Klare Linien und einfache Materialien

Argentinische Designklassiker in der Fundación Proa

Von Philip Norten

Noch bis Oktober sind in der Fundación Proa in einer kleinen Sonderausstellung sechzehn Klassiker des argentinischen Möbeldesigns zu sehen. Präsentiert werden Stuhlentwürfe von argentinischen Designern, die in der Epoche der “sustitución de importaciones” (ca. 1932 bis 1952) entstanden, als, bedingt durch den Krieg und die Wirtschaftskrise in Europa und den USA, importierte Produkte wie Möbel durch argentinische Fabrikate ersetzt wurden. Einheimische Designer nutzten diese Gelegenheit und schufen Entwürfe, die sich vor den modernen Klassikern nicht zu verstecken brauchen.

Bekannte Namen wie Martin Eisler, Cesar Janello und die Architekten Antonio Bonet und Amancio Williams befinden sich unter den Designern. In ihren Entwürfen kann man zwei unterschiedliche Grundtypen unterschieden. Einige bestehen aus Holzelementen, Leder und Stoff und stehen für ein “warmes”, naturverbundenes Design. Bei anderen Stühlen dominieren blanke Stahlträger die Erscheinung und entsprechen so dem Bild des klassischen, kalten Designs der Moderne. Allen Entwürfen gemeinsam ist, dass sie durch einfache Gestaltung mit wenigen Elementen und Linien schöne Objekte entstehen lassen.

Die ausgestellten Modelle sind Leihgaben von “Dos 26 – Centro Metropolitano de Diseño”, das Kopien der Designklassiker herstellt und diese vertreibt.

  • Fundación Proa
  • Pedro de Mendoza 1929, La Boca, Buenos Aires
  • Di-So 11-19 Uhr, montags geschlossen
  • Eintritt 15 Pesos, Rentner 10 Pesos, Studenten 5 Pesos; diesntags gratis für Studenten

Fotos von oben nach unten:
Stuhldesign von Amancio Williams.

Jorge Parsons+Osvaldo Fauci, “Sillón Bull”.

Film ab!

Das 13. Deutsche Kinofestival steht vor der Tür

Von Susanne Franz


Wunderschöne Landschaften, schnelle Autos, brave, geschniegelte Schulkinder: Alles scheint perfekt in deutschen Landen. Doch unter der Oberfläche brodelt das Böse, lauern das Perverse, die Langeweile und die Gnadenlosigkeit: Mit der Satire “Finsterworld” wird das diesjährige 13. Kinofestival von Buenos Aires am Donnerstag, den 12. September, eröffnet. Die Regisseurin und Co-Autorin Frauke Finsterwalder reist persönlich an, um ihren Film dem Publikum in Argentinien vorzustellen.

Bis Mittwoch, den 18. September, haben Kinoliebhaber die Gelegenheit, die jüngsten Produktionen talentierter junger Filmschaffender in 11 Langspielfilmen und einem Kurzfilmprogramm kennenzulernen. Alle Filme laufen im Saal 6 des Kinokomplexes Village Recoleta, Junín/Vicente López, Buenos Aires. Der Vorverkauf hat am 7. September bereits begonnen.

Einzelkarten kosten 50 Pesos, es gibt auch ermäßigte Abos. Der Stummfilm mit Livemusik, der das Festival traditionsgemäß abschließt, kostet 62 Pesos Eintritt. Informationen zu den Filmen, zum Publikumspreis etc. finden Sie auf der Webseite des Festivals.

Hier einige Filmkritiken:

“Am Himmel der Tag”

Von Carlo-Johannes Schmid


Wilde Küsse, herzhaftes Lachen, Bier, Longdrinks, Schnaps, noch mehr Küsse, Sex und Leidenschaft – am Wochenende. Kopfweh, Aspirin, Übelkeit, Spaghetti, lustlose Lernerei, noch mal Spaghetti und Warten auf das Wochenende – grauer Alltag. Ja, “Am Himmel der Tag” zeigt das Leben einer Studentin. Oder besser gesagt, das Bild einer ganzen Generation von Studenten. Immer auf der Suche nach ein bisschen Authentizität im Leben. Wer bin ich? Was studiere ich da eigentlich? Und wie sieht die Zukunft aus? Mit diesen Fragen schlägt sich die 25-jährige Hauptperson des Films, Lara, herum. Da kommt es ihr nach anfänglichen Zweifeln gar nicht mal so ungelegen, dass sich das zweite große Thema des Films überraschend ankündigt. Das Leben selbst. Lara ist plötzlich schwanger. Ein Schock. Denn das Leben geht weiter, das Studium, die Partys, die Lernerei. Nur eins ist jetzt anders, es hat einen Sinn. Dies erkennt Lara und entschließt sich, das Kind zu behalten. Sie will Verantwortung übernehmen für ihr Leben.

Die anfängliche Skepsis weicht der Vorfreude. Sie bereitet alles auf das Leben mit ihrem Kind vor, freut sich mit ihrer besten Freundin über ihre wachsenden Brüste und streicht das Zimmer. Die junge Studentin meistert alle Veränderungen mit einer erstaunlichen Leichtigkeit und Begeisterung. Bis das Leben erneut zuschlägt. Und wieder muss es einfach weitergehen.

“Am Himmel der Tag” ist der erste Langspielfilm der Regisseurin Pola Beck. Die damit selbst erst ihr Studium an der Filmhochschule “Konrad Wolf” beendete. Die Hauptdarstellerin Aylin Tezel, gewann für die Rolle der “Lara” 2012 den Preis als “beste Schauspielerin” beim 30. Torino Filmfestival.

“Speed”

Von Maren van Treel


Speed, die “Droge” unserer Gesellschaft. Technik und Maschinen takten unser Leben, eine einzige Effizienzsteigerung. Am Ende steht für immer mehr Menschen die totale Erschöpfung: der Burn-Out. “Wollen wir so leben?”, lautet die Frage, die sich Florian Opitz, Dokumentarfilmemacher und Autor, stellt. Und warum tun wir es überhaupt? Davon handelt sein Dokumentarfilm “Speed – auf der Suche nach der verlorenen Zeit”.

“Was? Eine Stunde und 37 Minuten dauert der Film? Kann ich mir das leisten? Ich muss doch noch…”, denke ich zu Beginn des Films. Moment. Innehalten. Genau so sieht sie aus, die Beschleunigung der heutigen Zeit. Opitz sucht aber nicht nur nach deren Ursache, sondern auch nach anderen Lebenskonzepten. Das führt ihn zu Therapeuten, mehr oder weniger hilfreichen Selbsthilfe-Gurus und Wirtschaftsvertretern, aber auch in ferne Länder und zu Menschen, die ihr ganz eigenes Konzept des langsamen Lebens entwickelt haben.

Auch wenn einige der Ergebnisse schon bekannt sind, ist der Film doch eine gute Zusammenfassung, in der der Zuschauer manches Mal überrascht wird. Sehenswert ist er aber vor allem als Ausgangspunkt für die eigene Suche nach Auswegen aus der ständigen Rastlosigkeit. Diese Zeit sollte man sich nehmen, es geht schließlich um die eigene Lebensqualität.

“Hannah Arendt”

Von Marcus Christoph


Regisseurin Margarethe von Trotta hatte schon mit ihrem Film über Rosa Luxemburg einer bedeutenden Frau der deutschen Geschichte ein cineastisches Denkmal gesetzt. Nun lässt sie mit “Hannah Arendt” ein weiteres folgen. Als Hauptdarstellerin setzte von Trotta auch diesmal auf Barbara Sukowa. Dieser gelingt es, die deutsch-jüdische Philosophin überzeugend darzustellen. Dabei erhebt der Film nicht den Anspruch, das ganze Leben Arendts nachzuzeichnen. Er beschränkt sich auf die Zeit des Prozesses gegen den NS-Verbrecher Adolf Eichmann, den die Philosophin in ihrer berühmten Analyse der “Banalität des Bösen” beschreibt. Arendt wohnt der Gerichtsverhandlung in Jerusalem bei. Eichmann nimmt sie nicht als “Monster” wahr, sondern als mittelmäßigen Bürokraten. Als dieser verkörpere er das moderne Böse, das nicht dämonisch, sondern banal sei.

Der Film zeigt auch die Anfeindungen, denen Arendt nach Veröffentlichung ihrer Studie ausgesetzt war. Ihre Kritik an den Judenräten, die sie der Kollaboration mit den Nazis bezichtigte, war für viele nicht hinnehmbar. Weggefährten im New Yorker Emigrantenmilieu oder in Israel wenden sich von ihr ab.

In dem Film sind Rückblenden zu sehen, die Arendt mit ihrem früheren Mentor Martin Heidegger zeigen. Die komplexe Beziehung zwischen der Jüdin und dem Philosophen, der zeitweise mit der NS-Bewegung sympathisierte, wird aber leider nur kurz beleuchtet. Trotzdem ist “Hannah Arendt” ein sehenswertes Drama, bei dem man viel über Geschichte lernt.

“Transpapa”

Von Susanne Franz


Die Fete zu ihrem 15. Geburtstag endet mit viel Müll – und dann macht auch noch der Angebetete Schluss. Ihre Freundin erzählt ihr am Handy, wie er in der Schule über sie herzieht. Maren (Luisa Sappelt) ist am Boden zerstört. Doch es soll noch schlimmer kommen: Ihre Mutter beichtet ihr, dass ihr Vater nicht etwa wie vermutet als Aussteiger seit Jahren in Nepal lebt, sondern in einem Vorort von Köln, und dass er jetzt Sophia heißt und als Frau lebt. Nach dem ersten Schock macht Maren sich heimlich auf, ihn/sie zu besuchen, ihrer Mutter tischt sie eine Lügengeschichte auf. Sophia (Devid Striesow) ist mindestens ebenso nervös wie Maren, als sie sie am Bahnhof abholt. Was nun? Wie werden die beiden ihre Beziehung definieren in einem Moment, in dem sie beide in Umbruchphasen stecken – und in denen beider Hormone ziemlich verrückt spielen?

Das Schöne an “Transpapa” ist, dass hier ein komplexes Thema als warmherzige, “kleine” Geschichte erzählt wird. Maren und Sophia sind auf Neuland und bewegen sich behutsam aufeinander zu, ohne großartige Lösungen parat zu haben. Eine sehr menschliche Geschichte und ein sehr gelungenes Langfilmdebüt der jungen Regisseurin Sarah Judith Mettke, die damit auch ihre eigene Geschichte verarbeitet.

“Schuld sind immer die anderen”

Von Carlo-Johannes Schmid

Ein Film über Reue und Vergebung, in dem sowohl Täter als auch Opfer auf eine harte Probe gestellt werden. Ben ist ein krimineller Jugendlicher ohne Perspektive, der sich mit einem brutalen Überfall endgültig auf das falsche Gleis katapultiert. Zusammen mit einem Komplizen raubt er eine Frau aus und verprügelt die am Boden Liegende. Die Konsequenz seines Lebenswandels holt ihn bald ein: Knast. Dort sitzt er wegen kleinerer Delikte. Der Überfall konnte nicht aufgeklärt werden. Dass es im Gefängnis nicht angenehm ist, bemerkt er, als er selbst Prügel einstecken muss, deshalb lässt er sich auf das Angebot des Sozialarbeiters Niklas ein. Dieser nimmt ihn mit in den freien Vollzug in die Einrichtung “Waldhaus”, die er zusammen mit seiner Frau Eva führt. Dort gibt es weder Zäune noch Mauern, dafür aber einen straffen Tagesablauf, viele Regeln und ein Bewertungssystem, durch das man sich in der Hierarchie nach oben arbeiten kann. Das Ziel ist der sogenannte Täter-Opfer-Ausgleich, der besagt, wenn der Täter ehrlich bereut, wird ihm das Opfer auch verzeihen. Anfangs sträubt sich Ben gegen alle Regeln, findet sich aber bald besser zurecht. Er fängt an, eine Zukunft für sich zu sehen und träumt von einer Ausbildung als Automechaniker. Als jedoch Eva aus dem Urlaub kommt, muss Ben entsetzt feststellen, dass es sich bei der Frau von Niklas um sein Prügelopfer handelt.

Der Regisseur Lars-Gunnar Lotz beleuchtet in “Schuld sind immer die anderen” nicht nur die Rolle des Gewalttäters und dessen Versuch der Besserung. Er zeigt auch, wie schwer es ist, zu verzeihen. Auch für Eva, die Jugendlichen seit Jahren beibringt, dass Vergebung möglich ist.

“Wir wollten aufs Meer”

Von Marcus Christoph


Wer die DDR frei nach Günter Grass als “kommode Diktatur” wahrgenommen hat, der bekommt bei dem Politdrama “Wir wollten aufs Meer” eine härtere Version totalitärer Herrschaft vor Augen gehalten. Düster, voller Intrigen, Verrat und brutaler Gängelung stellt Regisseur Toke Constantin Hebbeln in seinem zweiten Langfilm den “Arbeiter- und Bauernstaat” dar. Im Zentrum der Handlung stehen mit Cornelis (Alexander Fehling) und Andreas (August Diehl) zwei junge Männer, die 1982 nach Rostock kommen, um möglichst bald als Matrosen in die weite Welt zu fahren. Doch sie finden nur Beschäftigung am Hafen. In dieser Situation bietet die Stasi an, die beiden zur Handelsmarine zuzulassen, wenn sie den zur Flucht bereiten Vorarbeiter Matthias (Ronald Zehrfeld) aushorchen. Das Drama nimmt seinen Lauf, als dessen Fluchtversuch scheitert und der Bespitzelte in den Knast muss. Andreas dient sich der Stasi an. Cornelis hingegen leidet an Gewissensbissen und versucht schließlich selbst, mit seiner vietnamesischen Freundin Phuong Mai (Thao Vu) über die tschechische Grenze in den Westen zu entkommen. Phuong Mai schafft die Flucht, Cornelis aber wird verhaftet. Im Gefängnis trifft er seinen einstigen Vorarbeiter Matthias wieder. Während sie in der Haft Schikanen ausgesetzt sind, intrigiert der zum hauptamtlichen Stasi-Mitarbeiter aufgestiegene Andreas eifrig gegen seinen einstigen Freund.

Unter dem Strich ein beklemmender Film darüber, was ein totalitäres Regime mit Menschen anstellen kann.

“Freier Fall”

Von Susanne Franz


Wer in einem Läuferfeld an erster Position liegt, muss schon eine besondere Persönlichkeit besitzen, um nicht nervös zu werden, wenn ihm die anderen dicht auf den Fersen sind. Der Film “Freier Fall” beginnt mit einem Läufer, der ganz entspannt ein Rudel schwitzender Polizeischüler anführt. Hinter ihm keuchend ein anderer, der schon bald mit Seitenstechen aufgeben muss. Kay (Max Riemelt), der Erste, und Marc (Hanno Koffler), der Zweite, geraten im Laufe der Fortbildung aneinander und werden beide gerügt. Danach rauchen sie eine Zigarette zusammen, dann einen Joint, dann laufen sie gemeinsam. Eins kommt zum anderen – die beiden stürzen sich in eine heftige Affäre.

Marcs “normales Leben” bleibt davon zunächst unberührt. Mit seiner hochschwangeren Freundin ist er gerade in ein von den Eltern und Schwiegereltern finanziertes Haus gezogen, das auch noch direkt an die Häuser der vier Eltern grenzt. Kein Wunder, dass der Mann nicht atmen kann. Dort wäre Marc wahrscheinlich alt geworden und hätte das ganz normal gefunden, doch Kay hat sich in ihn verliebt und taucht unvermutet als neuer Kollege bei Marcs Arbeit auf. Und die beiden können die Finger nicht voneinander lassen. Als Marcs Sohn geboren wird, macht er mit Kay Schluss, doch da kann er schon nicht mehr zurück in sein altes Leben. Wohin es gehen soll, weiß er auch nicht: Er steht vor einem Trümmerhaufen. Dennoch sieht man am Ende, wie Marc – erneut bei der Fortbildung – das Feld anführt. Von Atemschwierigkeiten keine Spur.

Die Sexszenen im Film vermitteln die intensive erotische Anziehung zwischen beiden Männern, “nackte Tatsachen” werden hingegen kaum gezeigt. Regisseur Stephan Lacant hätte sein Langfilmdebüt gar nicht im Polizistenmilieu ansiedeln müssen. Es wäre auch so ein guter Film geworden.

“Finsterworld”

Von Carlo-Johannes Schmid

Der Eröffnungsfilm des 13. Deutschen Kinofestivals ist das Spielfilmdebüt von Frauke Finsterwalder. Sie führte Regie und schrieb zusammen mit ihrem Mann, dem Schweizer Schriftsteller Christian Kracht, das Drehbuch. Im Film wird der Zuschauer auf eine Reise geschickt unter die Oberfläche der deutschen Gesellschaft. Die Dinge, die man sonst nicht mitbekommt, kommen zum Vorschein. So folgt man in dem Film verschiedenen Charakteren mit ihren Vorlieben und Macken, die alle eine eigene Geschichte erzählen und am Ende doch auf teils dramatische Weise zusammenhängen und kollidieren.

Ein wohlhabendes Ehepaar jettet um die Welt. Dabei geht es seiner Lieblingsbeschäftigung nach, sie beschweren sich über die schlechten Zustände, die in Deutschland herrschen und wie viel besser es früher war. Währenddessen beschwert sich ihr verzogener Sohn über einen langweiligen Besuch eines ehemaligen Konzentrationslagers und lässt sich zu dem ein oder anderen geschmacklosen Scherz hinreißen, mit teils schwerwiegenden Auswirkungen für seinen Lehrer. Der Junge scheint die Ignoranz seiner Eltern zu genießen, was man von seiner Großmutter nicht behaupten kann. Sie fristet ein einsames Leben, abgeschoben in einem Altersheim. Da es ihrem Fußpfleger, der ihre Hornhaut sammelt, ähnlich zu gehen scheint, fangen die beiden eine Liebschaft an. Ergänzt werden die kuriosen Vorlieben der Charaktere von einem Polizisten, der sich am liebsten als Kuscheltier mit Gleichgesinnten trifft und einem einsamen, im Wald lebenden Mann, der auf seine spezielle Art auf die Zerstörung seines Lebensraumes reagiert.

“Finsterworld” ist kein Wohlfühlkino, eher hinterlässt er ein mulmiges Gefühl. Eine vordergründig heile Welt wird auf satirische Weise als Lügengebilde entlarvt.

Kunstmesse EGGO: Plattform für Kunst und Kontakte

Bis Montag im Centro Cultural Recoleta zu sehen, ging die kleine Schwester von arteBA dieses Jahr mit neuer Konzeption an den Start

Von K.M.


Eine Kunstmesse ist eine Kunstmesse. Die ausstellenden Künstler möchten möglichst museumsreif ausgestellt werden, Galeristen wollen (viel) verkaufen und Sammler möglichst günstig einkaufen. Und alle wollen Kontakte, Vermittlungen, Geheimtipps und Sonderkonditionen…

Die Kunstmesse EGGO, die im Centro Cultural Recoleta seit Freitag ihre Pforten für das Publikum geöffnet hat, versteht sich als Plattform für Kunst und Kontakte. Dabei wurde von vornherein ans Verkaufen gedacht: 70% der Kunst, die die Galerien auf ihren Ständen zeigen, kostet unter 25.000 Pesos.

Kunst soll erschwinglich sein und trotzdem einen hohen Qualitätsstandard haben: Geht das?

Das Organisationsteam der Messe hat durch kluge Entscheidungen wichtige Strukturlinien gelegt, die einen reinen Gemischtwaren-Kunsthandel verhindern. Dazu gehört eine Einladung an die kalifornischen Sammler Sayago & Pardon, die eine umfassende Ausstellung der argentinischen Malerin Mariela Scafati zeigen. Selten sind in Buenos Aires Ausstellungen auf solch hohem Niveau zu sehen, hier wird das Medium Malerei an sich befragt und intelligent und virtuos geantwortet: abstrakte Malerei als Versuchsanordnung und über alle Schubladen wie Minimalismus und radical painting erhaben. Hinreißend!

Gleich gegenüber stellt sich das Programm Galerías Recientes vor, acht junge argentinische Galerien wurden in einem nationalen Wettbewerb ausgewählt und durch die Messe gesponsert, einen ihrer Künstler vorzustellen. Jede dieser Galerien hat einen Sponsor, der einen Ankauf garantiert. Hier gibt es wirklich junge Kunst zu entdecken. Herausragend: Die intensiven Kopf-Skulpturen des Künstlers Carlos Aguirre der Galerie Tambor de Truenos aus Rosario! Die Messeleitung hat gut daran getan, die Präsentation dieses Programms (vier Galerien aus Buenos Aires, vier aus dem Landesinnern) in die Hände der Künstler-Kuratoren Carlos Herrera und Leopoldo Estol zu legen.

Im Cronopios-Saal ist der Hauptteil der 50 Galerien untergebracht, darunter: Teresa Anchorena, Alvaro Castagnino, Centro de Edición, Daniel Rueda (Mendoza), Gachi Prieto/Ro Galería de Arte, Holbox Photo, Hoy en el Arte, Milo Lockett, Paula Coppa, Piso 3 (Bariloche), Artis (Cordoba), Isabel Anchorena. Viele Galerien setzen auf Kleinformatiges, es sind aber auch gute Stände mit klarer Konzeption zu sehen wie die Galerien Gachi Prieto/Ro Galería und C-Arte zeigen. Außerdem wird neben dem durch Fernando Farina kuratierten Espacio PEISA, an dem die Galerien Quimera del arte, La Ira de Dios, Ruby, Cobra, Soda y Blanco teilnehmen, ein interessantes Konferenz-Programm angeboten.

Eine Empfehlung für den heutigen Samstag: Um 17 Uhr spricht der Kurator Othon Castañeda über sein Konzept für die Biennale in Mexiko, von 18-20 Uhr gibt es eine Konferenz über wichtige internationale Kunstmessen mit Sonya Hofstetter (Kuratorin von SCOPE, Schweiz) und Agustina Peretti (Fundación Exportar) und Solange Guez (EGGO).

Fazit: Ein Besuch von EGGO, der kleinen Schwester von arteBA, lohnt sich! Es gibt junge Kunst auf hohem Niveau zu entdecken!

Die EGGO findet vom 6. bis zum 9. September einschließlich im Centro Cultural Recoleta, Junín 1930, Buenos Aires, statt. Öffnungszeiten sind von 14 bis 21 Uhr, der Eintritt kostet $ 40, für Rentner und Studenten $ 20. Zum Konferenz-Programm und Informationen der EGGO findet man mehr auf der Webseite der Messe.

Foto:
Stand der Galerie C-Arte (Direktorin Alejandra Laurenzi) mit abstrakten Arbeiten der deutschen Künstlerin Kirsten Mosel (links) und der Argentinierin Verónica di Toro.

Günstige Preise, neue Ideen

Kunstmesse EGGO im Centro Cultural Recoleta vom 6. bis 9. September

Von Maren van Treel


Am Freitag, den 6. September, eröffnet im Centro Cultural Recoleta zum zweiten Mal die Kunstmesse EGGO, organisiert von der Asociación Argentina de Galerías de Arte (AAGA). Die Messe dauert bis einschließlich 9. September. EGGO hebt sich dabei von anderen Kunstmessen mit Werken zu erschwinglicheren Preisen ab: 70% der ausgestellten Werke sind zu Preisen unter 25.000 Pesos erhältlich.

EGGO lädt neben dem Kauf aber auch zum Betrachten und Genießen der Kunstwerke ein. Schon die erste Messe fand den breiten Zulauf von 43.000 Besuchern während ihrer fünftägigen Dauer.

Aber nicht nur das: Darüber hinaus bietet EGGO den Besuchern die Möglichkeit, die neuen Künstler der etablierten Galerien sowie die jüngsten künstlerischen Angebote aus Buenos Aires und dem Landesinneren kennenzulernen.

Unter anderen sind die folgenden Galerien vertreten: Teresa Anchorena, Alvaro Castagnino, Centro de Edición, Daniel Rueda (Mendoza), Gachi Prieto/Ro Galería de Arte, Holbox Photo, Hoy en el Arte, Milo Lockett, Paula Coppa, Piso 3 (Bariloche), Artis (Córdoba), Isabel Anchorena, Marcial Sarrías, Adriana Budich Arte Contemporáneo.

Das Programm “Galerías Recientes” wurde eigens für die Kunstmesse EGGO entworfen, mit dem Ziel, Kontakte zwischen Kunstsammlern, aufstrebenden Galerien und der Messe herzustellen, mit einem wirtschaftlich nachhaltigen Modell für künstlerische Projekte. Auf nationaler Ebene fand dazu eine Ausschreibung statt, mit dem Zweck, acht Kunstgalerien auszusuchen, die auf der EGGO präsent sein würden. Die Auswahl wurde von den Künstlern Carlos Herrera und Leopoldo Estol getroffen: Die Galerien Rusia (Tucumán), Sputnik (San Telmo), Tambor de Trueno (Rosario), P1so de abajo (Villa Crespo), Militantes (Manuel Alberti – Provinz Buenos Aires), Costado (Mendoza), Mini-Contemporáneo (Córdoba) und DAD (Montserrat) werden in den Sälen 1 und 2 zu sehen sein. Acht Kunstsammler haben die Patenschaft für je eine der Galerien übernommen – so ist den jungen Galerien bei ihrem ersten Messeauftritt schon mal ein verkauftes Werk sicher.

Die EGGO findet vom 6. bis zum 9. September im Centro Cultural Recoleta, Junín 1930, Buenos Aires, statt. Öffnungszeiten sind von 14 bis 21 Uhr, der Eintritt kostet $ 40, für Rentner und Studenten $ 20. Weitere Informationen hier.

Foto:
Auch die Galerie C-Arte ist wieder auf der Eggo dabei und hat 14 Künstler bzw. Künstlergruppen im Programm, darunter die in Argentinien lebende deutsche Künstlerin Kirsten Mosel und Alejandro Scasso (auf dem Bild sein Werk “La soledad del signo”, Acryl auf Leinwand, 130 x 190 cm, 2013).

Bunt gemischt

13. Deutsches Kinofestival in Buenos Aires vom 12. bis 18. September

Von Carlo-Johannes Schmid


Bald ist es wieder soweit, der deutsche Film präsentiert sich in Argentinien. Bereits zum 13. Mal findet das Deutsche Kinofestival in Buenos Aires statt. Vom 12. bis 18. September werden 11 Langspielfilme und 13 Kurzfilme im Kinokomplex Village Recoleta gezeigt. Das Publikum kann sich auf eine spannende Mischung aus neuen aufstrebenden Filmemachern sowie bekannten Größen aus der Branche freuen. Auch die Genres sind bunt gemischt, so dass für jeden etwas dabei sein sollte.

Den Auftakt dieses Jahr macht die Regisseurin Frauke Finsterwalder mit ihrem ersten Langspielfilm “Finsterworld”, der dieses Jahr auf den Münchner Filmfestspielen seine Uraufführung feierte. Und nicht nur der Film wird zu sehen sein, auch die Filmemacherin kommt nach Buenos Aires, zusammen mit dem Produzenten des Films Phillip Worm. Für Finsterwalder ist es eine Art “Heimspiel”, da sie zusammen mit ihrem Mann Christian Kracht zwei Jahre in Buenos Aires gelebt hat. Schließen wird das Festival ein Film, den man in der Art nicht so oft zu sehen und zu hören bekommt: Der Stummfilm-Klassiker “Berlin – Die Sinfonie der Großstadt” von Walther Ruttmann (1927) wird live von Marcelo Katz und seinem beliebten Orchester “Mudos por el Celuloide” begleitet.

Ein weiteres Highlight ist sicherlich die Premiere von “Hannah Arendt” der berühmten Regisseurin Margarethe von Trotta. Und der Besuch einer weiteren Filmemacherin: Youdid Kaheci wird zu Gast sein und ihren Kurzfilm “ECO” vorstellen.

Nicht persönlich, aber mit seinem neuen Film “Schlussmacher” wird Regisseur/Schauspieler Matthias Schweighöfer Komödienfreunde beglücken. Eine ganze Generation auf Sinnsuche zeigt der Film “Am Himmel der Tag” der jungen Regisseurin Pola Beck. Das DDR-Drama “Wir wollten aufs Meer” von Toke Constantin Hebbeln und der Jugendfilm “Die Vampirschwestern” von Wolfgang Groos sind weitere Beispiele des talentierten Filmnachwuchses aus Deutschland.

Mit großer Spannung kann man auch den Dokumentarfilm “Speed” von Florian Opitz erwarten, in dem der Regisseur der Frage nachgeht, warum die Menschen heute immer weniger Zeit haben. Wer sich die Zeit nimmt und das gesamte Programm des 13. Deutschen Kinofestivals anschaut, wird merken, dass noch viele weitere großartige Filme auf die Besucher warten. Das Programm kann man sich auf der Internetseite des Deutschen Kinofestivals anschauen.

Nicht nur der Besuch, sondern auch die Meinung des Publikums zählt. Nach jedem Film gibt es die Möglichkeit, die Filme auf Zetteln zu bewerten, der Favorit wird dann mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. Die Besucher nehmen an Auslosungen teil, bei denen verschiedene Preise winken.

Die Eintrittskarten fürs Festival kosten dieses Jahr 50 Pesos für die Einzelkarte (mit Ausnahme des Stummfilms, 62 Pesos). Für Filmfreaks gibt es auch die Varianten 6×5 und 10×8 (sechs Karten für den Preis von fünf bzw. zehn für den Preis von acht). Der Vorverkauf beginnt am Donnerstag, 5. September.

Foto:
Szene aus dem Dokumentarfilm “Speed”.

Drei Brüder mit außergewöhnlichem Talent

Ein Überblick über das Werk der Brüder Ortiz Echagüe im Museum Fernandez Blanco

Von Philip Norten


Ende Juli wurde der Palacio Noel, Hauptsitz des Museo Fernández Blanco (MIFB) in Retiro, nach mehrmonatigen Renovierungsarbeiten wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Neben neu eingerichteten Sammlungsräumen ist vor allem die Sonderausstellung “La Luz, el Color y la Palabra” über das Werk der drei Brüder Ortiz Echagüe sehenswert.

Zu Beginn der Ausstellungskonzeption stand zunächst nur der international bekannteste der drei Brüder, José, im Mittelpunkt des Interesses der Kuratoren. José Ortiz Echagüe (*1886 in Guadalajara, Spanien) hat nicht nur einen großen Namen als Ingenieur, Auto- und Flugzeugpionier, sondern auch als Fotograf. Schon zu Lebzeiten wurde er als einer der bedeutendsten Fotografen Spaniens anerkannt. Er gilt dabei als ein Hauptvertreter des sogenannten Piktoralismus, eine Fotografiegattung, deren zentrales Anliegen es war, das damals noch neue Medium der Fotografie künstlerisch aufzuwerten. So wurden erstmals Kriterien wie Komposition und persönlicher Ausdruck aus der Malerei übernommen und auch in der Fotografie zu einem bedeutenden Faktor.

José Ortiz Echagüe schuf seine “malerischen” Fotos, indem er das Fotopapier für seine Aufnahmen im Entwicklungsprozess bearbeitete und so Effekte erreichte, die stark an Malerei erinnern, z.B. die “weichgezeichneten” fast impressionistischen Hintergründe seiner Fotos. Zudem verwendete er Zeit seines Lebens Fresson-Fotopapier, das seinen Aufnahmen einen besonderen Farbstich verlieh.

Inhaltlich sind seine Arbeiten als Reportage- und Dokumentarfotografie zu verorten. Seine Motive fand er sowohl im ländlichen Spanien mit seinen historischen Landschaften und folkloristischen Bräuchen, als auch auf seinen zahlreichen Reisen wie z.B. in Marokko, wo Bilder entstanden, die stark mit der Tradition der Orientreisen europäischer Künstler des 19. Jahrhunderts verbunden sind.

Seine Reise- und Abenteuerlust brachte José auch nach Argentinien, wo er besonders in den Kreisen der spanischen Gemeinschaft verkehrte, aber auch Bekanntschaft mit Jorge Newbery machte, mit dem er seine Leidenschaft fürs Fliegen teilte. Das größte Konvolut seiner Fotografien besitzt heute die Universidad de Navarra, und gerade diese große Distanz und der fragile Zustand der Fotoabzüge machten einen Transport nach Buenos Aires schließlich unmöglich und stellten die Kuratoren vor die Herausforderung, die Ausstellung neu zu konzipieren.

Bei ihren vorbereitenden Recherchen stießen sie auf Josés Bruder Antonio (*1883, Guadalajara), der seinem Bruder in künstlerischer Begabung und Reiselust in nichts nachstand. Antonio absolvierte eine traditionelle Malereiausbildung an der Academie Julien und an der Kunstakademie in Paris und schloss seine Ausbildung mit einem längeren Romaufenthalt ab. Er blieb den Grundlagen seiner Akademieausbildung treu und experimentierte nie mit avantgardistischen Ideen, die die Kunst der Zeit bestimmten. Vielmehr erinnert sein Malstil an die französischen Maler der frühen Moderne, wie z.B. Manet, der in seinen Gemälden die Schattenwirkung zugunsten einer größeren Flächigkeit reduzierte. Ortiz Echagüe machte sich früh einen Namen und war besonders als Porträtmaler auch wirtschaftlich erfolgreich, was u.a. ein offizielles Porträt für den spanischen König Alfonso XIII. beweist.

Nach Argentinien verschlug es ihn über Umwege: der Vater seiner niederländischen Frau Elizabeth Smidt war der Gründer der Banco Holandés Unido in Buenos Aires und errichtete auch das Landgut “La Holanda” auf einem 20.000 Hektar großen Grundstück in der Provinz La Pampa. Zunehmend unzufrieden mit der politischen und wirtschaftlichen Situation in Spanien, ließ er sich in den 1930er Jahren endgültig in Argentinien nieder, wo er 1942 auch starb. 1998 wurde ein Teil des Landgutes zu einem Museum umgewandelt, in dem Gemälde von Antonio Ortiz Echagüe ausgestellt werden. Zahlreiche dieser Werke traten nun für die Ausstellung im Museo Fernandez Blanco die Reise nach Buenos Aires an. Und auch die ausgestellten Fotografien von José stammen aus der Sammlung dieses Museums.


Ähnlich wie sein Bruder José interessierte sich Antonio für folkloristische Themen, was sich in den Gemälden mit traditionell arabischen Szenen aus Marokko oder bei den niederländischen Motiven zeigt. Sein wichtigstes wirtschaftliches Standbein blieb die Porträtmalerei, die er auch in Argentinien erfolgreich betrieb. Ein immer wiederkehrendes Thema war seine eigene Familie, besonders die Töchter, die er in Gemälden verewigte. Neben der extremen Größe der Formate – fast alle Personen sind in Lebensgröße porträtiert – fallen die Gemälde durch die qualitätsvolle Ausführung bei der Farbgebung und Pinselführung auf.

Schließlich wird auch noch das Leben von von Fernando Ortiz Echagüe beleuchtet. Als Journalist für die angesehene Tageszeitung “La Nación” verbrachte er große Teile seines Lebens in Argentinien und wird heute als einer der wichtigsten Reporter dieser Epoche angesehen. Als Kriegskorrespondent pendelte er oft zwischen Europa und der neuen Welt und ist seinen Brüdern so nicht nur durch Talent, sondern auch seine Reise- und Abenteuerlust verbunden.

Die Ausstellung ist noch bis zum 29. September im Palacio Noel, Museo Fernández Blanco (Suipacha 1422, Buenos Aires) zu sehen.

Fotos von oben nach unten:
Antonio Ortiz Echagüe, “La Casa Amarilla”, Triptychon I, II and III (Detail). Öl auf Leinwand, jeweils 239 x 149 cm. Holland, 1920.
(Collection Echagüe)

José Ortiz Echagüe, “Prayer”, Fotografie auf Fresson-Papier, 29 x 32 cm.
(Collection Echagüe)

José Ortiz Echagüe, “Fisherman”, Fotografie auf Fresson-Papier, 44.8 x 32.5 cm.
(Collection Echagüe)

Antonio Ortiz Echagüe, „Courtesans of Moulay Abdallah“ (Diptychon II). Öl auf Leinwand, 150 x 200 cm. Fez, 1930.
(Collection Echagüe)

Die Pelztasse und andere Metamorphosen

Anlässlich ihres 100. Geburtstages würdigt der Berliner Martin-Gropius-Bau das faszinierende Werk der in Berlin geborenen Schweizer Künstlerin Meret Oppenheim

Von Nicole Büsing & Heiko Klaas


Nackt hinter dem großen Rad einer Druckerpresse stehend kennt sie fast jeder. Man Rays 1933 entstandenes Aktfoto der gerade einmal zwanzigjährigen Meret Oppenheim, entstanden für das surrealistische Avantgarde-Magazin “Minotaure”, gehört zu den Ikonen der Fotografie des frühen 20. Jahrhunderts. Kein gut sortierter Pariser Postkartenständer, an dem das berühmte Motiv nicht erhältlich wäre. Die Aufnahme verfestigte aber auch das Klischeebild einer knabenhaft-androgynen jungen Frau, die den Surrealisten scheinbar in erster Linie als Muse diente. Meret Oppenheims eigenes, mindestens ebenso eigenwilliges Werk aber erfuhr lange Zeit nicht die ihm gebührende Beachtung.

Jetzt, zum 100. Geburtstag der 1913 in Berlin-Charlottenburg geborenen, jedoch in der Schweiz aufgewachsenen Tochter eines Hamburger Arztes und einer aus der Schweiz stammenden Mutter, wird ihr im Berliner Martin-Gropius-Bau erstmals eine große postume Retrospektive in Deutschland gewidmet. Eine späte, aber umso wichtigere Neu- und Wiederentdeckung einer der wohl bedeutendsten und kompromisslosesten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Zu sehen sind Bleistiftzeichnungen, Aquarelle, Gemälde, bearbeitete Objet trouvés und Fotografien, aber auch selbst entworfene Schmuckstücke, Kleider und Bühnenkostüme.

Meret Oppenheims Werk ist heterogen. Sie macht sich quasi alles, was ihr begegnet, auf ebenso experimentelle wie poetische Art und Weise verfügbar. Abstraktion und Figuration lösen einander immer wieder ab. Fundstücke aus der Natur werden mit profanen Alltagsgegenständen zu poetisch aufgeladenen Objekten kombiniert.
Bereits mit 14 Jahren begann sie, beeinflusst durch C.G. Jungs Traumtheorie, ihre Träume aufzuzeichnen. Ihr ganzes Leben lang bilden sie gewissermaßen die “Storyboards” zu ihrem Bildkosmos. Darüber hinaus spielen Fabeln und Mythen, ihre Liebe zur Natur, deren Metamorphosen und Transformationen, ihr von der Basler Fasnacht beeinflusster Hang zur Maskerade sowie literarische Vorlagen eine wichtige Rolle für die Entstehung ihres Werks.

Natürlich darf in solch einer großen Retrospektive auch ihre berühmteste Arbeit, die “Pelztasse”, nicht fehlen. Um sie rankt sich eine schöne Künstler-Anekdote. Angeblich saß Oppenheim mit Picasso und dessen damaliger Geliebter Dora Maar im Pariser Café de Flore, als dieser bemerkte, man könne alles mit Fell überziehen, eben auch eine zufällig auf dem Tisch stehende Tasse. Meret Oppenheim zögerte nicht lange. Sie tat es einfach. Sie überzog Tasse, Untertasse und Teelöffel mit dem edlen Fell einer chinesischen Gazelle und schuf so ein surrealistisches Objekt par excellence: dem ursprünglichen Konsumzusammenhang entzogen, animalisch und gleichzeitig sexuell aufgeladen, zum Berühren einladend und gleichzeitig abweisend.

1936, in einer Ausstellung surrealistischer Objektkunst, fiel die auch unter dem Titel “Le déjeuner en fourrure” (Frühstück im Pelz) in die Kunstgeschichte eingegangene Tasse keinem Geringeren als Alfred H. Barr ins Auge, der sie für das Museum of Modern Art in New York erwarb und so unsterblich machte. Für Meret Oppenheim allerdings folgte eine schwere Zeit der Krisen und Existenzängste. Als Jüdin unmittelbar gefährdet, verließ sie Paris und zog sich in die sichere Schweiz zurück. Erst 1967 gelang ihr mit einer großen Retrospektive im Stockholmer Moderna Museet der internationale Durchbruch. Ausstellungen in der Schweiz und Frankreich sowie ihre Teilnahme an der Documenta 7 in Kassel festigen in der Zeit danach ihren Ruhm.


Am 15. November 1985 stirbt Meret Oppenheim im Alter von 72 Jahren in Basel. Freunden hatte sie am 6. Oktober, ihrem 72. Geburtstag, prophezeit, sie sterbe noch, ehe der erste Schnee falle. Einer ihrer Träume hatte sie auch dieses Mal wieder eingeholt. Im Alter von 36 Jahren nämlich hatte sie, wie sie schriftlich festhielt, von einer Heiligenstatue geträumt, die eine Sanduhr mit der ihr bemessenen Lebenszeit umdreht. Daraus schloss sie, dass nun die Hälfte ihres Lebens vorbei war. Sie sollte Recht behalten.

  • Ausstellung: Meret Oppenheim. Retrospektive
  • Ort: Martin-Gropius-Bau, Berlin
  • Zeit: 16. August bis 11. Dezember 2013
  • Mi-Mo 10-19 Uhr. Di geschlossen
  • Katalog: Hatje Cantz Verlag, 312 S., 264 Abb., 25 Euro (Museum), 39,80 Euro (Buchhandel)
  • Internet

Fotos von oben nach unten:
Meret Oppenheim by Man Ray, Erotique voilée-Serie, Paris 1933.
(Man Ray Trust, Paris)

Meret Oppenheim, “Eichhörnchen”, 1969. Privatsammlung, Montagnola.
(Peter Lauri)

M.O. mit Sechs Wolken auf einer Brücke, 1977, Bern 1982.
(Margrit Baumann)

“Man erschafft etwas komplett Neues”

Die Band Nairobi geht über das Konzept des “alten” Reggae hinaus

Von Carlo-Johannes Schmid


Nairobi ist eine siebenköpfige argentinische Band, die den Staub, der sich auf den Wurzeln des Reggae abgesetzt hat, mit einer erfrischend neuen Interpretation des Genres abschüttelt. Nach “WU WEI” (2009) und “WET” (2010) brachte die Band im Mai diesen Jahres bereits ihr drittes Studioalbum “WAX” auf den Markt. Ein Gespräch über Reggae in Argentinien, das Leben als Musiker, die Schwierigkeit, ein eigenes Label zu betreiben – und ein Gruß nach Berlin.

CJS: Könnt ihr mir erklären, was es mit dem Gebäude auf sich hat, in dem wir sind?
Nairobi: Dieser Ort heißt “La Fábrica” – es ist ein multikultureller Ort, wo fünf Bands aufnehmen und proben. Außerdem arbeiten hier Künstler, Theatergruppen und junge Modedesigner. Wir arbeiten in den verschiedensten kreativen Bereichen übergreifend miteinander. Zusammen haben wir auch “Estamos Felices” (Wir sind Glücklich) gegründet, unser eigenes Plattenlabel.

CJS: Wann und wie hat es mit Nairobi angefangen?
Nairobi: Wir haben Nairobi am 7. August 2007 gegründet, als wir anfingen, waren wir drei Bandmitglieder, jetzt sind wir zu siebt.

CJS: Welche Einflüsse stecken in eurer Musik?
Nairobi: Wir sind beeinflusst von Dancehall, HipHop, Rock, Punk und natürlich auch von Reggae. Der Punk-Einfluss wird vor allem während unserer Liveshows sichtbar. Wir mögen den Prozess der Integration und versuchen, verschiedene Musikarten, verschiedene Reggae Arten zu mixen.

CJS: Gibt es eine große Reggae-Szene in Argentinien?
Nairobi: Sie gehört nicht zu den größten, aber die Reggae-Szene in Argentinien wächst sehr schnell. Bei den großen Festivals wird meistens noch Rasta-Roots-Reggae gespielt, eine alte traditionelle Art, Reggae zu spielen, zum Beispiel so wie Bob Marley. Seit ca. zwei Jahren aber wächst eine neue Generation von Reggae heran, die ein immer größeres Publikum erreicht.

CJS: Was ist der Unterscheid zwischen der alten und der neuen Generation?
Nairobi: Die neuen Bands, wozu auch wir uns zählen, sind beeinflusst von anderen Musikgenres so wie zum Beispiel Punk oder elektronischer Musik. Und die Texte sind persönlicher, es dreht sich nicht mehr nur alles um “Jah” und “Rasta”, es geht mehr um persönliche Erlebnisse. Die Message des „alten“ Reggae ist immer dieselbe, das hat sich nie verändert. Die neue Generation dagegen will etwas Neues schaffen. Es verändern sich also die Musik selbst und auch die Texte.

CJS: Und wie würdet ihr die Musikszene in Buenos Aires allgemein beschreiben? Was ist typische argentinische Musik heutzutage?
Nairobi: Typisch für Buenos Aires ist, dass fast jedes Genre vorhanden ist. Aber auf den Rolling Stones basierender Rock’n’Roll ist die am meisten verbreitete Musik, die man in Argentinien finden kann. Auch gibt es sehr viele Punkbands, die sich anhören wie die Ramones. Und natürlich Cumbia, eine Menge Folklore und Tango. Tango ist aber eher eine kulturelle Identität, es wird nicht wirklich viel produziert, sondern eher viel live gespielt.

CJS: Gibt es in BA eine gute Struktur für junge Musiker, ist es leicht, Unterstützung zu bekommen?
Nairobi: Nein, es ist hier eher schwer, Unterstützung zu bekommen. Oder sagen wir es so, wenn man als Band positiv in Richtung der Politik eingestellt ist, dann bekommt man Unterstützung. Wir finanzieren uns durch unsere Arbeit, durch unsere Musik selbst, und ab und zu holen wir einen Sponsor mit an Bord. Wir sagen weder etwas gegen noch für die Regierung. Wir denken, es ist nicht nötig, etwas auszusagen. Uns füllt es aus, wenn Leute zu unseren Konzerten kommen. Das reicht.

CJS: Was versucht ihr mit eurer Musik auszudrücken?
Nairobi: In unserer Musik ist nur ein kleiner Prozentsatz gesprochene Botschaft, wir versuchen, uns beim Spielen von allen dummen Gedanken frei zu machen. Wenn wir das auch auf unser Publikum übertragen und wenn die Menschen sich nach dem Hören unserer Songs besser fühlen, dann haben wir gewonnen.

CJS: Ist es schwierig, Musiker, Labelgründer und Manager in einem zu sein?
Nairobi: Die größte Herausforderung ist, kreativ zu sein und zu bleiben und nebenher noch alles managen. Manchmal ist es schwierig, im Musikgeschäft Dinge zu planen, alles passiert von Tag zu Tag. Man muss etwas reißen, man muss ständig verfügbar sein und so weiter. Das ist teilweise harte Arbeit, wir würden lieber nur musizieren und uns auf den künstlerischen Part konzentrieren, doch es gehört dazu.

CJS: Was ist das Beste daran, Musiker zu sein?
Nairobi: Das Beste ist, dass man etwas komplett Neues erschafft, was so noch nicht existiert, indem man wie bei einer Collage viele kleine Elemente zu einem großen neuen Gesamten zusammenfügt. Man versucht, ein Gefühl einzufangen und in eine Art Box zu stecken, wo es dann rauskommt. Wenn man das Publikum damit erreicht, ist es das Größte.

CJS: Wie geht es weiter mit Nairobi?
Nairobi: Unser Traum ist, einfach weiterzumachen, wir fühlen uns ausgefüllt und wohl dabei, miteinander zu spielen. In zwei oder drei Wochen werden wir hier einen “WAX”-MP3-Player rausbringen, auf dem das Album zu hören ist. Im Oktober werden wir wieder auf Südamerikatour gehen und im Sommer dann nach Europa.

CJS: Habt ihr auch schon mal in Deutschland gespielt?
Nairobi: Ja, 2009 haben wir zwei Nächte hintereinander im Tacheles in Berlin gespielt. Wir wollen all die Leute dort grüßen, die diesen speziellen Platz möglich machen. Es waren zwei schöne Nächte. Zwei der schönsten Gigs überhaupt.

Infos über Nairobi hier.

Hörproben aus dem Album “WET” hier.

Fotos von oben nach unten:
Ein Gefühl einfangen – sechs Mitglieder der Band Nairobi.

Das neue Album “WAX”.

Außenseiter aus Leidenschaft

Retrospektive des deutschen Filmemachers Werner Schroeter in Buenos Aires

Von Carlo-Johannes Schmid


Er ist der große Außenseiter des deutschen Films und der Opern- und Theaterbühnen, einer, der konsequent die Schönheit, die Sinnlichkeit, das Schillernde und das Zerbrechliche gegen die Wirklichkeit verteidigte. Einer, der sich von den Kinorealisten heraushob wie kein Zweiter. Seine Filme waren weder kommerzielle Erfolge, noch wurden sie unter Kritikern frenetisch gefeiert. Er war dem breiten Publikum nie so bekannt wie seine Zeitgenossen Werner Herzog oder Rainer Werner Fassbinder, dennoch ist die Bedeutung Werner Schroeters für den “Neuen Deutschen Film” enorm.

Werner Schroeter ist im Jahr 2010 im Alter von 65 Jahren gestorben. In Buenos Aires bekommt man nun in einer umfangreichen Veranstaltungsreihe die Gelegenheit, diesen Künstler besser kennenzulernen. Ab dem heutigen Samstag (und bis zum 1. September) werden 19 seiner Filme im Rahmen der vom Goethe-Institut Buenos Aires organisierten Werkschau “Die unerträgliche Wirklichkeit überwinden” im Lugones-Saal des Teatro San Martín (Av. Corrientes 1530) gezeigt.

In die Veranstaltungsreihe führte am gestrigen Freitag Schroeters Weggefährte, der Produzent Frieder Schlaich, ein, der in der Universidad del Cine den Vortrag “Produktion und Verleih innovativer Filme am Beispiel Werner Schroeter” hielt. Ergänzt wird die Retrospektive auch von der Buchpräsentation “Schroeter, una autobiografía” (Verlag Mardulce), die am Dienstag, den 20. August, um 19.30 Uhr, bei freiem Eintritt im Lugones-Saal stattfinden wird.

Schroeter selbst war mehrmals in Argentinien. 1983 folgte er einer Einladung des Goethe-Instituts, die auf Initiative von Marielouise Alemann ausgesprochen wurde. Er hielt ein Seminar über Experimentalfilme und fing an, einen Film in den Elendsvierteln der Stadt zu drehen. Dabei interviewte er auch Vertreter von Menschenrechtsorganisationen. Zwischenzeitlich musste Schroeter das Projekt jedoch aufgrund von Drohungen rechtsextremer Gruppen abbrechen. Zwei Jahre später kam er zurück und drehte den Film “De L’Argentine” (1983-1985) mit Hilfe von Freunden und Schülern zu Ende. Im Rahmen der nun stattfindenden Werkschau wird der Film erstmals in Argentinien gezeigt; das argentinische Filmteam, das Werner Schroeter damals begleitete, wird bei der Vorführung anwesend sein.

Hört man seine Weggefährten und Kollegen über Werner Schroeter reden, bekommt man eine Ahnung von seiner kreativen Persönlichkeit und seinem bewegten Leben. So sagte Rainer Werner Fassbinder: “Werner Schroeter hat als einer der wenigen Menschen auf dieser Erde die Gabe des Künstlerblicks und, wer weiß, auch das seltene Privileg, in die Mysterien des Universums einzudringen.” Elfriede Jelinek nannte ihn gar einen Gott: “Ein Gott langweilt sich nie, denn auch sein Nichtstun ist Arbeit. So war Werner.”

Doch letztendlich machte auch vor ihm der Tod nicht halt. Als er 2010 nach langer Krebskrankheit starb, veröffentlichte der “Spiegel” einen emotionalen Abschiedsbrief seines ehemaligen Geliebten Rosa von Praunheim, der einen sehr persönlichen Einblick in Schroeters Leben gibt. Darin beschreibt Praunheim Schroeter als einen “perversen Poeten, ein Zauberer des Lichts und der Schönheit”, als einen “rastlosen Wanderer, der mit seinem schwarzen Anzug und großem Hut und einer kleinen Tüte um die Welt reiste”. Die Beiden hatten sich in den 60er Jahren auf dem Experimentalfilmfest im belgischen Knokke kennengelernt, einem Treffpunkt internationaler Undergroundfilmer – für Schroeter eine Initialzündung. Er verstand sich fortan endgültig als Filmemacher.

Geboren am 7. April 1945 im thüringischen Georgenthal, wusste er jedoch schon früher, wohin ihn seine Reise führen sollte. Mit fünf Jahren äußerte er bereits den Wunsch, Filmregisseur zu werden.

Werner Schroeter wuchs in Bielefeld und Heidelberg auf. Dort hatte er mit 13 Jahren am Küchentisch seiner Familie ein richtungweisendes Erlebnis: Er hörte die Radioübertragung einer Opernarie von Maria Callas. Das brachte ihn nicht nur zum ersten Mal mit dem Thema Oper in Berührung, fortan war die Sängerin das einzige Idol seines Lebens. In Interviews bezeichnete er sie als Botin zwischen Gott und den Menschen. Auch einige seiner ersten Filme widmete er der Operndiva.

Schroeter zog es dann schnell von zu Hause weg, er war ein Ausreißer, der mit 14 Jahren alleine in Italien zur Schule ging, es später nur ein paar Wochen an der Münchner Filmhochschule aushielt und daraufhin nach Berlin zog, um Filme zu machen. Das Handwerk brachte er sich selbst bei.


Angefangen mit einer 16-Millimeter-Kamera, die ihm seine Mutter schenkte, drehte er Ende der 60er Jahre immer wieder Low- und No-Budget Filme. Einen ersten Erfolg konnte er mit seinem zweistündigen Experimentalfilm “Eika Katappa” verbuchen, er wurde von der Internationalen Filmwoche Mannheim 1969 mit dem Josef-von-Sternberg-Preis ausgezeichnet.

Neben dem Film arbeitete Schroeter ab 1972 regelmäßig an Theater- und Operninszenierungen in verschiedenen Städten der ganzen Welt mit. Dass ihn das Erlebnis in der Küche seiner Eltern nachhaltig geprägt hatte, merkte man nicht nur an seinem Schaffen auf der Bühne, auch viele seiner Filme sind von der Liebe zur Oper geprägt.

Einen seiner größten Erfolge feierte Schroeter jedoch mit seinem ersten realistischen Film. Für das Drama “Palermo oder Wolfsburg” gewann er 1980 den Goldenen Bären bei den Berliner Filmfestspielen. An derselben Stelle, in Berlin, holte er sich auch seinen letzten Preis persönlich ab: Der Regisseur, der stets offen mit seiner Homosexualität umgegangen war, wurde 2010 für seinen Verdienst als “radikaler Experimentierer und großer Außenseiter des Neuen Deutschen Films” mit dem schwul-lesbischen Teddy Award geehrt.

So verträumt, schillernd und phantasievoll seine Werke sind und sein Leben war, so überraschend nüchtern ging er mit seiner Krankheit und dem Tod um: “Sie gehört zum Leben dazu. Der Tod gehört zum Leben dazu.” Er hinterlässt ein großes Werk, welches es für viele Menschen erst noch zu entdecken gilt. Von Praunheim drückte es so aus: “Ich bin aber sicher, es wird bald wieder eine Generation geben, die dein Werk, lieber Werner, wiederentdecken wird und sich absetzt von dem kommerziellen Scheiß, der bei uns im Moment das Sagen hat. Und man wird zurückblicken auf dein poetisches Werk, mit dem du uns verzaubert hast.”

Infos und Programm hier.

Fotos von oben nach unten:
Werner Schroeter.
(© Filmmuseum München)

Werner Schroeter, “Isabelle Huppert, Goldregen”, Frankfurt, 2009.
(© Werner Schroeter/Christian Holzfuss Fine Arts & Galerie VU)

“Nuit de chien”, Filmszene.
(© Filmmuseum München)

Emotionale Zeitreise

“Las Multitudes” von Federico León ist vom 16. August bis 14. September wieder im Centro Cultural San Martín zu sehen

Von Susanne Franz


Es ist ein Theatererlebnis der besonderen Art. In seinem Werk “Las Multitudes”, das ab morgen – und bis zum 14. September – im Saal AB des Centro Cultural San Martín gezeigt wird, arbeitet der junge argentinische Theater- und Kinoregisseur Federico León mit 120 Schauspielern, mit Kindern, Jugendlichen, jungen Erwachsenen, älteren und alten Menschen. Er schrieb das Werk, nachdem er probeweise an einem Wochenende mit einer Gruppe von 100 Schauspielern zusammengekommen war, damit er sich die Wirkung einer solchen Masse vorstellen konnte.

In “Las Multitudes” bewegen sich die Menschen meistens im Schutz ihrer Altersgruppe, eine Ausnahme bilden die Familien mit Kindern, die aber keine größere Bedeutung im Stück haben. León sagt: “Sie sind nicht direkt in das Drama der Liebe involviert”, wie die anderen, die die “Hauptrollen” spielen: Die beiden Gruppen der jugendlichen Männer und Mädchen, die das Potenzial für die Zukunft, Idealismus, Sehnsucht und die Suche nach Liebe verkörpern, und die beiden Gruppen der alten Männer und Frauen, die Lebenserfahrung, Weisheit und Verzeihen symbolisieren, die aber auch auf eine berührende Weise “Kindsköpfe” sind.

Die jungen Erwachsenen sind bereits gespalten: Während die jungen Männer sich noch für die jüngeren Mädchen interessieren, bauen die jungen Frauen mit ihnen schon an der Zukunft, der Familie. Hier herrscht noch eine Sehnsucht zurück in die Unberührtheit, während zugleich Zwänge, die die unerbittliche Zeit vorschreibt, nach vorne drängen.

Das Stück weist nur wenige Dialoge auf und verwendet bewusst eine einfache Sprache, die Akteure intonieren verhalten, wie in einem Traum. Mehr als Worte sind in dem Werk die Bewegungsströme der verschiedenen Gruppen von Bedeutung, die Art, wie die Akteure über die dunkle, fast völlig leere, riesige Bühne laufen, gehen, rennen, tanzen oder schreiten.

Die sehr sparsame, indirekte Beleuchtung – teils durch Spots, teils durch Taschenlampen, die die Schauspieler tragen -, hebt nur selten Gesichter aus der Masse hervor, eher zeichnet sie geheimnisvolle Muster auf die helle Kleidung der Mitwirkenden oder setzt da Akzente, wo sie gänzlich “ausgeschaltet” wird.

Ein machtvollerer Faktor als das Wort ist auch die Musik (Federico León arbeitete in “Las Multitudes” erstmals mit einem Musiker, Diego Vainer, zusammen). Vom intensiven Raunen einer Gruppe Frauen nach einem Tanz über eine geheimnisvolle Melodie, die die alten Frauen den jungen weitergeben, bis zu einem melancholischen Duo mit Gitarre und Mundharmonika und sogar einem echten Rockkonzert ist die Musik der stärkste emotionale Träger des Werkes.

Zu Beginn ist die Menschenmenge in “Las Multitudes” heterogen, die einzelnen Gruppen sind untereinander zerstritten oder suchen einander, sind aber immer zur falschen Zeit am falschen Ort. Erst im Laufe des Stückes kommen die Menschen zusammen, fechten ihre Zwistigkeiten aus oder lösen sich schon mal aus ihrer Gruppe, um einem anderen Einzelnen allein zu begegnen.

Parallel dazu wird das Publikum, das als anonyme Masse der Schauspielergruppe gegenübersteht, zusehends in das Geschehen hineingezogen und schließlich zu einem Teil der Geschichte. Diese magische Kommunikation wird mit den scheinbar einfachsten Mitteln erreicht – kein Pathos trennt den “vortragenden” Schauspieler vom Zuschauer, der Humor ist nie manipulativ, sondern eher Situationskomik, mit der sich jeder identifizieren kann. Die Zuschauer können sich in dem Werk, das für jedes Alter geeignet ist, selbst wiederfinden, z.B. in einer der Altersgruppen, oder sie können sich zurückerinnern, oder sich die Zukunft vorstellen, oder alles gleichzeitig. Jeder fügt im Stillen seine eigene Geschichte, sein eigenes Potenzial, dem Werk hinzu.

“Las Multitudes” ist in gewisser Weise eine Zeitreise: Ein Trip durch ein (oder in ein) Raum-Zeit-Kontinuum, in dem die Zeit stehenzubleiben scheint, weil alle Zeiten gleichzeitig nebeneinander existieren, und in dem die Bewegungen der vielen Menschen im Raum auch deshalb eine so starke Wirkung haben, weil hier eigentlich gar keine Bewegung stattfinden dürfte.

In diesem paradoxen Universum gibt es so etwas wie einen Fixstern: Einen besonderen Schauspieler, der sowohl die Menge auf der Bühne als auch das Publikum steuert: Julián (gespielt von dem hervorragenden Schauspieler Julián Zuker) ist ein Kind auf der Schwelle zum Jugendlichenalter, der einzige, der als “isoliertes” Individuum auftritt. Die Figur Julián wurde von dem Werk selbst geboren, Federico León hatte sie zunächst nicht vorgesehen. “Julián ist derjenige, der das alles träumt, der, der die Fäden zieht”, sagt León über diesen kleinen Magier, der die “Multitudes” erklingen lässt wie ein Dirigent, der ein Orchester leitet.

Das sehr empfehlenswerte Werk wird ab Donnerstag, 16. August, im Saal AB des Centro Cultural San Martín (Sarmiento 1551, Buenos Aires) wieder aufgeführt, und ist bis zum 14. September donnerstags, freitags und samstags um 21 Uhr zu sehen. Der Eintritt kostet 60 Pesos (donnerstags 40); Karten gibt es an der Kasse des Centro Cultural San Martín oder bei www.tuentrada.com. Für gebrechliche oder anderweitig behinderte Menschen ist extra vorne eine Reihe Stühle aufgestellt.

Im Oktober ist das Stück Teil des Programms des IX. Internationalen Theaterfestivals von Buenos Aires.

Das Stück:
Federico Leóns Theaterwerk “Las Multitudes” feierte Ende Juli 2012 im experimentellen Werkstatt-Theater TACEC in La Plata, Hauptstadt der Provinz Buenos Aires, seine Weltpremiere. Ende September wurde das Werk im Rahmen des internationalen Theaterfestivals “Foreign Affairs” in Berlin gefeiert; neben einigen Argentiniern aus dem Stamm-Ensemble machten dabei auch zahlreiche deutsche Schauspieler mit. Im November und Dezember 2012 wurde “Las Multitudes” mit großem Erfolg im Centro Cultural San Martín in Buenos Aires gezeigt.

Nach der Spielzeit 2013 vom 16. August bis 14. September im Centro Cultural San Martín wird “Las Multitudes” nach Österreich reisen, wo es am 10., 11. und 12. Oktober im Rahmen des Festivals Steirischer Herbst aufgeführt wird. Zwei Wochen vor Beginn der Vorstellungen wird Federico León das Werk vor Ort mit 13 argentinischen Ensemble-Mitgliedern und 107 österreichischen Schauspielern einstudieren.

Foto:
Miteinander oder gegeneinander? Eine Szene aus “Las Multitudes”.
(Foto: Sebastián Arpesella)

Die Leichtigkeit des Lebens genießen

Tangofestival und -WM von Buenos Aires startet morgen

Von Maren van Treel


“Ich liebe den Tanz, denn er befreit den Menschen von der Schwere aller Dinge”, sagte einst Augustinus von Hippo. Die Leichtigkeit des Lebens zu genießen, dazu lädt das Tangofestival von Buenos Aires vom 14. bis zum 27. August ein. Parallel findet die Tangoweltmeisterschaft in der Hauptstadt statt.

Eröffnet wird das Festival vom Ensemble “Sexteto Mayor”, das auch sein 40-jähriges Bestehen feiert. Während der zwei Wochen haben die Besucher die Möglichkeit zum Zuschauen, aber auch, selbst zu tanzen. So gibt es Konzerte, Milongas, Tanzshows, einen internationalen Tangowettbewerb, aber auch Tangostunden.

Eine besondere Ehrung gilt dieses Jahr dem Komponisten Gerardo Gandini, der im März verstarb. Sein Werk “Tangos y Postangos para Big Band” wird ebenfalls zu sehen sein. Das Festival verteilt sich über mehrere Teile der Stadt und alle Veranstaltungen sind kostenlos.

Herwig Mitteregger bezeichnete das Tanzen als “Träumen mit den Beinen”. In diesem Sinne lädt Buenos Aires in diesen Wochen zu einer traumhaften Zeit. Weitere Informationen auf der Webseite des Festivals.

Foto:
Tanghetto.