Von Kastraten, Monstren und anderen Außergewöhnlichkeiten

Teatro de Ciertos Habitantes aus Mexiko zeigte auf dem VI. Internationalen Theaterfestival von Buenos Aires „De monstruos y prodigios“

Von Christina Liebl

Mexico.jpg
Ein Leben als Star – „De monstruos y prodigios“ erzählte die Geschichte der Kastraten.

Im 17. Jahrhundert in Europa, in der Epoche des Barocks mit ihrem Geschmack für das Außergewöhnliche und Exotische: In dieser Zeit ist der mexikanische Beitrag zum VI Festival Internacional de Buenos Aires, „De monstruos y prodigios“, angesiedelt. Die Darsteller des Teatro de Ciertos Habitantes agieren dabei nicht nur als Schauspieler, sondern auch als Musiker, Sänger oder Tänzer und stellen so ihre vielseitigen Talente unter Beweis.

Vor einem denkbar einfachen Bühnenbild, in dem nur ein Klavier dauerhaft zu sehen war, präsentierten sich siamesische Zwillinge, Kastraten und ein Zentaur als eigenwillige Protagonisten. Mit vielen komödiantischen Effekten und Sarkasmus wird die Geschichte der Kastraten von einem siamesischen Doktorenpaar erzählt. Um seine schöne Sopranstimmen auch als Erwachsener erhalten zu können, wird der Sänger bereits im Kindesalter zur Operation gezwungen und lebt fortan als Protegé ranghoher Personen ein Leben in Luxus. Im Gegensatz dazu steht ein Sklave, der wie ein Tier abgerichtet ist und von den beiden Doktoren auch so behandelt wird. Alles ändert sich mit dem Zeitalter der Aufklärung – auf der Bühne sichtbar durch den lautstarken Auftritt Napoleon Bonapartes – in dem Kastraten und andere „Monster“, darunter auch die siamesischen Zwillinge, als unmenschlich erklärt werden und sowohl ihre Stellung als auch ihr Ansehen verlieren. Der Sklave ist nicht mehr Sklave, sondern übernimmt die Rolle des Erzählers, und die Zwillinge gehen von nun an als einarmige Einzelpersonen durchs Leben. So sieht sich ein jeder der Darsteller, abgesehen vom vorherigen Sklaven, degradiert und seiner Identität beraubt.

Das Ensemble unter der Leitung von Claudio Valdés Kuri verstand es, das Publikum zum Lachen zu bringen und trotz Klamaukszenen vor allem durch schauspielerisches Leistung in ihren Bann zu ziehen. Erstaunlich war vor allem die Sopranstimme Javier Medinas, die er mit humoristischer Mimik bestens zu ergänzen wusste. Insgesamt gelang den Mexikanern ein sehr gelungener Beitrag, der durch eine perfekte Mischung an Können und Komik überzeugte.

Erschienen im “Argentinischen Tageblatt” vom 29.09.07.

Ganz neue Töne

Arditti Quartett begeisterte auf dem VI. Internationalen Theaterfestival von Buenos Aires mit zeitgenössischen Kompositionen

Von Christina Liebl

Reino3.jpg

Im Rahmen den VI. Internationalen Festivals von Buenos Aires trat am 15. September im Theater Coliseo das Arditti Quartett auf. Die Streicherensemble, 1974 vom ersten Geiger Irvine Arditti gegründet, hat sich ausschließlich auf zeitgenössische Komponisten spezialisiert. Die anderen Mitglieder des Quartetts sind Ashot Sarkissjan, ebenfalls Violine, Ralf Ehlers mit der Viola und der Cellist Lucas Fels. Einige der vorgetragenen Werke sind in der Zusammenarbeit der Musiker mit den Komponisten entstanden.

Vor leider nur halb gefüllten Rängen überzeugten die Musiker mit ihrer Darbietung die Zuschauer, die sich auf das Erlebnis ganz neuer Klänge einließen. Das Programm begann mit dem Streichquartett von James Clarke aus dem Jahr 2003, welches speziell für das Arditti Quartett geschrieben wurde. Das Stück des bedeutenden englischen Komponisten, dessen Grundlage ein Folkloretanz ist, arbeitet mit rhythmischen Brüchen und Assonanzen. Es folgte das im Jahr 2005 komponierte Streichquartett Nr. 5 von Pascal Dusapin, welches leisere und sanftere Töne anschlug. Das letzte Stück vor der Pause, Tetras (1983) von Iannis Xenakis beeindruckte durch ein breites Spektrum an Geräuschen und Klängen, die sich mit oder ohne Bogen erzeugen lassen.

Den Auftakt zur zweiten Hälfte machte das jüngste Werk, Quartett Nr. 5, komponiert vergangenes Jahr von Brian Ferneyhough. Auffällig an dieser Komposition im Stil der „neuen Komplexität“ waren die Pausen zwischen den einzelnen Phrasen und Sequenzen. Helmut Lachenmanns Quartett Nr. 3 „Grido“ (2001) bildete einen beeindruckenden Abschluss und gab einen Einblick in die Möglichkeiten der Geräuscherzeugung und die Vielfalt der Effekte, die sich mit Saite und Bogen erzielen lassen. Teilweise kaum noch wahrzunehmende Töne, ein leises Streichen des Bogens über die Saite oder ein kaum zu hörendes Anzupfen sind nur ein paar Beispiele aus der Klangvielfalt.

Unter höchstem Einsatz des Materials, was sich beispielsweise durch immer wieder reißende Bogensaiten zeigte, bot das Arditti Quartett modernsten Musikgenuss. Mit der technisch feinen Umsetzung der zeitgenössischen Werke überzeugten die Streicher, dass sich die Auseinandersetzung mit neuen Klängen durchaus lohnt und wurden mit Bravorufen gefeiert.

Erschienen im “Argentinischen Tageblatt” vom 29.09.07.

Deutsche Fotografie im MNAD

Subjektive Fotografie – Der deutsche Beitrag 1946-1963

Fotalem.jpg

Bis zum 14. Oktober präsentiert das Goethe-Institut Buenos Aires im Museo Nacional de Arte Decorativo (MNAD) die Ausstellung “Subjektive Fotografie – Der deutsche Beitrag 1946-1963” des ifa (Institut für Auslandsbeziehungen). Eine ’subjektive fotografie’ (kleingeschrieben und in bauhaustypografie gesetzt) ist eine Formel, die Otto Steinert, einer der aktivsten deutschen Fotografen nach dem Zweiten Weltkrieg benutzte. Er prägte den Begriff für die Sammlung fortschrittlicher, formbewusster Schwarz-Weiß-Fotografie seiner Zeit. Steinerts Ausstellungen ’subjektive fotografie’ der fünfziger Jahre waren international. Da der deutsche Beitrag aber initial war und ein Kernstück darstellte, wird er in dieser Ausstellung gesondert vorgestellt.

Im MNAD, Av. del Libertador 1902, dienstags bis sonntags von 14-19 Uhr, montags geschlossen. Eintritt frei. Infos auf der Webseite des Goethe-Instituts.

Fotografía alemana en el MNAD

Fotografía subjetiva. La contribución alemana. 1948-1963

Fotalem.jpg

En el Museo Nacional de Arte Decorativo (MNAD), se podrá ver hasta el 14 de octubre la exposición “Fotografía subjetiva. La contribución alemana. 1948-1963”. Esta muestra presentada por el Instituto Goethe en Buenos Aires, fue organizada por el Instituto para las Relaciones con el Extranjero/Alemania (IfA) y presenta 165 fotos de fotógrafos alemanes como Otto Steinert, Monika von Bach, Hermann Claasen, Robert Häusser, Peter Keetman, Adolf Lazi, Herbert List y Stefan Moses entre otros. Se trata de artistas pertenecientes a la llamada “fotografía subjetiva” que trabajaron entre los años 1948 y 1963.

El término “fotografía subjetiva” fue reutilizado por Steinert como un retorno a la “nueva fotografía” introducida en la década de 1920 por fotógrafos de la Bauhaus y pioneros de la fotografía experimental, y a la vez como una reorientación de la fotografía hacia sus posibilidades más expresivas y creativas. Esto fue calificado por los nazis como “arte degenerado” en 1933 y fue prohibido generando un vacío hasta después de 1945.

Los “fotógrafos subjetivos” buscaron contrarrestar los abusos que habían cometido los nazis con la fotografía -conceptos pseudo ideales de patria, familia, raza, guerra y trabajo- introduciendo experimentos, estructuras duras, además de poner en tela de juicio la existencia humana y técnica mediante la introducción de efectos surrealistas, simbolismos o abstracciones.

En la actualidad, los paralelismos entre la “fotografía subjetiva” y la pintura contemporánea abstracta, no objetiva, surrealista e informal, se hacen más evidentes que durante los años inmediatamente posteriores a 1945. En cuanto a su importancia histórica, existe un amplio consenso en considerarla como una de las tendencias características de la fotografía de posguerra.

En el MNAD, Av. del Libertador 1902. De martes a domingos de 14 a 19 hs. Lunes cerrado. Entrada libre Informaciones en el sitio del Instituto Goethe.

Nota encontrada en el blog Noktambularte.

Pippo Delbono im Doppelpack

VI. Internationales Theaterfestival von Buenos Aires: Publikum strafte “Il silenzio” ab und bejubelte “Racconti di giugno”

Von Christina Liebl

Italia2.jpg
Der Regisseur und Schauspieler Pippo Delbono.

Pippo Delbono und seine Theatergruppe lieferten zum VI. Internationalen Theaterfestival von Buenos Aires gleich zwei Beiträge. Mit “Il silenzio” machte der Italiener den Anfang. Das Stück nimmt seinen Ausgangspunkt in dem Erdbeben, welches die süditalienische Stadt Gibellina im Jahr 1968 beinahe dem Erdboden gleichmachte und zahlreiche Opfer forderte. In Anspielung daran war die Bühne auch mit weißem Sand bedeckt, welcher die Schicht aus Steinen und den Staub über der Stadt darstellen sollte. Vom Schweigen aus Trauer spinnt der Regisseur und Autor des Stücks, Delbono, den Faden weiter. Um die Texte zu diesem Thema, wie beispielsweise von Ludwig van Beethoven, vorzutragen, erscheint der Italiener selbst ständig auf der Bühne, während die anderen Schauspieler in Schweigen verbleiben.

An Anspielungen ist “Il silenzio” reich: Fellinis Meisterwerk “Otto e mezzo” darf da natürlich nicht fehlen, und so wird der Marsch aus der Endszene des Films inszeniert. Ebenso deutet Delbono das Gesetz des Schweigens in Süditalien, das durch die Mafia erzwungen wird, an. Um kritisch auf Machtstrukturen des Landes hinzuweisen, werden Bischof, Pate, Militär und Politiker an einem Tisch versammelt. Aussagekräftig in seiner Stummheit setzt der Regisseur als zentralen Schauspieler Bobò, einen Taubstummen, ein. Obwohl der Beitrag durchaus durchdacht war und einige der Darsteller auch überzeugen konnten, setzte sich in “Il silenzio” vor allem Pippo Delbono in Szene. Da das Stück jedoch wenig Originelles zeigte, waren die Reaktionen des Publikums im Theater Presidente Alvear dementsprechend verheerend, der Applaus spärlich, leise Pfiffe waren zu hören und einige der Besucher kehrten dem Ensemble den Rücken und verließen den Saal.

Weit positiver wurde der Italiener bei seinem Einzelauftritt mit “Racconti di giugno” im kleinen Theater Sarmiento aufgenommen. Nachdem wegen Stromausfalls die Vorstellung verschoben werden musste, füllte sich vergangenen Sonntag der Saal nicht mehr ganz. Dafür hatten sich offensichtlich hauptsächlich Fans eingefunden, die etwas übermotiviert auch mit Zwischenapplaus nicht geizten.

In dem Stück erzählte der Italiener mit viel Selbstironie sein Leben und versuchte die Geschichte durch unterschiedliche Textbeiträge zu bereichern. Dabei überzeugte Pippo Delbono mehr durch sein humoristisches Talent und die Sympathien, die er sich durch den offenen Umgang mit Themen wie Homosexualität und seiner Krankheitsgeschichte als Aids-Infizierter zu gewinnen wusste, als durch die schauspielerischen Einschübe. Als charis-matische Persönlichkeit gewann Delbono das Publikum, während er als Regisseur in Buenos Aires keine Erfolge verzeichnen konnte.

Erschienen im “Argentinischen Tageblatt” vom 22.09.07.

Italia1.jpg
Szenenbild aus „Il silenzio“.

Kalender / Agenda

Click aquí para leer la versión en castellano.

Ausstellungs-Kalender 22.09.07-29.09.07

Emma.jpg
Am Freitag, 28.9., wird in der RO Galería de Arte die Ausstellung „NOA“ von Emma Livingstone eröffnet.

Ausstellungszentren

  • MALBA (Museo de Arte Latinoamericano de Buenos Aires), Av. Figueroa Alcorta 3415 (Do-Mo und feiertags 12-20 Uhr, Di geschlossen, Mi bis 21 Uhr, Eintritt frei. An anderen Tagen: Eintritt 12 Pesos, Lehrer und über 65-Jährige 6 Pesos, Studenten, Kinder unter 12 Jahren und Behinderte gratis): Douglas Gordon, „Timeline | Línea de tiempo“, Videoinstallationen. Kurator: Klaus Biesenbach. Führungen: Mi, Do und Fr 17, Sa und So 18 Uhr. 30.8.-5.11. / Joaquín Torres-García, „Aladdin. Juguetes transformables“. Kuratoren: Jimena Perera und Alejandro Díaz. 30.8.-5.11. / Marta Minujín, „Los meses del año“ (Terrasse). 7.12.-September 2007. / Sergio Avello, „Volumen“ (Explanade). 7.12.-September 2007. / „Intervención 5“: Cecilia Szalkowicz, „Todo es posible“. 28.6.-Mai 2008.
  • Lesen Sie weiter / Seguir leyendo »

Agenda / Kalender

Klicken Sie hier, um die deutsche Version zu lesen.

Agenda de Muestras 22/09/07-29/09/07

Emma.jpg
El viernes 28 se inaugurará la muestra “NOA” de Emma Livingstone en RO Galería de Arte.

Centros de exposiciones

  • MALBA (Museo de Arte Latinoamericano de Buenos Aires), Av. Figueroa Alcorta 3415 (Jue-Lun y feriados 12-20 hs, martes cerrado, Miércoles hasta 21 hs, entrada libre. Los otros días: entrada 12 pesos, docentes y mayores de 65 años 6 pesos, estudiantes, menores de 12 años y discapacitados gratis): Douglas Gordon, “Timeline | Línea de tiempo”, videoinstalaciones. Curador: Klaus Biesenbach. Visitas guiadas: Miércoles, jueves y viernes a las 17 hs. Sábados y domingos a las 18 hs. 30.08.-05.11. / Joaquín Torres-García, “Aladdin. Juguetes transformables”. Curadores: Jimena Perera y Alejandro Díaz. 30.08.-05.11. / Marta Minujín, “Los meses del año” (Terraza). 8.12.-septiembre de 2007. / Sergio Avello, “Volumen” (Explanada). 8.12.-septiembre de 2007. / “Intervención 5”: Cecilia Szalkowicz, “Todo es posible”. 28.06.-mayo de 2008.
  • Lesen Sie weiter / Seguir leyendo »

Das Leben auf dem Präsentierteller

Ariane Mnouchkines Théâtre du Soleil zeigte 8-Stunden-Ritual “Les Éphémères” auf dem VI. Internationalen Theaterfestival von Buenos Aires

Von Susanne Franz

Francia.jpg
Momente voller Glück: Nora und Aline.

1000 Jahre sind für Gott wie ein Tag, acht Stunden lässt die Theater-Göttin Ariane Mnouchkine vorbeigehen wie einen Augenblick. Mit ihrem seit 43 Jahren bestehenden Ensemble Théâtre du Soleil betrat die legendäre Französin erstmals südamerikanischen Boden und schrieb als Höhepunkt des VI. Internationalen Theaterfestivals auch in Argentinien Theatergeschichte.

Das Stück “Les Éphémères”, das die Franzosen mitgebracht haben, ist in zwei knapp dreieinhalb Stunden dauernde, mit einer Kurzpause unterbrochene Teile aufgeteilt. Zur Halbzeit gibt es eine Stunde Pause zum liebevoll von den Franzosen zubereiteten Essen, das man im speziell zu diesem Zweck eingerichteten Restaurant zu sich nimmt. Ebenfalls wichtiger Bestandteil des Stückes ist die Gelegenheit, noch vor Beginn des eigentlichen Bühnengeschehens die Akteure an ihren Schminktischen beobachten zu können.

Neugierde und Vorfreude werden geweckt, fürs leibliche Wohl ist gesorgt, es wird genau erklärt, wie die Organisation des Tages bzw. Abends vor sich geht, so dass keine Unsicherheit aufkommt – das Publikum wird umsorgt wie ein geliebtes Kind. Und hier ist man an einem zentralen Thema von “Les Éphémères”: der Kindheit, wie sie sein sollte, und den prägenden Erlebnissen, die sie zu zerbrechen drohen. Für eindrucksvoll direktes Theater sorgt in diesem Zusammenhang, dass sich unter den vielen Akteuren auch sechs Kinder befinden.

Fast sechshundert Zuschauer passen in die Ränge aus Holzbänken, die an den zwei Längsseiten einer rechteckigen Bühne aufragen. Man schaut etwas bang auf einen leeren Holzboden hinab. Zur Linken und Rechten befindet sich ein Vorhang, und von dort werden nach und nach viele verschiedene Bühnen hereingeschoben, auf denen sich die Geschichten von “Les Éphémères” abspielen: runde Dreh“teller“, die auf Räder montiert sind und von einem, zwei oder drei “Bühnen-Bewegern” vorwärts oder rückwärts geschoben und zugleich gedreht werden, so dass alle Zuschauer einen Einblick in die Szene erhalten. Neben diesem zweckdienlichen Effekt ist das Drehen und langsame Bewegen der vielen kleinen Welten auch metaphysisch als unerbittlicher Ablauf der Zeit zu verstehen.

“Les Éphémères” ist aus einer rund einjährigen Arbeit der Improvisation des Ensembles entstanden und zeigt von den Schauspielern erlebte oder erträumte Episoden um Tod, Krankheit, Wahnsinn, Gewalt und Einsamkeit, aber auch Glück, Hoffnung und Phantasie. Die nur scheinbar gewöhnlichen “Familienszenen”, jede mit allergrößter Liebe in Szene gesetzt, hinterlassen einen unvergesslichen Eindruck im Zuschauer – in dessen Innerem sich die eigene kleine Bühne dreht.

Erschienen im “Argentinischen Tageblatt” vom 15.09.07.

Gott, die Welt und die Vergangenheit

Jüdische Kultur und Auseinandersetzung mit dem Holocaust in Polens Beitrag zum VI. Internationalen Theaterfestival von Buenos Aires

Von Christina Liebl

Polonia.jpg
Eine Braut auf Abwegen – von einem Dybbuk besessen, verändert sich die junge Frau.

Der polnische Beitrag des VI. Internationalen Theaterfestivals mit dem Titel „The Dybbuk“ präsentierte eine unsentimentale, aber dennoch berührende Beschäftigung mit dem Judentum und dem Holocaust. Gezeigt wurde die Darbietung im Theater San Martín in der ersten Festivalwoche. Der Theaterkompanie TR Warszawa gelingt es in dem Stück, sowohl Komik als auch ernste und religiös-philosophische Aspekte zu vereinen.

Der Begriff „Dybbuk“ bezeichnet in der jüdischen Kultur eine Seele, die sich nach ihrem Tod von ihren Sünden befreien will oder Gerechtigkeit fordert und zu diesem Zweck den Körper eines Angehörigen in Besitz nimmt.

Die Basis des Stücks bilden drei die Darbietung gliedernde Texte. Den Anfang machen sieben kurze Geschichten, die sich mit Bräuchen, Glaubensweisheiten und Lebenserfahrung beschäftigen. Zumeist heiter und lehrreich, geben sie einen Einblick in die jüdische Gedankenwelt.

Der zweite Teil beruht auf einer umgeschriebenen und gekürzten Fassung von „Dybbuk“, einem Werk von Szymon Anski. Darin wird die Braut kurz vor der Hochzeit von der Seele ihres verstorbenen Geliebten besessen, der sich aus dem Jenseits am Brautvater rächt, der seine Tochter aus Geldgründen mit einem Anderen verheiratet. Doch mit dieser einfachen Geschichte vermittelt das Stück auch Informationen über Kabbala und jüdische Theologie. Gleichzeitig klingen auch Tod und Gedenken der Verstorbenen an.

Den Abschluss bildet die ebenfalls „Dybbuk“ genannte Erzählung der Autorin Hanna Krall. In diesem Teil wird der Holocaust klar angesprochen. Der nach dem Krieg in Frankreich geborene Sohn eines jüdischen Polen fühlt sich von der Seele seines Bruders besessen, der dem Holocaust zum Opfer gefallen ist. Damit erhält der Begriff Dybbuk eine neue Bedeutung: Es rückt die Erinnerung in den Vordergrund. Eine Erinnerung, von der sich die Menschen nicht befreien können und wollen. In zwei Figuren werden verschiedene Umgehensweisen mit eben dieser Vergangenheit gezeigt, ohne eine Wertung vorzunehmen: Dem Grübeln über Fragen, auf die keine Antworten zu finden sind und die so für den Menschen schmerzlich werden, steht das Akzeptieren und Mit-Gelassenheit-Ertragen gegenüber.

Das Ensemble überzeugte durch seine authentische schauspielerische Leistung und das Stück durch die objektive Reflektion, ohne jedoch distanziert zu sein. Metaphysische Fragen, auf die es keine allgemeingültigen Antworten gibt, werden in den Raum gestellt und regen zum Nachdenken an.

Ein großes Plus von „The Dybbuk“ ist der heitere Ton, der vor allem den Anfang und das Ende kennzeichnet und eine positive Möglichkeit andeutet, wie beispielsweise ein so tragisches Thema wie der Holocaust in der Erinnerung bewältigt werden kann.

Erschienen im “Argentinischen Tageblatt” vom 15.09.07.

Tänzerische Reise in den Orient

„Zero Degrees“ von Akram Khan und Sidi Larbi Cherkaoui auf dem VI. Internationalen Theaterfestival von Buenos Aires

Von Christina Liebl

Reino2.jpg
Große Übereinstimmung herrschte zwischen den beiden Tänzern Akram Khan (links) und Sidi Larbi Cherkaoui.

Auf der Suche nach dem Ursprung der eigenen Familie fährt ein junger Mann nach Bangladesh und Indien. Diese Reiseerlebnisse und Anekdoten sind es, die in „Zero Degrees“ tänzerisch umgesetzt werden. Als Sohn muslimischer Einwanderer lebt der junge Mann in Europa und hier wie dort steht er zwischen zwei Kulturen. Dieser ähnliche kulturelle Hintergrund verbindet die beiden Tänzer Akram Khan und Sidi Larbi Cherkaoui, ersterer in England aufgewachsen, der andere in Belgien.

Sowohl mit Elementen des indischen und orientalischen Tanzes, als auch des Jazz-Tanzes und des klassischen Balletts wurden Szenen wie die Wut des Reisenden in der Konfrontation mit korrupten Zollbeamten oder mit ihm unverständlichen Verhaltensweisen und Bräuchen umgesetzt. Humoristische Elemente wie Synchronerzählen und dabei die gleiche Gestik verwenden und der bewusst lässige Ton kontrastierten gekonnt mit den ernsthaften, subtilen und originellen Tanzbewegungen. Besonders gelungen war das Zusammenspiel der beiden Tänzer, deren unterschiedliche Stile harmonisierten und sich ergänzten.

Dabei wurde die puristische Bühnengestaltung des Künstlers Antony Gormley mit einbezogen, die nur aus zwei weißen Puppen und gleichfarbigen Wänden bestand. Besonders überzeugte die Beleuchtung, die durch geschickte Handhabung die Schatten der beiden Darsteller zu einem verschmelzen ließ oder es trotz Distanz auf der Bühne ermöglichte, dass sich die Umrisse die Hand gaben. Die vielseitig verwendbaren Puppen nutzten Khan und Cherkaoui für eine kontrastreiche Darstellung von Fremdbestimmtheit, Bewegung und Gelähmtheit, während der auch die Tänzer in die Rolle des Bewegungslosen, vom Anderen als Spielball Verwendeten schlüpften.

Ein Quartett, bestehend aus Violine, Cello, Schlagzeug und Gesang untermalte die Vorstellung. Orientalische und indische Klänge charakterisierten die Musik, die von dem bekannten Produzenten und Komponisten Nitin Sawhney für das Stück kreiert worden war. Durch ihre witzige und kreative Darbietung bewiesen die beiden Tänzer, dass sie zu Recht Träger zahlreicher internationaler Preise sind.

Erschienen im “Argentinischen Tageblatt” vom 15.09.07.

Reino.jpg
Die vielseitig verwendbaren Puppen nutzten Khan und Cherkaoui für kontrastreiche Darstellungen.

„Hamlet“ als Erfahrung

Cia. dos Atores aus Brasilien präsentierte „Ensaio.Hamlet“ auf dem VI. Internationalen Theaterfestival von Buenos Aires

Von Christina Liebl

Brasil.jpg
Mit einem Minimum an Requisiten und origineller Verwendung gestaltete Cia. dos Atores ihre Interpretation von „Hamlet“.

Shakespeare, einer der größten Autoren in der Geschichte der Menschheit und eines seiner bekanntesten Dramen, „Hamlet“: wie viele Bücher, Doktorarbeiten und Traktate wurden bereits darüber geschrieben, und dennoch hat weder Autor noch Werk an Faszination verloren. Die brasilianische Theaterkompanie Cia. dos Atores unter der Leitung von Enrique Diaz präsentierte auf dem VI. Internationalen Theaterfestival im Centro Cultural de Recoleta mit „Ensaio.Hamlet“ ihre eigene Auseinandersetzung mit Shakespeare.

Dabei geht es in dem Stück nicht nur darum, das Werk des Engländers wiederzugeben, sondern vor allem eine Montage zu kreieren aus den Fragen, die „Hamlet“ aufwirft, sowie den Erfahrungen, die sich bei der Arbeit mit dem Text ergeben. Auf diese Weise werden sowohl die Beziehung der Schauspieler zu den Figuren, die sie darstellen, die Relation zwischen Publikum, Stück und Darstellern und durch den Text hervorgerufene Assoziationen in den Mittelpunkt gerückt.

Die Aktion findet in der Mitte zwischen den Zuschauerreihen statt, um das Publikum näher an das Geschehen heranzurücken. Minimalistische Mittel wie Lampen, Kerzen, Mikrofon und Videokamera werden von den Schauspielern für theatralische Effekte benutzt.

Im Zentrum der Handlung steht der dänische Prinz Hamlet, der durch den Geist seines Vaters in Kenntnis davon gesetzt wird, dass er durch seinen Bruder, den Onkel Hamlets, gewaltsam zu Tode gekommen ist. Hamlet, mehr Dichter und Denker als finsterer Rächer, versinkt ins Grübeln, und durch ihn wird das Publikum mit philosophischen und moralischen Fragen, Zweifeln und inneren Zwiespälten konfrontiert. Auch in „Ensaio.Hamlet“ konzentriert sich die Darstellung auf die Reflexion des Protagonisten, in dessen Rolle die Schauspieler abwechselnd schlüpfen. So können verschiedene individuelle Interpretationen des einen Charakters gezeigt werden. Mit Ironie stellt sich das Ensemble der Herausforderung, „Sein oder Nicht-Sein“ dem Publikum näherzubringen und die umfassende Symbolik der Shakespeare-Zeit in die Gegenwart zu übertragen.

Eine der zentralen Szenen aus „Hamlet“, der Selbstmord der Ophelia aus Liebe zu Hamlet, kann repräsentativ für die Darstellungsweise der brasilianischen Gruppe stehen: Die Schauspielerin, die in dieser Szene Ophelia verkörpert, übergießt sich mit Wasser aus einer Glasflasche, wobei das dabei entstehende Geräusch an das Glucksen einer untergehenden Person erinnert. Somit wird der Tod abstrahiert und ästhetisiert.

Ideenreichtum und überzeugendes Schauspiel machten „Ensaio.Hamlet“ zu einer wirklichen Theatererfahrung, welche dem Publikum meta-fiktionale Anstöße offerierte und einen neuen Blickwinkel auf Shakespeares Werk vermittelte.

Erschienen im “Argentinischen Tageblatt” vom 15.09.07.