el 3 de febrero de 1948. Sus primeras obras fotográficas datan de 1979 y denotan una impronta fuertemente latinoamericanista. Desde comienzos de los años 80 se dedicó a la docencia y a colaborar de forma free-lance con medios de comunicación y agencias de prensa del país y del extranjero. Fue miembro fundador del NAF (Núcleo de Autores Fotográficos) junto con Hugo Gez, Oscar Pintor, Marcos López, entre otros, y expositor en decenas de encuentros de fotografía en todo el mundo. Hasta el momento expuso su obra personal en más de 200 muestras, tanto individuales como colectivas, en América Latina, Estados Unidos y Europa. Sus obras forman parte de acervos permanentes de museos e instituciones internacionales así como de importantes colecciones particulares. Actualmente vive y trabaja en Buenos Aires.

  • “El siluetazo desde la mirada de Eduardo Gil”, fotos.
  • Parque de la Memoria, Av. Costanera Norte, Rafael Obligado 6745 (adyacente a Ciudad Universitaria), Buenos Aires.
  • Lun-Vie 10-17, fines de semana y feriados 12-18 hs. Entrada libre y gratuita.
  • Inauguración: 18.05., 16 hs. Hasta 02.06.

Zwischen Perón und “Monty Python”

Im argentinischen Kongress sind zwölf verschiedene peronistische Strömungen vertreten

Von Marcus Christoph

Die britische Komikertruppe “Monty Python ließ einst in ihrem berühmten Satirefilm “Das Leben des Brian” die “Volksfront von Judäa”, die “Judäische Volksfront” und weitere Splittergruppen auftreten, die mehr gegeneinander kämpften als gegen die römischen Besetzer.

Wie eine Satirevorlage mutet mitunter auch die Zersplitterung des peronistischen Spektrums im argentinischen Kongress an: Nicht weniger als zwölf verschiedene Fraktionen, Gruppen oder auch Einzelkämpfer gebe es in den beiden Kammern der Legislative, wie die Zeitung “Clarín” aufzählte. Sie alle bezeichneten sich zwar als Peronisten, gingen aber jeweils ihre eigenen politischen Wege – mitunter in schroffer Ablehnung untereinander.

Den mit Abstand größten Block stellen diejenigen Peronisten dar, die die Regierung von Cristina Fernández de Kirchner unterstützen. Sie sind fraktionell in der “Front für den Sieg” organisiert. Doch schon deren Reihen sind nicht mehr so fest geschlossen. So zeigen die Abgeordneten, die dem Provinzgouverneur Daniel Scioli bzw. dem Gewerkschaftsboss Hugo Moyano nahestehen, deutliche Absetzungstendenzen.

Die Senatoren Carlos Menem und Carlos Reutemann repräsentieren jeweils eigene Zweige des Peronismus. In offener Opposition zur Regierung befinden sich die Peronisten, die dem Ex-Präsidenten Eduardo Duhalde zuzurechnen sind. Allen voran dessen Gefolgsmann, der Abgeordnete Carlos Brown. Dieser ist einer der Hauptakteure der “Peronistischen Front”, die der peronistischen Kirchner-Regierung besonders ablehnend gegenübersteht.

Gleiches gilt für die Lager des Abgeordneten Francisco De Narváez, des Córdoba-Gouverneurs José De la Sota, des Gewerkschafters “Momo” Venegas sowie der Gebrüder Alberto und Adolfo Rodríguez Saá. Als weitere Strömungen nennt der “Clarín” die Gefolgsleute des einstigen Kabinettschefs Sergio Massa. Hinzu kommt noch die Abgeordnete Silvia Majdalani, die von Hause aus ebenfalls Peronistin ist und für die Pro-Partei von Buenos-Aires-Bürgermeister Mauricio Macri im Parlament sitzt.

Alle erwähnten Richtungen sind im Abgeordnetenhaus oder im Senat vertreten. Mitunter, wie zuletzt bei der Debatte über die Justizreform, gibt es scharfe Auseinandersetzungen bis hin zu tumultartigen Szenen. “Monty Python” hätten ihre helle Freude…

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Bei der Debatte um die Justizreform Ende April kam es zu Tumulten. Hier versuchen die K-Peronisten Sandra Mendoza und Edgardo Depetri, ihren Fraktionschef Agustín Rossi zurückzuhalten. Zuvor wollte die oppositionelle Peronistin Graciela Camaño dem Parlamentspräsidenten Julián Domínguez das Mikro entreißen. Die Abgeordnete hatte bereits vor zweieinhalb Jahren den Regierungsperonisten Carlos Kunkel öffentlich geschlagen.

Die neue Waffe

Wirtschaftliche Stärke als Machtmittel

Von Friedbert W. Böhm

In einer Schweizer Bank erscheint ein Unbekannter mit einem Koffer. Nachdem er sich vorsichtig nach allen Richtungen umgesehen hat, fragt er flüsternd, ob man hier eine halbe Million deponieren könne. Darauf der Banker: “Sie können ruhig laut sprechen. Bei uns ist Armut keine Schande.”

Zuerst waren es Keulen, dann Flitzebögen, dann Armbrüste, Musketen, dann Kanonen, Interkontinentalraketen und Drohnen. Dagegen oder daneben wurde immer auch wirtschaftliche Stärke als Machtmittel eingesetzt. Wer Salzstraßen, die Wege der Seide oder der Gewürze kontrollierte, konnte sich Alliierte kaufen. Wer qua Sklavenarbeit oder Maschineneinsatz oder pfiffige Innovationen begehrte Produkte billiger als Andere vermarktete, hatte die Nase vorn im Wettbewerb der Gesellschaften. Er verdiente mehr Geld als Jene. Geld regiert die Welt.

Geld ist eine besondere Ware. Früher konnte man es sehen, klingen hören, anfassen, hineinbeißen, um zu fühlen, ob es echt war. Man lagerte es im Tresor, im eigenen oder dem der Bank. Die Bank wusste, wem es gehörte, und auch die Obrigkeit konnte es erforderlichenfalls erfahren. Dies galt auch noch, als das Geld seinen metallischen Charakter verloren hatte und, als bedrucktes Papier, zu einer sozusagen symbolischen Ware geworden war. Dann kam der Siegeszug der Elektronik. Die längst nicht mehr in Tresoren, sondern in Büchern gestapelte Ware Geld konnte nun in Sekundenbruchteilen von einem Buch ins andere transportiert werden.

Damit war Geld ein jederzeit universell einsetzbares Machtmittel geworden. Es fehlte aber noch etwas, um es zu einer Allzweckwaffe im Wettbewerb der Unternehmen und Nationen zu machen. Die beste Allzweckwaffe ist eine unsichtbare.

Die Sichtbarkeit von Geld ist theoretisch eingeschränkt. Das Bankgeheimnis schützt vor unberechtigter Einsicht Dritter in Bankkonten. Dennoch können Steuerbehörden und Staatsanwälte unter gewissen Voraussetzungen die Eigentümer ermitteln. Das können sie in anständigen Ländern, wo die Rechtssicherheit eine gewisse Transparenz voraussetzt. Solche Länder sind im Allgemeinen auch bereit, gegenüber den Heimatländern ausländischer Bankkunden in Kriminalfällen das Bankgeheimnis – wenn auch widerwillig – etwas zu lüften.

Es gibt aber auch andere Länder oder Rechtsbezirke. Dort lebt man davon, Geldeigentümer zu verstecken. Das mag in etlichen Fällen moralische Berechtigung besitzen, etwa wenn es darum geht, die Ersparnisse ausländischer Kunden davor zu schützen, von einer autoritären, böswilligen heimatlichen Regierung geschmälert oder gar enteignet zu werden, wie es in Nazideutschland der Fall war und mancherorts heute noch ist. In solchen “Steueroasen” werden Gelderträge kaum oder nicht besteuert. Man kann sich hinter Nummerkonten verstecken, hinter Strohmännern oder anonymen Gesellschaften mit wohlklingenden Namen. Anwälte und Buchhalter dort sind seit Generationen darauf spezialisiert, Geld unsichtbar zu machen.

Davon profitieren nicht nur zu Hause von Enteignung bedrohte brave Sparer. Erheblich größere Umsätze werden von Steuerhinterziehern jeglicher Provenienz getätigt; die Finanzminister der Kernländer können ein Lied davon singen. Und dann eignet sich das System vorzüglich zur Weißwaschung hoch krimineller Gewinne der Mafia, des Drogen- und Menschenhandels. Selbst renommierte internationale Unternehmen benutzen es nachweislich, um schwarzes Geld zu schaffen und zu bewegen, das sie benötigen, um bei korrupten Auftraggebern anzukommen.

Aus seinen möglicherweise ethisch gerechtfertigten Anfängen entwickelte sich das System zunächst in ein augenzwinkernd geduldetes Versteck für Begeher von “Kavaliersdelikten”. Im Zuge der weltweit ungezügelten Geldschöpfung der jüngsten Vergangenheit, der Globalisierung sowie der rasenden Beschleunigung der Geldbewegung jedoch begann es, ein immer bedeutenderer Teil der internationalen Finanzwirtschaft zu werden.

Die Geschäfts- und Investmentbanken – ja, auch staatliche – hatten nun riesiges Interesse, an die im immer tiefer grauen Bereich sich tummelnden Gelder heranzukommen. Sie gründeten Filialen oder Tochtergesellschaften in solchen Steueroasen. Sie verbandelten sich mit den dortigen professionellen Vertuschern und zeigten in vielen Fällen ihren Kunden Wege zum Versteck. Die dort eingehenden Beträge landeten natürlich in den Bankzentralen und dienten dort – na ja, in vielen Fällen zur Finanzierung gerade jener Länder, an denen sie vorbeigegangen waren. Inzwischen machen die namenlosen Gelder einen wesentlichen Teil der in den Weltfinanzzentren verwalteten privaten Einlagen aus. Niemand kennt den genauen Betrag. Er wird aber auf über US$ 20 Billionen (Millionen von Millionen) geschätzt.

Längst führt er in die Irre, der Ausdruck “Steueroase”. Die Inselchen in der Karibik oder im Kanal oder die Zwergstaaten im Gebirge – es gibt heute nahezu 100 davon – sind nur die Peripherie des Systems, die Greifarme der Polypen. Ihre dort gesammelten Gelder landen im Herzen der Finanzwirtschaft, in erster Linie in London und New York.

Man fragt sich, wie die Politik solche Zustände tolerieren kann. Hier muss man vor Augen haben, dass die traditionellen Industrieländer in der Realwirtschaft längst nicht mehr konkurrieren können mit den asiatischen Riesen und den neuen Schwellenländern. Diese Waffe ist stumpf. Da sich zu Wahrung und Mehrung von Ruf und Wohlstand auch der Einsatz materieller Waffen glücklicherweise verbietet, bleibt nur der Einsatz der Finanzhoheit.

Die weltweiten Finanzströme werden immer noch weit überwiegend in US$ abgewickelt. Auf solche Transaktionen sind seit Menschengedenken die westlichen Metropolen spezialisiert, wie gesagt, hauptsächlich London und New York. Dort kreuzen sich die globalen Zahlungen, landen die Überschüsse der Exportländer, werden die Beträge für weltweite Megafinanzierungen gebündelt. Dort sitzen auch die größten Investmentbanken und –fonds, Devisen- und Derivatehändler sowie die erfahrensten Wirtschaftsberater und –anwälte. Ihre Tätigkeit schafft eine Großzahl von gut bezahlten Arbeitsplätzen und ihre Steuern befeuern die nationalen Haushalte. Im Falle von Großbritannien steht die Finanzwirtschaft für über ein Zehntel des Sozialprodukts.

Wen wundert’s, dass man eine solche Waffe im internationalen Wettbewerb nicht aus der Hand geben will? So haben die Politiker der Westlichen Welt zwei Jahrzehnte lang die schwindelerregende Entwicklung ihrer Finanzsektoren nicht nur mit freundlicher Toleranz begleitet, sondern zielstrebig forciert. Alte weise Beschränkungen der Finanzwirtschaft wurden verwässert oder aufgehoben, in der Gesetzgebung dem Lobbyismus ein weites Tor geöffnet und die Kontrollen des Sektors mit der Linken gehandhabt.

Seit Lehman Bros. versucht man nun gegenzusteuern. Besonders aus dem finanziell gebeutelten Euroland sind Initiativen zur Bändigung des Finanzsektors gekommen und teilweise umgesetzt worden. Neuerdings stehen eine allgemeine Transaktionssteuer an und, endlich, eine Zähmung des “Steueroasen”-Systems. Euroland ist aber nicht das Herz der Weltfinanzwirtschaft.

Wird jenes sich die letzte Waffe zur Verteidigung seines Wohlstands sowie der Westlichen Vorherrschaft aus der Hand schlagen lassen? Wäre das überhaupt wünschenswert? Oder nachhaltig erfolgversprechend?

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Früher konnte man hineinbeißen: Goldmünze aus Indien.

Deutscher Besuch auf der Buchmesse

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Raul Zelik auf der 39. Internationalen Buchmesse von Buenos Aires

Der deutsche Schriftsteller und Sozialwissenschaftler Raul Zelik wird auf der 39. Internationalen Buchmesse in Buenos Aires zu Gast sein. Auf Einladung des Goethe-Instituts und der Frankfurter Buchmesse wird Zelik mit der argentinischen Autorin und Sozialwissenschaftlerin Maristella Svampa über politische Aspekte in ihren literarischen Texten und über die Fiktion, die die Literatur aus dringenden Konflikten der Gegenwart macht, diskutieren. Das von Gabriela Massuh moderierte Gespräch findet in spanischer Sprache am Sonntag, dem 28. April, um 17.30 Uhr, im Adolfo Bioy Casares-Saal des “Pabellón Blanco” des Messegeländes “Rural” statt. Der Eintritt zur Veranstaltung ist frei. (Informationen zu den Eintrittskarten zur Buchmesse hier.)

Am Donnerstag, dem 2. Mai, um 17.30 Uhr, nimmt Raul Zelik an der Gesprächsrunde “La filosofía como herramienta, acá y allá” (Philosophie als Werkzeug, hier und dort) teil, diesmal im Domingo Faustino Sarmiento-Saal auf dem Messeglände.

Außerhalb der Messe stellt Raul Zelik am Dienstag, dem 30. April, um 19.30 Uhr die argentinische Ausgabe seines Buches “Berliner Verhältnisse” (Situaciones berlinesas, Cruce Casa Editora) im Dialog mit dem Schriftsteller Ariel Magnus vor. Die Veranstaltung findet im Café Varela Varelita, Scalabrini Ortiz, Ecke Paraguay statt; der Eintritt ist frei.

Die argentinische Autorin Svampa und Raul Zelik haben gemeinsam, dass sie beide als Vertreter des fortschrittlichsten sozialpolitischen Denkens der Gegenwart gelten, jenes Denkens, das auf rhetorische Formeln verzichtet, um sich aktiv sozial und politisch zu engagieren. Beide schreiben außerdem Bücher, die sie als Autoren politischer Romane auszeichnen, in der Gegenwartsliteratur zurzeit eher etwas Seltenes.

Raul Zelik (München, 1968, Schriftsteller, Übersetzer und Sozialwissenschaftler) ist einer der wenigen deutschen Autoren, die in ihren Romanen politische Themen reflektieren. Der Konflikt im Baskenland, Hausbesetzungen und Supermarktplünderungen Anfang der 80er Jahre in Deutschland, rumänische Immigration in Berlin oder die Verfolgung von politischen Flüchtlingen, die Asyl suchen, sind nur einige der Themen, die in seinen Romanen wiederzufinden sind. Fließend bewegt sich sein Diskurs zwischen Literatur und Sozialwissenschaften. Er schlägt Brücken zwischen Europa und Lateinamerika und schafft auf diese Weise Verbindungen zwischen Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebensrealitäten.

Als Lateinamerika-Experte beobachtet und analysiert Zelik seit Jahren die politischen Entwicklungen auf dem südamerikanischen Kontinent. In seinen Arbeiten untersucht er die Gültigkeit und Anwendbarkeit verschiedener europäisch geprägter Theorien auf bestimmte dortige Phänomene und kommt dabei immer wieder zu überraschenden Schlüssen. Unter anderem befasste er sich mit der Analyse und den Widersprüchen von Begriffen wie dem “Sozialismus des 21. Jahrhunderts”. Weitere Ergebnisse seiner Lateinamerikareisen sind z.B. sein politisch-literarisches Tagebuch “made in venezuela. notizen über die bolivarianische revolution” (2004) und der Roman “La Negra” (2000). Sein Roman “Berliner Verhältnisse” (2005) wurde für den Deutschen Buchpreis nominiert und “Der bewaffnete Freund” (2007) erfuhr ebenfalls eine sehr positive Resonanz.

Sein letzter Roman “Der Eindringling” (Suhrkamp 2012), der noch nicht ins Spanische übersetzt wurde, nimmt den gleichen Titel des französischen Philosophen Jean-Luc Nancy als Ausganspunkt, um die Auseinandersetzung eines Sohnes mit der Geschichte seines Vaters zu erzählen. Fil, der Vater, verließ die Familie, um sich seinem Dasein als radikaler Politaktivist zu widmen. Daniel, der Sohn, wuchs bei der Mutter und ihrem späteren Freund auf und kennt seinen leiblichen Vater eher als Gerücht. Als der unbekannte Vater wegen einer schweren Lungenfibrose künstlich ins Koma versetzt wird und auf eine Transplantation wartet, nähert sich Daniel ihm zwangsläufig an.

Seit 2010 ist Raul Zelik Professor für Politik an der Nationaluniversität Kolumbiens. Besonders nennenswerte Sachbücher Zeliks sind “Die Vermessung der Utopie” (2009), “Ein Gespräch mit Elmar Altvater über die Mythen des Kapitalismus und die kommende Gesellschaft” sowie “Nach dem Kapitalismus? Perspektiven der Empanzipation oder: Das Projekt Communismus anders denken” (2011). Weitere Informationen hier.

  • Veranstaltung: 39. Internationale Buchmesse von Buenos Aires
  • Dauer: 25. April bis 13. Mai 2013
  • Öffnungzeiten: Mo-Do 14-21, Fr 14-22, Sa 13-22, So 13-21 Uhr
  • Ausnahme: 1.5., 13-21 Uhr
  • Eintritt: Mo-Do 20 Pesos; Fr, Sa, So, feiertags 30 Pesos
  • Gratis: Kinder unter 12, Behinderte, Schulklassen (nach Anmeldung)
  • Gratis Mo-Fr (außer 1.5.): Rentner, Dozenten
  • Adresse: Messegelände La Rural, Plaza Italia, Palermo, Buenos Aires
  • Internet

Visita de Alemania en la Feria del Libro

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Charlas con el escritor e investigador alemán Raul Zelik

El escritor e investigador alemán Raul Zelik estará presente en la 39ª Feria Internacional del Libro de Buenos Aires invitado por el Goethe-Institut y la Feria del Libro de Frankfurt. En una charla moderada por Gabriela Massuh, Zelik dialogará con la autora e investigadora argentina Maristella Svampa sobre la impronta política en sus respectivas escrituras y sobre la ficción que hace literatura con los conflictos urgentes del presente.
(En castellano. Hoy, Domingo 28 de abril, a las 17.30 horas. Sala Adolfo Bioy Casares, Pabellón Blanco. Actividad gratuita. Sólo deberá abonarse el ingreso a la Feria del Libro.)

Además, Raul Zelik participará de la charla “La filosofía como herramienta, acá y allá” el jueves 2 de mayo a las 17.30 horas en la sala DFS Sarmiento del predio ferial.

Fuera de la Feria del Libro, Zelik presentará la edición argentina de su novela Situaciones berlinesas (Cruce Casa Editora 2013, trad. Florencia Martin) en diálogo con el escritor Ariel Magnus.
(Martes 30 de abril a las 19.30 horas en el café Varela Varelita, Av. Scalabrini Ortiz 2100, esquina Paraguay, con entrada libre.)

El conflicto vasco, la ocupación de viviendas y el saqueo de supermercados en la Alemania de los 80, la inmigración rumana en Berlín, la persecución de asilados políticos: son sólo algunos de los temas que atraviesan las novelas de Raul Zelik (Munich, 1968). Escritor, traductor e investigador social, Zelik es uno de los pocos autores alemanes que reflexionan sobre temas políticos en su literatura de ficción. Estudioso empedernido de América Latina y figura central en el debate europeo-latinoamericano sobre las crisis de este siglo, los trabajos teóricos de Zelik indagan posibles estrategias de transformación poscapitalista y la aplicabilidad de la teoría política contemporánea a los procesos sociopolíticos de nuestro continente.

Entre otros temas, se ha ocupado de precisar conceptos como el llamado socialismo del siglo XXI, sus contradicciones con los movimientos indígenas y sociales, la distinción entre gobiernos de izquierda y política emancipatoria. Fruto de sus viajes a América Latina son, por ejemplo, sus crónicas político-literarias reunidas en el diario Venezuela más allá de Chávez (2004) y la novela La negra (2000). Su novela Situaciones berlinesas (Txalaparta, 2009 / cruce casa editora, 2013) estuvo nominada al Premio del Libro Alemán, el máximo galardón en lengua alemana, y también El amigo armado (2010) fue de lo más elogiada.

Su última novela Der Eindringling (El intruso, edition suhrkamp 2012, inédita en castellano) toma como punto de partida e inspiración el libro homónimo del filósofo francés Jean-Luc Nancy para narrar la atrapante historia de un hijo que busca reencontrarse con su padre ausente: un viejo activista político que ahora espera en coma un trasplante de corazón y pulmón.

Desde 2010, Zelik es Profesor de Ciencia Política en la Universidad Nacional de Colombia en Medellín; entre sus libros de ensayo se destacan Die Vermessung der Utopie (La medida de la utopía), un diálogo con Elmar Altvater sobre los mitos del capitalismo y la sociedad que viene; Nach dem Kapitalismus? Perspektiven der Emanzipation oder: Das Projekt Communismus anders denken (¿Después del capitalismo? Perspectivas de la emancipación o: repensar el proyecto Comunismo, 2011), y la compilación ¿Otros Mundos Posibles? Crisis, gobiernos progresistas, alternativas de sociedad (Creative Common License). Más aquí.

  • Evento: 39ª Feria Internacional del Libro de Buenos Aires
  • Duración: 25/04/2013 al 13/05/2013
  • Horarios: Lun-Jue 14-21, Vie 14-22, Sáb 13-22, Dom 13-21 hs
  • Excepción: 01/05/2013, 13-21 hs
  • Entrada: Lun-Jue $20; Vie, Sáb, Dom, feriados $30
  • Gratis para chicos menores de 12 años, acompañados por un adulto, y discapacitados
  • Gratis Lun-Vie (excepto 01/05) para jubilados y docentes
  • Dirección: La Rural, Plaza Italia, Palermo, Buenos Aires
  • Internet

“Lasst uns für eine Minute schweigen”

Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag des Aufstands im Warschauer Ghetto

Von Jana Münkel


Die vielen Sitzplätze im Gewölbefoyer des Holocaustmuseums reichen gar nicht aus, so viele Menschen sind am Dienstagabend gekommen, um gemeinsam den Opfern der Shoah zu gedenken. Vor allem ältere Besucher hat es zu der Veranstaltung gezogen. Leise, melancholische Flötentöne, gespielt von Liliana Iciksonas, bahnen sich ihren Weg durch das Stimmengewirr und sorgen für andächtige Ruhe. Nach der Begrüßung spricht David Galante. Er ist Auschwitzüberlebender, verlor bis auf einen seiner Brüder die gesamte Familie. Mit brüchiger Stimme spricht er von seinen Erlebnissen, von dem, was seine Augen niemals vergessen können, wie er sagt. “Und deshalb sind wir heute hier: Um zu erzählen, was wir erlebt haben.”

Im Fokus steht an diesem Abend der Jahrestag des Aufstands im Warschauer Ghetto, der sich am 19. April zum 70. Mal jährte. Die dort gefangenen Juden lehnten sich mit allem, was sie an Waffenähnlichem zur Verfügung hatten, gegen ihre Deportation auf. Als die Nazis in das Ghetto einmarschierten, wurden sie von jüdischen Widerstandskämpfern unter der Leitung von Mordecai Anielewicz angegriffen und aufgehalten. Etwa vier Wochen dauerten die erbitterten Kämpfe an. Um den Widerständlern sowie allen getöteten und überlebenden Juden zu gedenken, entzünden Persönlichkeiten aus dem jüdischen Leben in Argentinien sechs Kerzen an einem Leuchter. Gefolgt wird dieser symbolische Augenblick von einer Schweigeminute und einem gemeinsamen Gebet, ein bewegender Moment für alle Anwesenden.

In seiner anschließenden Rede erinnert der Rabbi und Rektor des lateinamerikanischen Rabbinerseminars Dr. Abraham Skorka an den “Horror der Shoah” und die “schreckliche Stille in Auschwitz”. Ein eindringliches Plädoyer für die gekonnte Balance zwischen Freiheit und Recht hält im Anschluss Dr. Luis Alberto Romero, Professor für Geschichte an der philosophischen und geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universidad de Buenos Aires: “Wenn das Gesetz bedroht ist, ist die Freiheit in Gefahr.”

Im Rahmen der Gedenkveranstaltung wird ebenso der neue Aufsichtsrat vorgestellt, der bis 2015 in dieser Zusammensetzung arbeiten wird. Unter mehrfachem Zwischenapplaus hält der neue Museumspräsident Claudio Avruj seine Antrittsrede. Feurig und überzeugend spricht er von der Wichtigkeit des Holocaustmuseums als Institution, die seit 20 Jahren einzigartig in Lateinamerika sei, und bedankt sich bei allen Unterstützern. Es sei zudem ein enormes Privileg, noch mit Überlebenden sprechen zu können.

Auch in Buenos Aires leben einige Zeitzeugen, die regelmäßig ihre Erlebnisse schildern, Avruj honoriert ihren Einsatz gegen das Vergessen. Er gedenkt vor allem der Märtyrer und Helden des Ghettoaufstands vor 70 Jahren und fordert dazu auf, sich nicht nur zu erinnern, sondern nach den Gründen der Shoah zu suchen. “Das Museum soll eine laute Stimme sein, die Geist und Verstand anregt, eine bessere Gesellschaft zu schaffen.”

Nach seiner Rede wird Avruj von vielen Seiten beglückwünscht. Zum Abschluss der Veranstaltung gibt es ein besonderes musikalisches Ereignis. Gemeinsam mit einer russischen Überlebenden singen alle Anwesenden die jiddische “Partisanenhymne”, die auch im Warschauer Ghetto oft zu hören war. Viele können auswendig aus voller Kehle mitsingen: “Dos lid geschribn is mit blut un nischt mit blej” – auch im Holocaustmuseum an diesem Dienstagabend hört man noch die Entschlossenheit heraus, die hinter diesem Vers steckt.

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Der neue Museumsdirektor Claudio Avruj bei seiner Ansprache.
(Foto: Jana Münkel)

Die Krise als Chance?

Deutscher Soziologe Ulrich Beck zu einem kosmopolitischen Europa

Von Jessica Steglich


Am Dienstagabend veranstaltete die Fundación OSDE in Zusammenarbeit mit der Universidad Nacional de San Martín und der Universidad Diego Portales de Chile im Sheraton Hotel in Buenos Aires eine Konferenz zum Thema “La Crisis de Europa”. Als Ehrengast und Hauptredner war der renommierte deutsche Soziologe Prof. Dr. Ulrich Beck geladen. Moderiert wurde die Veranstaltung von dem chilenischen Soziologen Ernesto Ottone. Beck, einer der meist zitierten Soziologen der heutigen Zeit, war bis 2009 Professor der Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, und ist seither unter anderem Gastprofessor an der London School of Economics and Political Science.

Im Verlauf des Abends erläuterte Professor Beck seinen soziologischen Ansatz im Kontext der aktuellen Krise in Europa. Seiner Ansicht nach erfordert die wissenschaftliche Diskussion über diese Thematik neue Kategorien des Denkens, da der Nationalstaat als Akteur zwar noch existiere, aber in der heutigen globalisierten, transnational gewordenen Welt einen Bedeutungsverlust erfahren habe. Er plädiert dafür, von einem “methodologischen Nationalismus” zu einem “methodologischen Kosmopolitismus” überzugehen. “Der Nationalismus ist heutzutage paradoxerweise zum Feind der Nationen geworden”, so Beck, und sieht die Lösung dieses Problems in einem “kosmopolitisierten Europa”.

Für Beck steht der Sinn eines geeinten Europas außer Zweifel. Anhand von vier entscheidenden Punkten legitimierte er das Weiterbestehen des Staatenverbandes.

Zum Ersten habe das vereinte Europa historisch gesehen erstmals dauerhaften Frieden nach Europa gebracht. Es verkörpere damit den Gedanken des “Nie wieder” seiner Gründerväter und sei auch ein Symbol für den jahrzehntelangen Wohlstand der europäischen Nationen.

Zweitens verhindere die Europäische Gemeinschaft den Bedeutungsverlust der Einzelstaaten. Diese seien in einer transnationalen, globalisierten Welt, dominiert von Wirtschaftsinteressen etablierter und aufsteigender Supermächte, keineswegs in der Lage, ihre Interessen im Alleingang durchzusetzen. Als Beispiel führt Beck das Szenario eines möglichen EU-Ausstiegs Großbritanniens an, der seiner Ansicht nach zum partiellen Verfall des Landes führen könnte. Während nämlich die Waliser und Schotten sich um eine weitere Mitgliedschaft bemühen würden, könnte England als regional isolierter Akteur starke Einbußen in seiner globalen Bedeutung erfahren, prophezeit Beck.

Ein weiterer Zweck der europäischen Union könne in der Neuerfindung der Moderne liegen. Das System des “selbstmörderischen Finanzkapitalismus”, so Beck, welcher sich von Europa aus über die ganze Welt ausgebreitet und verheerende Auswirkungen nach sich gezogen habe, müsse weiterentwickelt, sozusagen repariert werden. Diese Aufgabe könne Europa in Zusammenarbeit mit anderen Ländern und der internationalen Gemeinschaft angehen.

Der vierte mögliche Sinn einer europäischen Union könnte nach Beck die Neuinterpretation des Nationalismus-Begriffs sein. Entgegen der Angst vieler Einzelstaaten, Europa würde ihre nationale Autonomie und Autorität unterminieren, schlägt Beck vor, vom Gedanken eines einzigen “europäischen Demos” abzurücken. Vielmehr könne die Vorstellung einer Vielzahl an “Demoi”, also verschiedener europäischer Völker, die gemeinsam im europäischen Projekt ihre Zukunft gestalten, den Schutz der nationalen Identitäten garantieren.

Der Soziologe äußerte sich auch zur neuen Führungsrolle Deutschlands innerhalb der Europäischen Union. Dabei benutzte er den Begriff “Merkiavelli”, eine Anspielung auf Merkels machtpolitisches Kalkül im Sinne des Politikphilosophen Niccolò Machiavelli. Beck sieht diese neue Rolle Deutschlands kritisch, da die deutsche Regierung versuche, ihre eigene Sparpolitik der EU überzustülpen, und damit Unmut und Ressentiments innerhalb der Gemeinschaft schüre. Allerdings sei Deutschland ganz ungewollt in der europäischen Hierarchie aufgestiegen und zu einer mächtigen Führungsnation avanciert, eine Rolle, vor der 1953 bereits Thomas Mann gewarnt habe.

Beck zufolge müssten die Länder dieser Erde lernen, sich mit den Augen der Anderen zu betrachten. So gesehen hält er sein Konzept auch für übertragbar auf andere Regionen. Allerdings wirft ein Publikumbeitrag zur Bedeutung von “Patria” in diesem Kontext die Frage auf, ob es historisch bedingt unterschiedliche Auffassungen von Heimat und Herkunft gibt. Insofern bleibt diskutierbar, ob andere Kulturkreise sich mit diesem Konzept ebenso identifizieren können.

Die große Zahl der Konferenzteilnehmer offenbarte jedenfalls das große Interesse, mit welchem man auch hierzulande die Entwicklungen der Krise in Europa beobachtet.

Am Ende seiner Ansprache und nach der Beantwortung einiger Publikumsfragen bedankte sich Dr. Beck bei seinem Publikum und den Veranstaltern, und stellte sich im Anschluss für Fotos und Autogramme zur Verfügung.

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Prof. Dr. Ulrich Beck weilte auf Einladung der Fundación Osde und der UNSAM in Argentinien.
(Foto: Jessica Steglich)