Blumenkind 2.0

Fabiana Barredas Ausstellung “Cuerpo sonoro” bringt etwas zum Klingen

Von Susanne Franz


Der Resonanzkörper eines Musikinstruments ist notwendig für die Verstärkung eines Tones und ist durch seine Schwingungseigenschaften wesentlich für den individuellen Klang eines Instrumentes verantwortlich. In ihrer Ausstellung in der Galerie Holz spielt die Künstlerin und Theoretikerin Fabiana Barreda mit dem Begriff “Klangkörper”, indem sie vom menschlichen Körper ausgeht und ihn mit musikalischen sowie pflanzlichen Attributen umgibt. Sie arbeitet dabei mit einem Model, das sie im Rahmen einer Performance in eine Art Blumenkind 2.0 verwandelt.

Rote Gerbera stecken in ihrem Haar, ihren in Alufolie oder durchsichtiges Plastik gehüllten Oberkörper umranken zarte Farne. Mal hat sie die Augen geschlossen, als würde sie lauschen, mal sind sie offen und schauen direkt in die Kamera – die Performance hat Barreda mit Fotografien dokumentiert. In ihren Ohren stecken Kopfhörer, und sie hat kleine Verstärker in der Hand. Mit Laub auf dem Haupt und vor der Brust sieht man sie Geige spielen, auf anderen Bildern sind Teile ihres Körpers mit Tattoo-ähnlichen Pflanzenränkchen oder Worten verziert, die sie beispielsweise als “Diosa Cage” ausweisen (Bild). Auf einigen Fotos ist nur ihr Arm zu sehen, mit einem Geigenkasten oder Geige und Bogen, sowie Grünpflanzen und Blumen. In allen Bildern scheint Musik sie zu durchströmen, fast kann man sie hören.

Ein anderes Foto zeigt einen Mann, in dem ein elektronisches Herz zu schlagen scheint; auf einigen kleinen Bildern stehen Teetassen oder -kannen in einer Landschaft, sicher gehören sie der verrückten Teegesellschaft aus “Alice im Wunderland”. Schön ist auch eine Projektion, die die Annäherung eines Paares poetisch darstellt, untermalt von Klängen von Satie.

Die empfehlenswerte Ausstellung einer der kreativsten Köpfe der argentinischen Kunstszene ist noch bis zum 14. August geöffnet (Galerie Holz, Arroyo 862, Buenos Aires. Mo-Fr 10-20, Sa 10-14 Uhr).

Emotionen ums runde Leder

Der Dokumentarfilm “El otro fútbol” von Federico Peretti zeigt eindrucksvoll, was Fußball in Argentinien auch für “kleine” Teams und Fans bedeutet

Von Fabian Vögtle


“El otro fútbol” ist eine Liebeserklärung an den Fußball und seine Fans. Der Dokumentarfilm von Federico Peretti zeigt Argentiniens Nationalsport aus verschiedenen Perspektiven. Der Regisseur ist dafür mit seiner Kamera mehrere Jahre quer durch das Land gereist. Ob vom südlichen Ushuaia oder aus dem nordwestlichen La Quiaca, die Impressionen und Geschichten, die er gesammelt hat, zeigen die Leidenschaft der Menschen für das runde Leder. Der Film kommt ohne Maradona, Messi und die Boca Juniors aus. Es geht hier vor allem um die kleinen Vereine aus der Pampa und ihre Macher. Peretti und seine Crew stellen verschiedene Teams vor und lassen die Präsidenten, Spielführer und Anhänger zu Wort kommen.

Da ist der Fußballer, der nachts mit seinem Colectivo unterwegs ist, der Schiedsrichter, der unter der Woche als Taxifahrer sein Geld verdient, oder der Pfarrer, der anstatt eines Sportpsychologen die Spieler betreut und die Kabine in eine Kapelle verwandelt. Ob eine Mannschaft von Häftlingen, die für einen Spieltag Freigang bekommt oder ein Team aus Feuerland, das bei Schneetreiben mit Mütze und Schal auf dem Platz steht: die Dokumentation beweist, wie wichtig und fest verankert der Fußball im Leben vieler Menschen ist.

Die Kabinenansprachen erinnern an Sönke Wortmanns “Sommermärchen” von 2006, das die Deutsche Elf um Trainer Jürgen Klinsmann porträtierte. Doch in Perettis Film geht es nicht um den Profifußball und schon gar nicht um eine Weltmeisterschaft. Und gerade deshalb ist es faszinierend zu sehen, welche Emotionen selbst ein Sieg bei einem regionalen Turnier entfachen kann – sowohl bei den Spielern, lokalen Radio-Reportern als auch bei den eingefleischten Fans. Dabei sind es oftmals nur 50 Anhänger, die mit ihren Trommeln und lauten Gesängen für mehr Stimmung sorgen als 50.000 Besucher eines Bundesligaspiels in Deutschland. Auch die aus der Emotion entstehende Gewalt auf den Tribünen ist Thema, bleibt aber unkommentiert stehen. Die einzige Schwäche dieses sonst sehenswerten und unterhaltsamen Fußball-Films.

  • “El otro fútbol” – Argentinien 2012. 94 Min. Dokumentarfilm ohne Altersbeschränkung. Regie: Federico Peretti.

Ideen-Input aus Deutschland

Hans-Thies Lehmann in Buenos Aires

Von Susanne Franz

Einer der bekanntesten deutschen Theater-Theoretiker, Prof. Hans-Thies Lehmann, ist diese Woche zu Gast in Buenos Aires. Im Rahmen des vom “Complejo Teatral de Buenos Aires” (CTBA) organisierten Zyklus “Rituales de Pasaje” (Initiationsriten) wird er am 8., 9. und 10. August jeweils von 10 bis 13 Uhr im Cunill Cabanellas-Saal des Teatro San Martín (Av. Corrientes 1530) ein Seminar zum Thema “Die ästhetischen Möglichkeiten des politischen Theaters heute” geben. Die Teilnahme ist kostenlos und erfordert eine vorherige Anmeldung in der “Oficina de Cursos” des Teatro San Martín, 7. Stock, von 15 bis 19 Uhr. Es empfiehlt sich die Lektüre einiger Werke von Brecht sowie von “4.48 Psychose” von Sarah Kane, “Wolokolamsker Chaussee I” von Heiner Müller, “Der emanzipierte Zuschauer” von Jacques Rancière und “Die undarstellbare Gemeinschaft” von Jean-Luc Nancy.

Darüber hinaus bietet sich die Gelegenheit, Lehmann am Freitag, dem 10.8., um 17 Uhr, im gleichen Saal bei einem öffentlichen Gespräch mit dem Publikum zu erleben. Diese Veranstaltung ist ebenfalls gratis und wird wie das Seminar ins Spanische gedolmetscht.

Der von der Theaterkritikerin und -forscherin Halima Tahan organisierte Zyklus “Rituales de Pasaje” lotet, vom Theater ausgehend, in außergewöhnliche Begegnungsräume mit dem Publikum und bezieht andere Kunstrichtungen mit ein. Zum Ideen-Input gehören auch Einladungen an internationale Koryphäen der Kulturszene, wie bei dieser Gelegenheit Hans-Thies Lehmann.

Weitere Informationen hier.

Frauenpower auf der Bühne

Jean Genets Tragödie “Las Criadas” im Teatro Alvear

Von Fabian Vögtle


Wenn die Señora unterwegs ist, spielen ihre Dienstmädchen Clara und Solange das übliche Spiel der Unterwerfung und Demütigung. Eine der Zofen schlüpft in die Rolle der Dienstherrin. Sie bedient sich an deren Kleiderschrank, kommandiert ihre Schwester herum und karikiert so die feine Dame. Es ist ein Schauspiel innerhalb des Schauspiels, das Paola Barrientos (Solange) und Victoria Almeida (Clara) auf der Theaterbühne zeigen.

Als ihre Señora – gespielt von der überragenden Marilú Marini – zurückkommt, ändert sich dieses Ritual und es wird schnell klar, wer Herrin im Haus ist. Sie schickt ihre zwei Untergebenen hin und her, schreit sie mit ihrer hohen Stimme auf Französisch zusammen, lässt keine sexuellen Anspielungen aus. Auf der anderen Seite lobt sie die beiden, macht ihnen hin und wieder Komplimente und schenkt jeder eines ihrer Kleider. Wenn sie ihre Perücken wie Schmuck vor dem Spiegel probiert und sich dabei einen Zigarrillo anzündet, wirkt das authentisch und lächerlich zugleich. Das Stück wird zur Komödie und sorgt für Lacher im Premierenpublikum.

Jean Genet ließ sich für seine 1947 in Paris uraufgeführte Tragödie von einer wahren Geschichte inspirieren, die sich 1933 in Frankreich ereignete. Zwei Schwestern hatten ihre Dienstherrin und deren Tochter ermordet. Bei Genet und in der gelungenen, weil kurzweiligen Inszenierung von Ciro Zorzoli jetzt in Buenos Aires, wollen sie die gehasste wie geliebte Señora vergiften – mit einem Lindenblütentee. Doch der Plan misslingt, da sich ihre umtriebige Chefin gleich wieder auf den Weg macht, um ihren aus dem Gefängnis entlassenen Mann abzuholen, der erst gar nicht auftritt, weshalb das Stück von dreifacher Frauenpower lebt. Die Zofen hatten ihn zuvor mit falschen Anschuldigungen dorthin gebracht, um ihn aus dem Weg zu schaffen und ihrer Dienstherrin den ersten Streich zu spielen. Nun scheitern sie an ihrer Intrige und bringen diese in vertauschten Rollen zu Ende, indem sich eine von beiden als Herrin mit dem Tee selbst vergiftet.

Zorzolis Interpretation von Genets Tragödie besticht allen voran durch die schauspielerische Glanzleistung Marilú Marinis, die mit ihren 67 Jahren wie eine 30-Jährige über die Bühne stolziert. Leider ist die in Frankreich ansässige Argentinierin nur in einem Drittel der 90-minütigen Aufführung zu bewundern. Den lautesten Applaus bekommt sie vom Publikum trotzdem.

  • “Las Criadas”, Teatro Presidente Alvear, Av. Corrientes 1659. Mittwoch bis Samstag 21 Uhr, sonntags 20 Uhr. Parkett $80, Rang $60, Tertulia $35, mittwochs Parkett und Rang $40, Tertulia $ 25.

Schatten und nackte Haut

Das San Martín-Ballett-Ensemble zeigt drei neue Choreografien

Von Fabian Vögtle

Die olympische Eröffnunsgfeier in London ist gerade mit einem Spektakel zu Ende gegangen, als das zeitgenössische Ballett des San Martín-Theaters in Buenos Aires ebenfalls eine beeindruckende Show bietet. Das von Mauricio Weinrot verantwortete Ensemble präsentiert dem bunt gemischten Publikum ein unterhaltsames Programm mit drei völlig verschiedenen Choreografien. “Ese lugar” von Gabriela Prado, “Estereoscópica” von Ana Garat und “La casa del diablo” von Pablo Rotemberg zeigen die Vielfalt des modernen Balletts.

Die erste von Gabriela Prado mit den Tänzern einstudierte Choreografie arbeitet mit den in Europa seit einigen Jahren beliebten Schattenspielen. Zu Beginn ist das ganze Ensemble mit seinen sportlich-rhythmischen Bewegungen noch vor der beleuchteten Leinwand zu sehen. Doch peu a peu treten einige Tänzer hinter diesen durchsichtigen “Vorhang” und werden durch ihren Schatten zu anderen Figuren auf einer zweiten Bühne. Diese Verbindung von zeitgenössischem Tanz und Schattentheater begeisterte Jung und Alt.

Ana Garats Darbietung überzeugte vor allem mit der wechselnden Garderobe der überwiegend von Tänzerinnen umgesetzten Einlagen, für die Pilar Beamonte steht. Mal bewegen sie sich elegant in ihren langen Pfauen-Kleidern, oder sie wirken in ihren engen, silbernen Astronautenkostümen wie von einem anderen Planeten. Die dunkle Bühne und die trotz des hochgefahrenen Basses eintönige Musik lassen die Ballett-Besucher jedoch etwas in ihre Sessel zurückfallen.

Das ändert sich mit der dritten und besten Choregrafie des Abends schlagartig. Das von Pablo Rotemberg in Szene gesetzte Ensemble wächst in “La casa del diablo” eine halbe Stunde lang über sich hinaus. Das nur in Unterwäsche über die Bühne gleitenden Tänzer sorgen mit meist zweideutigen Bewegungen und Showeinlagen für Lacher und manchmal auch peinliche Stille im gut besuchten Martín-Coronado-Saal. Sie erinnern zunächst an deutsche und französische 68er-Hippies in ihren Kommunen – die Ästhetik wird zur Erotik. Doch schnell herrscht auf der Bühne sexuelle Gewalt und Unterwerfung. Frauen kriechen zu schauriger Orgelmusik rhythmisch über den Boden. Das Harem des Teufels ist ein wildes Völkchen, das sich mit den clownesken Tanzeinlagen von Schwulen und Transsexuellen selbst übertrifft. Als einer von ihnen am Ende zum Mikrofon greift und mit dem tanzenden Chor im Hintergrund “The Winner Takes It All” zum Besten gibt, ist die Choreografie am Höhepunkt angekommen und wird kurzzeitig noch zum Abba-Musical. Am Ende fallen schließlich bei einigen auch noch die letzten Hüllen.

  • Neues Programm des “Ballet Contemporáneo del Teatro San Martín”, Martín-Coronado-Saal, Av. Corrientes 1530, Buenos Aires. Donnerstags 14 Uhr, Freitag und Samstag um 20.30 Uhr, sonntags um 17 Uhr. Parkett: $80, Rang: $60, donnerstags Einheitspreis: $25.

Foto:
Hier beeindrucken vor allem die Kostüme: “Estereoscópica” von Ana Garat.
(Foto: Carlos Furman)

Mitleid unerwünscht

“Ziemlich beste Freunde” endlich auch in Argentinien

Von Fabian Vögtle


Es ist die Geschichte einer wunderbaren und verrückten Freundschaft zwischen einem gelähmten reichen Pariser Aristokraten und einem kriminellen, aus der Vorstadt kommenden, schwarzen Afrikaner, der für ihn arbeitet. In Frankreich von 20 Millionen Kinobesuchern gefeiert, begeisterte der Film auch in Deutschland seit Januar unter dem Titel “Ziemlich beste Freunde” bereits über acht Millionen Menschen. Die bewegende Komödie, die einen zum Dauerlachen bringt, ist eine Hommage an die Lebensfreude und den positiven Umgang mit behinderten Menschen. Was der von François Cluzet – nur mit Mimik und Gestik im Rollstuhl agierend – sensationell gespielte Philippe eben nicht wünscht, ist Mitleid. Und keiner versteht das besser als Driss (köstlich dargestellt von Komiker Omar Sy), der ohne Ende Witze macht und seinem “Chef” das bunte Leben zeigt anstatt als Pfleger bemitleidend an seiner Seite zu sitzen und ihn nur zu füttern.

Dass ein Teil der Einnahmen des so erfolgreichen Films Behinderten zugute kommt, ist eine weitere in der Filmbranche eher untypische Sensation. Denn Philippe Pozzo di Borgo, dessen wahre Lebensgeschichte der Film erzählt, wollte diese jahrelang nicht als Kinostoff verkaufen. Doch mit der Bedingung, fünf Prozent des Gewinns an einen Förderverein für Schwerstbehinderte fließen zu lassen, ging er 2010 auf eine Anfrage ein. Der Verein baut mit der unerwartet hohen Finanzspritze bereits mehrere behindertengerechte Unterkünfte in Frankreich, wo zukünftig Querschnittsgelähmte zusammen mit ihren Betreuern leben können.

So lohnt sich ein Kino-Besuch in diesem Fall gleich in mehrfacher Hinsicht.

  • “Amigos intocables” (Intouchables/Ziemlich beste Freunde) – Frankreich 2011. 112 Min. Komödie ab 13. Regie: Eric Toledano und Olivier Nakache. Mit François Cluzet, Omar Sy, Anne Le Ny, Audrey Fleurot, Clothilde Mollet, Christian Ameriud.

Die Energie der Kartoffel

Hommage-Ausstellung für Víctor Grippo im Malba

Von Philip Norten

Anlässlich des zehnten Todestages von Víctor Grippo (1936-2002) widmet das Museo de Arte Latinoamericano de Buenos Aires – Fundación Costantini (Malba) dem Künstler, der mit Teilnahmen an Großausstellungen wie der Documenta 11 zu den international bekanntesten argentinischen Vertretern seiner Zunft gehört, erneut eine Ausstellung.

Grippo wurde 1936 in Junín, in der Provinz Buenos Aires geboren und ging zum Studium der Pharmazie und Chemie nach La Plata, bevor er sich schließlich für Kunst einschrieb. Der Wechsel von der Naturwissenschaft zur Kunst bedeutete für ihn dabei keinen radikalen Bruch, denn die sensible Kunst von Grippo versteht sich nicht als autistische Fortschreibung einer traditionellen Kunstgeschichte, sondern verbindet – auf damals neuartige Weise – Elemente aus Kunst, Technik und Natur.

In das Universum seiner Kunst geben nun 20 Werke einen Einblick, die Marcelo E. Pacheco, Chefkurator des Malba, in einem Raum im Obergeschoss des Museums zusammengestellt hat. Im räumlichen und inhaltlichen Zentrum der Ausstellung stehen dabei Grippos Installationen, in denen das Verhältnis von Natur und Elektrizität thematisiert wird. So zum Beispiel die Arbeit “Naturalizar al hombre, humanizar a la naturaleza” (1977): auf einem galerieweißen länglichen Esstisch sind Hunderte Kartoffeln ausgebreitet. Mit Elektroden verbunden leiten sie Elektrizität weiter, die an einem angeschlossenen Voltmeter abgelesen werden kann.

Die naturwissenschaftliche Erklärung ist denkbar einfach: Kartoffeln können kleine Mengen an Strom weiterleiten und können, wenn Elektroden angeschlossen werden, als rudimentäre Batterien funktionieren. Auch andere Obst- und Gemüsesorten haben diese Eigenschaft, doch Grippo wählte bewusst die Kartoffel, wodurch sich eine Vielzahl an Deutungsmöglichkeiten anbietet. Durch die Verbindung der Kartoffel – scheinbar primitives Nahrungsmittel – mit Apparaturen der Elektrizitätsgewinnung schafft Grippo ein Bild für seinen Gesellschaftsentwurf: Parallele Prozesse in Natur und Technik werden sichtbar, die scheinbar entgegengesetzten Welten überbrückt und die moderne Technikgesellschaft so an ihre Ursprünge rückgekoppelt.

Dass Grippo dafür bewusst die amerikanische Frucht der Kartoffel ausgesucht hat und diese durch die gewählte Präsentationsform ästhetisiert und fast sakral erhöht – der saubere weiße Esstisch mit Decke erinnert durchaus an einen Altar – kann auch als politischer Hinweis verstanden werden. Auch eine Deutung als Beitrag zur Debatte über neue Energieformen bietet sich an, die zeigt, wie aktuell das Werk noch heute ist.

Grippo hat seine Ideen durchaus als politischen Vorschlag verstanden und sich als Agent eines sozialen Wandels gesehen. Parallelen zu anderen Kunstbewegungen der Zeit sind dabei unverkennbar. Der Einsatz von ‘einfachen’ Materialien und sein anthropologisches Weltbild rücken ihn in die Nähe zu Künstlern der Arte Povera. Auch eine Parallele zu Joseph Beuys’ “Capri-Batterie” (1985) ist mehr als rein formaler Natur: auch bei diesem Werk steht die Verbindung von Natur und Energie für ein alternatives Gesellschaftsbild.

Dies mag ein Grund sein, warum Marcelo E. Pacheco Grippos Kunst im Katalog zur großen Ausstellung von 2004 auch als “conceptualismo caliente” beschrieben hat. Konzeptkunst, da er wie andere Künstler der Zeit von den traditionellen Kunstformen Malerei und Bildhauerei abrückte, aber sinnlichere Formen entwickelte und andere Ideen vertrat als die angelsächsischen Vertreter dieser Kunstrichtung.

Die weiteren Werke der Schau bestätigen den Eindruck, den die zentrale Installation hinterlassen hat. “Vida, Muerte, Resurrección” (1980) beispielsweise besteht aus vier Paaren geometrischer Bleikörper, von denen die Hälfte mit Bohnen gefüllt wurde, wobei die keimenden Bohnen die gefüllten Metallkörper langsam sprengten. Das Werk kann – gerade mit Berücksichtigung seiner Entstehungszeit – als Allegorie auf die Kraft der Natur und Menschlichkeit gesehen werden, die die kalten technischen Formen – mögliches Bild für die damalige Diktatur – überwinden können. Oder auch ‘nur’ als weiteres Beispiel für Grippos “conceptualismo caliente”.

  • Bis zum 22.10. im Malba.
  • Zur Ausstellung erscheint ein Katalog.
  • Am 6. August findet die Konferenz “Huella y Memoria en la obra de Víctor Grippo: muerte y vida del objeto” statt.

Foto:
Víctor Grippo, ca. 1971.

Kunst-Pionier aus der Schweiz

Jean Tinguely-Ausstellung im Centro Cultural Borges

Von Susanne Franz

“Kunst passiert, wenn die Maschine läuft”, heißt es auf der Webseite des Baseler Tinguely-Museums. Darauf wies auch der Schweizer Botschafter Johannes Matyassy am Donnerstag bei der Pressekonferenz vor der Eröffnung der Ausstellung “Soy Jean Tinguely” im Centro Cultural Borges hin, der ersten Tinguely-Schau in Argentinien, für deren Zustandekommen sich die Botschaft tatkräftig eingesetzt hat. “Die Maschine da hinten macht richtig Krach!”, sagte der Botschafter mit Bezug auf eine der Tinguely-Maschinen, die sich anhört, als befände man sich auf einer lauten Zugstation. “Bitte setzen Sie sie nicht gerade jetzt in Gang!”, meinte er und löste damit allgemeine Heiterkeit aus.

“Wenn man an die Schweiz denkt, fallen einem meist Schweizer Käse oder die Schweizer Berge ein”, so Botschafter Matyassy weiter. “Diese Ausstellung rückt nun einmal einen der gefeiertsten Schweizer Künstler in den Vordergrund.”

Mit seinen kinetischen Werken belebte und revolutionierte der in Fribourg geborene und in Basel aufgewachsene Jean Tinguely (1925-1991) in den 1950er und 1960er Jahren als Teil der Pariser Avantgarde den “statischen” Kunstbetrieb. Aus alltäglichen Materialien konstruierte er zu Beginn der 50er Jahre bewegliche abstrakte Skulpturen. 1954 stellte er in Paris seine ersten motorbetriebenen Reliefs aus, die er später “Méta-mécaniques” nannte. 1960 realisierte Tinguely im Garten des Museum of Modern Art in New York die aus Schrott bestehende “Homage to New York”, die sich in einer aufsehenerregenden Aktion selbst zerstörte. Der bisher unbekannte Künstler wurde dadurch mit einem Schlag berühmt.

Die Schau im Borges, die bis zum 27. September zu sehen sein wird, zeigt Werke aus allen Schaffensphasen Tinguelys, dazu viele Zeichnungen, Fotos, Filme, Dokumente und Zusammenarbeiten mit seiner Ehefrau, der Künstlerin Niki de Saint Phalle. Alle Werke stammen aus dem Museum in Basel, es sei die größte Overseas-Schau, die das Museum je organisiert habe, so sein Vizedirektor Andres Pardey, der die Ausstellung gemeinsam mit der energiegeladenen Argentinierin Virginia Fabri kuratiert hat, auf deren Initiative hin das Projekt, das u.a. auch von Pro Helvetia unterstützt wird, ins Rollen kam.

  • Centro Cultural Borges, Viamonte Ecke San Martín, Buenos Aires, Tel.: 5555-5359. Eintritt 25 Pesos.

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Falstaff übertrifft den König

Shakespeares zweiter Teil von “Heinrich IV.” im Teatro Regio

Von Fabian Vögtle

Das Historiendrama “Heinrich IV.” von William Shakespeare wird in Rubén Szuchmachers Version, die gerade in Buenos Aires inszeniert wird, zu einem unterhaltsamen Komödienstück. Das liegt vor allem an Sir John Falstaff – gespielt vom überragenden Horacio Peña – der in seiner Rolle als trinkfester, bunter Ritter zusammen mit seinen Leuten für zahlreiche humoreske Szenen sorgt und damit selbst Heinrich IV. (Horacio Acosta) übertrifft. Dessen Sohn und potenzieller Thronfolger, Prinz Heinrich, hält sich häufig mit seinen alten Kneipen-Kumpels aus Falstaffs Gaunerbande auf, während sich die englische Krone auf einen Kampf gegen die Rebellen von Wales vorbereitet. Das Schauspiel, das aus zwei Teilen besteht, spielt im England des frühen 15. Jahrhunderts und gehört zu Shakespeares Lancaster-Tetralogie, die mit Richard II. beginnt und Heinrich V. endet.

Regisseur Szuchmacher kommt aus Buenos Aires und hat unter anderem auch schon mit dem Goethe-Institut zusammengearbeitet. Vergangenes Jahr wurde er vom Londoner Globe Theatre, das vor allem durch seine Shakespeare-Aufführungen bekannt ist, dazu berufen, im Rahmen des Festivals “Globe to Globe” eines von 36 geplanten Shakespeare-Werken zu inszenieren. Während sich ein mexikanisches Team dem ersten Teil von “Heinrich IV.” widmete, teilten die Organisatoren Szuchmacher und seiner Besetzung den zweiten Teil zu, der am 15. Mai in London aufgeführt wurde. Nach diesem Premierengastspiel in der Heimat der Titelfigur, folgen nun weitere Auftritte im für Regisseur und Mehrheit des Ensembles heimischen Argentinien.

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Viele Stimmen, ein Klang

Weltpremiere des Theaterstücks “Las Multitudes” von Federico León in La Plata

Von Susanne Franz


Er hat Husten, als wir am Dienstagvormittag in einem alten Café an einer Straßenecke im Stadtviertel Abasto sitzen. “Hoffentlich ist das bis Freitag weg!”, meint er besorgt. “Ich will um nichts in der Welt die Premiere verpassen!” Seit einem Jahr bereitet der junge argentinische Theaterregisseur Federico León die Uraufführung seines neuesten Werks “Las Multitudes” vor. Jetzt ist fast alles perfekt. Anfang Juli hat er mit seinem 120-köpfigen Ensemble die Proben von Buenos Aires nach La Plata verlegt, denn hier findet am 20. Juli die Weltpremiere statt – im TACEC, das dem Teatro Argentino de La Plata angeschlossene experimentelle Werkstatt-Theater.

Das TACEC hat das Stück in Zusammenarbeit mit dem Festival Berliner Festspiele/Foreign Affairs und der Siemens Stiftung produziert. Die Premiere von “Las Multitudes” und die fünf weiteren Vorstellungen bis zum 29. Juli finden im Rahmen der dritten internationalen Theater-Akademie “Panorama Sur” statt, die am 16. Juli begann und drei Wochen lang Workshops renommierter Künstler, Meisterklassen und Theatervorstellungen aus Brasilien, den USA und Europa an den Río de La Plata bringt.

Ende September wird “Las Multitudes” dann dreimal auf dem Festival “Foreign Affairs” in Berlin gezeigt. Federico León hat auch seine früheren Stücke – darunter “El adolescente”, “Mil quinientos metros sobre el nivel de Jack” und “Yo en el futuro” – sowie seine beiden Kinofilme in der deutschen Hauptstadt gezeigt und ist dort schon lange kein Unbekannter mehr. Im “Haus Berliner Festspiele” gastiert sein 120-köpfiges Ensemble – eine Mischung aus Argentiniern der Originalbesetzung und deutschen Schauspielern – in einem für 1200 Zuschauer konzipierten Haus, ein gewaltiger Unterschied zu dem intimen TACEC mit seinen 140 Plätzen.

Nach dem Gastspiel in Berlin wird “Las Multitudes” auch in Buenos Aires gezeigt, im Saal A/B des Centro Cultural San Martín.

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Nostalgisches Buenos Aires

Ausstellung “Buenos Aires, la ciudad que ya no está” im MARQ

Von Fabian Vögtle


Das Architektur-Museum in Buenos Aires (MARQ) zeigt derzeit auf zwei Ebenen eine eindrucksvolle Fotoausstellung mit rund 70 Fotos, die der Zahnarzt León Tenenbaum (1916-2006) als Hobby-Fotograf in den 1950er bis 1970er Jahren von Alltag und Architektur der argentinischen Metropole geknipst hat. Straßenszenen sind zu sehen, Marktplätze, Friseursalons, Eckcafés. Es ist der Blick auf Buenos Aires, wie es kaum mehr existiert.

Aktuelle Fotos von den Orten, die Tenenbaum damals fotografierte, zeigen den Unterschied und damit an zahlreichen Beispielen den Wandel der Stadt. Aus kleinen Parrilla-Restaurants am Eck sind Hochhäuser geworden; wo vor 50 Jahren noch eine einfache Holzhütte stand, sind heute verglaste Geschäftsräume zu sehen. Des weiteren sind Tenenbaums Bücher über Buenos Aires und andere Gegenstände aus der Zeit ausgestellt.

  • “Buenos Aires, la ciudad que ya no está”, im Museo de Arquitectura y Diseño (MARQ), Av. del Libertador 999, Buenos Aires. Bis zum 29. Juli. Dienstag bis Sonntag von 14 bis 20 Uhr. An Feiertagen geschlossen. Telefon: (54 11) 4800 1888.