Eine Herausforderung für alle

“Megaciudades 2012”: Forum der Deutsch-Argentinischen Handelskammer

Von Nina Obeloer


Am Mittwoch, dem 29. August, fand die Konferenz “Megaciudades 2012”, die von der Deutsch-Argentinischen Industrie- und Handelskammer (AHK) organisiert wurde, zum dritten Mal in Folge in Argentinien statt. Von 8 bis 18 Uhr drehte sich im Konferenzsaal des Hilton-Hotels in Buenos Aires alles um die nachhaltige Entwicklung und das konstruktive Wachstum von Megastädten. Deutsche und argentinische Experten aus Politik und Wirtschaft präsentierten unterschiedliche innovative Konzepte der Bereiche Städteplanung und kreative Städte, Klimawandel und Städtemanagement, Energie, Mobilität und Müllentsorgung. Im Anschluss fanden jeweils Diskussionsrunden statt. Diverse Informationen konnten die Teilnehmer an verschiedenen Ständen von Organisationen sowie der Sponsoren wie Mercedes Benz, Siemens, Allianz oder Knauf erhalten.

Dr. Klaus Schmidt, Leiter der Wirtschaftsabteilung der Deutschen Botschaft in Buenos Aires, nannte in seiner Eröffnungsrede einige der Herausforderungen, mit denen große Städte heute konfrontiert sind, darunter deren Infrastruktur, der stetige Durchgangsverkehr sowie die Sicherheit. Als Ziel der diesjährigen Veranstaltung erklärte Enrique Genzone, Präsident von Siemens Argentinien und der AHK, Verbindungen zwischen dem privaten und dem öffentlichen Sektor zu schaffen, um gemeinsam Projekte zu realisieren, die die Lebensqualität aller Einwohner von großen Städten verbessern. Das Event solle die Möglichkeit des Austauschs von Informationen, Erfahrungen und von “Know how” bieten. Zudem erläuterte Genzone die Idee, die hinter dem Forum stand: “Es werden innovative Konzepte auf globaler Ebene vorgestellt werden, die auf den lokalen Bereich übertragen werden können.” Diego Santilli, der Minister für Umwelt und öffentliche Räume der Stadt Buenos Aires, erklärte, Nachhaltigkeit sei eine Angelegenheit, die “uns alle etwas angeht” – vor allem in Hinblick auf die zukünftigen Generationen.

Im ersten Veranstaltungsblock, in dem es um kreative Städteplanung ging, stellte Ralf Amann vom Architektenbüro “GMP” in Rio de Janeiro die Konzeption des Geländes in São Paolo vor, mit dem sich die Stadt für die Expo 2020 bewerben wird. Der Entwurf steht ganz im Zeichen der ökologischen Ausrichtung der Weltausstellung: Ein Großteil der existierenden Grünfläche soll erhalten bleiben und zudem soll ein sogenannter “Energy Generation Tower” errichtet werden. Dieser soll durch im Park installierte Spiegel gebündelt Sonnenlicht empfangen und die Solarenergie in elektrische Energie umwandeln.

Neben einer grünen und nachhaltigen Gestaltung von Städten ging es auch um Möglichkeiten der Erhaltung von Altstadtkernen und -elementen trotz der Modernisierungsvorgänge in dynamischen Städten: So nannte der argentinische Architekt Luis Grossman als positives Beispiel die Renovierung des Palacio Barolo an der Avenida de Mayo. Durch die große Öffnung an der Front hatte es vor den Arbeiten Probleme mit Tauben gegeben, da diese problemlos in den Innenraum fliegen konnten. Durch die Integration einer Glasfront in das Gebäude war dieses Problem gelöst worden. Zudem sei bei diesem Eingriff die aufwendige Fassade und damit das einzigartige Werk des Architekten Mario Palanti nicht beeinträchtigt worden.

Auch die Mobilität in Großstädten wurde diskutiert, da Staus, gesetzliche Regelungen des Verkehrs und soziale Tendenzen wie die Urbanisierung den individuellen motorisierten Transport in Großstädten erheblich einschränken. Dazu stellte Wilfried Steffen, Leiter des Bereichs Business Innovations von Daimler in Stuttgart, diverse innovative Lösungen des Konzerns vor – darunter die Plattform “moovel”. In die Smartphone-Anwendung kann der Benutzer seinen aktuellen Standort sowie sein zu erreichendes Ziel eingeben und bekommt daraufhin einen Überblick über alle zur Verfügung stehenden Fortbewegungsmittel, deren Kosten sowie Dauer bis zum Zielort.

Dass diese und weitere der vorgestellten Konzepte nun angemessen für Buenos Aires genutzt werden, liegt nach diesem Austausch am gemeinsamen Einsatz für nachhaltige Entwicklungen von Politik und Wirtschaft – und eines jeden Einwohners.

Weitere Informationen zur Tagung gibt es auf der Webseite der Konferenz.

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Die Megacity Buenos Aires hat rund 13 Millionen Einwohner – hier in Puerto Madero fand die Konferenz “Megaciudades” statt.

Multikulti-Treffen in Buenos Aires

Fest der ausländischen Gemeinschaften am kommenden Wochenende

Von Susanne Franz

Musik, Tanz und kulinarische Köstlichkeiten aus aller Welt: Am 8. und 9. September wird in Buenos Aires bei freiem Eintritt die “Fiesta de las Colectividades” im Park der Einwandererbehörde “Migraciones”, neben der Anlegestelle “Apostadero Naval” (Av. Antártida Argentina 1355) gefeiert.

An 50 Ständen verschiedener Länder werden von den Einwanderern und ihren Nachfahren Getränke und landestypische Gerichte angeboten, auch Kunsthandwerk steht zum Verkauf. 40 Konzerte und Auftritte von Tanzgruppen sind auf der Hauptbühne geplant. Am Samstag, dem 8.9., ist die Fiesta von 11 bis 19 Uhr zugänglich, am Sonntag, dem 9.9., von 11 bis 17 Uhr. Bei Regen wird die Veranstaltung auf das darauffolgende Wochenende verschoben.

Organisiert wird der Event von der Einwandererbehörde des Innenministeriums, er steht unter dem Motto “Multikulti-Treffen für die Integration”. Am Sonntagmittag gibt es einen Festumzug aller Gemeinschaften und eine feierliche Verleihung von Urkunden an besonders verdienstvolle Einwanderer.

Das Ende der Geschichte

Eine, wie Viele meinen, gar nicht sarkastische Betrachtung

Von Friedbert W. Böhm

Es wurde vor 20 Jahren vorausgesagt. Fukuyama interpretierte den Zerfall der Sovietunion und die chinesische Wirtschaftsliberalisierung als Beginn einer Zeit immerwährender liberaler Demokratie und allgemeinen Wohlstands.

Ganz so ist es noch nicht gekommen. Zwar ist die Weltwirtschaft ungeheuer gewachsen; eine halbe Milliarde Menschen in Ostasien und anderen “Schwellenländern” ist in den Mittelstand aufgestiegen, und auch in den alten Industrieregionen muss man nicht aufs Auto verzichten. Allerdings hat sich eine Ungleichheit anderer Art vergrößert: die Verteilung des Geldvermögens.

Zunächst tat sich eine Ost-/Westbresche auf. Im Osten produzierten intelligente, fleißige, disziplinierte und bescheidene Menschen weitaus mehr Produkte und Dienstleistungen, als sie selbst kaufen konnten. Der Überschuss wurde exportiert. Gern nahmen ihn die Menschen in den “alten” Regionen entgegen; die Sachen waren nicht viel schlechter, aber viel billiger, als die selbst unter Verhältnissen der 40-Stunden-Woche, des 5-Wochen-Urlaubs und der Rente mit 65 (oder erheblich früher) produzierten.

Natürlich litten unter diesen Verhältnissen die eigenen Exporte, so dass keine Devisen zur Bezahlung des Überschusses zur Verfügung standen. No problem. Statt Produkten und Dienstleistungen produzierte man also Devisen – Geld – und lieh dieses den Konsumenten, damit sie die Importe bezahlen konnten. Die Lieferländer erhielten so viel davon, dass sie es stapeln mussten. Nicht in den Tresoren natürlich, sondern in den Banken der Länder, die das Geld gedruckt hatten. Ein perfekter Kreislauf, der alle Beteiligten beglückte.

Dann wiederholte sich die Geschichte in etwas kleinerem Maßstab in Europa. Die Bresche entstand nun zwischen Norden und Süden. Dieser produzierte und jener konsumierte. Dieser finanzierte und jener verschuldete sich. Nur das mit dem Geldkreislauf lief anders. Es gab da nämlich einen Störenfried, “Rating Agencies” genannt. Der Störenfried verhinderte, dass das Geld des Überschussbereichs ohne Weiteres an die Schuldner zurückfloss, um neuen Konsum und neue Käufe zu ermöglichen. Das Perpetuum Mobile stotterte.

Nun streitet man sich in Europa seit zwei Jahren um Konsolidierung – der Norden – oder Wachstum – der Süden. Dabei ist die Lösung ganz einfach. Man braucht doch nur auf die Freunde im Westen zu hören, die das Problem längst gelöst haben. Schließlich steht in jedem Lehrbuch, dass die Wachstumsimpulse heutzutage ganz überwiegend vom Konsum ausgehen. Man muss nur neues Geld drucken, um diesen zu beflügeln.

Dann wäre man dem Ende der Geschichte gleich viel näher!

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Alle wollen die Bestnote: Die Rating Agencies brachten das Perpetuum Mobile zum Stottern.

Überleben im Dschungel

Gebrauchsanweisung für das Leben in einem Land wie Argentinien

Von Friedbert W. Böhm


Sie kommen aus einem einigermaßen vernünftig verwalteten mitteleuropäischen Rechtsstaat?

Dann sind Sie daran gewöhnt, dass die Menschen auf der Straße den Verkehr möglichst nicht behindern, keinen Abfall hinterlassen, dass Sie vom Verkäufer oder Taxifahrer richtiges Wechselgeld erhalten, dass Absprachen mehr oder weniger eingehalten werden, dass es Ihren Geschäftspartnern oder Ihrem Arbeitgeber außer um ihren Gewinn auch um einen guten Ruf zu tun ist, dass die Polizei sich bemüht, für Ihre Sicherheit zu sorgen und die Pensionskasse für Ihr Alter, dass die Leute in den Behörden zwar etwas umständlich und nicht immer sehr freundlich sind, sich aber letzten Endes doch bemühen, Ihr Problem zu lösen, dass Sie widrigenfalls eine gewisse Aussicht haben, Ihr Recht im Instanzenweg durchzusetzen, dass der von Ihnen gewählte Abgeordnete oder seine Partei in irgend einer Weise doch versucht, Ihre Interessen zu vertreten, dass die Gewaltenteilung im Staat eine angemessene Kontrolle seiner Organe gewährleistet und dass Politiker verschwinden, die in begründetem Korruptionsverdacht stehen.

Das alles sollten Sie vergessen, wenn Sie in ein Land wie Argentinien kommen.

Aber das ist doch eine alte Demokratie mit einer ordentlich gewählten Regierung, mit hundertjährigen Parteien, ein Land nahezu ohne Analphabeten, voller Universitäten, eine Gesellschaft mit vorbildlicher Sozialgesetzgebung, ein Vorreiter der Menschenrechte, Quelle vielfältiger Talente, die in internationalen Organisationen und Unternehmen ihren Mann stehen, darüber hinaus eines der von der Globalisierung begünstigten Schwellenländer mit beneidenswerten wirtschaftlichen Wachstumsraten!

Gewiss, aber es ist auch eine Hochburg der Scheinheiligkeit.

Glauben Sie nie dem Etikett! Aufschriften sind in einem solchen Land Wegweiser in die Verirrung, gleich der Bezeichnung Deutsche Demokratische Republik. Eine Zufahrt zur Autobahn kann durchaus auf einen Feldweg führen, und auch auf gesperrten Straßen kann man sich meist irgendwie durchwursteln. Gesetze sind Empfehlungen, gelten nur für Arme und Naive. Nicht einmal die Regierung hält sich daran. Wie bei Gericht, hat auch auf der Straße nur der Schnellere Vorfahrt oder der besser Gepanzerte.

Die Institutionen eines solchen Landes entbehren der gesellschaftlichen Bedeutung. Sie sind Einkommensquellen für die Freunde der Machthaber. Niemand kümmert sich um das Gesamtinteresse der Bürger.

Zahlreiche Generationen populistischer Regierungen haben das Land in die Struktur primitiver Gesellschaften zurückversetzt, wie sie vielleicht noch im Amazonasbecken oder auf Neuguinea zu studieren sind. Dort herrschen Familien, Clans, Stämme. Hier herrschen Familien, Freundschaftskreise, Parteiklüngel, Gewerkschaftsklüngel, gewisse OHGs, gewisse Unternehmen und Unternehmensverbände, unterstützt von den jeweiligen Medien. Werkzeuge der Auseinandersetzung sind nicht mehr Blasrohr und Machete, es sind Drohungen, Ehrabschneidungen, Bestechungen, unlauterer Wettbewerb, Streiks, Straßensperren und Vandalismus. Ohne derlei Erpressungen sind Gruppeninteressen nicht durchsetzbar.

Wenn Sie in einem solchen Land Erfolg haben wollen, müssen Sie einer Gruppe angehören. Die Auswahl sollten Sie sich sehr gut überlegen. Ihr Risiko ist nämlich, mit dem Erfolg die Denkungsart und Vorgehensweise der Gruppe zu übernehmen, und diese stünden eventuell in krassem Gegensatz zu den mitgebrachten.

Glücklicherweise gibt es in einem solchen Land immer noch Menschen, welche die heute so genannten Sekundärtugenden hochhalten – Unternehmer, Mitarbeiter, Anwälte, Verwalter, Berater, Ärzte, Künstler, Journalisten. Wenn Sie es schaffen, sich mit solchen Menschen zu umgeben, werden Sie auch im Dschungel mit einigermaßen reinem Gewissen erfolgreich sein können.

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Davonlaufen hilft auch nichts.
(Quelle: Drehort Buenos Aires.)

Handel auf Augenhöhe

Das solidarische Projekt “Arte y Esperanza”

Von Paula Bonnet


“Arte y Esperanza” (Kunst und Hoffnung) fing als kleines Projekt an. Eine Gruppe von Eltern, deren Kinder mit der Schule indigene Völker besuchten, wollten diese Kontakte vertiefen. Mittlerweile arbeiten sie seit 1986 mit der argentinischen Urbevölkerung zusammen.

In den ersten Jahren schickten sie Nahrungsmittel und Kleidung an die Toba- und Wichi-Gemeinschaften im Norden Argentiniens. Danach begannen sie, Kunsthandwerk der Völker in Buenos Aires zu verkaufen.

1995 begann ihre Zusammenarbeit mit Caritas, und ihr erster Laden in San Telmo (Balcarce 234) wurde eröffnet. Die Produkte werden gemäß der Prinzipien des Fairen Handels verkauft. “Am Anfang haben wir die Völker durch Wohltätigkeit unterstützt”, erklärt Sebastián Homps, der Pressesprecher von “Arte y Esperanza”. “Jetzt haben wir eine Beziehung auf Augenhöhe.”

Heute ist “Arte y Esperanza” ein gemeinnütziger Verein, der sehr stark gewachsen ist. Produkte von neun verschiedenen Ethnien werden verkauft. Ca. 500 Familien haben durch den Verband eine eigenständige Einkommensquelle. Zwei neue Geschäfte, eins in San Isidro (Pedro de Mendoza 587) und das andere in Retiro (Suipacha 892), zeugen vom Erfolg der Zusammenarbeit.

Die Organisation besucht auch Schulen und Universitäten, in denen sie auf die Situation, die Kultur und die Probleme der indigenen Völker aufmerksam macht.

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Mit Musik gegen den “Paco”

Die Musikschule der Gemeinde Caacupé kämpft gegen das Drogenproblem in den “Villas Miserias”

Von Mirka Borchardt


Camila und Miriam singen sich für ihren Gesangsunterricht warm. Es ist Freitag Nachmittag, über der Villa 21-24 hängt blauer Dunst und es riecht nach Grill. Von draußen dringen Cumbiaklänge in das Klassenzimmer, nebenan üben drei Kinder die Tonleiter auf einem Keyboard. Camila und Miriam sind Schülerinnen der Musikschule der Gemeinde Caacupé. Camila möchte Sängerin werden, vielleicht mal eine eigene Band gründen. Vor kurzem ist sie 15 Jahre alt geworden. Deswegen übt sie heute mit ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester Miriam für einen besonderen Anlass: ihre Geburtstagsparty. Das wird ein ganz großes Fest, in einem Pavillon auf einem extra dafür angemieteten Grundstück, erzählt sie freudestrahlend. Selbst ihr Bruder wird kommen. Seit einem Jahr wohnt er nicht mehr in Buenos Aires, genauso lange, wie die Familie nicht mehr in der Villa wohnt. Vor einem Jahr, im Morgengrauen, bekam die Familie Besuch von ein paar bewaffneten Schlägertypen, die ihnen mit Konsequenzen drohten, sollte der Bruder tatsächlich aussteigen. Aussteigen aus dem Drogenhandel, das war damit gemeint. Von einem Tag auf den anderen zog Camilas Familie um.

Santiago, der Lehrer kommt zurück, die Gesangsstunde geht weiter. Begleitet von einem leicht verstimmten Klavier üben die beiden Schwestern die schwierigsten Parts der Songs wieder und wieder. Es ist kühl im Klassenzimmer, es gibt keine Heizung. Während die Sonne untergeht, belebt sich die Straße draußen, die Cumbia-Klänge werden lauter. Ein Auto fährt vorbei, ein schwarzer, glänzender Mercedes, der hier in diesem Viertel wie von einem anderen Stern wirkt. Doch die Villeros gucken dem Auto nicht einmal hinterher. Die Mafia gehört zum Alltag.

Der Paco ist eines der drängendsten Probleme in den Villas. Seit der Wirtschaftskrise ist der Konsum um ein Vielfaches gestiegen. Ungefähr die Hälfte der Jugendlichen in den Villas raucht den giftigen Stoff, wird geschätzt. Weil er billig ist, nur ein paar Pesos kostet der Trip. Weil die Mafia vor ein paar Jahren ihre Produktionsstätten unter anderem nach Argentinien verlegt hat; nun sind die Vertriebswege kürzer. Und weil der Rausch immer noch am meisten hilft gegen das Gefühl der Perspektivlosigkeit. Hier ist der Punkt, wo Padre Toto, Santiago und andere Freiwillige der Gemeinde Caacupé ansetzen. Gegen die Mafia können sie nichts ausrichten, und sie können auch nichts ändern an den Lebensbedingungen der jungen Menschen. Aber sie können ihnen vielleicht neue Perspektiven geben. Durch Bildungsangebote zum Beispiel, durch Sportgruppen, Freizeitaktivitäten – und mit Hilfe der Musik.

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Von vielen verachtet

Politikverdrossenheit

Von Friedbert W. Böhm


Seit einigen Jahren ist dieser Begriff in der westlichen Welt immer häufiger zu hören. In Argentinien fand er 2002 seinen Ausdruck in “¡Que se vayan todos!” (Sollen Sie doch alle zurücktreten!). Politiker gelten zunehmend als egoistische Machtmenschen, denen das Wohl der Gesellschaft wenig oder nichts bedeutet. Sie werden deshalb von vielen verachtet.

Einher geht diese Entwicklung mit der Beobachtung, dass die Schamlosigkeit einer immer größeren Zahl von Politikern ein jeder Erklärung zu spotten scheinendes Ausmaß erreicht hat.

Es gibt aber eine Erklärung: “Wenn ich als Politiker ohnehin verachtet werde”, mögen sich zahlreiche dieses Berufsstandes denken, “dann wären meine Bemühungen um eine seriöse Amtsführung von vorneherein vergebens. Also nutze ich alle mir zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, auch die unanständigen, auch die illegalen und sogar die nicht zu verbergenden, um mir ungerechtfertigte Vorteile zu verschaffen”. Ist der Ruf einmal ruiniert, sündigt man ganz ungeniert, oder, auf Argentinisch, “¿qué le hace una mancha más al tigre?” (Noch ein Flecken mehr kann dem Tigerfell ja wohl nicht schaden).

Dies dient natürlich nicht dazu, die Politikverdrossenheit zu verringern. Es sollte uns aber anspornen, den glücklicherweise gar nicht so wenigen redlichen Politikern umso größeren Respekt entgegenzubringen.

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Wirtschaftskrise 2001/2002 in Argentinien, fünf Präsidenten in wenigen Tagen: Wer dieses Chaos erlebt hat, ist heute eher vorsichtig, wenn es darum geht, alle Politiker aus dem Amt treiben zu wollen.

Erinnerung, Kunst – und Tourismus

Im “Parque de la Memoria” in Buenos Aires am Ufer des Río de la Plata wird auf dem Weg über die Kunst der Opfer der Militärdiktatur gedacht

Von Susanne Franz


Die Bäumchen, die vor 10 Jahren im “Parque de la Memoria” gepflanzt wurden, sind noch klein und spenden keinen Schatten. Die Sonne knallt unbarmherzig auf den Besucher nieder, der sich dem “Monumento a las Víctimas del Terrorismo de Estado” nähert, der Gedenkstätte, die an die Verschwundenen der letzten argentinischen Militärdiktatur erinnert. Es handelt sich um vier Stelen-Mauern, die in einem Zickzack angeordnet sind. Die Architektur soll an eine klaffende Wunde erinnern, so wie die Geschehnisse des Staatsterrors für das Land immer noch eine offene Verletzung darstellen. Dieses Mahnmal ist bewusst unbequem, dem Besucher wird es nicht leicht gemacht, sich in ihm und an seinen Mauern entlang über den gleißenden Asphalt der Rampen zu bewegen. Das Monument will kein angenehmes Erinnern ermöglichen, sondern verkörpert den Horror, auf den es aufmerksam macht. Es zieht den Besucher hinein ins Geschehen.

Die vier ca. 2 Meter hohen Mauern bestehen aus 30.000 übereinander und nebeneinander angeordneten Steinplatten, jede etwa 40 cm breit und 7 cm hoch. 30.000 ist eine hochgerechnete Zahl der während der Militärdiktatur Verschwundenen, konkret sind in dem Mahnmal bisher fast 9000 Namen von Menschen verewigt, über deren Verschwinden es Zeugnisse gibt. Es kommen Schritt für Schritt neue hinzu, das Monument ist ein lebendiges, in Bewegung begriffenes Mahnmal, wie auch der Prozess der Aufarbeitung der Vergangenheit in der Gesellschaft nur sehr langsam vonstatten geht. Die Namen der Opfer des Staatsterrors sind in die einzelnen, aus Pórfido-Stein bestehenden Platten eingraviert – mit dem Pórfido wurde bewusst ein aus Argentinien stammendes Gestein ausgesucht. Die Gravur ist als Relief gearbeitet, so dass man den Namenszug berühren kann. Es gibt keinen Namen, der so hoch läge, als dass ein ca. 1,60 m großer Mensch ihn nicht mit ausgestrecktem Arm erreichen könnte.

Viele Kinder und Jugendliche kommen während des Schuljahres mit ihren Klassen in den Park, um das Monument zu besuchen, für sie ist es besonders schockierend zu sehen, dass viele der Verschleppten und Ermordeten gerade mal so alt waren wie sie – dass das Alter 14, 15 oder 16 neben einem der Namen steht, ist keine Seltenheit. Auf schwangere Frauen wird extra hingewiesen, neben ihren Namen und ihrem Alter steht “embarazada”.

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Auf den Spuren des Täters – 60 Jahre danach

Gisela Heidenreich recherchierte für ihr neues Buch auch in Argentinien

Von Sebastian Loschert

Wer war Horst Wagner? Hoher SS-Offizier im “Dritten Reich”, ab 1943 Leiter der für “Judenangelegenheiten” zuständigen Gruppe “Inland II” im Auswärtigen Amt, persönlicher Verbindungsmann zwischen Ribbentrop und Himmler, zwischen Auswärtigem Amt und SS. Lange Zeit eine kaum beachtete Schlüsselfigur in der Organisation des Holocaust. Dann aber auch: Der Mann, dem die Mutter von Gisela Heidenreich Nacht für Nacht am Münchner Esstisch lange Liebesbriefe nach Südamerika schrieb. Für den die Mutter in den mageren Nachkriegsjahren das Geld auf die Seite legte und am Essen für die Tochter sparte. Der Mann außerdem, dessen Name auf der geschenkten Schulmappe stand, die die Autorin bis zum Abitur benutzte.

Wie in ihren vorherigen Büchern steht in “Geliebter Täter” die persönliche Betroffenheit von Gisela Heidenreich am Ausgangspunkt ihrer Nachforschungen. Zum dritten Mal spielt ihre Mutter Emmi eine Hauptrolle, zum dritten Mal wagt Heidenreich den Spagat zwischen persönlicher und politischer Aufarbeitung. Wie in “Sieben Jahre Ewigkeit” dienen hunderte Briefe als Zeugnisse der geheim gehaltenen Liebe ihrer Mutter. Diesmal aber will die Tochter den “geliebten Täter” Horst Wagner genauer unter die Lupe nehmen. Wie sah seine Stellung im Auswärtigen Amt aus? Wie konnte er flüchten und trotz Haftbefehl in Südamerika untertauchen? Wieso wurde er nach seiner Rückkehr nie verurteilt?

Diese Fragen sind ihr Reisen nach Frankreich, Italien und Argentinien wert. Wenn sich vor einem italienischen Landgut wieder eine Spur verliert, schreibt sie trotzig: “Ich werde noch einige Türen öffnen, Herr Wagner.”

Und Heidenreich öffnet viele Haustüren, Ordnerdeckel und Aktenschränke, um Horst Wagner kennenzulernen. Ausgiebig wird seine steile Karriere im diplomatischen Dienst in Berlin erforscht. Die gelingt ihm trotz fehlender diplomatischen Ausbildung dank SS- und Parteimitgliedschaften. Detailreich wird die Arbeit Wagners in der Behörde nachgezeichnet: Von der Organisation antijüdischer Propagandaaktionen bis zur Empfehlung an Ribbentrop, die “unverzügliche Ausmerzung aller Juden in den von uns besetzten Gebieten” sei unumgänglich.

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Geschichte(n) aus dem Koffer

Gabriel Groszman präsentiert sein neuestes Buch in der Pestalozzi-Schule

Von Mirka Borchardt

Das Auditorium der Pestalozzi-Schule im Buenos Aires-Stadtteil Belgrano ist fast voll. Keine Selbstverständlichkeit bei diesem Thema – um eine steile These zu wagen: In Deutschland wäre der Saal nicht einmal zur Hälfte besetzt. Doch hier in Argentinien ist das Thema von anderer Brisanz: Die Verfolgung von Juden in Deutschland unter der Nazi-Herrschaft, die Flucht ins Exil, das Schicksal der Daheimgebliebenen, darum soll es heute Abend gehen. Viele der Anwesenden, die der Einladung der Asociación Filantrópica Israelita, der Kulturabteilung der Pestalozzi-Schule und des Goethe-Instituts gefolgt sind, könnten eigene Erinnerungen beisteuern, könnten von der eigenen Erfahrung im argentinischen Exil oder der Verfolgung ihrer Eltern im von den Nazis besetzten Europa berichten.

Entsprechend bewegt ist die Atmosphäre im Saal, als aus dem Buch gelesen wird. “Ein Koffer auf dem Dachboden” erzählt von der Geschichte der jüdischen Familie Uffenheimer aus Breisach in Baden. Der Fund eines Koffers voller alter Dokumente auf dem Dachboden eines verstorbenen Familienmitglieds in Argentinien war Anlass für Gabriel Groszman, sich in eine detaillierte Recherche zu stürzen, kaum dass sein erstes Buch “Als Junge in Ungarn überlebt” (2009) erschienen war. Ausführlich berichtet der ältere Herr vorne auf der Bühne vom Entstehungsprozess des Buches, und man kann nur staunen angesichts der Energie und Geistesgegenwart, die er sich trotz der Schicksalsschläge im eigenen Leben offensichtlich bewahrt hat.

In dem Koffer fand Groszman unter anderem den vollständigen Briefwechsel Semi Uffenheimers mit seiner Schwester Flora, die zusammen mit den Eltern in Deutschland geblieben war. Regelmäßig informierte sie Semi über die schrittweise Verschlechterung der Lebenssituation der Familie. Es ist totenstill im Auditorium, als Rudolf Barth, ehemaliger Direktor des Goethe-Instituts Buenos Aires und Übersetzer des ersten Buchs von Groszman, aus diesen Briefen liest. Flora erzählt darin, wie es den Eltern Tag für Tag schlechter geht im Gefangenenlager in Südfrankreich, dass sie kaum zu Essen haben, dass sie jeden Tag ums Überleben kämpfen. Bis eines Tages keine Briefe mehr kommen. Flora ist nach Auschwitz abtransportiert worden, und sie wird nicht mehr zurückkommen.

Befreiender wirken da die Passagen, die die Verlegerin Graciela Komerovsky vorliest. Auch im Schrecken gab es noch einen Alltag, zeigen diese: Er solle doch endlich heiraten, rät Flora ihrem Bruder, und anscheinend nimmt er sich den Auftrag zu Herzen: In einer Kontaktanzeige im Argentinischen Tageblatt sucht ein “Junggeselle, jüdisch, mittelgroß, selbständig”, die “Bekanntschaft eines patenten netten Mädchens bis 32 Jahre, zwecks späterer Heirat”. Gefruchtet haben sie leider nicht.

Tomás Abraham, selbst Kind rumänisch-jüdischer Flüchtlinge, Literat und Philosoph, übernimmt schließlich den theoretischen Part des Abends. Über die Erfahrung der Exilierten in Argentinien redet er, über den Prozess der Identitätsbildung und über den Begriff “Überlebender”, den er ablehnt. Nicht um diesen Begriff zu verstärken, nicht um die Immigranten als Opfer zu stilisieren, müssen ihre Geschichten immer wieder erzählt werden, sagt er, sondern um zu verhindern, dass sich die Geschichte wiederholt. Vielleicht können Veranstaltungen wie diese dabei helfen.

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Der Autor weiß, wovon er schreibt: Auch er kam als jüdischer Flüchtling nach Argentinien.

“Erkennen, erfassen, bewahren”

Ein Projekt des Moses Mendelssohn Zentrums widmet sich dem deutsch-jüdischen Erbe auf der ganzen Welt

Von Mirka Borchardt


“Warum, so fragt man sich, ist ein solches Projekt nicht schon früher gestartet worden?” Mit diesen Worten leitete Botschafter Günter Rudolf Knieß am Dienstag die Vorstellung eines ambitionierten globalen Projekts zum jüdischen Kulturerbe ein: German-Jewish Cultural Heritage (GJCH) heißt das Projekt, und sein Vorhaben klingt in der Tat so einleuchtend, dass die rhetorische Frage des Botschafters mehr als berechtigt scheint. Als “Spurensuche” beschreibt Dr. Elke-Vera Kotowski vom Moses Mendelssohn Zentrum (MMZ), maßgebliche Initiatorin des Projekts, dieses Vorhaben: Spuren des deutsch-jüdischen Kulturerbes weltweit sollen gesucht, gesammelt, systematisiert, zusammengefasst und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

In einer jahrhundertelangen Geschichte der Emigration deutscher Juden ist deren kulturelles Erbe in alle Welt verstreut worden – nicht nur das materielle, nicht nur Gegenstände des täglichen und des religiösen Lebens, sondern auch das immaterielle: Traditionen, Wissen, Geschichten, Gewohnheiten. Häufig hat sich diese Kultur mit der des Aufnahmelandes vermischt, doch ist die eine nicht einfach in der anderen aufgegangen: Auch die Kultur des Aufnahmelandes veränderte sich durch die Neuankömmlinge und deren mitgebrachtes Kulturgut.

Diesen wechselseitigen Einflussnahmen nachzugehen, das ist eines der Ziele des GJHC. Ein anderes ist, die schon bestehenden zahlreichen Vereinigungen und Organisationen weltweit, die zu ähnlichen Themen arbeiten, zu vernetzen. Das Wissen, das heute schon besteht, ist nicht unerheblich, aber fragmentarisch und über den Globus verteilt. Die Einrichtungen arbeiten unabhängig voneinander, teilweise wissen sie gegenseitig nicht einmal von ihrer Existenz. Über das GJCH können sie miteinander in Kontakt treten und einen Austausch beginnen, können sich mit Kollegen auf der anderen Seite des Ozeans beraten und Dokumente vom anderen Ende der Welt einsehen, das ist die Vision von Kotowski und ihren Mitarbeitern.

Auf der Internetseite des Projekts (siehe unten) findet man eine interaktive Weltkarte, klickt man die einzelnen Länder an, werden alle Organisationen des jeweiligen Landes aufgelistet, die zum Thema deutsch-jüdisches Kulturerbe arbeiten. Daneben soll eine Datenbank angelegt werden, auf der Briefe, Tagebücher, Dokumente, Ausweise und andere Primärquellen in digitalisierter Form zu finden sein sollen. Damit sie nicht nur einer kleinen Minderheit von Wissenschaftlern zur Verfügung stehen, sondern allen Interessierten, auch und vor allem Jugendlichen, die mit audiovisuellen Mitteln mittlerweile mehr anzufangen wüssten als mit Büchern, so Kotowski.

Auf diese Weise will das GJHC auch einen anderen Zweck erfüllen: “Häufig sind wahre Schätze auf Dachböden oder in Kellern versteckt, und die Menschen wissen nicht, wohin damit”, sagt Kotowski. “Wir bieten ihnen eine zentrale Anlaufstelle.” Sie berichtet von einem Mann in den Vereinigten Staaten, der auf seinem Dachboden den Briefwechsel einer in Wien lebenden Frau und ihres in die Staaten ausgewanderten Sohnes fand: 20 Jahre lang, von 1926 bis 1956, schrieben sich die beiden Briefe. Nicht nur von den großen und kleinen Ereignissen des Alltags erfährt man darin, sondern auch vom Prozess der Identitätswandlung des Sohnes, von der Mutter, die in Wien den aufkommenden Nationalsozialismus miterlebt und schließlich selbst auswandert – und deren Identität als deutschsprachige Jüdin damit ebenfalls arg erschüttert wird. Diese Geschichte(n) im Kleinen zu berichten, nicht nur die Geschichte großer Männer, das ist ein anderes Ziel der Wissenschaftlerin und ihres Teams.

Noch steckt das Projekt freilich in den Kinderschuhen: Bisher sind die auf der Internetseite aufgelisteten Organisationen nur wenige, die Datenbank ist noch in Entwicklung, und auch die Veröffentlichung des geplanten Handbuchs mit Beiträgen von 50 internationalen Wissenschaftlern wird noch dauern. Ein Haufen Arbeit ist das alles, aber die GJCH-Organisatoren haben allen Grund zur Hoffnung. Bei der Vorstellung des Projekts in der deutschen Botschaft in Buenos Aires am Dienstag sagten die jüdische Forschungsstiftung Fundación IWO und die AMIA (Asociación Mutual Israelita Argentina) spontan ihre Unterstützung zu, so angetan waren sie von der Idee.

Um auf die berechtigte Anfangsfrage zurückzukommen: Warum also gab es ein solches Projekt nicht schon früher? Weil es, so beantwortet die Frage ein Zeitzeuge aus dem Publikum, vielleicht so lange gebraucht habe, bis sich die Exiljuden mit ihren deutschen Wurzeln hätten aussöhnen können. Umso mehr darf man nun froh sein, dass die Zeit anscheinend reif ist.

Für weitere Informationen und Anfragen siehe die Webseite des Projektes.